15.11.1976

Werner Schroeter über von Praunheim: „Sex und Karriere“Eine Tante wie eine Arie

Das neue (dritte) Buch von Rosa von Praunheim enthält eine umfangreiche, hauptsächlich erotische Selbstdarstellung, die die ersten neunzig Seiten beansprucht: sodann eine Dokumentation der filmischen Arbeit des Künstlers und eine Sammlung essayistischer Texte: "Beim Kulturapparat weiß ich, daß ich von ihm nichts lernen kann. Im Gegenteil, er hemmt mich, wenn ich mich speziell und ungewöhnlich äußern muß. Ich hasse den Apparat, aber da es so wenige gibt, die außerhalb des Apparates gewillt sind zu arbeiten, muß ich mich, um nicht ein Märtyrer zu werden, anpassen."
Rosa ist weder ein Märtyrer geworden noch hat er sich allzu sehr anpassen müssen; dafür ist sein neues Buch der beste Beweis. Als ich Rosa 1967 anläßlich des inzwischen sagenumwobenen "Festivals des experimentellen Films" in Knokke, Belgien, kennenlernte, war er schon genauso lustig, hysterisch und phantasievoll wie heute, nur etwas schöner und verträumter. Hart und gemein wie so manche andere ist er jedoch nie geworden, auch wenn für viele das, was er schreibt, zu gewalttätig sein wird, weil es direkt und sinnlich seine subjektive Realität wiedergibt.
Diese Realität ist sehr speziell, und ihre Problematik wird manchmal zu dick und kräftig aufgetragen, um eine bestimmte Spannung dauernd aufrechterhalten zu können. Eine gewisse Beschränkung des Gesichtskreises wird dabei sehr absolut behauptet -- gegen andere Möglichkeiten zu krampfhaft verteidigt -, und trotzdem ist das Resultat dieses Selbstbehauptungsprozesses in Buchform reiner und mitteilsamer, für mich als Leser interessanter, als die verlogene Zurückhaltung, die ängstlich-pompöse Verschrecktheit unserer todkranken Studenten, die hoffnungslos zur Feder greifen, oder die tragische Güte lieb und offen tuender fataler Gesellschaftsdramen, die mit vorgetäuschter Ärmlichkeit beim Leser ins Schwarze treffen wollen.
Rosa von Praunheim braucht keinen sogenannten literarischen Stil als Schleier über seine Realität zu breiten, Sein Buch ist vollsaftig. Es zeigt Bemühung um eine bessere, das heißt bewußtere Zukunft, ohne einer miesen Gegenwart den letzten müden Glanz zu nehmen. Der Verlag Rogner & Bernhard ist mit der Veröffentlichung dieses Buches mutig aus der Reihe getanzt.
Leider werden viele traurige deutsche Bücherwürmer das bunte und oft groteske Werk wie einen lecken Eimer Scheiße fallenlassen, denn hier mischen sich Gestank und Blütenduft wie selten einmal: "Ich lasse mich nicht so gut ficken. Dabei verkrampfe ich mich so sehr und bekomme Hämorrhoiden, im Moment habe ich eine lange dicke Hämorrhoide außen am Arschloch hängen. Das tut nicht weh, manchmal spiele ich daran. Bis jetzt hat sich noch nie jemand darüber beschwert." Wer den Autor gut kennt, weiß, daß er ihm Glauben schenken darf.
Wenn Rosa seiner unbezähmbaren Gier nach alten Frauen nachgibt, wird er unwiderstehlich: "Interessiert bin ich, die 101jährige Rosa Albach-Retty kennenzulernen, die immer noch recht vital in einem Wiener Altersheim leben soll. Die legendäre, berühmte Burgschauspielerin und die Großmutter von Romy Schneider. Durch eine Heirat mit ihr würde ich der Stiefgroßvater von Romy Schneider."
Überhaupt die Frauen! In diesem Buch feiern sie herzliche Triumphe und behaupten sich enthusiastisch neben 100 schwulen Arschficks. Wenn Carla Aulaulu die Grenzen des Wahnsinns streift oder auch überschreitet, wenn sie in "einem schwarzen Kleid, hochgesteckten Haaren und hysterischer Schminke, einen Ausdruck von stilisiertem Leid erfindet, den nur wenige große Tragödinnen darzustellen vermocht haben", so ist das allemal doch viel spielerischer und damit bedeutender für die Seele des Künstlers und Liebhabers als die Bestätigung seiner sexuellen Besessenheit.
Sehr schön und stetig in allen Situationen ist immer von Praunheims Offenheit, auch da, wo sie für ihn selbst kritisch wird: Einige Jahre nach seinem wichtigen Agitationsfilm "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" stellte er an sich selbst die unkorrigierbaren Fehler fest, die sein Film bewußt machen und damit eliminieren sollte. Die Fähigkeit, frei und paradox mit sich selbst zu verfahren, ist für ihn wichtiger als die zu Unrecht berühmte Art des froschigen Akademismus.
Daß dabei auch ihm Fehler der Selbstüberschätzung unterlaufen, die aus dem notwendigen Zusammenstoß seiner Traumwelt mit einer prinzipiell unvariablen bürgerlichen Umwelt entstehen müssen, zeigt viel mehr Wahrheit als die absurde Vornehmheit unserer eleganten Schreibetunten, die sich noch immer allesamt für Hegel persönlich halten.
