02.01.1957

BONN / STRAUSSDer Primus

"Tugend oder Laster eines Menschen leuchten nicht immer aus den berühmtesten Taten hervor. Vielmehr verraten unbedeutende Handlungen, eine Rede oder ein Scherz den Charakter des Menschen oft deutlicher als blutige Schlachten."
Plutarch im Jahre 100.
"Wir leben in einem technischen Zeitalter, in dem die vereinigte Stärke unserer Bundesgenossen ausreicht, um das Reich der Sowjet-Union von der Landkarte zu streichen"
Strauß im Jahre 1956.
Vierzig Generale, Admirale, Obristen und Kapitäne zur See standen, Front zum Rednerpult, zwischen den Stuhlreihen im Sitzungssaal der Bonner Ermekeilkaserne. Diese erlesene Führerschar der Bundeswehr - die Inspekteure der Wehrmachtteile, die Befehlshaber in den Wehrbereichen, die Kommandierenden Generale, die Divisionskommandeure und die Chefs der Stäbe - wartete auf ihren Obersten Befehlshaber Franz-Josef Strauß, 41, den jüngsten Wehrminister der deutschen Wehrgeschichte.
Es war Dienstagmorgen vorletzter Woche. Die Uhr ging auf neun. Um neun sollte der Rapport beginnen. Aber Minister Strauß kam nicht zur rechten Zeit; er rief von unterwegs an, man möge auf ihn warten.
Ein Viertel nach neun stürmte Franz-Josef Strauß die Treppen hinauf. Generalleutnant Heusinger, Chef des Militärischen Führungsrates, gab Alarm: "Meine Herren, der Herr Minister!" Heusinger eilte dem Minister entgegen: "Die zur Besprechung vorgesehenen Offiziere sind zur Stelle."
Strauß: "Guten Morgen, meine Herren!" Chor der Generale und Obristen: "Guten Morgen, Herr Minister!"
Strauß stieg auf das Rednerpult: "Meine Herren, ich benutze die Gelegenheit Ihrer Arbeitstagung, um als Chef des Hauses zu laufenden Fragen zu sagen, was zu sagen ist."
Also begann die große Stunde des neuen Bonner Verteidigungsministers, in der er vor seinen Spitzenmilitärs damit glänzen konnte, daß ihm, dem couragierten "Chef des Hauses", im Ministerkollegium des Nordatlantik-Rats auf Anhieb gelungen war, was sein Amtsvorgänger Blank noch nicht einmal zu fordern gewagt hatte: Die Bundeswehr wird von den Amerikanern "so schnell und so weit wie möglich" mit den neuesten "dual purpose"-Waffen ausgerüstet werden, mit Geschützen und Raketenwerfern, aus denen sowohl Atom- als auch Brisanzgranaten verschossen werden können.
So erfolgreich Straußens erster Auftritt vor den Ministern der Nato-Staaten in Paris tatsächlich verlaufen war, so günstig hatte Franz-Josef Strauß auch schon im Oktober bei seinem Debüt vor den Botschaftern der Nato-Staaten abgeschnitten. Dies, obgleich Strauß damals als Konkursverwalter des Blankschen Nachlasses den Offenbarungseid über den schwachen Stand der westdeutschen Aufrüstung schwören mußte.
Diese bittere Mission wurde dadurch nicht eben erleichtert, daß dem manches Mal etwas unbedacht daherredenden Strauß der böse Ruf eines "bayrischen Siegfried" von Bonn nach Paris vorausgeeilt war. Vornehmlich die Amerikaner nahmen ihm seine vielzitierte Floskel übel, es sei unerträglich, daß die Deutschen "das Fußvolk der amerikanischen Atomritter" werden sollten.
Die Amerikaner waren es auch, denen noch die Antwort im Ohr klang, mit der Strauß bei einem Besuch im Washingtoner Außenministerium für gutgemeinten Rat gedankt hatte: "Wir Deutsche haben zwar den Krieg verloren, aber nicht gleich den Verstand."
Und schließlich hatte Straußens ungebrochene Frische auf internationalem Pariser Parkett immerhin schon einmal Minister und Diplomaten unangenehm berührt. Das war kurz vorher passiert, auf der Euratom-Konferenz. Dort hatte der hemdsärmelige Strauß seinem alerten Kabinettskollegen von Brentano unbekümmert einen Zettel über den Tisch zugeschoben: "Du brauchst Dich nicht immer zu entschuldigen, daß wir da sind. Die haben uns doch eingeladen, das werden sie doch noch wissen."
Dieser forsche Bonner Minister sollte nun - Ende Oktober vergangenen Jahres, nachdem er eben das Verteidigungsressort bekommen hatte -, vor dem "Nato-Ausschuß für die Jahres-Erhebungen" erläutern, wie er "durch Qualität Mängel der Quantität" des westdeutschen Nato-Beitrages auszugleichen gedenke. Franz-Josef Strauß zog sich in einer Weise aus der Affäre, die der Routine-Sitzung des Nordatlantik-Rates ungewohnten Glanz verlieh.
Strauß sprach englisch, mit unüberhörbar bayrischem, teils aber auch amerikanischem Akzent. Sein Amtsvorgänger Blank hatte die Nato-Beratungen regelmäßig mit abgehackten deutschen Sätzen aufgehalten, die den Dolmetschern Schwierigkeiten bereiteten. Das flüssige und grammatisch richtige Englisch seines Amtsnachfolgers Strauß erleichterte die Debatte.
Die Wirkung des neuen Bonner Verteidigungsministers in Paris war am Ende so stark, daß Frankreichs Nato-Botschafter Parodi schwärmte: "Es ist erstaunlich, wie wach er ist und Zusammenhänge und Reaktionen sofort erfaßt."
Die Biographie dieses Mannes, der in seinem einundvierzigsten Lebensjahr als Benjamin des Bundeskabinetts an die Spitze des schwierigsten und zugleich wichtigsten Bonner Ressorts gestellt wurde, enthält - bislang - kaum Daten, die für den Historiker überliefernswert wären.
Seine steile politische Lebenskurve jedoch fasziniert den Zeitgenossen schon deshalb, weil Strauß auf seinem hastigen Marsch zur Macht allenthalben Zeichen hinterlassen hat, an denen abzulesen ist, welche Konstitution man haben und welche Methoden man wählen muß, um so schnell voranzukommen.
Franz-Josef Strauß, dem die Adepten eine noch glänzendere Rolle - als Kanzler oder als Oppositionsführer - in der deutschen Politik prophezeien, kommt aus der Enge. Das Haus in der Münchner Schellingstraße 49, in dem er geboren wurde, stand in jenem Teil Schwabings, der sich gegen alle Versuchungen dieses Künstlerviertels sein kleinbürgerliches Milieu bewahrt hat. Dort führten der Vater Franz-Josef und die Mutter Walburga eine Metzgerei, keine großkopfete Wurstfabrik, eher einen bescheidenen Laden.
Für Charakter und Karriere des Sohnes war es gewiß nicht ohne Bedeutung, daß der Vater aus Mittelfranken stammte, mithin zu einem Menschenschlag zählte, der in Altbayern eigentlich nicht beliebt ist, ob seiner Anspruchslosigkeit, Gewissenhaftigkeit und Zähigkeit aber respektiert wird und in dem Ruf steht, das größte Kontingent der bayrischen Minister, Polizisten und Gefängnisbeamten zu stellen.
Für Vater Strauß war es eine ausgemachte Sache, daß der einzige Sohn Franz-Josef den Metzgerladen in der Schellingstraße einmal weiterführen werde. Erst der Volksschullehrer überzeugte den Vater, daß der begabte Sohn unbedingt in die höhere Schule müsse. Vater Strauß ließ sich überreden: "Na ja, fürs Geschäft schad's nix, aber da tut's nachher die Realschul' auch."
Franz-Josef kam auf die Gisela-Oberrealschule. Dort war es sein Religionslehrer, der Universitätsprofessor Zellinger, der mit Wohlgefallen beobachtete, wie sich der Oberrealschüler Strauß mit sonderlichem Interesse dem Studium lateinischer Kirchentexte hingab. Zellinger, bei dem Franz-Josef bis zum Abitur ministrierte, besuchte den Vater: "Sie, Herr Strauß, mit der Realschul' is' da nix, der Bub g'hört aufs Gymnasium!" Also wechselte Franz-Josef von der Gisela-Oberrealschule in die zweite Klasse des Münchner Max-Gymnasiums hinüber.
Die Umstellung auf alte Sprachen bereitete dem Quintaner keine Schwierigkeiten. Schon bald nach seinem Übertritt, noch in der zweiten Klasse des Gymnasiums, stieg er zum Primus auf. Er hielt diese Position mühelos bis zum Abitur. Seine Lieblingsfächer, in dieser Reihenfolge: Latein, Griechisch, Englisch, Geschichte.

