20.12.1976

GRIECHENLANDSozialismus von rechts

Griechenlands Wirtschaftstycoons kommen in Bedrängnis. Die Regierung rechnet mit den einstigen Schützlingen der Obristen ab.
Sie kollaborierten mit Rechten wie Linken, Demokraten wie Diktatoren. Stets verstanden sie es, sich die Gunst der jeweils Mächtigen zu sichern: Griechenlands Wirtschaftstycoons mit ihren Imperien aus Banken und Versicherungen, Werften, Reedereien und Raffinerien.
Noch bis zum Ende der Terror-Herrschaft der Obristen unter Georgios Papadopoulos im Jahre 1974 wuchsen Macht und Vermögen der Junta-Promoter wie Stavros Niarchos, Stratis Andreadis, Aristoteles Onassis, Tom Pappas und John Latsis.
Doch jetzt werden Griechenlands Milliardär-Clans von der Regierung des konservativen Premier Konstantin Karamanlis zunehmend in die Enge getrieben.
Zwar hatte die Regierung noch Ende September verängstigte Wirtschafts-Magnaten zu beruhigen versucht: "Niemand hat daran gedacht, Vermögenswerte zu enteignen -- weder von Niarchos noch irgendeinem anderen."
Aber in der ersten Dezember-Woche war es doch soweit: Die Regierung verstaatlichte die Niarchos-Großraffinerie Hellenic Aspropyrgos Refineries bei Athen, an der der Staat bisher nur mit einem Drittel beteiligt war.
Der Großreeder erklärte sich bereit. die Raffinerie -- geschätzter Wert 121 Millionen Dollar mit Verbindlichkeiten von 63 Millionen Dollar -- für 12,4 Millionen Dollar ganz an den Staat abzutreten.
Niarchos gab damit eine lukrative Geldquelle auf, die ihm -- bei einem eingezahlten Kapital von vier Millionen Dollar -- allein in den Jahren 1973 und 1974 rund 17 Millionen Dollar einbrachte.
Dem Verkauf war freilich ein scharfer Disput zwischen Regierung und Reeder vorausgegangen. Und erst als Niarchos die Lage zu brenzlig wurde. willigte er ein.
Die Regierung hatte sich nämlich mit zwei Gesetzen die Möglichkeit geschaffen, Verträge aus der Zeit der Diktatur zu ändern oder gar zu annullieren, die sich als "nachteilig für den Staat und schädlich für die Gesellschaft" erwiesen hatten.
Dazu zählte offenbar auch ein Vertragswerk über 200 Millionen Investitionsdollar, das Junta-Minister Nikolaos Makarezos dem ihm treu ergebenen Schiffsmagnaten einst zugeschanzt hatte.
Kaum eine vertragliche Verpflichtung, so warf die Regierung Niarchos vor, habe er erfüllt. Ausbau und Modernisierung der Raffinerie beispielsweise, die ganz zu Lasten von Niarchos hätten gehen müssen, seien zu einem Drittel vom Staat finanziert worden. Angeblicher Schaden für Athen: über 50 Millionen Dollar. Oppositionspolitiker Andreas Papandreou: "Einer der größten Skandale der Diktatur."
Obendrein fand die Regierung -- von Niarchos unwidersprochen -- heraus, die Raffineriegesellschaft sei entgegen den Vertragsbestimmungen "nur dem Schein nach griechisch". Die Aktienmehrheit liege bei der liberianischen General Finance and Trading Co. -- wer die Kontrolle ausübe, bleibe undurchsichtig.
Um so durchsichtiger schien Athen ein anderes Manöver des Griechen. Als Niarchos in ein Schiedsgerichtsverfahren flüchtete, bestellte er Westdeutschlands Starkapitalisten und Altbankier Hermann Josef Abs zu seinem Interessenvertreter und drohte der Regierung unverhohlen: Das Aufsehen um ihn könnte ausländische Banken und Industrie-Investoren vor einem Engagement im kapitalhungrigen und um seinen EG-Beitritt kämpfenden Griechenland abschrecken.
