20.12.1976

„Indira macht arme Männer impotent“

Dschan Schad, 14, brüllt den schwerbewaffneten Polizisten seine Protestparolen zu, dann trifft ihn eine Kugel direkt in die Brust.
Ein lauter Schmerzensschrei, ein ersterbendes "Allah", schwere Polizistenstiefel trampeln über den toten Jungen.
Fahrradreparateur Abdul Sattar, 25, sieht das. In ohnmächtiger Wut stürzt er sich mit einer Eisenstange auf einen Polizisten. Bevor er zuschlagen kann, treffen ihn zwei Kugeln, eine in den Kopf, eine in den Bauch.
Ein Polizist reißt einer Moslemin die Burka, ein das Gesicht und den ganzen Körper verhüllendes Zeitgewand, vom Leib und greift der vor Entsetzen wie versteinerten Frau an die Brüste. Der Barbier Schabbir, Augenzeuge der Szene, greift zur einzigen Waffe. die er hat -- dem Rasiermesser, stürzt auf den Mann zu, da trifft den Barbier eine tödliche Kugel in den Rücken. Musaffarnagar, 18. Oktober 1976: An die 5000 indische Moslems und Hindus hatten sich auf dem Markt dieser Stadt im Bundesstaat Uttar Pradesch zur Protestdemonstration gegen Indira Gandhis Bevölkerungspolitik versammelt -- einer Politik, die sie eher als Endlösung empfinden denn als Familienplanung: Kinder sind Brotverdiener, sind die einzige Altersversorgung für die Armen. Auf dem Land, wo viele Kinder wegsterben, "wollen die Eltern nur sichergehen, daß wenigstens zwei oder drei überleben" (Ex-Familienplaner Tschandrasekhar).
"Nasbandi sabardasti nahm karajenge", wir wollen keine Zwangssterilisation, schrien die Demonstranten. Das war für Indiras Polizisten Grund genug, in die Massen zu schießen. Denn von Zwang kann nach regierungsamtlicher Version keine Rede sein.
Zehn Tote gab es angeblich bei diesem dritten Aufstand, Monate zuvor war es bereits in Alt-Delhi am Turkman Gate und in dem Dorf Khatauli zu blutigen Unruhen gekommen.
Doch die Parlamentsabgeordneten Schafkat Dschung und Vidsehajpal Singh präsentierten der indischen Herrscherin eine andere Rechnung: 26 Tote, 17 Vermißte. Letztere sind vermutlich im Wasser verschwunden; Demonstranten hatten beobachtet, wie Polizisten leblose Körper auf Müllwagen warfen und dem Fluß zusteuerten.
Es half Indiras Sohn, dem Kronprinzen Sandschaj, wenig, daß er sich sofort mit zwei Imamen ablichten ließ, die vor Presseleuten eifrig beteuerten. selbst sterilisiert zu sein. Auch eine hastige Wallfahrt der hinduistischen Mama zum heiligen Moslemschrein Dargah des Khwadscha Moinuddin Tschisti in Adschmer vermochte die Moslems nicht zu besänftigen.
Indiens 70 Millionen Moslems nämlich befürchten, genau wie die 15 Millionen Christen, die über 80 Millionen Unberührbaren unter den Abermillionen der Allerärmsten unter den etwa 500 Millionen Hindus, daß das Ziel der Sterilisationskampagne vor allem eins ist: ihre Ausrottung.
Die Angst mag übertrieben sein, völlig unbegründet ist sie nicht. Seit Indiens Regierungschefin den Ausnahmezustand über ihr Riesenreich verhängt hat, überschlagen sich in der Familienplanung groteske Auswüchse.
Wohl hat es Indira Gandhi, um sieh mit den potentiellen Wählern bei -- erneut verschobenen -- Parlamentswahlen nicht total zu überwerfen, den Führern der einzelnen Bundesstaaten überlassen, wie sie die amtliche Sterilisationsempfehlung für Eltern mit mehr als zwei oder drei Kindern durchsetzen.
Folge war, daß sich die Provinzbehörden mit Übereifer daranmachten, Indiras und vor allem ihres Herzbuben Sandschaj Lieblingswunsch nach durchschlagenden bevölkerungsstatistischen Erfolgen zu erfüllen.
Mutter und Sohn können soweit zufrieden sein: Planziel des Familienministeriums für den Zeitraum April 1976 bis April 1977 waren 4,3 Millionen Sterilisationen an Männern und Frauen im zeugungs- beziehungsweise gebärfähigen Alter.
Bereits bei Halbzeit, Ende Oktober, hatte das rund 100 000 Kopf zählende Front-Familienplanungsheer von Ärzten, Krankenschwestern, Hebammen, Fürsorgerinnen. Geburtenaufklärern in 7378 Haupt-, 32 689 Nebenzentren sowie in zahllosen Operationszelten in Stadt und Land atemberaubende Arbeit geleistet: Das Jahressoll war bereits erfüllt.
