13.12.1976

STADTPLANUNGAm liebsten Platin

Frankfurts sozialdemokratische Stadtplaner wollen Teile einer Arbeitersiedlung abreißen, die zu den Baudenkmälern der zwanziger Jahre gehört. Proteste bekannter Architekten und Kunstfachleute wurden ignoriert.
Frankfurt, Frankenallee 206, war 45 Jahre lang die Adresse von Margarete Klee -- eine Wohnung "wie ein Puppenstübchen, einfach Klasse". An Umzug hat sie nie gedacht. "Das war fabelhaft, wie das eingerichtet war. Ich hätt' mit keinem Millionär getauscht:"
Auch die Nachbarn, wie Marga und Willi Grünig. "waren glücklich, daß wir damals da reingekommen sind". Nicht von ungefähr, denn die alten Frankfurter wohnen in der fast fünfzig Jahre alten Hellerhof-Siedlung, und die gilt heute noch als Beispiel dafür. daß sich auch preiswerte Kleinraumwohnungen (derzeitige Miete 155 Mark inklusive) sehen lassen können, daß Arbeitersiedlungen sich nicht wie ein Schandfleck in der Stadtlandschaft ausnehmen müssen.
Für die Erhaltung der Siedlungshäuser, die Ende der zwanziger Jahre nach Entwürfen des holländischen Architekten Mart Stam gebaut wurden, haben sich in den letzten Jahren alle europäischen Baumeister und Kunsthistoriker von Rang eingesetzt. So schrieb der Rotterdamer Architekturprofessor Jacob Bakema, ein international bedeutender Städtebauer, nach Frankfurt. Mart Stam habe für die Hellerhof-Siedlung "hervorragende Grundrisse entwickelt, die im Gegensatz zu vielen Bauten aus den letzten Jahren auch heute noch den Benutzern viel Wohnfreude geben".
Aber die Aussichten für das "hochbedeutende Stück Architekturgeschichte" (so der Direktor des Berliner Bauhaus-Archivs, Hans M. Wingler) stehen schlecht. Denn dort, wo Mart Stam "ein Höchstmaß an Brauchbarkeit, an Bequemlichkeit" (Stam) geschaffen hatte, saniert heute die Stadt. Die erste Häuserzeile iSt trotz der Proteste von Mietern, Fachleuten und Denkmalschützern schon abgerissen. Der zweite Block steht leer, Putz platzt von den Wänden, Türen und Fenster sind mit Brettern zugenagelt -- alles ist vorbereitet für den Abbruch.
Die Leute wurden beschwatzt und geängstigt, bis sie rausgingen", empört sich der frühere Frankfurter Universitäts-Baudirektor Ferdinand Kramer, "für einen Menschen, der 70 oder 80 Jahre alt ist, oft ein Todesurteil."
Der flinkmäulige Frankfurter Oberbürgermeister Rudi Arndt verteidigt die Vertreibung der alten Bewohner und den Abriß des Architekturdenkmals mit dem Hinweis, er wolle künftige Mieter mit "mehr sozialer Infrastruktur" bedenken. Statt der vorhandenen 31 Wohnungen mit jeweils knapp 40 Quadratmetern will die Hellerhof AG (die zu 75 Prozent der Stadt gehört) 36 Altenwohnungen zu je 44 Quadratmetern bauen -- dazu eine Arztpraxis und einen Mittagstisch. Urteil der Frankfurter Architektin Luise Kind, Dozentin an der TH Darmstadt: "Alles wird zwar größer und teurer, aber nicht besser."
Mart Stam hatte eine kleine Fläche optimal genutzt. Seine Häuser mit raumsparenden Schiebetüren, eingebauten Küchen und Wandschränken, ausgestattet mit allem, was heute noch als Komfort gilt, mit Zentralheizung, Bad und Loggia. gehören zu den letzten Zeugnissen des sogenannten Funktionalismus -- ähnlich der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung von Mies van der Rohe, der Berliner Gropiusstadt und der Frankfurter Römerstadt von Ernst May. Zwar beteuert der Frankfurter Stadtplanungsdezernent Hans Erhard Haverkampf, die neuen Häuser würden eine "kongeniale Fassade" erhalten. Doch Städtehauer Kramer hält die Bauten, die jetzt Stams architektonische Meisterleistung ersetzen sollen für mittelmäßige Konfektion: "Marke geschliffene Hundescheiße".
Der Zorn des Baumeisters scheint verständlich. Denn die Abbruchdiskussion zeigt, wie schwer architektonische Renommierstücke von einst zu retten sind. wenn Politik und Kommerz hei der Stadtplanung eins sind. Die Stadt Frankfurt, Mehrheitsaktionärin der Hellerhof-Gesellschaft, hat ihrer Tochterfirma zugesichert, daß sie nach Abriß der flachen Laubengangkolonie dreistöckig bauen und überdies die Nutzfläche für gewerbliche Räume erheblich vergrößern darf die hohe Mieten einbringen. FDP-Stadtverordneter Hans-Rudi Saftig, Mitglied des Planungsausschusses: "Da lagen schon konkrete Pläne für einen Supermarkt vor."
Die öffentlichen Eigentümer der schutzwürdigen Altbauten benahmen sieh nicht anders als jene Spekulanten, denen Oberbürgermeister Arndt gern die größte Schuld am berüchtigt häßlichen Frankfurter Stadtbild zuschreibt: "Das waren Methoden à la Westend", entrüstet sich Saftig, "die Hellerhof AG hat die Häuser vergammeln lassen und dann die Mieter vertrieben."
Die Kalkulation schließlich, mit der die Stadt ihre Entscheidung für den Abbruch der Häuser begründet, halten unabhängige Bauexperten für maßlos überhöht. Nach Berechnungen. die sich der Frankfurter Magistrat von einer weiteren Tochtergesellschaft, der Nassauischen Heimstätte, anfertigen ließ. wurde die Renovierung der Mart-Stam-Häuser pro Quadratmeter 4755 Mark verschlingen teurer als Eigentumswohnungen in den feinsten Lagen bundesdeutscher Großstädte.
Der Architekt Rolf Schmidt, der für den Deutschen Werkbund Hessen den städtischen Kostenvoranschlag nachrechnete, nannte das vorgelegte Zahlenwerk "überzogen". Milde gesagt, denn Nachrechner Schmidt kam zu dem Ergebnis. daß 891 Mark pro Quadratmeter hinreichen, um die bauhistorisch wertvollen Altwohnungen zu renovieren. Jetzt soll der Berliner Altbausanierer Professor Hardt-Waltherr Hämer mit einem neuen Gutachten klären, wer richtig gerechnet hat.
Wie die Frankfurter Gutachter auf den fünffachen Betrag kamen, weiß Baudirektor Kramer: "Die wollten alles verbaute Holz durch Beton ersetzen. Am liebsten hätten sie noch Platinträger vorgeschlagen. Nach diesen Maßstäben müßte halb Frankfurt abgerissen werden."

DER SPIEGEL 51/1976
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