Schnellster Radler, bester Abiturient

Die Spitzenstellung auf dem Pennal - "Strauß, komm vor, Strauß, erklär's!" - verführte ihn nicht dazu, den Musterknaben zu spielen. Im Gegenteil, Franz-Josef war beim Abschreiben eine zuverlässige Stütze der Faulen und Schwachen.
Der Musterschüler Strauß war auch kein Bleichgesicht. Mit dem gleichen Ehrgeiz, der eisernen Konsequenz und der Zähigkeit, mit denen er seinen Schulpflichten oblag, stählte er seinen Körper durch Trainingsläufe, die er damals jeden Morgen vor Schulbeginn absolvierte. Einen sichtbaren sportlichen Erfolg erzielte er allerdings erst beim Radrennen.
Schon als Tertianer bewältigte er die Strecke München-Mittenwald via Kesselberg an einem Nachmittag. Er gewann auch die Wette, daß er, ohne abzusteigen, die Großglockner-Straße hinaufradeln werde. Trotzdem galt er beim Radrennen "Quer durch das bayrische Hochland" im Jahre 1934 noch als Außenseiter. Doch Primaner Strauß ging als Sieger durchs Ziel, errang den Titel "Süddeutscher Straßenmeister" und brachte seiner Mutter einen goldenen Lorbeerkranz nach Haus.
Ein Jahr war Bayerns schnellster Radler auch Bayerns bester Abiturient. Mit einem Reifezeugnis, in dem - außer einer Zwei im Turnen - lauter Einsen standen, gewann Franz-Josef Strauß den Ruhm eines Maximilianisten: Die Münchner Maximilians-Stiftung setzte alljährlich für die besten Abiturienten Bayerns ein Stipendium aus. Was der Studiosus Strauß sonst noch zum Leben brauchte, verdiente er sich mit Nachhilfestunden in Latein und Griechisch.
Straußens Studienprogramm entsprach seinem Fassungsvermögen. Er belegte Altphilologie, Geschichte, Germanistik und - "um von Staatsstellungen im Dritten Reich nicht allzu abhängig zu sein" - Volkswirtschaft. Das Referendarexamen für das höhere Lehramt bestand er mit der Qualifikation 1,10, der besten Note, die seit dem Jahre 1910 in Bayern gegeben wurde. Das Assessorexamen, das er ohne Referendarpraxis im dritten Kriegsjahr absolvierte, wurde ihm nicht schwergemacht. Note: 1,90.
Wiewohl Strauß sogar in den Protokollen seiner Partei mit dem akademischen Grad eines Doktors figuriert, so ist doch sicher, daß seine Dissertation den Grad der letzten Vollendung nie erreicht hat. Strauß hatte zwar ernsthaft Anstalten getroffen zu promovieren, wofür er sich ein nicht eben alltägliches Dissertations-Thema ausgesucht hatte: Justins Epitome der Historiae Philippicae des Trogus Pompeius. Aber der Doktorvater starb dahin, und die Doktorarbeit blieb liegen.
Die Erinnerung an solche Bemühungen um akademischen Ruhm mag in dem Atomminister Strauß aufgeklungen sein, als er gelegentlich eines Essens in der Bonner Botschaft der Niederlande die Frage des Hausherrn nach seiner beruflichen Herkunft schlicht mit "Historiker" beantwortete.
In politischen Debatten pflegt er seinen Argumenten einen überzeugenderen Klang zu geben, indem er hin und wieder die Wendung einstreut: "Ich als Historiker..."
Strauß hat ursprünglich ohne Zweifel eine Neigung für die wissenschaftliche Arbeit gehabt. Vermutlich hätte er auch an wissenschaftlichen Ehren Genugtuung und Gefallen gefunden. Seine auffallenden Leistungen in Schule und Universität verdankte er seiner eruptiven Intelligenz, seiner blitzschnellen Auffassungsgabe und seinem photographisch präzisen Gedächtnis-Talenten, die ihn auch heute noch dazu befähigen, auf Anhieb zu erfassen, was je aus der Fülle der Bonner Probleme an ihn herankommt.
Sein fast fanatischer Wissensdrang ist nicht zuletzt damit zu erklären, daß Strauß aus einer Familie kommt, in der wissenschaftliche Bildung bis dahin etwas Besonderes war, das von ihm gierig geschluckt und prompt verdaut wurde. Er hat von früh an Bücher ohne Zahl verschlungen. In der Mühle des Bonner Betriebs ist er heute noch einer der wenigen, die wenigstens die Nacht für die Buchlektüre reservieren. Sein nie versagendes Gedächtnis hält dabei das Angelesene so parat, daß er es seitenweise extemporieren kann.
Jedoch: Strauß ist trotz seines subtilen Intellekts nichts weniger als ein Intellektueller. Dazu fehlt es ihm an der interessierten Gleichgültigkeit, die freiere Geister kennzeichnet. Was immer er auch aufnimmt - bei ihm sitzt es gleich so tief, daß daraus eine Überzeugung wird. Seine äußere Erscheinung - eine bayrisch-barocke Komposition aus stiernackiger Wucht und ruheloser Geschäftigkeit - offenbart überdies, daß er von Anfang an weniger für die Distanz der forschenden Reflexion als für den Nahkampf in der politischen Arena disponiert war.
Die Entscheidung darüber, auf welchem Felde er seine Ernte einbringen sollte, wurde ihm zunächst durch den Krieg abgenommen. Als schwerer Artillerist diente Strauß am Westwall und in Frankreich das ruhmlose Pensum eines Feldsoldaten im Gliede ab. Im Februar 1942, auf der Truppenluftschutzschule, brachte er es zum Leutnant der Heeresflak.
Im Januar 1943, beim zweiten Rückzug in Rußland, widerfuhr ihm ein Mißgeschick, das ihn zwang, sich weitere Frontbewährung zu versagen: Heeresflak-Leutnant Strauß erfror sich beide Füße.
Das Verwundetenabzeichen in Schwarz, die zweite Klasse des Eisernen und des Kriegsverdienst-Kreuzes und das allgemeine Sturmabzeichen blieben die schmale Beute, die der Krieg ihm einbrachte. Dabei gehört Strauß zu jener Sorte Soldaten, denen der Anblick von Kriegsauszeichnungen auch heute noch ein besonderes Vergnügen bereitet. Besucht er Freunde, die bessere Gelegenheiten hatten, kriegerische Ehren einzuheimsen, so läßt er sich ihre Ordensschatullen zeigen. Das Panzervernichtungsabzeichen ruft bei dem Betrachter Strauß geradezu Entzücken hervor.

Reich oder System?

Soviel naive Freude an kriegerischem Gepränge liefert eine Deutung des Eifers, mit dem Strauß nach dem ersten Platz in der Bonner Ermekeilkaserne drängte. Der Krieg gab ihm keine Chance, seinen militärischen Primus-Komplex loszuwerden.
Hinzu kommt seine nationale Leidenschaft, die sich möglicherweise abgenutzt hätte, wenn Strauß an der Spitze einer schrumpfenden Schützenkompanie vom Bug bis an die Wolga und wieder zurück gerobbt wäre. Jedenfalls ist der Erlebnismangel im Kriege bei Strauß zu einer Art Trauma geworden: Es treibt ihn, heute nachzuholen, was er damals versäumt hat.
Auch aus der Ich-Diktion seiner Tagesbefehle spricht seine Anfälligkeit für den Zauber des Militärischen: "Als Euer oberster Vorgesetzter verlange ich..." Oder: "..weiß ich mich mit allen unter meinem Befehl stehenden Soldaten der Bundeswehr einig".
Um viele Grade gefährlicher jedoch ist die nach Pulver durstende Rhetorik jener Rede, die er am 11. November vorigen Jahres - die Ungarn-Krise war auf ihrem Höhepunkt - in der fränkischen Kleinstadt Hollfeld hielt und in der er sich zu einem absonderlichen deklamatorischen Kraftakt aufschwang: Das Sowjet-Reich, tönte Strauß martialisch, werde von der Landkarte verschwinden. Nachdem der Knall dieses Rohrkrepierers aus der bayrischen Provinz in die weite Welt gedrungen war, schaltete Strauß gewohnheitsmäßig aufs Dementieren um - eine Methode, die er durch reichliche Übung bis zur Perfektion entwickelt hat. Nicht das Sowjet-Reich, sondern das Sowjet-System würde im Kriegsfall vernichtet werden, wollte Strauß hinterher nur gesagt haben. Im intimen Kreis gab er schließlich zu, daß ihm tatsächlich der Lapsus "Reich" unterlaufen sei.
