02.01.1957

DER GROSSE PRÜGEL

SPIEGEL: Würden Sie uns, Herr Minister, zuerst einmal in großen Zügen die allgemeinen Grundsätze Ihrer Arbeit im Verteidigungsministerium umreißen?
STRAUSS: Zunächst: Das zu verteidigende Gebiet ist die Bundesrepublik. Bei ihrer geographischen Situation, bei der gegenwärtigen militärisch-politischen Lage und bei dem Stand der Waffentechnik einschließlich der Entwicklung fernlenkbarer Großkampfwaffen, die sich über weite Entfernungen hin auswirken, müssen wir von der Vorstellung einer spezifisch deutschen Verteidigung, wie sie vielleicht von 1870 bis zum Kriege Hitlers das Denken beherrscht hat, loskommen.
SPIEGEL: Das ist der politische Unterschied der Situation zu früher ...
STRAUSS: Ja. Ein Blick auf den Globus genügt, um zu sehen, daß, wenn der einzige potentielle Gegner die Sowjet-Union ist - Sowjet-Union plus Anhang, obwohl letzteres, Gott sei Dank, fragwürdig geworden ist in den vergangenen Monaten -, daß in diesem Fall von vornherein jede Art des Generalstabspiels von früher wegfällt, wie etwa Aufmarsch gegen Italien, Frankreich, Maßnahmen gegen England, Dänemark. An ihre Stelle ist jetzt nur eine einzige Aufgabe getreten: die Abwehrbereitschaft gegen die Sowjet-Union, gegen einen als solchen festgestellten ernsthaften Angriff Rußlands.
SPIEGEL: Wie will man das Risiko vermeiden, daß die Kampfmittel, mit denen die Bundeswehr und die mit ihr verbündeten Streitkräfte den Gegenschlag führen sollen, bereits durch den ersten überraschenden Atom-Feuerüberfall der Sowjets zerschlagen werden?
STRAUSS: Ich halte es für ausgeschlossen, daß ein derartiger Überraschungsangriff ohne vorausgegangene politische oder nachrichtendienstliche Warnungen erfolgen kann.
SPIEGEL: Wenn solche Warnungen nun vorliegen, will das alliierte Hauptquartier in Europa auch dann so lange warten, bis die Sowjets die ersten Raketen abfeuern?
STRAUSS: Ja, was aber nicht heißen soll, daß man nicht mit eigenen Verbänden in der Luft wäre. Was die Russen in der Sowjetzone stehen haben, kann innerhalb von 48 Stunden kriegsbereit gemacht werden. Aber diese 6000 bis 7000 Panzer würden auf sich allein gestellt nicht ausreichen, um damit in Europa den Sieg zu erringen - in Anbetracht der Luftwaffen- und Panzereinheiten, die ihnen gegenüberstehen.
Im übrigen: Bei einem erkannten Großaufmarsch würde man doch nicht mit dem Finger am Drücker sitzen bleiben und abwarten, bis sie kommen. Es würde eine große politische Aktion einsetzen. Man würde keinen Präventivkrieg führen, sondern bis zur letzten Minute versuchen, durch die Uno, durch Erklärungen, durch die Vorbereitung von Gegenmaßnahmen, den Ausbruch des Krieges zu verhindern.
SPIEGEL: Wenn auf unseren Radarschirmen festgestellt wird, sowjetische Fliegerverbände auf Westkurs...
STRAUSS: Ich muß mich im Falle einer Aggression an die politischen Direktiven halten. Dem militärischen Oberbefehlshaber muß man Spielraum geben, das zu veranlassen, was nötig ist. Es ist unmöglich, die Fülle der Möglichkeiten selbst im Rahmen eines Handbuchs zu erfassen.
SPIEGEL: Würden die eigenen Fliegerverbände schon zu diesem Zeitpunkt starten? Würden sie Atombomben oder Brisanzbomben bei sich haben - wenn noch nicht klar ist, mit welcher Bombensorte die anfliegenden Sowjet-Maschinen ausgerüstet sind . . .
STRAUSS: No comment.
SPIEGEL: Wer entscheidet in letzter Instanz, ob es sich um eine Aggression im Weltmaßstab handelt, die den atomaren Vergeltungsschlag auslöst, oder um eine lokale Angelegenheit?
STRAUSS: Der Rechtslage nach der Atlantikrat, de facto die Vereinigten Staaten, beraten vom Nato-Oberbefehlshaber. Bei einem Angriff über unsere Grenze würde auch die deutsche Lagebeurteilung naturgemäß von Einfluß sein. Wenn sich die USA angegriffen fühlen, sind sie zu einem schnellen Gegenschlag auch ohne Zustimmung des Nato-Rats berechtigt. Aber darüber können Sie 10 000 Fragen stellen, und es kann passieren, daß keine einzige den vielleicht einmal eintretenden Fall trifft. Es besteht jedoch kein Grund zur Beunruhigung, weil die Tendenz in den USA ausgesprochen dahin geht, mit der Auslösung des Gegenschlages bis zum letztmöglichen Risiko zu warten.
SPIEGEL: In diesem Zusammenhang ein kurzes Wort zur Umrüstung, Herr Minister. Was versteht man unter diesem Schlagwort?
STRAUSS: Das Schlagwort ist mißverstanden worden und auch mißverständlich gebraucht worden. Der Radford-Plan* enthielt ursprünglich nicht die atomare Umrüstung, sondern die Verstärkung des Abschreckungsgedankens, und zwar in der Form, daß man die eigenen Flugplätze und Raketenabschußbasen so zurückgezogen und zerstreut anlegen wollte, daß sie vom Gegner nicht durch einen Feuerüberfall zermalmt werden könnten. Außerdem: Radford wollte so viele Vergeltungswaffen anhäufen, daß der Angreifer buchstäblich untergehen würde, wie Großstädte im Bombenteppich untergegangen sind.
SPIEGEL: Und wie ist es mit dem Schutz gegen lokale Übergriffe?
