02.01.1957

ENTSPANNUNGNehru nickte

Welch seltsame Kontakte der weltpolitische Umbruch schafft, der seit der Doppelkrise in Ungarn und am Suez-Kanal auf dem Erdball rumort, wurde offenbar, als am Donnerstagnachmittag der Weihnachtswoche Indiens Ministerpräsident Jawaharlal Nehru auf dem Düsseldorfer Flugplatz Lohausen seinem Flugzeug entstieg. Vor der Rolltreppe erwartete den indischen Welt-Neutralisten der Bundeskanzler Konrad Adenauer, der bisher als ein rechter Flügelmann der internationalen Politik gegolten hatte.
Adenauer hatte sich diesmal nicht gescheut, seine Weihnachtsferien zu unterbrechen und über die vereiste Autobahn von Rhöndorf nach Düsseldorf zu eilen. Vor anderthalb Jahren noch, im Juli 1955, als der indische Staatsmann schon einmal in Düsseldorf zwischenlandete, war weder Westdeutschlands Regierungschef noch sonst ein Bonner Kabinettsmitglied zur Begrüßung erschienen.
Damals galt der Inder dem Bundeskanzler noch als ein unsicherer Kantonist, mit dem man besser keinen Umgang pflegt. Nur Karl Arnold, zu jener Zeit Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hatte - zusammen mit Frau Martha Ollenhauer - seife Aufwartung gemacht.
Diesmal war als neuer nordrhein-westfälischer Ministerpräsident Fritz Steinhoff
zur Stelle. Der nur 1,65 Meter große Sozialdemokrat bildete mit dem hochgewachsenen Bundeskanzler ein Paar, dessen politische und körperliche Unterschiedlichkeit den offiziellen und offiziösen Zuschauern einen gern wahrgenommenen Anlaß bot, sich die Wartezeit bis zu Nehrus Landung mit anspruchslosen Witzen zu verkürzen.
Auch der Staatsbesuch, den Nehru im Juli 1956 der Bundesrepublik abgestattet hatte, war politisch kein Erfolg gewesen. Nur in gegenseitiger Achtung waren sich der Deutsche und der Inder dabei etwas nähergekommen. Diesmal jedoch wurde mehr erzielt. Die Teestunde unter acht Augen - der indische Botschafter in Bonn, Nambiar, und der deutsche Dolmetscher Dr. Weber nahmen daran teil - hat nach den Äußerungen der beiden Hauptbeteiligten ein Einverständnis in konkreten Fragen erbracht.
Allein die Tatsache, daß die Besprechung 80 Minuten - 20 Minuten länger als vorgesehen - dauerte, ließ erkennen, daß die beiden Staatsmänner sich diesmal wirklich etwas zu sagen gehabt hatten.
Die Teestunde war von Botschafter Nambiar angeregt worden. Der Botschafter, der seit vielen Jahren mit den deutschen Problemen vertraut ist, hat - wie man in Bonn zu wissen glaubt - seit Beginn seiner Amtszeit am Rhein der deutschen Frage sehr viel mehr Bedeutung beigemessen als sein Regierungschef Nehru. In der Kongreßpartei - der indischen Regierungspartei - repräsentiert Nambiar im Gegensatz zu dem in England erzogenen Nehru einen Flügel, der besonders gut über die deutschen und osteuropäischen Verhältnisse unterrichtet ist.
So mißt man denn auch seit langem in Bonn dem Wirken des Botschafters Nambiar eine besondere Bedeutung für die Gestaltung der deutsch-indischen Beziehungen bei. Tatsächlich gestand Bundeskanzler Adenauer bereits vor seiner Düsseldorfer Teestunde mit Nehru einem Berater: "Ich habe mich davon überzeugt, daß Herr Nehru kein verkappter Kommunist, sondern ein vernünftiger Mann ist."
Solchem Lob aus dem Munde des rheinischen Alten entspricht auf der anderen Seite, daß Nehru seinerseits in jüngster Zeit seine Ansichten über Deutschland und Europa präzisiert hat.
Als Nehru im Juli vorigen Jahres Bonn besuchte, hatte er sich weder von den unermüdlich fragenden Bonner Journalisten noch - soviel man weiß - von Bundeskanzler Adenauer eine konkrete Stellungnahme zur deutschen Frage entlocken lassen.