Dieser Versprecher - eine Freudsche Fehlleistung par excellence - kam aus der Tiefe des unerfüllten Kriegers Strauß. Bei einem Bargespräch, das er nach der Rede und nach dem Dementi der Rede führte, platzte es aus ihm heraus: "Das ist doch 'ne Schweinerei, daß die Amerikaner nicht in Ungarn eingegriffen haben. Die hätten da doch einmarschieren müssen."
In der Zeit allerdings, in der es politisch noch opportun zu sein schien, als Pazifist zu gelten, hatte Strauß seine seltsame Vorliebe für das militärische Gehabe zu unterdrücken vermocht. Im Wahlkampf für den ersten Bundestag drohte er: "Wer noch einmal ein Gewehr in die Hand nehmen will, dem soll die Hand abfallen."
Abseits der Öffentlichkeit baute er dagegen schon frühzeitig vor. Zu einem Freundesgespräch über das Thema Kriegsdienstverweigerer, Sommer 1949 in München, steuerte er lediglich den knappen Hinweis bei: "Wartet's nur zwei Jahre." Und im November 1949, in Holzminden an der Weser, beriet er mit deutschen Militärs über den Aufbau einer neuen deutschen Wehrmacht.
Im April 1950 ein Rückfall: "Wir sind nicht bereit, mit unserem Blute die Grenze zu verteidigen, die die Dummheit der anderen geschaffen hat."
Heute posiert Strauß bisweilen noch mit dem schönen Bekenntnis: "Ich bin im Grunde meiner Seele ein Zivilist." Glaubhafter wirkt er, wenn er sich sogar vor Damen viele Stunden über den neuesten Stand der Raketen-Entwicklung und des Panzerkrieges verbreitet.
In der zweiten Hälfte des Krieges, als selbst verwegenen Naturen die Lust an der Soldatenspielerei ausgetrieben wurde, saß Strauß fern der großen Heerstraßen als Adjutant, Stabskompanie-Chef und Ausbildungsoffizier zwischen den Aktenschränken der Lehrgruppe Heer in der Luftwaffen-Flakschule IV in Schongau (Allgäu).
In dieser dreifachen Heimatstellung war er bis zum letzten Kriegstag unabkömmlich. Dies, obgleich der frostversehrte Oberleutnant Strauß mittlerweile wieder gut zu Fuß und von den Tauglichkeitsstufen "g. v. Heimat-" und "g. v. Feld" zum vollwertigen "k.v."-Krieger aufgerückt war.
Die Kunst des Übergangs vom Krieg zum Frieden wurde von der Schongauer Flakschule beispielhaft demonstriert. Die amerikanischen Panzer rollten erst am 27. April 1945 von Landsberg gegen Schongau vor. Die Kanoniere der Flakschule waren schon am 23. April in den Sachsenrieder Forst gerückt, wo vorsorglich Verpflegung, nicht aber Munition deponiert worden war. Die Flakhelferinnen wurden auf die Bauernhöfe der Nachbardörfer geschickt. Kanoniere und Helferinnen waren zu diesem Zeitpunkt bereits mit Entlassungsscheinen für die Zukunft versorgt.
In Schongau gab es aber noch sowjetische Kriegsgefangene und gepreßte Ostarbeiter, gegen die man sich auch sichern mußte. Eine "Alarmbatterie" besetzte zu diesem Zweck die Brennpunkte des Kreisstädtchens. Das Kommando trug Karabiner, Stahlhelm und Uniform, statt der Rangabzeichen aber Armbinden, die deutlich machen sollten, daß aus den Soldaten Polizisten geworden waren. Auch diese "Alarmbatterie" war vorsorglich mit Entlassungsscheinen ausgerüstet.
Schließlich war da außer den Amerikanern und den Russen auch noch der innere Feind, den die Erfinder des unauffälligen Kriegsendes nicht übersahen: junge Leutnante, die angeblich immer noch unter dem Einfluß des den Endsieg sichernden HJ-Geistes standen.
Oberleutnant (K) außer Diensten Strauß erzählte später, man habe den NS-verdächtigen Leutnant Grawietz samt einigen unentwegten Wachtmeistern als Spähtrupp gegen die Amerikaner geschickt. Leutnant Grawietz ist bei diesem Gang gefallen, zwei Wachtmeister wurden verwundet.
Die Amerikaner eroberten eine leere Flak-Kaserne. Die Flaksoldaten, die in ihrem Waldreduite auf den rechten Zeitpunkt gewartet hatten, um sich lautlos vom Feinde und von der deutschen Feldgendarmerie zu lösen, gingen nach Hause. Strauß sagt heute, nur jeder vierte Kanonier habe einen Karabiner gehabt. Die Wachtmeister dagegen, die unter dem Adjutanten Strauß Stabsdienste versahen, können sich heute noch genau daran erinnern, daß Geschütze der Kaliber 8,8-, 3,7- und 2-Zentimeter vorhanden gewesen seien. Daß die Flakschule dennoch die ihr anbefohlene "Verteidigungslinie Lech" nicht besetzte, lag - sagen die Wachtmeister - an der "Desorganisation".
Neun Jahre danach - 1954 - wurde jene Schongauer Lösung diskussionsreif. Das geschah, als der Flak-Oberleutnant und Sonderminister Strauß mit dem Flak-Oberleutnant und "08/15"-Autor Kirst über Kreuz geriet. Strauß war von seinem Kanzler beauftragt worden, den Delegierten des Verbandes Deutscher Soldaten im Bonner Bürgerverein einige aufmunternde Worte zu sagen. Er erledigte dieses Dienstgeschäft mit gewohntem Schwung. Während er beiläufig Kirstens Roman "08/15" erwähnte, brodelte es in der Versammlung. Der Routinier Strauß nutzte die Gelegenheit. Aus dem "Buch" wurde alsbald das "Pamphlet". Donnernder Applaus.
Als sich Strauß schließlich auch noch als intimer Kenner der politischen und militärischen Vergangenheit des Autors Kirst ausgab, war sein Erfolg - und der des "08/15"-Romans - vollkommen. Im weiteren Verlauf des Hausstreits zwischen den beiden Flak-Oberleutnanten zeichnete Strauß den Kirst, der die letzten Kriegstage neben Strauß auf der Flakschule Schongau verbracht hatte, als fanatischen Nazi.
Kirst stellte Strafantrag gegen Strauß: Verleumdung. Die beiden Waffenbrüder verglichen sich. Strauß nahm einige seiner Behauptungen und Kirst nahm seinen Strafantrag zurück. Strauß verpflichtete sich, künftig nichts mehr gegen Kirst vorzubringen. Er hat sich bis heute an diesen Vertrag gehalten.
Wie das mit Fleiß und Geschick gehandhabte Dementier-Verfahren, so ist auch der außergerichtliche Vergleich eines der taktischen Mittel, auf die der Politiker Strauß immer wieder zurückgreift. Festgefahrene und peinliche Kontroversen pflegt er sich mit solchen Hilfen vom Halse zu schaffen.
Eine Spitzenleistung bot er in der Auseinandersetzung mit seinem Schongauer Lokalrivalen von der Bayern-Partei, dem Landtagsabgeordneten Klotz. Fünf Strafverfahren hatten diese beiden streitbaren Bayern gegeneinander in Gang gebracht. Alle fünf Verfahren wurden durch einen einzigen Vergleich, den Strauß vorgeschlagen hatte, unter den Tisch gedrückt.
Kleinere Differenzen reguliert Strauß mit seinem bayrischen Naturcharme, der die politischen Widersacher selbst faustdicke Sottisen schnell vergessen läßt. Sagen die Schongauer SPD-Funktionäre: "Mit dem Strauß läßt sich reden; des is scho a Pfundsbursch. Da kannst politisch diskutieren und nachher saufst dei' Maß mit eahm z'sammen, und er tragt nix nach." In der Tat, der Politiker Strauß, dessen volksrednerisches Temperament weder vor Grobheiten noch vor plattesten Trivialitäten zurückscheut, muß aus seinen bayrischen Wurzeln verstanden, vor dem Hintergrund der farbigen politischen Szene Bayerns gesehen werden.

Das ist Schwindel, das gilt nicht

Den Beginn seiner politischen Laufbahn kann man rückschauend auf den Tag fixieren, an dem der Leutnant Strauß im Frühjahr 1944 den Entschluß faßte, in den dienstfreien Stunden sein Englisch aufzupolieren. Damit schuf er die erste Voraussetzung dafür, daß er nach dem Einmarsch der amerikanischen Sieger auf der Höhe der Situation bleiben konnte.
Am Nachmittag des 27. April 1945, als der Krieg in Schongau zu Ende ging, klopfte Strauß beim Pfarrer Lory in Schwabniederhofen an, einen Kilometer von der Flakschule entfernt. Der Pfarrer richtete dem Flüchtling auf seinem grünen Plüschsofa eine Bettstatt.