STRAUSS: Dies auch - aber das wichtigste Ziel, politisch und militärisch, ist die Verhinderung des general war, des totalen Atomkrieges. Die Planung, die wir zu machen haben, hat in erster Linie Abwehr für den Fall des general war zu sein, wobei die übrigen möglichen Fälle, abgestuft nach unten bis zum harmlosen Grenzzwischenfall, nicht vergessen werden dürfen. Ich habe kürzlich schon von der einschränkenden Auslegung des Begriffes der Aggression gesprochen. Man schlägt nicht mit einem großen Prügel zurück, wenn man eine Fliege vertreiben will. Man schlägt nicht das Geschirr auf dem Tisch kaputt, um eine Wespe zu verjagen.
SPIEGEL: Dürfen wir direkt fragen: Der erklärte Zweck des Atlantikpaktes, also auch der Bundeswehr, ist doch, durch Abschreckung einen Krieg zu verhüten. Bedeutet dies nicht, daß man, wenn ein Konflikt da ist, bemüht sein müßte, ihn zu lokalisieren?
STRAUSS: Unser Fall ist der Gegner aus dem Osten in verschiedenen möglichen Abstufungen. Hier beginnt aber das Eigenartige, um nicht zu sagen das Paradoxe: Damit die Auslösung des general war verhindert wird, ist ein aktives Abwehrsystem von einer solchen Stärke und Widerstandsfähigkeit vonnöten, daß ein Befehl zur Auslösung bei kühler Überlegung und Abschätzung der Chance nicht gegeben wird. Schon in der Bibel ist die Rede von dem König, der mit 10 000 Mann gegen 20 000 zieht, das heißt, der es sich überlegt, bevor er losschlägt, und es dann eben nicht tut.
SPIEGEL: Also Abschreckung durch Existenz der Abwehrmittel. Aber es gibt noch eine andere Gefahr: Torschlußpanik. Sie ist doch heute denkbar, nicht gerade bei Amerika ...
STRAUSS: Bei den USA ist das völlig ausgeschlossen.
SPIEGEL: ... bei den Russen haben wir es bisher auch nicht für möglich gehalten. Aber es scheint jetzt immerhin vorstellbar ...
STRAUSS: Das ist wichtig, weil auf unserer Seite zwar nicht mit der Wahrscheinlichkeit, kaum mit der Möglichkeit, aber nicht mit der hundertprozentigen Ausgeschlossenheit eines russischen Kurzschlusses gerechnet wird.
SPIEGEL: Kaum mit der Möglichkeit - das ist wohl der richtige Ausdruck?
STRAUSS: Man darf bei Verteidigungsüberlegungen aber nicht von Hypothesen ausgehen. Es nutzt nicht viel, hinterher zu sagen: Wir haben uns getäuscht. Das Verteidigungssystem muß eine so große Schlagkraft vorsehen, daß man allen nur erdenklichen Möglichkeiten begegnen kann. Deutschland allein wird kein Objekt des general war sein. Wenn Deutschland alleiniger Gegner wäre, brauchte es nicht unbedingt zum general war zu kommen.
SPIEGEL: Würde Amerika nicht immer angegriffen sein, wenn Deutschland angegriffen wird?
STRAUSS: Dafür liegen keine Anhaltspunkte vor. Das muß ich der Einsicht derer überlassen, die sich an die politische Wunschidee halten.
SPIEGEL: Ist das nicht militärischer Kalkül, der mit Politik nichts zu tun hat?
STRAUSS: Sie geben sich doch damit in das diskreditionäre Ermessen des Protektoratsherrn, der den Schutzbefohlenen so lange schützt, wie es ihm in sein Konzept paßt: Mit der Feststellung allein: "Sie können uns nicht aufgeben" wird noch kein Fact geschaffen. Eigene Anstrengungen gehören dazu. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen ...
SPIEGEL: Soweit ja.
STRAUSS: Man ist geneigt, damit zu rechnen, daß der andere uns schützen wird, weil er von seiner bisherigen Politik ohne groben Wortbruch und ohne empfindliche Prestigeeinbuße nicht abweichen kann. Aber es könnte sein, daß, rein militärisch gesehen, Europa für die Amerikaner uninteressanter wird. Die Hauptkampfwege für Fernkampfwaffen zwischen den USA und der Sowjet-Union brauchen nicht mehr über Europa zu gehen.
SPIEGEL: Wir möchten nun auf ein Thema zu sprechen kommen, das von Ihnen selber vor einigen Monaten aufgeworfen wurde: Gesamtverteidigungsplan! Was verstehen Sie darunter? Wer plant die Gesamtverteidigung?
STRAUSS: Die Gesamtverteidigung nach der NATO-Theorie von Schwert und Schild - das Schwert, das abschreckende Wirkung ausüben soll, der Schild, der verhindern soll, daß die Basis des Schwertes vom Gegner erreicht wird - kann nur von einem integrierten Stab geplant werden, der im Alarmfall über integrierte Truppen zu Lande, zur See und in der Luft verfügen kann. Diese Pläne liegen schon seit Jahren vor. In diese globale Planung en detail sind nur sehr wenige eingeweiht, da sie die höchste Geheimstufe hat. Ich gehöre noch nicht dazu.
SPIEGEL: Sie sind noch nicht überprüft?
STRAUSS: Ja, so etwa. Und in diese Nato-Planung muß jetzt eine nationale Verteidigungsplanung eingebaut werden.
SPIEGEL: Wer ist dafür zuständig?
STRAUSS: Sie müssen dreierlei unterscheiden:
▷ Die mobilen oder operativen Verbände - die berühmten zwölf Divisionen, die taktische Luftwaffe, strategische haben wir nicht, und die Marine - unterstehen der Nato.
▷ Es unterstehen nicht der Nato die Bodenständige Landverteidigung und die mit dem Radarsystem arbeitende Boden-Luftabwehr. Für beide gilt aber die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit der Nato.
