06.12.1976

FILMWegsaniert

Der Umsetzer. Spielfilm von Benno Trautmann und Brigitte Toni Lerch. Deutschland 1976; schwarz-weiß; 75 Minuten.
Die Schwerfälligkeit unseres von Auswahlkommissionen abhängigen Subventionskinos und das Ringen um Anspruch, das sich in der Welle gediegener Literaturverfilmungen niederschlägt, macht es nahezu unmöglich, aktuelle Mißstände deutscher Alltagswirklichkeit aufzugreifen. Markt- und kommissionskonform ist beinahe schon identisch mit realitätsfern.
Einzig die "Berliner Schule" (Ziewer mit "Der aufrechte Gang", Lüdcke/ Kratisch mit "Tannerhütte". Willutzki mit "Vera Romeyke ist nicht tragbar") bemüht sich konsequent um einen sozialkritischen Film in der Tradition von Slatan Dudow ("Kuhle Wampe") und Phil Jutzi ("Mutter Krausens Fahrt ins Glück"). Diese Schule kann zwei Neuzugänge verzeichnen.
Benno Trautmann' einst Filmstudent an der Gesamthochschule Kassel, und Brigitte Toni Lerch haben mit ihrem sympathischen Erstlingsfilm das nicht nur in Berlin aktuelle Problem der Stadtsanierung aufgegriffen. Zwar hat sich, als Folge des Denkmalschutzjahres, die Kahlschlagmentalität der Stadtplaner nicht überall durchsetzen können, doch sind die Eingriffe in das Sozialgefüge ganzer Stadtviertel noch immer radikal genug.
Der Film schildert sie anhand der Tätigkeit eines "Umsetzers"' eines Angestellten der mit dem Abriß und dem Neuaufbau betrauten gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften. Er hat die Aufgabe, unwillige und renitente Altbaumieter, zumeist ältere Leute, mit allen möglichen Versprechungen und Tricks aus ihren zumeist noch gar nicht baufälligen Wohnungen in die Neubausilos am Stadtrand "umzusetzen".
Um die Widerstände aufzuweichen, läßt der Umsetzer auch einen Werbefilm herstellen, der das neue Glück im Neubau in den verlogensten Tönen schildert. Es sind die besten Szenen des Films, wenn Trautmann/Lerch den Werbestreifen satirisch einer kraß gegensätzlichen Wirklichkeit konfrontieren.
Da werden nachts in noch bewohnten Abrißhäusern Treppengeländer angesägt, defekte Elektroleitungen bleiben unrepariert und einem alten Nachtwächter, der sich allein in einem der Häuser verschanzt hat, wird der Schäferhund weggenommen, so daß er seinen Job verliert. Als er daraufhin Selbstmord begehen will, dreht man ihm auch noch den Gashahn ab.
Trautmann/Lerch skizzieren die Nöte und den vergeblichen Widerstand dieser "Wegsanierten" mit erstaunlicher Detailgenauigkeit und empfindsamem Mitgefühl. Sie haben zuvor gründlich bei den Betroffenen recherchiert -die meisten der geschilderten Episoden beruhen auf authentischen Fällen -- und lassen sich nicht auf einen dialektischen Clinch mit dem kapitalistischen Überbau ein, der solche Zustände provoziert. Das wäre auch eine Nummer zu groß für diesen Film.
Die Unwirtlichkeit unserer Städte wird hier nicht nach Frankfurter Modell mit Rollkommandos der Hausbesitzer herbeigeprügelt, hier werden die Klinken, die man herausreißen will, erst mal verlogen freundlich geputzt. Die Folgen -- Einsamkeit, Entfremdung, Isolation -- sind dieselben.
Trautmann/Lerch haben ihren Film (16 mm, schwarz/weiß) ohne offizielle Förderungsgelder produziert. Das nötige Kapital -- etwa 80 000 Mark -- stotterten sie bei Freunden und Bekannten zusammen, die Ausrüstung liehen sie sich von anderen Filmproduktionen, und das Kopierwerk gab schließlich großzügig Kredit. Ihr Mut zum Risiko hat sich gelohnt: Das ZDF hat den "Umsetzer" spontan gekauft und wird ihn nach der Kinoauswertung senden.

DER SPIEGEL 50/1976
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