Am nächsten Morgen fahndeten die Amerikaner in dem Dorf nach deutschen Soldaten, die sich vor der Bürgermeisterei zur Kontrolle einfinden mußten. Dabei zeigte sich, daß der Heeresflak-Adjutant Strauß sorgsamer vorgegangen war als der Luftwaffenflak-Kommandeur Kretschmann. Dieser Kretschmann hatte seinen Kanonieren von der Luftwaffenflak provisorische Entlassungsscheine in die Hand gedruckt, die wie Urlaubsscheine aussahen und von den Amerikanern nicht anerkannt wurden. Straußens Idee dagegen war es gewesen, den Soldaten der Heeresflak einen Entlassungsvermerk ins Soldbuch einzutragen.
Die Kanoniere mit Kretschmanns Entlassungsschein kamen ins Gefangenlager, die Kanoniere mit Straußens perfektem Vermerk im Soldbuch waren frei.
Strauß selber aber machte einen Fehler. Er ging mit Ziviljacke, Offiziers-Keilhose und Bergstiefeln auf der Vormarschstraße der Amerikaner spazieren. Dort begegnete ihm ein Jeep, in dem ein Pole und zwei Tschechen saßen, alle drei in amerikanischen Diensten.
Straußens kräftige Statur und sein halbmilitärischer Aufzug machten die Alliierten stutzig. Die drei im Jeep begehrten die Papiere des Spaziergängers. Strauß zückte sein Soldbuch und zeigte auf den Entlassungsvermerk, Datum: 20. April 1945. Der polnische US-Soldat traf die Wahrheit: "Das ist Schwindel, das gilt nicht. Das haben Sie selber geschrieben." Strauß wurde in den Jeep gebeten, sein Spaziergang endete in der wohlbekannten Flakschule Schongau.
Die Amerikaner begannen im Landkreis Schongau zu regieren. Das ging nicht ohne Deutsche, nicht ohne Dolmetscher. Kriegsgefangener Strauß assistierte dem amerikanischen Kommandanten. Als deutsche Spitze fungierte der von den Amerikanern zum kommissarischen Landrat bestellte Amtmann außer Diensten Xaver Bauer, ein alter Bayrischer Volksparteiler. Was zwischen dem amerikanischen Kommandanten und dem bayrischen Landrat zu besprechen war, ging über Strauß, der sich dabei so anstellig zeigte, daß die Amerikaner ihn im Landratsamt Schongau nicht mehr missen mochten.
Es war Anfang Juni 1945, als es den dolmetschenden Kriegsgefangenen Strauß nach München heimverlangte, wo er endlich das höhere Lehramt auszuüben gedachte, für das er schon am 1. April 1943 - ohne eine einzige Stunde Unterricht gegeben zu haben - zum Studienrat bestallt worden war. Der amerikanische Kommandant in Schongau, Major Rivinius, stellte die Weichen in eine andere Richtung: "Das geht nicht, Herr Strauß, Sie sprechen ein so ausgezeichnetes Englisch, wir brauchen Sie hier."
Der sprachkundige Strauß avancierte alsbald zum stellvertretenden Landrat und - im Frühjahr 1946 nach der ersten Kreistagswahl - zum Landrat. Seit dieser Zeit fungiert die Tochter seines Vorgängers auf dem Schongauer Landratsstuhl, Ermelinde Bauer, als seine Sekretärin, über alle Stationen seiner Karriere hinweg bis in die Ermekeilkaserne.
Schon vor seiner Wahl zum Landrat hatte Strauß damit begonnen, Offiziere und Unteroffiziere der Flakschule ins Landratsamt zu holen. Da die frühere Amtsbelegschaft ziemlich einheitlich NS-belastet war, schlossen die Flaksoldaten gleichsam als demokratische Führerreserve die durch die Entnazifizierung gerissenen Lücken - zumal sich die alte Waffenkameradschaft vorzüglich bei den Säuberungsverfahren bewährte, die in Schongau von einem Spruchausschuß veranstaltet wurden. Den Flaksoldaten, die sich gegenseitig Widerstands-Verdienste bescheinigten, wurde fast ausnahmslos das demokratische Unbedenklichkeits-Zeugnis zuerkannt.
Auf die Tätigkeit, die der Landrat Strauß als geschäftsführender Vorsitzender jenes Spruchausschusses entfaltet hatte, spielte der SPD-Abgeordnete Behrisch an, als er am 25. Februar 1955 vor dem Deutschen Bundestag tönte:
"Wenn der Herr Spruchkammervorsitzende Strauß, der die kleinen Pgs gepiesackt
Lebhafter Widerspruch bei der CDU/CSU
und von Nazismus und Militarismus gereinigt hat, in Hof als Propagandaredner für Aufrüstung auftritt, dann möchte ich Ihnen eines sagen:
Zuruf von der Mitte: Das ist keine persönliche Erklärung!
Sie machen uns den Vorwurf, wir seien vom Parlament auf die Straße gegangen. Herr Strauß ging von der Straße in die Gosse!"
Beifall bei der SPD - Zurufe CDU/CSU.
Strauß parierte diesen Hieb so:
"Der Minister für politische Befreiung in Bayern hat mir mit Datum vom 20. April 1954 folgende amtliche Bestätigung ausgestellt:
'Herr Bundesminister Franz-Josef Strauß war in Bayern nie Vorsitzender einer Spruchkammer oder Berufungskammer, er war auch nie öffentlicher Kläger.'
Hört! Hört! bei den Regierungsparteien.
Er fährt weiter:
'Es fehlen auch alle Anhaltspunkte dafür, daß er als Beisitzer bei einer Spruch- oder Berufungskammer eingesetzt war.'
Erneute Rufe: Hört! Hört! bei den Regierungsparteien.
Da Sie, meine Damen und Herren von der SPD, alles schwarz auf weiß haben wollen: Hier ist die amtliche Bestätigung mit Dienstsiegel des bayrischen Ministers für politische Befreiung!"
Sehr gut! und Heiterkeit in der Mitte.
Dieser Brief des Befreiungsministers, dessen sorgfältig durchdachter Wortlaut offensichtlich von Strauß so bestellt worden war, enthält keinen objektiv falschen Satz. Über den Sachverhalt allerdings, den SPD-Behrisch apostrophiert hatte, steht in dem Brief kein Wort. Denn Strauß hatte tatsächlich nicht als Spruchkammer-, sondern eben als Spruchausschuß-Vorsitzender entnazifiziert, und zwar zu einer Zeit, als Spruchkammern noch gar nicht existierten.
Dem Ruf des Politikers Strauß hat das Entnazifizierungsgeschäft nicht geschadet. Auch der Umstand, daß unter der Ägide des damals pistolenbewehrten Strauß auf zeitübliche Weise requiriert und organisiert wurde, bildete für den politischen Start des kommissarischen Landrats und zweckentfremdeten Studienrats kein Hindernis. Die Fundamente seiner politischen Existenz stehen in Schongau bis heute unerschüttert.
Es ist sicher, daß bis zu dem Tage, an dem Franz-Josef Strauß das Landratsamt in Schongau okkupierte, in seinem Lebensbild kaum politisches Interesse, geschweige denn politische Konturen zu erkennen sind. Die Erziehung im kompromißlos frommen, konservativ eingestellten Elternhaus, der Einfluß der Gymnasiallehrer, die in Alfred Hugenbergs Deutschnationaler Volkspartei und in Fritz Schäffers Bayrischer Volkspartei politisch beheimatet waren, die Klammer der Kirche - dies alles bewahrte den jungen Strauß davor, sich bei Hitler zu engagieren*.
Die Distanz zu den Nationalsozialisten ging aber nicht aus einem klaren politischen Bewußtsein hervor; sie äußerte sich auch nicht in politischer Aktivität. Strauß gehörte noch nicht einmal zur katholischen Jugendbewegung, bei der seine gleichaltrigen Parteifreunde von heute damals anzutreffen waren.
Diese politische Reserve gab Strauß erst im Juni 1945 auf. Seine einzige Schwester Maria umschreibt den Wandel, der sich so plötzlich vollzog mit dem Satz: "Mein Bruder ist nach dem Krieg nicht mehr zu uns heimgekommen." Die Schongauer Kreisräte dagegen, die sich schon in Weimarer Zeiten kommunalpolitische Sporen verdient hatten, konnten dem Neuling Strauß, den sie anfangs für einen "schwarzen Kommunisten" hielten, schon nach wenigen Wochen ihren Respekt nicht versagen: "Sie spielen ganz flott auf dem Klavier." Worauf Strauß stolz zurückgab: "Ich hab' die demokratischen Spielregeln schon gelernt."