▷ Über den Bevölkerungsschutz kann ich keine genauen Angaben machen. Da ist der Bundesinnenminister federführend.
SPIEGEL: Wenn so militärische und zivile Verteidigung getrennt sind - wie will man da zu einem Gesamtverteidigungsplan kommen?
STRAUSS: Es ist möglich, daß in diesem Hause, im Verteidigungsministerium, die Federführung für die Gesamtverteidigung liegt, daß aber die Abgrenzung der Dinge, die die einzelnen Ministerien zu erledigen haben - auf Grund der hier gemachten Planung -, durch den Bundesverteidigungsrat erfolgt. Und daß die einzelnen Ministerien dann die ihnen obliegenden Aufgaben erfüllen.
SPIEGEL: Das ist die Lösung, die Sie befürworten?
STRAUSS: Das ist die Lösung, die ich jetzt vorschlagen werde. Andernfalls ergäbe sich die für unsere Verfassung und für die zivilen Notwendigkeiten unerträgliche Situation, daß praktisch die Militärs überall ein indirektes Anordnungs- oder Vetorecht haben. Wenn man den Begriff der Landesverteidigung umfassend auslegt, wie es leider notwendig ist, bekämen wir sonst, solange wir Grenzland neben dem Sowjet-Block und der Roten Armee sind, ein System der totalen militärischen Führung, das ich für unerträglich halte.
SPIEGEL: Sie nannten drei Organisationsformen der Landesverteidigung:
▷ Mobile Streitkräfte,
▷ Bodenständige Landverteidigung und Boden-Luftabwehr und
▷ zivilen Bevölkerungsschutz.
Welchen Personalbestand sollen die mobilen Streitkräfte - Heer, Luftwaffe, Marine - in der Endplanung haben?
STRAUSS: Ich bitte, meine Antwort richtig aufzufassen: So viel, daß sie an Kampfwert dem entsprechen, was unter der Planung von 500 000 Mann und zwölf Divisionen für Deutschland im Rahmen der Nato-Planung immer vorgesehen war.
SPIEGEL: Also eventuell eine geringere Personalstärke, als früher geplant, nach dem alten Erfahrungssatz: Moderne Waffen erhöhen den Kampfwert?
STRAUSS: Das unterliegt der technischen Entwicklung.
SPIEGEL: Zur allgemeinen Wehrpflicht: Gibt es dafür vertragliche Vorschriften?
STRAUSS: Die Wehrpflicht ergibt sich aus dem Sinn des Nato-Bündnisses und der Parität der Pflichten.
SPIEGEL: Und die Dauer der Wehrpflicht?
STRAUSS: Der Rechtslage nach könnten wir auch eine sechsmonatige Wehrpflicht einführen. Mit derselben Loyalität, die wir von unseren Bundesgenossen verlangen, müssen auch wir unsere Verpflichtungen erfüllen. Dazu gehört, auch wenn es nicht schwarz auf weiß geschrieben steht, nun einmal die Wehrpflicht, wenn auch nach meinen Vorstellungen in den verschiedenen Formen der Bundesverteidigungspflicht.
SPIEGEL: Aber nach dem Wortlaut der Pariser Verträge wäre es nicht erforderlich, die Wehrpflicht einzuführen?
STRAUSS: Wenn Sie den Artikel 5 des Nato-Vertrages wörtlich nehmen, könnten Sie auch sagen: Wir stellen nur Sanitätstruppen oder liefern Gesangbücher für Feldgottesdienste. Gemäß Artikel 5 sind die Hilfeleistungen nämlich in das freie Ermessen der Teilnehmerstaaten gestellt.
SPIEGEL: Wenn es hier losgeht, brauchten die Amerikaner auch nur Gesangbücher zu schicken?
STRAUSS: Es gibt ungeschriebene Vertragsbedingungen, deren Verletzung politische Folgen nach sich ziehen würde.
SPIEGEL: Liegen noch nicht so viele Freiwilligenmeldungen vor, daß die ersten Zwischenziele für den Aufbau der Bundeswehr ausschließlich mit Freiwilligen erreicht werden könnten? Oder gibt es andere Gründe dafür, daß bereits am 1. April 10 000 Wehrpflichtige einberufen werden sollen?
STRAUSS: Wir haben rund 250 000 Bewerbungen, darunter 175 000 ehemalige Soldaten, vom Unteroffizier an aufwärts, im Alter von 30 bis 60 Jahren. Der Rest sind ungediente Freiwillige. Ich kann Ihnen aber folgende Gründe dafür nennen, daß die Wehrpflicht baldmöglichst effektuiert wird: Wir müssen das Bewußtsein wecken, daß keine Fremdenlegion, sondern ein Landesverteidigungssystem geschaffen wird. Auch die SPD wird daran eines Tages nicht vorbeikommen. Andernfalls kriegen wir eine Uno-Polizeitruppe, die man nach Ägypten oder sonstwohin schicken kann. Außerdem darf der einzelne Bürger nicht den Eindruck bekommen, er käme mit einer Art Kopfgebühr frei, für die Söldner gedungen werden, die für ihn die Landesverteidigung ausüben. Wir müssen eine gesunde Mischung zwischen Wehrpflichtigen und Berufssoldaten anstreben.
SPIEGEL: In welchem Verhältnis?
STRAUSS: Das Zahlenverhältnis zwischen den Wehrpflichtigen auf der einen Seite und den Berufssoldaten und Längerdienenden auf der anderen Seite wird beim Heer eins zu eins - genauer 45 zu 55 Prozent sein.
SPIEGEL: Wieviel Wehrpflichtige werden jährlich einberufen werden?
STRAUSS: Wir wollen alles erfassen, aber im Rahmen dessen, was ich die Bundesverteidigungspflicht genannt habe, und zwar je nach dem Grad der Tauglichkeit in den verschiedenen Funktionen.
SPIEGEL: Wird die Zahl der Wehrpflichtigen, die jährlich einberufen werden, nicht hinter der Gesamtzahl aller tauglichen Wehrpflichtigen des betreffenden Jahrganges zurückbleiben?