Indiens zensierte Zeitungen bejubelten das freudige Ereignis, sogar die der DKP nahestehende "Deutsche Volkszeitung" schwärmte von den enormen Fortschritten bei Indiens "Geburtenkontrolle".
Fortschritt? Erlangt jedenfalls mit Mitteln, die der Mehrzahl der indischen Bundesstaaten den zweifelhaften Ruhm einbringen, als erste Instanzen der Welt die Bevölkerungsexplosion mit Gewalt und Terror zu stoppen. was der Umschreibung "Geburtenkontrolle" Hohn spricht.
Bauern werden in ländlichen Gegenden "zum Dorfbüro geschleppt", berichtet die "New Asia News", "auf einen Tisch gelegt und sterilisiert". Vor wenigen Monaten trieben Familienplaner in Delhis Bezirk Darjagandsch mit Hilfe bewaffneter Polizisten Besucher der Mittagsvorstellung im Goltscha-Kino am Ausgang zusammen, verluden sie auf Lkws und schafften sie in Operationszelte. "Indira", klagte ein Schlangenbeschwörer, der in Molar Bund, seinem Heimatort bei Delhi, in Deckung gegangen ist, "macht arme Männer impotent -- wie die Bullen."
In der Tat werden weit mehr Männer als Frauen sterilisiert. Denn eine Vasektomie, die Durchtrennung des Samenstrangs. ist relativ komplikationslos und "in zweieinhalb Minuten" (ein Arzt in Bombay) schnell durchzuführen. Tüchtige Operateure in Delhi. Bombay und Kalkutta bringen es auf 80 bis 100 Eingriffe am Tag.
Provinzen etwa wie Bihar, Uttar Pradesch, Pandschab, Radschasthan. Madhja Pradesch, Himadschal Pradesch, Maharaschtra oder Westbengalen haben überdies sublime Erpressungsmethoden entwickelt, die der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung keine Wahl lassen als Sterilisation.
Vielerorts bekommen Eltern mit mehr als zwei oder drei Kindern keine Lebensmittelkarten mehr, sofern sich nicht ein Elternteil sterilisieren läßt. (Mit Lebensmittelkarten können in Regierungsläden Grundnahrungsmittel wie Weizen, Reis und Zucker etwa zur Hälfte des gängigen Marktpreises gekauft werden -- für die Masse der indischen Bevölkerung ist selbst das noch zu teuer.)
Belohnungen allein wie Transistorradios, gelegentlich eine Nähmaschine, Schuldzinsnachlässe oder Prämien zwischen 22 und 46 Mark erwiesen sich als unattraktiv. Da sahen sich die Behörden einzelner Bundesstaaten denn doch zu anderen Methoden inspiriert.
Lehrer und Beamte beispielsweise sind verpflichtet, mindestens zwei Sterilisations-Freiwillige beizubringen, unter Androhung von Gehaltsstreichungen müssen die Lehrer in Neu-Delhi sogar fünf Aspiranten auftun.
Wer sich, bei zwei Kindern, gegen künftige Unfruchtbarkeit sträubt,
* hat keine Aussicht auf Verwaltungsposten;
* erhält keine Anschaffungsdarlehen
mehr;
* verliert als Beamter sein Privileg auf Dienstwohnung, als Landarbeiter das der Landzuteilung;
* Ein Ehrenschild, gestiftet vom Rotary-Club, für die Gemeinde Kotschin, wo sich, im Landesschnitt, die meisten Männer sterilisieren ließen.
* büßt den eventuellen Anspruch auf kostenlose Krankenhausbehandlung, Schulgeld oder Begabtenstipendien ein.
Zweifelsohne braucht Indien Programme, den gewaltigen Babyboom zu stoppen. "Welches indische Problem man auch anfaßt", sagt ein Sozialhelfer in Kalkutta, "man kommt immer aufs selbe hinaus: Zahlen."
21 Millionen Geburten im Jahr, 50 pro Minute, bescheren, bei acht Millionen Sterbefällen, Indien derzeit alle Jahre die Bevölkerung Australiens hinzu.
"Im Jahr 2001", errechnete der Demograph Agarwal, "haben wir China überrundet", aber: "Jene 13 Millionen, um die wir jährlich wachsen, bedeuten einen Bedarf an 127 000 neuen Schulen, 373 000 neuen Lehrern, 2 509 000 neuen Häusern, vier Millionen mehr Jobs, 19 Millionen Metern mehr Kleiderstoff, 1,3 Millionen Tonnen mehr Nahrungsmittel."
Katastrophale Aussichten, denn schon heute, bei geringen Entwicklungschancen, vegetiert mehr als die Hälfte der indischen Bevölkerung am Rand des Verhungerns, leiden vier von fünf Kindern an Symptomen der Unterernährung. Für den Futurologen Rohatgi steht fest: "Im Jahr 2000 wird die Hälfte der Bevölkerung Indiens kein Dach über dem Kopf haben, der Proteinmangel in der Ernährung wird fürchterlich sein."