Der Landrat Strauß schloß sich jener Partei an, die in Schongau von seinem Amtsvorgänger Xaver Bauer gegründet worden war, der Christlich-Sozialen Union. Daß diese Sammelpartei nicht nur das Erbe der Bayrischen Volkspartei antreten, sondern auch die evangelischen Bayern gewinnen müsse, hatte sich ihr Gründer und erster Chef, Dr. Josef ("Ochsensepp") Müller, ausgedacht.
Als Josef Müller - am 31. März 1946 in Bamberg - vom Landesausschuß der Partei zum vorläufigen Vorsitzenden gewählt wurde, bestand Franz-Josef Strauß seine Feuerprobe vor diesem Spitzenkollegium der CSU. Die Flügelkämpfe, die jahrelang die Geschlossenheit der Union bedrohen sollten, wurden bereits in Bamberg sichtbar. Gegen das Sammlungsprojekt des Ochsensepp trat Alois Hundhammer mit einem mehr wittelsbachschen Lösungsvorschlag auf, während Fritz Schäffer die neue Partei unter dem Namen "Bayrischer Volksbund" zu einer Nachfolgeorganisation der Bayrischen Volkspartei einengen wollte. Josef Müller mahnte: "Unsere Not ist so groß, daß wir uns nicht wieder in kleine Gruppen aufsplittern dürfen. Die Zeit für solche kleinkarierten Späße ist vorbei."
Müller hatte einen Trupp junger Parteigänger nach Bamberg dirigiert, die sein modernes Konzept gegen den Widerstand der querköpfigen alten Garde durchsetzen sollten. Ihr lautester und geschicktester Sprecher war Franz-Josef Strauß, der sich als Exponent der "Frontgeneration" präsentierte. "Wir Jungen haben kein Verständnis dafür, daß diese historischen Unterschiede aufrechterhalten werden sollen. Wir erwarten, daß die Sammlungsidee unserer Partei nicht angetastet wird", dröhnte Strauß in den Saal.
Müller half seinem redegewandten Gefolgsmann nach Kräften. Er lancierte ihn ins bayrische Kultusministerium, später ins Innenministerium. Das Referat für Jugendpflege, das für den jungen Ministerialbeamten eingerichtet wurde, konnte nach bayrischem Brauch nur von einem Oberregierungsrat geleitet werden. Prompt wurden dem Studienrat Strauß per Ministerialerlaß der Titel eines Oberregierungsrats, aber nur die Bezüge eines Regierungsrats bewilligt. In die Besoldungsgruppe der Oberregierungsräte kletterte er erst im Sommer 1953, als er sich nach dem Ende der ersten Legislaturperiode des Bundestages aus dem Bonner Wartestand im Münchner Innenministerium zurückmeldete.
Ungeachtet seiner Ministerialdienste in München amtierte Strauß gleichzeitig auch als Landrat in Schongau. Seine Kapazität war mit dieser doppelten Ratsposition noch nicht erschöpft. Er fand sogar Muße für den arbeitsreichen Posten des CSU-Generalsekretärs, auf den der Ochsensepp ihn holte, damit er den renitenten Partei-Bezirksverband Oberbayern und dessen aufsässige Vorsitzende Hundhammer und Schäffer an die Parteileine nehmen konnte.
Schließlich nutzte Strauß seine Stunde, als im Februar 1948 ein Platz im Frankfurter Wirtschaftsrat frei wurde. Zu seinen drei Sesseln in Bayern kam der erste Klappstuhl in der Bundespolitik. Sein Wille zur Macht überstieg dabei kaum sein Leistungsvermögen.
In der Tat, Strauß verdankt seinen Aufstieg in Staat, Partei und an die Spitze der Wehrmacht nicht nur dem Ochsensepp. Was ihm die Anerkennung und Anhänglichkeit seiner Parteifreunde einbrachte, waren sein ungestümer Fleiß und seine Courage. Er verbrauchte sich nicht in den ätherischen Diskussionen der CSU-Spitze um Josef Müller. Er stieg in den Schützengraben der Partei. Seinen robusten Nerven ist es zuzuschreiben, daß der gemeinhin zermürbende Streit in der Drecklinie der Politik ihm nichts anhaben konnte.
Strauß schuftet auch heute noch wie ein Pferd in den Sielen seiner Ämter. Kein Dorf, keine Versammlung ist ihm für seine rhetorischen Anstrengungen zu klein. Seine bullige Vitalität bewahrt ihn davor, bei seinem verbissenen Dranbleiben auch nur einen einzigen Tag im Sanatoriumsbett zu verlieren - wenngleich auch sein typischer Zweifinger-Druck in den rechten Oberbauch Gastritis-Symptome offenbart.
Ein Mann mit dieser Durchschlagskraft mußte eines Tages "das Schwert der CSU" werden. Seine Fraktionskollegen der CSU-Landesgruppe in Bonn bestätigten mit seiner Wahl zum Chef dieser Landesgruppe lediglich seine unbestrittene Machtposition. Auch das Fußvolk der Partei in der bayrischen Provinz akzeptierte ihn als Führer.
Trotzdem ist ihm der Griff nach der Krone des obersten Parteichefs zweimal mißlungen. Im Juli 1952 tagte die CSU-Landesversammlung in Bamberg, um den Parteivorsitzenden neuzuwählen. Bayerns Ministerpräsident Dr. Hans Ehard, der den Ochsensepp Müller im Mai 1949 an der Parteispitze abgelöst hatte, kandidierte aufs neue. Strauß stellte sich ihm entgegen. Er schickte seinen persönlichen Anhang, die junge Mannschaft der CSU, ins Feuer. Einer nach dem anderen stieg auf die Tribüne, prangerte Erhards Unfähigkeit an und rief nach dem "dynamischen" Strauß.
Kommentiert Strauß heute: "Das war gemeint als ernster Schuß vor den Bug der langweiligen Parteiführung."
Indes, damals hatte Strauß mit seinem Spürsinn für politische Reaktionen rasch seine Aussichten ausgerechnet: Auf die Ökonomen des platten Landes, die alten katholischen Gewerkschaftler und die evangelischen Franken konnte er nicht zählen. Zudem beherrschte ein sentimentales Dankesgefühl für den maßvollen Ehard, der die Partei aus ihren Flügelkämpfen herausgeführt hatte, die Stimmung der Delegierten. Realist Strauß sah ein, daß die Partie für ihn verloren war, ehe sie noch ausgetragen wurde.
Strauß ging mit Ehard auf eine Tasse Kaffee hinaus. Nach der Rückkehr in den Saal verblüffte er seine Anhängerschaft mit dem jähen Bekenntnis, es sei ihm nie in den Sinn gekommen, gegen Hans Ehard zu kämpfen. Heute sagt Strauß: "Ich hätt's gemacht, wenn ich gewählt worden wär!"
Bei seinem zweiten Versuch, den Parteivorsitz zu erobern, trat Strauß gegen Dr. Hanns Seidel an. Da gab die bayrische Landtagsfraktion der Partei den Ausschlag gegen Strauß. Nachdem diese Fraktion die Chance verspielt hatte, ihr Abonnement als bayrische Regierungspartei nach der Landtagswahl am 28. November 1954 zu erneuern, hatten sich die Münchner von den Bonner CSU-Leuten bittere Vorwürfe anhören müssen. Sie rächten sich für solche Kränkungen, indem sie am 23. Januar 1955 bei der Neuwahl des Vorsitzenden den Münchner Wirtschaftsjuristen Seidel dem Bonner Sonderminister Strauß vorzogen.
Zum Sonderminister im Bonner Kabinett war Franz-Josef Strauß aufgestiegen, nachdem die CSU durch die Bundestagswahl 1953 drittstärkste Gruppe - nach CDU und SPD, noch vor der FDP - im Deutschen Bundestag geworden war. Diesen einmaligen Wahltriumph erklärte das Münchner Büro der Partei so: "Diesmal, wenn wir in manchen Wahlkreisen an' Strohwisch aufg'stellt hätten als Kandidat, na hätten's den a g'wählt. Bloß schwarz hätt' er halt sein müssen."
Trotz mancher Respektlosigkeit gegen den greisen Kanzler hatte Strauß bei Konrad Adenauer schon seit dem Februar 1952 einen Stein im Brett. Damals, in der EVG-Schlacht des Bundestages, war Strauß es, der die Regierungskoalition mit rhetorischen Keulenschlägen aus ihrer phantasielosen Defensivstellung heraushieb, womit seine Naturburschen-Dialektik auch im Parlament hoffähig wurde. Strauß half dem Kanzler, der die konzeptionsloseste Rede seiner Laufbahn gehalten hatte, mit so wirkungsvollen Plattheiten, wie:
"So gern ich auch die beiden mitsammen sprechen sehe
Zurufe von der SPD
- allmählich lerne auch ich politische Vernunft, Kollege Schoettle-,
Heiterkeit
so gern ich auch die beiden mitsammen sprechen sehe, so möchte ich doch Herrn Dr. Adenauer und Herrn Dr. Schumacher nicht gern hinter Stacheldraht im Ural sich darüber unterhalten sehen, was sie im Frühjahr 1952 hätten tun sollen!