Die Regierung Karamanlis ließ sich nicht einschüchtern. Und nach dem Niarchos aufgezwungenen Verkauf ist nicht auszuschließen, daß die Besitzer der drei weiteren Großraffinerien -- John Latsis, Tom Pappas und die Vardinoyannis-Gruppe -- von der Regierung bedrängt werden.
Denn der ehemalige Finanzminister Ioannis Pesmazoglou enthüllte unlängst, daß Griechenlands Verbraucher für die sieben Millionen Tonnen Mineralölprodukte, die sie 1975 von den Raffinerien in Aspropyrgos und Saloni-
* Links: Papadopoulos-Vize Pattakos.
ki bezogen, 880 Millionen Dollar bezahlten -- die Italiener hingegen für die gleiche Menge nur 580 Millionen Dollar.
Mit der Übernahme der Niarchos-Raffinerie kontrolliert der Staat jetzt 60 Prozent der Mineralölindustrie.
Nach der Verstaatlichung droht Niarchos ein neuer Schlag: Wegen angeblich zwielichtigen Geschäftsgebarens in seiner unheiligen Allianz mit den Diktatoren will Athen dem Magnaten den Prozeß machen -- genauso wie seinen Kollegen John Latsis und dem Großbankier, Reeder und Industriellen Stratis Andreadis. Obendrein ordnete letzte Woche die Staatsanwaltschaft Athen eine neue Untersuchung über den mysteriösen Tod der Niarchos-Gattin Eugenie im Jahre 1970 an (SPIEGEL 43/1970).
Wirtschaftsverbrechen werfen Ermittlungsrichter dem Ex-Großbankier Andreadis vor. Er soll sich wegen Veruntreuung, Devisenvergehen und Kreditmanipulationen vor Gericht verantworten. Schon vor einem Jahr hatte die Regierung Staatsaufsicht über drei Andreadis-Banken verhängt. Knapp neun Monate später wurde Andreadis, Inhaber von fünf Banken, drei Versicherungsunternehmen, 16 Werft- und Industriebetrieben in Griechenland, mehreren Firmen im Ausland (darunter die Griechische Handelsbank in Frankfurt), Herr über 42 Schiffe, Ex-Schwiegervater von Großreederstochter Christina Onassis, durch einen Gesetzes-Coup elegant kaltgestellt.
Der Trick: Mit einem vom Parlament gebilligten Sondergesetz wurde die Hauptbank des Andreadis-Konzerns, die Commercial Bank, gezwungen, ihr Kapital zu verdoppeln. Neun Zehntel des neuen Aktienkapitals durften nur von öffentlichen Körperschaften und den staatlichen Postsparkassen übernommen werden.
Durch die Transaktion wurde der Staat Hauptaktionär, der Andreadis-Anteil sank von 54 Prozent auf etwa 26 Prozent.
Weil die Commercial Bank an allen Andreadis-Firmen maßgeblich beteiligt ist, geriet ein riesiges Wirtschafts-Imperium unter Staatskontrolle.
Mit der Ausbootung des Stratis Andreadis, freute sich jetzt Finanzstaatssekretär Miltiadis Evert, habe sich Athen nicht nur die Kontrolle über fast das gesamte Bankensystem des Landes gesichert. Unter Staatsaufsicht stünden vielmehr auch 70 Prozent der Versicherungen, knapp die Hälfte der chemischen Industrie und nahezu die gesamte Düngemittelbranche, 39 Prozent des Schiffsbaus und andere große Industrie- und Hotelunternehmen.
Mit der Demontage seiner Macht zahlt Andreadis für die Kumpanei mit den Obristen und die von den Putschisten gedeckten Durchstechereien.