STRAUSS: Für die Gesamtverteidigung: nein.
SPIEGEL: Und wie werden die Wehrpflichtigen auf den Gesamtrahmen der Landesverteidigung verteilt?
STRAUSS: Wenn Sie sich vorstellen, daß von 100 Prozent der Wehrpflichtigen etwa 60 Prozent volltauglich sind und wenn Sie diese 60 Prozent unterteilen in tauglich 1, 2 und 3, könnte man unter Berücksichtigung aller individuellen Faktoren dazu kommen, daß die Leute der Tauglichkeitsstufe 1 bei den mobilen Streitkräften zu verwenden sind, die des 2. und 3. Tauglichkeitsgrades bei der Bodenständigen Landverteidigung und bei der Boden-Luftabwehr, und daß man die anderen, die nur tauglich 4 sind, im Katastrophenschutz ausbildet. Das sind dann wohl keine Soldaten, aber diese Ausbildung würde der Erfüllung der Wehrpflicht gleichgestellt; das müßte noch festgelegt werden.
SPIEGEL: Würden Sie für den Fall, daß die jetzige Regierungskoalition auch die nächste Bundestagswahl gewinnt, dafür plädieren, daß der Bundestag den Grundwehrdienst auf achtzehn Monate festlegt?
STRAUSS: Nein, von mir aus verbindlich: nein. Ich kann ehrenwörtlich versichern, daß die Behauptung falsch ist, wir seien nur für Wahlkampfzwecke mit der Wehrdienstzeit heruntergegangen, mit dem Dolus, hernach gehen wir wieder auf achtzehn Monate herauf.
SPIEGEL: Welche militärischen Gründe veranlassen Sie, an der einjährigen Dienstzeit festzuhalten, die von dem Militärexperten Ihrer Fraktion im Bundestag, Herrn Berendsen, als "organisierter Massenmord" bezeichnet wurde?
STRAUSS: Es wäre übertrieben, wenn man sagen wollte, zwölf Monate gewährleisteten eine perfekte militärische Ausbildung. Aber ich bin mit acht Wochen Ausbildung ins Feld gezogen...
SPIEGEL: ... und trotzdem heil zurückgekommen?
STRAUSS: Ich habe es allerdings nicht sehr weit gebracht dabei. Das hängt ab von der Funktion und den individuellen Fähigkeiten. Doch wenn man jetzt den Betrieb auf unseren Unteroffizier- und Offizierschulen verfolgt und sieht, mit welch unwahrscheinlicher Schnelligkeit sich die Leute das Können ihrer Ausbilder angeeignet haben, die zehn oder noch mehr Dienstjahre auf dem Buckel haben, dann erhält die Angelegenheit ein anderes Gesicht.
SPIEGEL: Werden diejenigen, die für diesen Wehrdienst nicht in Frage kommen, beispielsweise als Luftschutzwarte ausgebildet?
STRAUSS: Wenn sie körperlich tauglich sind, das Amt auszufüllen. Wenn einer völlig untauglich ist, scheidet er ganz aus. Aber der Tauglichkeitsgrad 4 käme für den zivilen Bevölkerungsschutz in Frage.
SPIEGEL: Ist auch ein Arbeitsdienst im Rahmen der zivilen Bundesdienstpflicht vorgesehen?
STRAUSS: Als Pionierdienst oder in Form von Arbeiten, wie sie früher bei der Technischen Nothilfe auftraten oder jetzt im Technischen Hilfsdienst vorbereitet werden. Dieser Dienst könnte auch bei größeren Katastrophen, die mit kriegerischen Ereignissen gar nichts zu tun haben, herangezogen werden. Denken Sie an Überschwemmungen, Unwetter- und Brandkatastrophen.
SPIEGEL: Würde der zivile Bundesdienstpflichtige auch beim Bau von Befestigungsanlagen, Kasernen und Depots verwendet werden?
STRAUSS: Wenn ich nein sage, wäre es möglich, daß man eines Tages kommt und erklärt: Du hast dein Wort gebrochen. Aber ich kann sagen: Daran denken wir nicht, das machen wir mit normalen Baufirmen.
SPIEGEL: Kommen die Kriegsdienstverweigerer auch in die Kategorie 4?
STRAUSS: Nicht automatisch, nur mit ihrer Zustimmung. Wenn ein Wehrdienstverweigerer der Auffassung ist, daß seine Mitarbeit im passiven Luftschutz eine Unterstützung oder Vorbereitung des Krieges bedeutet, wollen wir ihn in keine Gewissensnot bringen. Mennoniten und Quäker zum Beispiel, wo jeder Zweifel an den Motiven ausscheidet - es gibt auch andere. Für solche Wehrdienstverweigerer wie die Mennoniten und so weiter ist ein Einsatz im Sozialen Wohnungsbau, im Straßenbau, kurz, bei allen Maßnahmen, die für das friedliche Leben der Bevölkerung von Nutzen sind, vorgesehen.
SPIEGEL: Es ist schwer vorstellbar, daß im Sozialen Wohnungsbau ...
STRAUSS: Die Betreffenden werden eine Arbeitskleidung, zum Beispiel einen Montageanzug, und die normalen Wehrsoldbezüge erhalten.
SPIEGEL: Was soll bei der Verwendung von solchen Arbeitskräften eigentlich herauskommen?
STRAUSS: Was soll man tun? Wir wollen die Kriegsdienstverweigerer nicht für eine ihrer Meinung nach zwielichtige Verwendung heranziehen.
SPIEGEL: Wie sollen die Wehrpflichtigen nach Abschluß ihres Grundwehrdienstes organisatorisch erfaßt werden, damit sie als Reserve für die mobilen Streitkräfte zur Verfügung stehen?