Am Vorabend seiner Abreise aus Neu-Delhi nach den Vereinigten Staaten aber äußerte er eine Ansicht zum Deutschland-Problem, die offenkundig auf neue Überlegungen zurückging. "Ich denke", sagte Nehru zu ausländischen Journalisten. "daß die wichtigen Probleme Europas, von denen das im Herzen Europas gelegene Deutschland besonders wichtig ist, einer Lösung sehr viel näher wären, wenn auf beiden Seiten die fremden Streitkräfte zurückgezogen werden würden."
Die weltpolitische Pointe dieser Bemerkung liegt darin, daß Nehru sich bis dahin wenig für die Räumung Mittel- und Osteuropas von sowjetischen Truppen und für den Abzug der amerikanischen Truppen aus Westeuropa interessiert hatte. Er teilte bis dahin weitgehend die Ansicht des Kreml, daß man - um den Weltfrieden zu erhalten und zu sichern - zunächst einmal abrüsten und sich erst dann der Frage der Räumung Europas zuwenden solle.
Nehru befand sich mit dieser Ansicht in diametralem Gegensatz zu der deutschen Ansicht, zwischen der Weltabrüstung und der Räumung Mitteldeutschlands durch die Sowjets bestehe ein so enger ursächlicher Zusammenhang, daß beides - die Abrüstung und die Räumung - zumindest zu gleicher Zeit durchgeführt werden müßte.
Dieses Junctim des Problem-Komplexes "Deutsche Frage, Osteuropa, Weltabrüstung" war bis vor kurzem von Nehru im sowjetischen Sinne dahingehend ausgelegt worden, daß man zunächst einmal mit der
Abrüstung beginnen und dann weitersehen solle. Seine Äußerung am Vorabend der Abreise nach Washington zeigte nun jedoch einen Wandel an.
Berichte aus Neu-Delhi lassen erkennen, daß dieser Wandel in Nehrus Ansichten durch die Ereignisse in Ungarn verursacht worden ist. Nehru hat offenbar eingesehen, daß die sowjetische Herrschaft in Osteuropa - deren Gewalttätigkeit ihm bis dahin nicht in vollem Maße geläufig war - eine Gefahr für den Weltfrieden ist. Sein Hinweis auf die besondere Wichtigkeit des "im Herzen Europas gelegenen Deutschland" läßt sogar vermuten, daß er jetzt die vom amerikanischen Außenminister Dulles geäußerte Meinung teilt, ein "ungarischer" Aufstand in Mitteldeutschland könne zu einem dritten Weltkrieg führen.
Nehru bestätigte seinen Meinungswandel gegen Ende seines Besuches in Amerika vor dem Weltparlament der Uno. "Die Anwesenheit fremder Truppen auf dem Gebiet fremder Länder", sagte er dort, "ist weder normal noch wünschenswert." Diese Erklärung - gesehen vor dem Hintergrund der Tatsache, daß Nehru bis vor kurzem der Anwesenheit sowjetischer Truppen in Mittel- und Osteuropa (und amerikanischer Truppen in Westeuropa) kaum Bedeutung beigemessen und das Hauptgewicht seiner Weltfriedenspolitik auf die Forderung nach Weltabrüstung gelegt hatte - beschreibt die Veränderung der moralischen Druckverhältnisse in der Welt. Nehru hat nunmehr die sowjetische Besetzung Ost- und Mitteleuropas als eine der Ursachen des Kalten Krieges anerkannt.
Adenauer hingegen betrachtet die Nato nicht mehr als Selbstzweck. Auf der Basis dieser Einsicht kamen sich Nehru und Bundeskanzler Adenauer auf dem Düsseldorfer Flugplatz näher. Der Bundeskanzler sprach - als die Teestunde beendet war - von einer "Übereinstimmung der Ansichten". Nehru nickte dazu mit dem Kopf. Freilich war keine Zeit, in der sehr viel wichtigeren Frage Übereinstimmung zu suchen, wie die Sowjets mit diplomatischen Mitteln dazu gebracht werden könnten, die von ihnen besetzten Länder zu räumen.
Bundeskanzler Adenauer mit Gast Nehru: "Kein verkappter Kommunist"

DER SPIEGEL 1/1957
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