Stürmischer Beifall bei den Regierungsparteien - Abgeordneter Dr. Wuermeling: Ausgezeichnet! Lebhafte Zurufe links.
Gehn's, ich würde ihre Aufregung dann viel ernster nehmen,..."
Zurufe links: Wo Ist denn hier der Aufgeregte?
Kanzler Konrad Adenauer verließ seinen Sitz auf der Regierungsempore und schüttelte seinem bayrischen Nothelfer minutenlang die Hand.
Oppositionsführer Kurt Schumacher kommentierte knapp: "Das dröhnende Nichts."
Von Stund an war Strauß die Feuerwehr der Regierungskoalition, sobald im Bundestag Militärpolitik auf der Tagesordnung stand. Von Stund an stand fest, daß hier ein potentieller Verteidigungsminister gesprochen hatte. Theodor Blank hatte dieses Ressort inne, als die Opposition im Juli 1955 eine Debatte über die makabren Resultate des alliierten Luftmanövers "Carte blanche" erzwang. Dennoch war es nicht Blank, sondern Strauß, den der Kanzler in den Ring schob.
Zum Militärischen zog es Strauß nicht nur von Gefühls wegen. Seit sich die westdeutsche Wiederbewaffnung in ersten schwachen Umrissen abzeichnete, war er sich darüber im klaren, daß die Militärpolitik Sprossen hat, auf denen er an die Macht turnen könnte. Er als einziger hatte den Vorteil, über eine geschlossene Hausmacht zu verfügen, über die bayrische CSU, die sich auf den persönlichen Kletter-Kurs ihres Herzogs einschwören ließ.
Schon im Juni 1951 plädierte Strauß für ein "stehendes Heer aus allen Schichten". Im Juli 1952 ließ er sich zum Vorsitzenden des Bundestags-Ausschusses für Fragen der europäischen Sicherheit wählen. Daß sein Fraktionskollege Jaeger zu seinem Nachfolger in diesem Amt gekürt wurde, zeigt Straußens Voraussicht: Mit dieser Wahl sollte auch für die Zukunft der Nervenkrieg gesichert werden, mit dem der Ausschuß-Vorsitzende Strauß dem Sicherheitskommissar Blank das Leben schwergemacht und das Sterben erleichtert hatte. Kumpel Jaeger führte die Übung fort, nachdem Strauß, inzwischen Sonderminister, den Ausschuß-Vorsitz niedergelegt hatte. Auch kleine CSU-Funktionäre wurden in den Nervenkrieg gegen Theo Blank eingespannt.
Welche Kaliber in dieser Zermürbungs-Kampagne abgefeuert wurden, war daran zu erkennen, daß Strauß durchreisenden ausländischen Journalisten in Bonn schon 1952 einredete, Blank sei ein schwerkranker Mann, der nicht mehr viel Zeit habe.
Als im Herbst 1953 das zweite Kabinett Adenauer gebildet wurde, sicherte sich Strauß einen Platz in der Regierung, in die Blank erst anderthalb Jahre später als Minister eintreten durfte.
Kanzler Adenauer hatte sich redlich bemüht, den CSU-Herzog von seinem Kriegsminister-Traum abzulenken. Der alte Mann wollte für den jugendfrischen Bajuwaren - der mittlerweile so stark war, daß man ihn nicht mehr übersehen konnte - zunächst sogar ein Familien- und Jugend-Ministerium installieren. Junggeselle Strauß dankte: "Das entspricht nicht meinem Familienstand."
Nun riskierte der Kanzler immerhin ein vollwertiges Ressort als Köder: das Verkehrsministerium. Strauß durchschaute Adenauers Absichten: "Den Verkehr will er mir nur deshalb geben, damit ich keine Zeit mehr für Verteidigungsfragen finde." Er lehnte ab und nahm ein unfruchtbares "Sonderministerium", wobei er dem Kanzler aber das Versprechen abkaufte, daß er, Strauß, früher oder später ein zweites Verteidigungsressort bekommen werde.
Straußens ausgewachsenes Selbstbewußtsein erlitt durch die Betrauung mit diesem Schmalspur-Ministerium keine Einbuße. Im Gegensatz zu den drei anderen Kabinettskollegen, die gleich ihm Minister ohne besondere Aufgaben geworden waren, setzte er sich in die erste Reihe der Regierungsbank, dorthin, wo bis dahin nur für die Chefs der klassischen Ressorts Platz gewesen war. Die drei anderen hingen vom Kanzler ab, er aber vertrat das Land Bayern.
CSU-Strauß war bei dieser Kabinettsbildung sogar so stark, daß er den vierten Kabinettsposten, den die Christsozialen für sich ausgehandelt hatten, einem Mann zuschanzen konnte, dessen politische Verdienste nur ihm selber, Strauß, klar waren: Dr.-Ing. Siegfried Balke, dem Vorstandsmitglied der Wacker-Chemiewerke in München und Vorsitzenden der "Volkswirtschaftlichen Gesellschaft Bayern e.V.". In dieser letzten Eigenschaft hatte sich Balke um die Finanzierung des CSU-Wahlkampfes 1953 verdient gemacht. Abgesehen davon ist es die "Volkswirtschaftliche Gesellschaft" des Dr.-Ing. Balke, die dem Politiker Franz-Josef Strauß seit 1952 allmonatlich die ansehnliche Summe von 5000 Mark anweist.
Das freundschaftlich enge Einvernehmen zwischen Strauß und Balke bewährte sich auch, als Strauß sein entscheidendes Zwischenziel erreichte und dem erlösenden Ruf seines Kanzlers in die Ermekeilkaserne folgte. Ins Atomministerium, dem Strauß vom Oktober 1955 an präsidiert hatte, placierte er bei seinem Wechsel ins Verteidigungsministerium den Parteifreund und Kassenwart Balke als Statthalter - ein Verfahren, das er vorher schon auf dem Landratsamt in Schongau und mit dem Fraktionskollegen Jaeger im Verteidigungs-Ausschuß erprobt hatte.
Ins Verteidigungsministerium hatte sich Strauß mit der Unbeirrbarkeit eines Sturmgeschützes hineingeschossen und hineingewalzt. Er war eben Sonderminister geworden, als er den mißtrauisch zögernden Kanzler auch schon mit Wehr- und Waffendenkschriften bombardierte. Aus diesen Memoranden mußte der Eindruck entstehen, als ob der Erfinder der "Heimatverteidigung" Franz-Josef Strauß hieße. Diesem rührigen Wehrprätendenten schwebte damals sogar vor, für den Heimat-Sektor der Gesamtverteidigung ein eigenes Kabinettressort zu schaffen, dem nur er allein hätte vorstehen können.
In diesem Zusammenhang brachte Strauß denn auch das Projekt eines Bundesverteidigungsrats aufs Tapet, in dem alle Minister sitzen sollten, die mit Fragen der Landesverteidigung befaßt sind. Nachdem er sich als Schöpfer dieses Verteidigungsrats hervorgetan hatte, erfüllten sich seine Erwartungen, in diesem Kollegium die erste Geige spielen zu können. Vorsitzender des Rates wurde der Kanzler, den stellvertretenden Vorsitz teilten sich der sogenannte Vizekanzler Blücher und der Sonderminister Strauß, so daß der Machtergreifung des Strauß in diesem Apparat kein ernstliches Hindernis mehr im Wege stand.
Der Verteidigungsminister Blank dagegen, dem die führende Rolle im Verteidigungsrat hätte zufallen müssen, wurde mit einem Stuhl im Ratsparkett abgefunden. Derart deplaciert, hatte Theo Blank mehr und mehr mit seinen eigenen Verfolgungsängsten zu kämpfen, die von Franz-Josef Strauß methodisch genährt wurden.
Einen Höhepunkt erreichte dieser gnadenlose Konkurrenzkampf, als Blank dem Verteidigungsrat den Entwurf für das Organisationsgesetz seines Ministeriums vorlegte. Der erste Paragraph des Entwurfs lautete: "Das Bundesministerium für Verteidigung plant die Landesverteidigung." Rivale Strauß setzte durch, daß diese Generalvollmacht durch den engeren Begriff "militärische Landes-Verteidigung" eingeschränkt wurde. Sein Reservat "Heimatverteidigung" blieb dem Sonderminister Strauß sicher.