Indien kann für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, 1952 als eine der ersten Nationen der Welt, fünf Jahre nach ihrer Unabhängigkeit, eine Familienplanungspolitik verbindlich eingeführt zu haben. Ihre Erfolge indes wurden nicht auf Ruhmesblättern addiert. Weder der erste Premier Jawaharlal Nehru noch seine Tochter Indira wagten das Risiko unpopulärer Maßnahmen in einem Volk, das aus stark religiösen, traditionellen oder politischen Gründen jegliche Beschränkung des Kindersegens zutiefst verabscheute.
Beide Indien-Führer setzten Christen oder Moslems, eingeschworene Gegner der Geburtenregelung, auf Führungsposten des Gesundheits- und Familienministeriums, beide ermunterten mit regierungsamtlichen Maßnahmen den Bevölkerungszuwachs mehr, als daß sie entmutigten. Mehr als zwei Kinder zu haben bedeutete bis vor kurzem für Privilegierte nicht etwa Sterilisation, sondern Steuererleichterung.
24 Jahre gebremster Mühe, Dollar-Milliarden an Finanzaufwand, bewirkten lediglich, daß nunmehr 17,5 von 103 Millionen Ehepaaren im Alter zwischen 15 und 45 Jahren irgendeine Form von Empfängnisverhütung betreiben. In keiner Dekade jedoch sank die Bevölkerungszuwachsrate. Seit der Unabhängigkeit 1947 hat sich Indiens Bevölkerung fast verdoppelt.
Erst dem dritten der Dynastie Nehru-Gandhi, Sandschaj, 30, bot der Ausnahmezustand eine Chance: Acht Millionen Sterilisationen bis Ende '76, in der Tat eine imponierende Bilanz, waren nicht die Zweifel an Lauterkeit, Effizienz und Langfristwirkung der Brachialmaßnahmen.
Ein Bettler im Alter Methusalems, 15mal sterilisiert, wird verbucht als 15facher Sieg an der Familienplanungsfront.
In Musaffarnagar, wo zuletzt gegen Indiras Nachwuchspolitik aufgemuckt wurde, mußten unter anderen der todkranke Scharif Ahmed, 60, Hadi Hasan, 35 (eine Tochter), Mohammad Sadik Bakar Kassaba, 58, verheiratet mit einer 45jährigen jenseits der Wechseljahre, trotz allen Flehens unters Messer.
Schatten auf den Optimismus der Statistiker werfen auch Praktiken, in die sieh jene mit dem Fünfersoll an Sterilisationsaspiranten geplagten Beamten und Lehrer in Delhi retten: Gegen Geld sorgen Agenturen für Adressen von Leuten, die sich, ebenfalls gegen Geld, den kleinen Schnitt gern mehrmals machen lassen. Auch Arzte helfen bereitwillig gegen Honorar, indem sie Namen und Adressen von vor vielen Jahren Sterilisierten aus Privatkarteien hervorzaubern, die nun, neu oder erneut, zu Buch schlagen.
Unzureichend desinfiziertes Gerät der Expreß-Sterilisierer hat bereits zu postoperativen Todesfällen geführt, Rollkommandos haben Kinder und Jugendliche geschnappt und in die Operationszelte geschleppt. In den Armenvierteln herrscht Verwirrung: Ist Sterilisation gleich Kastration?
Schwangere entbinden in Lehmhütten, weil sie fürchten, in Hospitälern die Gelegenheit ist günstig -- gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht zu werden.
Unwissenheit, Ängste, Panik, Polizeieinsätze stellen Indiens Bevölkerungspolitik, wie Kronprinz Sandschaj sie sich vorstellt, vor die Gefahr "gewaltiger Rückschläge". Das jedenfalls glaubt Pater Beckers, katholischer Universitätsprofessor in Kalkutta, ein Kenner ländlicher Probleme Indiens. Familienplanung muß sein, aber nicht diese Vasektomien ohne ein Wort der Erklärung. Eine tödliche Infektion in einer Region -- und die Sache ist da zumindest gelaufen."
Sie ist auch da gelaufen, wo sich Randgruppen und Unterprivilegierte des indischen Kastenwesens durch die Zwangsoperation in ihrer Existenz bedroht fühlen, wo Bitterkeit grassiert über neu sich auftuende Hornissennester der Korruption. Reiche werden Wege finden, sich das Recht auf üppigen Kindersegen zu sichern.
"Bevor sie uns zwangssterilisiert", wehklagte in Musaffarnagar der Moslem Idris Amed, "soll Frau Gandhi mal die Kinder jener Leute zählen, die in ihrer Regierung Top-Positionen haben."
Bei Basappa Danappa Dschatti, 64, Vizepräsident von Indien, würde Frau Gandhi bis 13 zählen.

DER SPIEGEL 52/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 52/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Indira macht arme Männer impotent“

  • Roboter im All: Russland schickt Humanoiden zur ISS
  • Kalbender Gletscher: Gefährliche Überraschung beim Kajak-Ausflug
  • Streitgespräch zum SPD-Vorsitz: Ist Olaf Scholz der Richtige?
  • "Exosuit": Aufs Schlachtfeld im Roboteranzug