STRAUSS: Das wird erst festgelegt, wenn die Pläne über die Bodenständige Landverteidigung ausgearbeitet sind. Aber es scheint mir wenig sinnvoll zu sein, die Reservisten gleich nach dem Ende ihrer Grunddienstzeit zu der Bodenständigen Landverteidigung heranzuziehen, statt sie im Bereitschaftsfall individuell zu den in der Nähe ihres Wohnsitzes befindlichen operativen Verbänden abzustellen.
SPIEGEL: Wie stark soll der aktive Stamm der Bodenständigen Landverteidigung - also jener Verbände außerhalb der zwölf deutschen Nato-Divisionen - sein?
STRAUSS: Vorerst sind 30 000 Mann vorgesehen. Dazu gehören in erster Linie Fernmelde-, Pionier- und Brückenbaueinheiten. Außerdem natürlich Ausbilder, zum Beispiel für die Panzerbekämpfung.
SPIEGEL: Und wer kommt dazu?
STRAUSS: In die Bodenständige Landverteidigung sollen die für diesen Milizdienst geeigneten Leute kommen. Das Ganze soll dem Schweizer System angenähert werden. Ich lege aber Wert auf eine Feststellung: Das hat nichts mit Volkssturm, Werwolf oder Partisanen zu tun. Es sind Kombattanten im vollen Sinne des Wortes, mit allen Rechten und Pflichten eines Soldaten, es sind keine Leute mit Armbinden, sondern reguläre Einheiten der Bundeswehr.
SPIEGEL: Sind die dafür vorgesehenen Leute nicht zu alt?
STRAUSS: Wenn ich meine Reserveübung machen würde, käme ich für eine mobile Einheit bei meinem Dienstgrad nicht mehr in Betracht. Wohl aber für die Bodenständige Landverteidigung. Diese Soldaten können im Lebensalter höher sein. Die Dienstpflicht bei der Bodenständigen Landverteidigung dauert bis zum 45. Lebensjahr, bei Offizieren bis zum 60.
SPIEGEL: An welchen Waffen werden die Soldaten der Bodenständigen Landverteidigung ausgebildet und für welche taktischen Aufgaben?
STRAUSS: Diese Miliz hat die Brückenbewachung, die Eisenbahnsicherung und den Schutz von Objekten gegen Luftlandeunternehmungen zu übernehmen. Wenn wir solche Aufgaben den operativen Streitkräften überlassen, würden sich die mobilen Divisionen im Nu verflüchtigen.
SPIEGEL: Wird die Bodenständige Landverteidigung, ähnlich wie in der Schweiz, als ortsfeste Einrichtung organisiert werden?
STRAUSS: Ja. Die dazugehörenden Soldaten sollen in der Nähe ihres Wohn- oder Arbeitsortes herangezogen werden. Wir können nicht ständig 60 oder 70 Leute herumsitzen haben, die den ganzen Tag Zielübungen machen.
SPIEGEL: Und wer kommandiert die Bodenständige Landverteidigung?
STßAUSS: Es soll ein Inspekteur ernannt werden, im übrigen stark dezentralisierte Kommandobehörden.
SPIEGEL: Wird es örtliche Kommandanten und Militärbezirke geben?
STRAUSS: Sicherlich. Aber man darf nicht gleich an den Militärkommandanten denken, der in die zivile Verwaltung reinzureden hat.
SPIEGEL: Herr Minister, Sie haben oft die These vertreten, daß sich die Landesverteidigung im Zeitalter der Massen-Vernichtungsmittel nicht darin erschöpfen kann, den Angreifer so grenznah wie möglich aufzuhalten, sondern daß ihr in erster Linie die Aufgabe gestellt ist, die biologische Substanz des Volkes vor der Vernichtung zu bewahren. Ein sowjetischer Angriff würde vermutlich drei strategische Ziele haben: die Streitkräfte des Westens zu vernichten, die Produktionsanlagen zu erbeuten und die Produktionskräfte nach dem Osten zu holen. Wie sollen die drei Verteidigungsaufgaben, die sich aus diesem Angriffskonzept ergeben, gelöst werden?
STRAUSS: Die Antwort darauf würde ein Handbuch füllen. Wenn Sie in den Nato-Vorschriften nachlesen, lesen Sie nächtelang. Unmittelbar an der Grenze sollen nur Polizeiverbände des Bundesgrenzschutzes stehen, schon um die provokativ wirkende Nähe militärischer Verbände zu vermeiden, gemäß unserem Grundsatz, keine Hysterie zu erzeugen und die Situation nicht zu verschärfen. In der Tiefe dahinter würde die Bodenständige Landverteidigung stehen. In dieser Zone und dahinter sind auch die operativen, hochbeweglichen Verbände. Diese hätten in erster Linie die Abwehrziele eins und zwei - Verteidigung der Grenze und der Produktionsanlagen - zu erfüllen. Die Bodenständige Landverteidigung dient dann der Verteidigung der Produktionskräfte.
Nehmen wir an, russische Infanterieeinheiten, Volkspolizeiverbände und Satellitentruppen würden versuchen, zwischen russischen Panzerkeilen zu operieren, um die Bevölkerung zu liquidieren oder zu verschleppen, dann könnte bei dieser Beschränkung auf mobile Einheiten vielleicht ein operativer Abwehrerfolg sichergestellt werden, aber in der Zwischenzeit wären die nicht von diesen Verbänden geschützten Gebiete dem feindlichen Zugriff preisgegeben. Da bin ich der Meinung, daß, je mehr Panzer abgeschossen werden und je größer die Feuerwirkung der Bodenständigen Landverteidigung gegen die Infanterieverbände ist, desto mehr für Ziel drei getan werden kann. Die Bodenständige Landverteidigung mit ihren panzerbrechenden Waffen und den Panzerabwehrstützpunkten erhöht das Risiko für eine vorstoßende Panzerarmee und steht deshalb ebenfalls im Dienste eines reinen Defensivgedankens und der Gesamtkonzeption, den Angriff zu verhindern.
SPIEGEL: Sie sagten Stützpunkte ...
STRAUSS: Das sind nicht Stützpunkte im Sinne von Befestigungen.