Rosa ist bestimmt kein rezeptiver Schriftsteller und Filmemacher des passiv-sozialen Genres, er ist ein originaler und aktiver, der sich zu Recht mitunter in einer jungenhaften und brutalen Pose gefällt. Was man mithin von Rosa nicht vermuten würde, ist seine sehr schöne Poesie aus früheren Jahren, die sich mit dem Schicksal goldener Märchenkönige beschäftigt und die er selber mit zarten Zeichnungen geschmückt hat: "Fortan trug er sich irgendwo an eine Stelle, die lange fort war. Tanzend über einen Ozon, scheppernd mit Blech und all sein Hab und Gut mit den Zehennägeln betastend."
Unserer bedepperten, nur angeblich lustbetonten Gesellschaft, die sich in den verlogensten Verpackungen wiedergegeben sehen will, die ihre Schwächen hinter einer tristen Selbstverleugnung versteckt und glaubt, so einem unvermeidlichen Tode zu entkommen, muß das Buch, anarchisch, frei und bukolisch, wie es ist, ganz schön frech vorkommen.
Manchen tollen Leuten wird es sicher dafür um so besser gefallen: zum Beispiel meiner Freundin, der Schauspielerin und Sängerin Ingrid Caven, die gern in Erster-Klasse-Abteilen der Bundesbahn, ein mondänes dänisches Pornoheft dritter Klasse vor Augen (das sie zuvor sorgfältig in Zeitungspapier verpackt hat), weite Strecken onanierend reist und mir nach einem langen Blick in Rosas Meisterstück sagte: "Mit dem Buch kann ich auch ohne Schutzumschlag verreisen." Ingrid, der man schon von sicher berufener Stelle nachgesagt hat, die Schwulen hätten ihre Karriere als seriöse Künstlerin zerstört, weiß die Praunheimsche Erotik sehr zu schätzen.
Rührend und vielleicht nicht richtig ist hingegen Rosas verträumte Sehnsucht nach einer in Wirklichkeit nicht so wunderschönen Spießeridylle, deren Phantastik mir limitiert erscheint: "... wie das kleinbürgerliche Leben, das voller wahnsinniger Extreme steckt, voller irrer bunter Differenziertheiten ..."
Da liebe ich Rosa viel mehr, wenn er über die Berliner Filmfestspiele 1975 schreibt und damit einen Höhepunkt der Berliner Nachkriegsbelletristik zuwege bringt. Noch nie hat man die fatale Mischung von Glanz, Ansehen und Machtmißbrauch in der notwendigen Kopplung mit einer kuhäugig gemachten Konsum-Anhängerschaft so deutlich und lustig vorgeführt bekommen wie in der Beschreibung von Gina Lollobrigidas Castro-Film durch Rosa. Zum Beispiel so: sieht man Gina, wieder zurück in ihrem Heim, wie sie Dias von Fidel (Castro) projiziert. Eine Stimme fragt aus dem off, wie sie Fidel denn persönlich fand, und sie rast vor Begeisterung ... Trotz allem scheinbar sozialem Engagement ist es ungeheuer pervers, wie eine kapitalistische Glamoureuse eine Politik behandelt, die ihr als erste (und zu Recht) den Kopf abreißen würde." (Ich kann nur hoffen, daß Rosa den Fidel C. richtig einschätzt!).
Ein einziges anderes Buch hat mir bisher beim Darinherumblättern soviel Spaß gebracht, und das war Andy Warhols erster Katalog mit dem Blümchenumschlag. Ebenso vielseitig und improvisiert ist Praunheims Text- und Photosammlung.
Immer wieder muß auch hier das Porträt seiner wahnsinnigen Tante Luzi erscheinen, der er mit dem Film "Die Bettwurst" ein unvergleichliches Denkmal gesetzt hat. Nie in meinem Leben habe ich einen Menschen getroffen, der seine leibliche Tante so liebt und verehrt wie Rosa. Gerade diese Liebe, die er auch für viele andere, der Gesellschaft kuriose und suspekte Lebewesen aufgebracht hat, ohne jede Anstrengung -- aus Neigung nämlich, wurde ihm oft als Zynismus ausgelegt.
Das ist bezeichnend für unsere liberale Gesellschaft, die alles Selbständige, aus Angst, sich selber klarer zu sehen, erst einmal und leider meistens für immer ablehnen muß. Aus Angst, wie gesagt. Tante Luzi hatte keine Angst. Sie geht in ihrem Leben durch dick und dünn, macht alles herzhaft falsch, verzweifelt nie, sondern genießt das, was sie ist und tut -- trotz allem. Sie ist wirklich keine Schönheit, niemand, der der kollektiven Wahnvorstellung von richtig, gut und ästhetisch nahekommt, aber echter als alle, die "schön" sind und das Geld dazu haben -- wie das Farbphoto auf Seite zwei des Buches beweist.
Daß Rosa diese Tante nicht als unvermeidlichen familiären Schicksalsschlag aufgefaßt hat, sondern sie als kunstvolle Protagonistin unser aller Schwächen unsterblich machte, hat mir immer neidvolle Bewunderung abgezwungen: Denn auch ich muß nun diese seltsame Tante liehen, wie sonst nur eine herrliche Opernarie, möglichst von Bellini -- von der Callas dargeboten -, oder einen wunderschönen ausländischen Knaben. dem ich mich für kurze Zeit zu Füßen werfen darf -- wie die phantastische argentinische Schauspielerin Marilu Marini, wenn sie in einem an sich unmöglichen Theaterstück in einer fremden Sprache wispert: "Comme le bonheur est triste!"
Rosa und seine Tante Luzi zusammen haben die Kraft und Fähigkeit, unsere verschleimten Augen zu öffnen, für ein Gegenüber, nicht minder häßlich und abstoßend wie wir selbst
Zuneigung zu finden für das unvermeidbare Leben, auch wenn es nicht in Gestalt unserer eigenen Träume auftritt!
Von Werner Schroeter

DER SPIEGEL 47/1976
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