Zum Dank, daß er ihre Erfolge im In- und Ausland pries, wurde Andreadis von den Machthabern beispielsweise mit der Konzession für eine Raffinerie in Megara belohnt.
Prüfer der Zentralbank entdeckten, daß Andreadis neben illegalen Bankgeschäften auch dubiose Aktientransaktionen ausgeführt hatte.
Nach Onassis-Vorbild übertrug Andreadis Aktien einheimischer Unternehmen auf seine Auslandsfirmen -zu seinem größtmöglichen Nutzen.
So ließ er auf dem Wege mehrmaliger Kapitalerhöhungen 75 Prozent der ihm gehörenden "Athens Hilton"-Betriebsgesellschaft auf die Mara Steamship in Panama zum Preis von 5 Millionen Mark übertragen -- der tatsächliche Wert lag damals bei 148 Millionen Mark. Der Name des Eigentümers der obskuren panamesischen Firma lautete: Stratis Andreadis.
Mit Scheinfirmen in ausländischen Steuerparadiesen kaschierten Griechenlands "wandernde Zigeuner. ohne Nationalität, ohne Ideale, die nur dem eigenen Nutzen verbunden sind" (Verlegerin Heleni Vlachou), mit Vorliebe ihre trüben Praktiken.
Für die Gefälligkeitswirtschaft zeigte sich etwa der 1975 gestorbene Aristoteles Onassis mit einer Küstenvilla in Lagonissi bei Athen Obristenchef Papadopoulos gegenüber erkenntlich. Zu diesem Zweck gründete Onassis eine Firma in Panama, die als einzigen Vermögenswert diese Villa besaß. Die 1000 Firmen-Aktien hielt nur einer: Papadopoulos.
Beim Spiel mit den Seheinfirmen kannten Reeder und Militärs keine Grenzen.
Mit den Zwangsgesetzen 89/1967 und 378/1968 wurden die Niederlassungen ausländischer Gesellschaften von Steuern, Abgaben und Zöllen weitgehend befreit. Schiffahrtsgesellschaften, die ihren Sitz vom Ausland nach Griechenland verlegten, erhielten noch weitergehende Sondervorteile.
Schleunigst gründeten die Griechen-Reeder Scheinniederlassungen in Panama. Liberia oder Liechtenstein, die sich alsbald mit Briefkastenfirmen in Piräus niederließen.
Als die Militärs stürzten, wurden denn auch trotz erbitterter Widerstände die Vorrechte der Reeder zunehmend beschnitten. Über 400 Niederlassungsgenehmigungen für Schiffahrtsgesellschaften beispielsweise zogen die zivilen Machthaber wieder ein.
Unter Karamanlis wurden die Reeder auch erstmals steuerpflichtig. Und inzwischen zog die Regierung die Steuerschraube weiter an. Insider sind sicher, daß es die Regierung bei der Annullierung alter Privilegien nicht belassen wird.
Denn das erste Experiment, mit den Reedern fertig zu werden, gilt bereits als geglückt: die Verstaatlichung der Onassis-Fluggesellschaft Olympic Airways im letzten Jahr. Unter Onassis hatte die Airline vor allem Verluste eingeflogen, in diesem Jahr wird sie erstmals einen Gewinn von fünf Millionen Dollar abwerfen. Onassis hingegen hatte vom Staat 1975 noch 40 Millionen Dollar Zuschuß für angebliche Verluste gefordert.
Mit dem "Sozialismus von rechts", wie es manche Griechen nennen, unterläuft Karamanlis Kritik von Liberalen, Sozialisten und Kommunisten an seinem konservativen Regime. Chefplaner dieser Politik ist Koordinationsminister Panayotis Papaligouras, der neben dem Planungs- das Wirtschaftsressort unter sich hat.
Bittere Klagen der geschockten Bosse Griechenlands kontert er: "Das hätte uns noch gefehlt, daß die Industriellen und Reeder als sozial Benachteiligte auftreten."

DER SPIEGEL 52/1976
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