SPIEGEL: Sollen es Feldbefestigungen im alten Sinne sein?
STRAUSS: Sie sollen beweglich sein. Wenn die Panzer vorher wissen, wo die Stützpunkte wahrscheinlich sind, dann fahren sie drum herum.
SPIEGEL: Herr Minister, Sie haben in der vorletzten Woche auf der Nato-Konferenz in Paris gefordert, daß die Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen ausgestattet wird ...
STRAUSS: Um Mißverständnisse zu vermeiden: Ich habe den Antrag des niederländischen Kollegen, die westeuropäischen Streitkräfte mit kleinen Atomwaffen auszurüsten, unterstützt.
SPIEGEL: Wie soll nun die sogenannte atomare Gliederung des Heeres beschaffen sein?
STRAUSS: Kleine gemischte, in die Tiefe des Raumes verstreute Verbände, die so beweglich sind, daß man sie nicht gleich ausschalten kann, die aber, falls keine Atomwaffen zur Anwendung kommen, rasch aufschließen können. Wir haben deshalb die klassische Division in kleinerem Maßstab beibehalten, aber durch Kampfgruppenstäbe leicht zerlegbar gemacht.
SPIEGEL: Ist es richtig, daß Sie im Zusammenhang mit diesem Begriff einer atomaren Gliederung vor Ihrer Bestallung zum Verteidigungsminister erklärt haben, 300 000 Mann seien genug?
STRAUSS: Das betraf nur das Heer. Ich sprach damals von 300 000 Mann für die mobilen Heeresverbände, also die zwölf Divisionen plus Heerestruppen.
SPIEGEL: Unter den voraussehbaren Problemen des Atomkrieges wird vermutlich das Heranführen von Reserven zu den kämpfenden Feldstreitkräften außerordentlich schwierig sein ...
STRAUSS: Im Falle des general war ist die Aufstellung von Reserveeinheiten im deutschen Raum nicht mehr möglich.
SPIEGEL: Würde das nicht dazu führen, daß das Operationsheer - gemessen an den deutschen Verlustraten im russischen Großkampf und an der ungleich stärkeren Wirkung des Atomfeuers - in einem Zeitraum von einer Woche verbraucht ist, ohne daß es irgendeine Möglichkeit der Regeneration gibt?
STRAUSS: Hoffentlich braucht man nicht aus Erfahrungen die Antwort zu geben. Niemand kann dies beantworten.
SPIEGEL: Gibt es schon Pläne dafür, wieviel wehrpflichtige Jahrgänge die Reserve bilden sollen und wie die Mobilmachung dieser Reserven für die mobile Truppe vollzogen werden soll?
STRAUSS: Nein, die gibt es noch nicht. Das ist im jetzigen Aufstellungsstand genau so verfrüht, wie man bei der Konstruktion des Autos auch nicht mit den Sitzen anfängt.
SPIEGEL: Zu diesem Komplex eine letzte Frage, Herr Minister: Wo sind die wesentlichen Unterschiede zwischen der Wehrpolitik Ihres Amtsvorgängers und Ihrem Programm?
STRAUSS: Der wesentliche Unterschied besteht darin, daß ich immer, wie auch heute, die Aufstellung von 500 000 Mann in drei Jahren ohne Vorlauf - wie man es der Nato zugesagt hatte - für eine Utopie hielt. Dieses Tempo hätte Schäden verursacht, von denen sich die Bundeswehr so leicht nicht wieder erholt hätte. Blank hat aber nicht aus falscher Erkenntnis oder böser Absicht gehandelt, sondern eine schier unmenschliche Arbeit geleistet, um dieses Ziel zu erreichen. Die Erfahrungen haben gezeigt, daß es unter den gegebenen Umständen nicht möglich war. Der unangenehmste Teil meiner Aufgabe bestand darin, unseren Bündnispartnern klarzumachen, warum es jetzt anders gemacht wird.
SPIEGEL: Anders ist also jedenfalls der Aufbaurhythmus?
STRAUSS: Ohne Zweifel.
SPIEGEL: Dürfen wir jetzt noch einige Fragen zur Ausrüstung stellen? Die Amerikaner, die Russen und auch die Franzosen gehen dazu über, ihre Panzerverbände mit leichten Fahrzeugen auszurüsten, die so schnell und beweglich sind, daß sie der Pak ausweichen können, ohne daß sie an Feuerkraft einbüßen. Warum hat die Bundeswehr für ihre Erstausstattung dennoch die mittleren Panzer M 48 oder den Centurion vorgesehen?
STRAUSS: Wir haben als leichten Panzer auch den M 41. Es ist sicher richtig, daß Schnelligkeit den Vorrang haben muß, weil es keinen Panzer mehr geben wird, der abschußsicher ist. Deshalb haben wir zu den 1100 geschenkten Panzern auch noch keine weiteren hinzugekauft. Wir werden Vergleichsübungen mit den in Betracht kommenden Wagen fortsetzen, aber es gibt den Idealpanzer noch nicht, und man wird deshalb so viel Panzer wie notwendig zukaufen müssen, bis eines Tages der deutsche Panzer kommt.
SPIEGEL: Es ist also eine deutsche Panzerfertigung geplant?
STRAUSS: Ja. Allerdings nicht die Panzerkanone. Wir haben ausgerechnet, daß die Wiederaufnahme der 8,8-Produktion Investitionsmittel verschlingen würde, wie wir sie gar nicht aufbringen können.
SPIEGEL: Denken Sie auch an eine deutsche Artillerieproduktion?
STRAUSS: Über 4 Zentimeter: nein. Bei dem geringen Friedensbedarf und der schwindenden Zahl der Rohre, die ja doch nach und nach durch Raketen ersetzt werden, wäre der Aufbau einer deutschen Geschützproduktion Vergeudung. Wir werden uns mit dem Kauf amerikanischer oder anderer ausländischer Artillerie-Waffen begnügen.
SPIEGEL: Standard-Waffen, einheitlich für alle Nato-Staaten, wird es also nicht geben?