Schließlich, im letzten Frühjahr auf dem Stuttgarter CDU-Parteitag, trat Franz-Josef Strauß, assistiert von seiner hilfswilligen CSU-Hausmacht, zum Großangriff auf Theo Blanks Stuhl an. Heute schwächt Strauß ab: "Ich hab' in Stuttgart 'ne kurze Parteitagsrede gehalten mit so'n paar Pflaumen. Aber als Adenauer dann schließlich ein kategorisches Nein dazu sagte, das Verteidigungsministerium noch vor den Neuwahlen umzubesetzen, da hab' ich nichts mehr weiter unternommen."
In Stuttgart wurde mit dem Hamburger Wochenblatt "Die Zeit" ein Artikel verabredet, mit dem sich Strauß von Blanks altbackenem Wehrpflichtplan distanzierte: "Man sollte nicht um der Erfüllung einer Zahl willen Streitkräfte aufstellen, die (modernen) Anforderungen nicht entsprechen." Strauß ersetzte den heruntergewirtschafteten Begriff "klassische Wehrpflicht" durch die magischen Formeln "Qualitätsarmee" und "Bundesschutzpflicht". Der politische Zauber, den diese beiden durchaus unverbindlichen Wortbildungen ausstrahlen, offenbarte die unterschiedlichen Verkaufstalente der Ressort-Konkurrenten Strauß und Blank. Strauß hatte darauf spekuliert, daß eine Wortverbindung, in der "Qualität" vorkommt, in Deutschland kaum ihre Wirkung verfehlen könnte. Der Kalkül ging auf.
Der "Zeit"-Artikel von Strauß erschien in einem Moment, in dem Blank nervös und verbittert um sein 500 000-Mann-Projekt und seine Wehrpflichtvorlage kämpfte. Strauß sammelte indessen Pressekommentare, in denen Blanks Pläne kritisiert wurden. Er meinte: "Das kann ich mal gebrauchen." Und: "Ich bin gar nicht so ehrgeizig, wie immer gesagt wird. Aber vielleicht bin ich's doch - natürlich will ich mal Verteidigungsminister werden."
Daß Strauß seinen Kanzler Adenauer mit seiner Ketzerei gegen die Wehrpflicht nicht über jedes Maß hinaus verärgerte, verdankte er höherer Gewalt. Die Umrüstungspläne des amerikanischen Admirals Radford hatten den starren Glauben des Kanzlers an die Unverletzlichkeit des überkommenen Wehrpflichtschemas erschüttert. In seinem Kummer über die wetterwendischen Amerikaner fand Konrad Adenauer Trost bei Franz-Josef Strauß, der gerade mit Ehrendoktorhut aus Amerika zurückgekommen war und seinem Kanzler nun beibrachte, daß es nur darauf ankomme, die amerikanischen Umrüstungspläne schnellstens zu kopieren. Adenauer wurde aufgerichtet, Strauß wuchs mit. Er hatte den alten Herrn unmerklich weiter von Blank weggezogen.
Einen leichten Rückschlag mußte Strauß allerdings einstecken, als die Münchner und Bonner CSU-Spitze - Seidel, Strauß, Stücklen, Höcherl und Wacher - am 26. Juni ins Palais Schaumburg zog, um dem Kanzler ihre Sonderwünsche vorzutragen. Anlaß dieses Empfangs war die soundsovielte Rücktrittsdrohung des CSU-Finanzministers Schäffer. Aber rasch kam das Gespräch auf Wehrfragen. Stücklen und Wacher führten das Wort, Strauß hielt sich zurück. Der Kanzler parierte überlegen: "Nun jut, meine Herren, Sie wollen eben, dat dat der Strauß macht."
Die Antwort des Atomministers Strauß fiel schwach aus: "Das geht nicht mehr, Herr Bundeskanzler, daß Sie mir dauernd vorwerfen, ich wollte Verteidigungsminister werden. Das können Sie mir jetzt nicht mehr unterstellen. Ich bin ja jetzt richtiger Minister, ich hab' doch ein Ressort."
Seinen Freunden erzählte Strauß hinterher: "Ich hab' mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Was glauben's denn - die Scheiben haben gezittert."
Bald darauf versammelten sich die Delegierten der Jungen Union Deutschlands im Travemünder Kurhaus. CSU-Jaeger referierte über Wehrpolitik, mit scharfem Akzent gegen Blank. Dr. Zimmermann, Generalsekretär der Christlich-Sozialen Union, stellvertretender Vorsitzender der Jungen Union Deutschlands und Chefpaladin des Strauß, leitete das Unternehmen. Beschluß: Blank soll noch vor den Bundestagswahlen zurücktreten. Sagte Jaeger zu Zimmermann: "Daß meine Rede und dein Vorsitz und die Resolution bloßer Zufall sind, nimmt uns niemand ab."
Genau einen Monat nach der Travemünder Aktion wurde CSU-Chef Seidel in den Kreis der Verschwörer einbezogen. Bei einem politischen Frühschoppen im traditionsreichen Albrecht-Dürer-Zimmer des Münchner Bierlokals "Bratwurst-Glöckl" wurde abgemacht, was der CSU-Vorsitzende tags darauf vor seinem Abflug zu einem sechswöchigen Amerika-Trip vor Münchner Zeitungsleuten sagen sollte.
Seidel empfing die Journalisten in der fränkischen Torggelstube gleich neben dem Münchner Hofbräuhaus. Wie vorher schon Strauß, so zeigte sich jetzt Seidel um das Wohlbefinden Theo Blanks besorgt. Da Blank sich - sagte Seidel - im Dienste für das Vaterland verzehrt hat, wird eine neue Kandidatur Blanks für das Verteidigungsministerium nach der nächsten Bundestagswahl abgelehnt.
Zum Ende der parlamentarischen Sommerferien tagte die Bonner CSU-Landesgruppe, wie alljährlich, in Kirchheim, auf dem Schloß des Fürsten Fugger von Glött. Die Parole für die Winterarbeit des Parlaments wurde ausgegeben: Strauß an die Macht.
Schon in der ersten Arbeitswoche des Bundestages trommelte Straußens Wehrsekundant Jaeger die Bonner Presse zusammen. Er plädierte für die einjährige Dienstzeit, während sich Theo Blank immer noch krampfhaft an die achtzehn Monate klammerte.
Strauß selber ging sonderliche Wege. Er traf sich mit seinem Landsmann Kammhuber, den er als Leiter der Abteilung "Luftwaffe" ins Verteidigungsministerium vorausgeschickt hatte. Hinter dem Rücken seines Ministers klagte der Luftwaffen-Chef Theo Blanks dem Blank-Rivalen Strauß sein Leid über das Plan-Chaos in der Ermekeilkaserne. Zu diesem Zeitpunkt war freilich längst offenbar, daß Adenauers hochfliegende Wehr- und Waffenpläne nur noch Fiktionen waren. Strauß ließ sich von Kammhuber jene Argumente soufflieren, mit denen er schließlich, in einer Klausur-Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, den angeschlagenen Blank vollends überollte.
Franz-Josef Strauß attackierte:
‣ Das Rüstungstempo muß verlangsamt werden.
‣ Erst müssen ausreichend Kasernen und Ausbilder vorhanden sein, ehe die ersten Wehrpflichtigen einberufen werden können.
‣ Die Bundeswehr muß mit Atom-Waffen ausgestattet werden.
Theo Blank wehrte sich:
‣ Die Bundesrepublik muß ihre Nato-Verpflichtungen einhalten.
‣ Über den Wehrpflicht-Termin darf nicht mehr diskutiert werden.
‣ Konventionelle Waffen sind wichtiger als Atom-Waffen.
Wohin Strauß den Blank gebracht hatte, verriet der gepeinigte Verteidigungsminister mit dem wehen Satz: "Die Führung der Verteidigungspolitik bedeutet für mich mehr als ein Martyrium."
Strauß hatte andere Sorgen: "In Zukunft muß ich andere Worte gebrauchen, sonst merkt der Blank immer gleich, daß ich's vom Kammhuber habe."
Doch diese Vorsicht war überflüssig. Denn Blanks melancholisches Eingeständnis hatte inzwischen dazu beigetragen, daß sich in der CDU/CSU-Fraktion auf breiter Front die Überzeugung Bahn brach, Theo Blank müsse schleunigst von seinem "Martyrium" erlöst werden. Zudem hatte sich die Pression der Bonner CSU auf Adenauer verstärkt. Als probates Druckmittel gegen den widerstrebenden Kanzler spielten die Christsozialen die Trumpfkarte auf den Tisch: Große Koalition nach den 57er-Wahlen. Franz-Josef Strauß stand einen Meter vor dem Ziel.

