13.12.1976

Katze im Sack

Zwei Goldmedaillen in Montreal ermöglichen dem Radrennfahrer Gregor Braun eine Profi-Karriere in Frankreich.
Meine Zukunft liegt auf der Straße", erklärte der zweifache Olympia-Sieger der Bahnradfahrer Gregor Braun, 20. Doch die Veranstalter der Sechstagerennen in Deutschland wollen das Wintergeschäft nicht ohne den Goldmedaillengewinner (Körpergröße: 1,88 Meter) eröffnen. Der Kölner Peter Kanters ("Ich zahle für jeden Zentimeter Gregor Braun zehn Mark") bot ihm pro Nacht mindestens 1800 Mark -- mehr, als je zuvor ein Sechstage-Neuling kassiert hat.
Aber der deutsche Olympiastar strampelt bereits unter französischer Order. Der Automobil- und Fahrradhersteller Peugeot zahlt Braun vom 1. Januar 1977 an monatlich 3000 Mark plus Leistungsprämien.
Nach der Entlassung aus der Bundeswehr rückt Gefreiter Braun im Februar ins Peugeot-Trainingslager an der Cote d'Azur ein. Im Frühjahr soll er schon die ersten großen Straßenrennen bestreiten, im September an der Weltmeisterschaft in Venezuela teilnehmen. 1978 ist der erste Einsatz im größten Radrennen der Welt geplant, das noch nie ein Deutscher gewonnen hat: die Tour de France. Mannschaftskapitän Bernard Thevenet, 1975 Sieger der Tour de France, will Braun in seiner Equipe (18 Fahrer) nicht als sogenannten Wasserträger mißbrauchen. Thevenet: "Ich trinke nicht viel."
Die Franzosen engagierten sogar Brauns Trainer, den "Sechstagekaiser" Gustav Kilian, 69, Kilian hatte 34 Sechstagerennen gewonnen. Auch er rät Braun ab, Sechstagerennen zu fahren. Braun über den Trainer: "Ich tue, was er sagt. Und was über mich zu sagen ist, sagt er." Bei Sechstagerennen, so Kilian, "fliegen die Fahrer mehr über die Bahn". In den schweren Straßenrennen und wochenlangen Rundfahrten wie in Frankreich, Italien und in der Schweiz benötigen sie "vorwiegend Kraft und Ausdauer".
Dagegen verrät Peugeot-Sportmanager Maurice Demuer: "Ich kenne Braun kaum, aber ich habe gehört, daß er ein zweiter Rudi Altig sein soll." Altig gilt noch heute als Deutschlands bester Radrennfahrer. "Wenn Braun nicht Altigs Fehler macht und zuviel im Winter auf der Bahn fährt, kann er", so Demuer, "auch auf der Straße etwas leisten."
Zwar war Altig -- auf dem heimischen Nürburgring -- einmal Weltmeister der Straßenfahrer gewesen, aber bei den wochenlangen Rundfahrten versagte er regelmäßig in den Bergen. Gregor Braun aus Neustadt an der Weinstraße behauptet, "ein guter Kletterer zu sein
Mit seinem Vater, Dieter Braun, der noch heute, 40jährig, Radrennen fährt, mitunter gegen den Sohn, übt er seit Jahren im Pfälzer Wald, Steigungen zügig zu bewältigen. Vor allem lernte Braun die Technik der Bergfahrer, möglichst lange beim Anstieg im Sattel sitzen zu bleiben und den Lenker kaum zu bewegen.
Obwohl Braun einige Zentimeter größer als Vorgänger Altig ist, billigt ihm Trainer Kilian als Straßenfahrer mehr Eignung zu: "Bei ihm ist alles besser proportioniert, der Oberkörper ist schlanker, die Muskulatur geschmeidiger." Hauptproblem: die Umstellung von der Bahn zur Straße.
In diesem Winter will Braun rund 5000 Kilometer auf der Straße fahren und Skilangläufe unternehmen, bevor er an die Riviera ins Mannschaftslager geht. An der Volkshochschule Neustadt hat er einen französischen Sprachkursus belegt. Für den Fall. daß die Profikarriere trotzdem mißlingt, hält ihm die Feuerwehr Neustadt den Arbeitsplatz als Gerätewart offen.
Brauns neuer Chef Demuer beobachtete den Olympiasieger erstmals in der Kölner Sporthalle. In einer Olympiarevanche gegen den Holländer Herman Ponsteen verabschiedete sich Braun von der Bahnpiste.
Weil er zuvor wenig trainiert hatte, ließ Trainer Kilian eine schwerere Übersetzung -- erster statt zweiter Gang -- einstellen, die "zwar keine Bestzeit, aber eher den Sieg garantiert". Nach 3000 von 4000 Metern hatte Braun den Holländer eingeholt. Mit 4:37,2 Minuten fuhr er neue Weltbestzeit -- 10,4 Sekunden schneller als beim Olympiasieg in Montreal.
Chef Demuer lobte: "Wir hatten ihn zwar als Katze im Sack gekauft, aber wir haben einen Star erwischt." ·

DER SPIEGEL 51/1976
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