STRAUSS: Man kommt langsam zu einheitlichen Munitionsausstattungen. Mehrere verschiedene Gewehre zum Beispiel, aber dazu ein und dieselbe Patrone. Der Idealfall, daß von den Schuhen bis zum Bomber und vom Aschenbecher im Kasino bis zum Panzer alle Nato-Einheiten einheitlich ausgerüstet sind, ist nicht zu schaffen.
Der Kampf der Waffenlieferanten untereinander ist ja keine reine Freude. Ich habe es mir zur Regel gemacht, überhaupt keine Waffenlieferanten mehr zu empfangen. Jeder von ihnen kann seine Waffe so überzeugend anpreisen, daß ich ihm recht geben muß - bis der nächste kommt.
SPIEGEL: Halten Sie es in ferner Zukunft für möglich, daß die konventionellen Waffen ganz ausscheiden?
STRAUSS: Restlos? Nein.
SPIEGEL: Auch nicht in einem totalen Atomkrieg?
STRAUSS: Auch im general war - nein. Ich bin aber davon überzeugt, daß es große Landoperationen mit dem Ziel, durch Kesselschlachten die Kriegsentscheidung herbeizuführen, nicht mehr im Sinne der Vergangenheit geben wird.
SPIEGEL: General Speidel hat genau das Gegenteil gesagt: Erst ein Atomduell von sechs Tagen, und dann nach altem Schema ...
STRAUSS: Das ist sicherlich eine Ansicht, die, genau wie alle anderen, der ständigen Revision unterliegt.
SPIEGEL: Die Ansicht General Speidels wird von vielen Theoretikern geteilt. Und General Norstad, der Nato-Oberbefehlshaber, vertritt die These: Der nächste Krieg dauert vermutlich noch länger als der letzte...
STRAUSS: Die allgemeine Ansicht ist: Der mit allen Mitteln geführte globale Krieg wird nur kurz dauern. Allerdings, wenn es gelänge, zu einer Ächtung der Atomwaffen zu kommen, würde eine Entscheidung durch den Einsatz konventioneller Waffen herbeigeführt werden müssen. Würde aber die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation erhoben, so würde das mit großer Gewißheit die Auslösung des großen Prügels zur Folge haben, es sei denn, daß der Unterliegende sich davon überzeugt hat, daß auch dies ihm nichts mehr nützt.
SPIEGEL: Kann man heute schon sagen, wieviel westdeutsche Soldaten unter Waffen stehen werden, wenn die mobilen Streitkräfte ihre Maximalstärke erreicht haben und wenn die Bodenständige Landverteidigung sowie die Boden-Luftabwehr vollen Ausbildungsbetrieb unterhalten?
STRAUSS: Diese Frage ist im nächsten halben Jahr noch nicht zu beantworten. Der Aufbau der Bodenständigen Landverteidigung ist auch noch abhängig von dem Abschluß eines Abkommens im Rahmen der Westeuropäischen Union. Aber bis zu einer Gesamtstärke von 500 000 Mann haben wir überhaupt freie Hand.
SPIEGEL: Ist daran gedacht, über diese Zahl hinauszugehen?
STRAUSS: Im Frieden nicht.
SPIEGEL: Wollen Sie schon in Friedenszeiten einen obersten Soldaten mit uneingeschränkter Kommandogewalt an die Spitze der Bundeswehr stellen?
STRAUSS: Nein. Es wird keinen militärischen Oberbefehlshaber geben. Die Spitze der militärischen Kommandogewalt wird beim Korps liegen, oder, wenn eine Armee gebildet wird, bei der Armee. Über den Kommandierenden Generalen steht der Minister und - mit dem von ihm ausgehenden Delegationsrecht - ein Generalinspekteur. Die genaue Amtsbezeichnung ist noch offen. Es wird aber ein Vier-Sterne-General sein.
SPIEGEL: Können Sie schon Namen nennen?
STRAUSS: Leider noch nicht, ich wäre froh, wenn das bald entschieden werden könnte
SPIEGEL: Wird es ein Flieger- oder ein Heeresgeneral sein?
STRAUSS: Ich möchte die Auswahl von der persönlichen Eignung abhängig machen. Ein Luftwaffenmann ist nicht schon dadurch, daß er aus der Luftwaffe kommt, ausgeschlossen. Allerdings. Bei gleicher Eignung würde ich einen Vertreter des Heeres vorziehen.
SPIEGEL: Welche Befugnisse wird dieser Generalinspekteur haben?
STRAUSS: Er ist der Vorgesetzte der im Ministerium verbleibenden Inspekteure der Teilstreitkräfte und der militärische Ratgeber des Ministers. Aber die Hierarchie kann nicht soweit getrieben werden, daß nur der Vier-Sterne-General mit dem Minister verkehrt. Ein militärischer Führungsrat wird immer da sein.
SPIEGEL: Und welche Kommandogewalt erhält der Generalinspekteur?
STRAUSS: Keine. Er zeichnet "im Auftrag", nicht "in Vertretung". Die Inspekteure, auch der Generalinspekteur, sind ja keine Oberbefehlshaber. Sie bleiben auf alle Fälle im Ministerium, wenn nicht das Parlament im Organisationsgesetz anders beschließt.
SPIEGEL: Erhält der Generalinspekteur einen eigenen Apparat im Ministerium?
STRAUSS: Ja, einen militärischen Führungsstab.
SPIEGEL: Welche besoldungsrechtliche Stellung wird der Vier-Sterne-General haben?
STRAUSS: Zwischen einem Ministerialdirektor und einem vollen Staatssekretär. Denn der Stellvertreter des Ministers muß ein Zivilist sein.
SPIEGEL: Warum? Sind die zivilen Beamten zuverlässiger als die uniformierten Soldaten?
STRAUSS: Es handelt sich nicht um politische Zuverlässigkeit - das ist in fast allen demokratischen Ländern der Erde so.