"Ein saudummes Gesetz"

In diesem Augenblick kam Strauß eine Methode zugute, die ihm auf seinem Weg zum Erfolg schon oftmals Nutzen gebracht hatte. Jahrelang hatte Strauß den Adenauer-Intimus Blankenhorn heftig befehdet. Nachdem sich Blankenhorn vom Kanzler abgesetzt hatte und als Nato-Botschafter nach Paris gegangen war, begrub Strauß die alte Feindschaft, die sinnlos, wenn nicht sogar störend geworden war. Der Wert dieses Arrangements erwies sich jetzt: Blankenhorn schrieb dem Kanzler einen Brief, der dem Verteidigungsminister Blank den letzten Halt unter den Füßen wegzog. Der Nato-Botschafter berichtete dem Kanzler, daß sein Verteidigungsminister nicht mehr das Vertrauen der Nato besitze. Adenauers Wehrversprechungen hatten den verantwortlichen und allzu gehorsamen Verteidigungsminister endlich auch bei jener Institution in Mißkredit gebracht, der er bis zur Selbstaufopferung die Treue gehalten hatte.
Kalt zog der Kanzler die Konsequenzen. Seit Franz-Josef Strauß in die Ermekeilkaserne eingezogen ist, heißt die Frage, ob dieser Verteidigungsminister die Militärpolitik seines Amtsvorgängers tatsächlich von Grund auf umkrempeln wird, wie es die einen hoffen und die anderen fürchten, oder ob seine Talente nur dazu reichen werden, die alten Pläne auf ein praktikables Maß zu verkürzen.
Daß er diese alten Pläne mit einem neuen Etikett versehen und solchermaßen besser an den Mann bringen wird, steht außer Frage. Schon diese Oberflächen-Politur des Wahlkampf-Streitobjektes Bundeswehr würde Straußens Berufung an die Spitze der Wehrmacht in den Augen seines Kanzlers rechtfertigen.
Diesem propagandistischen Effekt zuliebe hat Konrad Adenauer sich denn auch mit der Last eines aufsässigen Verteidigungsministers abgefunden, der schon als Sonderminister nicht leicht an der Kandare zu halten war. Gleich in der ersten Sitzung des Verteidigungsrates, in der Strauß als Verteidigungsminister auftrat, verbat er sich, daß der Kanzler ihn in seinem Redefluß unterbreche.
Strauß: "Nun lassen Sie mich doch endlich ausreden, Herr Bundeskanzler."
Adenauer: "Na, Sie sollten von sich nicht so überzeugt sein, Herr Strauß. Ich habe erfahren, daß man in Ihrem Hause noch recht kritisch Ihnen gegenüber ist."
Strauß: "Das hat sich mein Vorgänger Blank sogar in meiner Gegenwart ein Dutzendmal anhören müssen und auch angehört. Glauben Sie aber bitte nicht, daß ich dieses Theater auch mitmache. Von mir aus können Sie diesen Betrieb noch heute wiederhaben."
Strauß nennt den Termin, von dem an das Unheil der Adenauerschen Wehrpläne seinen Lauf nahm: "Adenauers Freiwilligen-Gesetz war der schlimmste Start, den die Wehrpolitik haben konnte. Das war ein saudummes Gesetz."
Straußens New Look der westdeutschen Aufrüstung läuft vorerst darauf hinaus, das utopische Programm des Kanzlers Adenauer und des Kanzler-Knappen Blank so zu beschneiden, daß es mit den personellen, wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten der Bundesrepublik in Einklang kommt.
Nach Blanks Aufbauplänen sollten an diesem 1. Januar 96 000 westdeutsche Soldaten unter Waffen stehen. Tatsächlich sind die Kader der Bundeswehr heute knapp 70 000 Mann stark. Dieses langsamere Aufbautempo wird auch in diesem Jahr nicht beschleunigt werden:
‣ Bis zum Ende dieses Jahres sollen - laut Strauß - mindestens 120 000 Soldaten vorhanden sein. Blank hatte 270 000 Mann geplant.
‣ Das Heer soll - laut Strauß - bis Jahresende drei Grenadier-Divisionen, zwei Panzer-Divisionen, eine Gebirgs- und eine Luftlande-Division aufstellen. Nach Blank sollten zu diesem Zeitpunkt bereits elf Divisionen, eine Gebirgs- und eine Luftlande-Brigade fertig sein.
‣ Ob die Bundeswehr mit allen mobilen Verbänden des Heeres, der Luftwaffe und der Marine auf der Endstufe 500 000 Mann stark sein soll und bis wann dieses Endziel vermutlich erreicht werden kann - das will Strauß erst später entscheiden. Blank wollte diese 500 000 Soldaten schon Ende 1959 präsentieren.
Falls der für die Aufrüstung vorgesehene Haushaltsposten von jährlich neun Milliarden Mark nicht fühlbar erhöht wird, kann die Bundeswehr im Haushaltsjahr 1960/61 erst eine Personalstärke von 340 000 Mann erreichen. Finanzexperten haben sogar ausgerechnet, daß diese neun Milliarden Mark jährlich für das Vierjahres-Ziel von 340 000 Mann nur dann ausreichen, wenn Waffen und Gerät nicht teurer werden, als bei den Planarbeiten des Jahres 1954 angesetzt.
Dieser Zwang, den Bundeshaushalt in der Balance zu halten, ist denn auch die Hürde, über die Franz-Josef Strauß mit seinen "Umrüstungs"- und "Heimatverteidigungs"-Plänen nicht in der bisherigen Hoppla-Bravour hinüberkommen wird. Daß Strauß seine Kritik an Blank mit diesen beiden verheißungsvollen Schlagwörtern garnierte, ohne vorher durchzurechnen, was Raketen und Atom-Waffen und was der Aufbau einer monströsen Miliz-Organisation kosten würden, entsprach dem politischen Stil der Bundesrepublik - wie sich denn in Bonn ganz allgemein die Gewohnheit herausgebildet hat, Hypothesen in die Welt zu setzen, hinter denen nichts steht, und mit Begriffen zu operieren, die nichts ausdrücken.
Strauß, der Versuchung zum Schlagwort-Denken längst erlegen, paßt in dieses politische Panorama. Er hat kaum eine Nachkriegsmode ausgelassen, aber er hat sie mehr als einmal um einige Takte eher abgestoßen als das Gros seiner politischen Zeitgenossen. Freilich wird der Zwang zu nüchterner Gedankenarbeit, die den Studiosus Strauß einmal emportrug, spätestens dann fühlbar werden, wenn der deutschen Wirtschaft Wunderhorn sich verstopfen sollte.
Wie Franz-Josef Strauß jetzt, da er in der Verantwortung sitzt, jene Forderungen verwirklichen will, die er zuvor unablässig dem Blank stellte, ist in erster Linie eine Finanzfrage. Straußens Steckenpferd "Heimatverteidigung" existierte jedenfalls als Planziel längst in den Projekten Blanks. Fraglich bleibt, ob Strauß mehr Geld als Blank bekommen wird, um - wie der neue Verteidigungsminister es beabsichtigt - die für die "Heimatverteidigung" benötigten Apparate der "Bodenständigen Landverteidigung" und "Boden-Luftabwehr" gleichzeitig mit den mobilen Streitkräften des Heeres, der Luftwaffe und der Marine zu installieren (vergleiche Strauß-Interview Seite 21).
Abgesehen aber von solchen objektiven Voraussetzungen, an die Straußens Pläne vermutlich ebenso festgebunden sind, wie Blanks Pläne an die Politik des Kanzlers gebunden waren, gibt es wenigstens einen wesentlichen Unterschied zwischen Strauß und Blank. Der neue Verteidigungsminister weiß nicht nur schlagfertigere Antworten für seinen Kanzler, er findet auch geschicktere Lösungen für delikate Amtsaufgaben.
Es war am 30. November des letzten Jahres, in Nienburg an der Weser. Strauß saß mit dem niedersächsischen Sozialminister Rudolph und dem hannoverschen CDU-Pressechef Nowak beim Bier. "Unter uns Parteifreunden", sagte Strauß, die Sache mit den ersten Wehrpflichtigen am 1. April 1957 werde bestens klappen.
Strauß: "Ich hab' mir ausgedacht, daß nur Freiwillige kommen sollen, die sich als Berufssoldaten oder Längerdienende gemeldet haben. Diese Freiwilligen werden wir als Wehrpflichtige deklarieren."
Denn: "Das sind alles Leute, die willig sind; bei denen geht alles reibungslos. Als Wehrpflichtige geben wir die aus, damit jeder sieht, daß wir unsere Verträge erfüllen. Das ist gut für die Optik."
Franz-Josef Strauß fügte hinzu: "Bloß kein Wort nach außen. Wenn das bekannt wird, platzt alles!"
* Strauß gehörte von 1937 bis 1939 an der Uni-Versität München zum Studentensturm des Nationalsozialistischen Kraftfahr-Korps.

DER SPIEGEL 1/1957
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