SPIEGEL: Liegt aber nicht doch eine Diskriminierung der Soldaten darin, daß der Generalinspekteur nicht soviel verdient wie ein beamteter Staatssekretär?
STRAUSS: Er verdient mehr als ein Ministerialdirektor, weniger als ein Staatssekretär. Sie müssen in Betracht ziehen, daß ein ungeheures Mißtrauen gegenüber der Möglichkeit einer Selbständigmachung der Militärs besteht. Das ist zwar historisch falsch, aber es hat sich herausgebildet. Die Reichswehr hat sich nie selbständig gemacht - das muß ich als Historiker sagen -, sie hat die Gründung der Weimarer Republik ermöglicht. Sie hat dreimal den Bestand der Republik gerettet - na, und unter Hitler haben die Generale auch nicht gerade versucht, politischen Einfluß zu gewinnen.
SPIEGEL: Wird der Vier-Sterne-General noch vor den Wahlen benannt?
STRAUSS: Wenn es nach mir geht, ja. Auch, wenn nötig, schon vor der Verabschiedung des Organisationsgesetzes.
SPIEGEL: Herr Minister, welches Programm hat das Oberkommando Europa des Atlantikpakts entwickelt, um die Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung zu koordinieren? Gibt es interalliierte Pläne, nach denen die Bevölkerung im Ernstfall aus den städtischen Wohnbezirken evakuiert werden soll? Wird der Bau von Schutzanlagen für die Bevölkerung vom Atlantikpakt für alle Mitgliedsstaaten einheitlich geplant?
STRAUSS: Das sind atlantische Forderungen, ihre Ausführung liegt aber in nationaler Zuständigkeit. Die Regierungen müssen melden: Wir sind so und so weit.
SPIEGEL: Wie weit sind wir?
STRAUSS: No comment.
SPIEGEL: Die sowjetische Regierung hat in ihrem letzten Abrüstungsvorschlag eine Begrenzung der westdeutschen Streitkräfte auf 150 000 Mann vorgesehen. Unter welchen Umständen könnte dieses Limit, dessen Annahme die Abrüstungstendenzen der Sowjet-Union möglicherweise stärken würde, dem Sicherheitsbedürfnis der Bundesrepublik genügen?
STRAUSS: Grundsätzlich müssen wir eine Parität mit England und Frankreich anstreben. Im übrigen wird es noch mehr als ein Jahr dauern, bis wir in diesen von den Sowjets geforderten Rahmen hineingewachsen sind. Es ist also noch Zeit genug.
SPIEGEL: Gibt es Vorstellungen darüber, wie eine gesamtdeutsche Wehrmacht aussehen müßte, falls ein kollektives Sicherheitsabkommen die Unverletzlichkeit der deutschen Grenzen garantiert?
STRAUSS: Auch für ein wiedervereintes Deutschland gibt es nur eine einzige potentielle Gefahr, den Osten. Es muß deshalb eine Form des automatischen Schutzes geschaffen werden, die uns der trostlosen Lage enthebt, mit einer Polizeiarmee gegen strategische Kräfte stehen zu müssen.
SPIEGEL: Bei allen Wiedervereinigungsüberlegungen taucht die Frage auf: Wird der Verteidigungsminister, beraten durch seine Generale, in jedem Fall ein Veto gegen das Sicherheitsrisiko, das die Wiedervereinigung mit sich bringen könnte, einlegen? Oder können Sie sich Pläne vorstellen, die für die Sowjets akzeptabel sind und für Gesamtdeutschland ein ausreichendes Maß an Sicherheit enthalten?
STRAUSS: Das würde einmal davon abhängen, was wir selbst aufstellen dürfen, und zweitens, welche Sicherheitsgarantien Amerika zu geben bereit ist. Grundsätzlich bin ich der Meinung, daß es unverantwortlich wäre, aus Angst vor jedem Risiko am Status quo festzuhalten. Wer jedes Risiko vermeiden will, wird eines Tages das ganze Risiko laufen. Ein Rückzug der sowjetischen Truppen hinter die polnischen Grenzen und ein mit westlichen Sicherheitsgarantien ausgestattetes Deutschland, dessen Streitkräfte keine potentielle Bedrohung der Sowjets darstellen können, erscheint mir durchaus denkbar. Ich wende mich aber dagegen, daß mit solchen Ideen gespielt wird, bevor sie akut sind.
SPIEGEL: Diese Fragen sind aber jetzt akut geworden. Die Amerikaner beschäftigen sich ernsthaft damit ...
STRAUSS: Wir dürfen uns mit solchen Gedanken nicht allzu seiltänzerisch zur Schau stellen. Wenn wir den Anschein des alten Spiels Berlin-Moskau wiedererwecken, erleben wir mit tödlicher Sicherheit, daß uns die Westmächte mißtrauen. Und schneller, als wir in Moskau sind, wären die Amerikaner da. Wir dürfen nur in Absprache mit unseren Bundesgenossen verhandeln und ohne die Nato-Pflichten zu verletzen. Aber in diesem Rahmen ist vieles möglich. Schließlich ist die Nato ja kein Selbstzweck
SPIEGEL: Sollte man in der gegenwärtigen Lage nicht wenigstens unnötige Eile vermeiden?
STRAUSS: Wir haben die Aufrüstungsdiskussionen 1950 begonnen, die Aufrüstung selbst erst im Jahre 1956. In diesem langsamen Ablauf sind viele Chancen enthalten, für jeden - auch für die Abrüstung, auch für die Wiedervereinigung.
* Im Juli 1956 veröffentlichte die "New York Times" einen Plan des Vorsitzenden des Vereinten Generalstabes der US-Streitkräfte, Admiral Radford, nach dem die Entwicklung der thermonuklearen Waffen eine Verminderung der konventionellen Waffen erlaubt. Die - angebliche - Folgerung Radfords: Verminderung der amerikanischen Gesamtsteitkrafte bis 1960 um 800 000 Mann, vor allem Rücknahme der Truppen aus Übersee.

DER SPIEGEL 1/1957
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