02.01.1957

PERSIENDer Tiger von Kum

liefert den Aggressionsländern keinen Tropfen Öl mehr! Sprengt die Ölleitungen und bewahrt eure Bodenschätze!" Diese an die arabischen Länder gerichtete Aufforderung strahlte der Moskauer Rundfunk während der vergangenen Wochen immer wieder in den verschiedensten Variationen aus. Drei Pumpanlagen der britischen Iraq Petroleum Company wurden bereits zerstört: dadurch fallen zur Zeit 66 Prozent der irakischen Ölförderung aus. Saudiarabien hat außerdem die Belieferung der großen britischen Erdölraffinerien auf den Bahrein-Inseln unterbunden.
Mehr als je zuvor konzentrieren jetzt die großen Mineralölgesellschaften ihre Bemühungen auf die persischen Erdölfelder. Die Amerikaner hoffen, daß es ihnen gelingen wird, Persien aus der arabischen Krisenzone herauszuhalten. Sie forcieren ein Projekt, das mit einer sensationellen Entdeckung zusammenhängt: Etwa 150 Kilometer südlich von Teheran brodelt seit knapp vier Monaten die stärkste Ölquelle, die jemals im Mittleren Osten angezapft wurde.
Dieses eine Bohrloch - mitten in der Wüste Kum - verspricht eine Jahresausbeute von drei Millionen Tonnen*; das ist doppelt soviel, wie die ertragreichste Quelle im Konzessionsbereich der acht internationalen Ölgesellschaften in Südpersien jährlich hergibt.
Seit Jahren bemühte sich die staatliche persische Gesellschaft "National Iranian Oil Company", neue Ölquellen zu erschließen, und zwar außerhalb des südpersischen Territoriums, das die Regierung nach dem Mossadegh - Abenteuer wieder Briten, Amerikanern und Franzosen gegen hohe Gewinnabgaben zur Ausbeute überlassen hat.
1949 engagierte die persische Regierung den Schweizer Geologen Professor Dr. Arnold Heim, den Schweizer Himalaja-Forscher Dr. August Gansser und sechs weniger prominente Eidgenossen. Sie tasteten die Wüste Kum vier Jahre lang nach Erdöl ab. Während der persisch-britische Ölkonflikt noch im Gange war, brachte dann eine amerikanische Bohrgesellschaft, die Drilling & Exploration Inc. aus Los Angeles, im Auftrage der persischen Regierung nach den Anweisungen des Schweizer Professors Heim die ersten Versuchsbohrungen nieder.
Doch die ersten vier Bohrungen mißlangen. Darüber Professor Heim:, In etwa 2200 Meter Tiefe blieben die Bohrkronen in Salz- und Gipsformationen stecken. Erst die fünfte Bohrung durchstieß die Salzformation und den berühmten Asmari-Kalkstein des mittleren Tertiärs, aus dem im britischen Konzessionsgebiet mehrere hundert Millionen Tonnen Öl gefördert worden sind." Diesen Erfolg erlebte der 74jährige Schweizer Professor jedoch nicht mehr an Ort und Stelle. Er war den Strapazen der Öl-Expedition nicht mehr gewachsen und mußte das Kommando an seinen Freund Gansser abgeben.
In den Morgenstunden des 26. August 1956, als der Bohrmeißel bis auf 2300 Meter Tiefe vorgedrungen war, schoß aus der Sonde eine Ölfontäne hervor, die mit eruptiver Gewalt Gesteinsmassen emporschleuderte, in steilem Bogen hundert Meter hoch anstieg und dann ihre schwarze, etwa 70 Grad heiße Ölbrühe in den Wüstensand kippte. Rings um den Bohrturm bildeten sich in kurzer Zeit zwei Ölseen. Vergeblich versuchten die Ingenieure der amerikanischen Bohrgesellschaft, das Bohrloch zu schließen: Die Wucht des mit 70 Atmosphären Druck hervorschießenden Ölstrahls war so gewaltig, daß die üblichen Mittel nicht ausreichten.
Täglich regneten 15 000 Tonnen heißes Öl in die Wüste, die schwarzen Ölseen wurden größer und tiefer, kilometerweit waberten Erdgas- und Ölschwaden. "Die Luft ist von einem gefährlichen explosiven Gemisch erfüllt. Ein Zündfunke genügt, und eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes wird das Land heimsuchen", schrieben die Zeitungen Teherans und beschworen die Bevölkerung, keine Wallfahrten mehr zur Moschee der kleinen Provinzstadt Kum, dem Heiligtum der persischen Moslems, zu unternehmen.
Schließlich sperrte die Regierung den Verkehr auf der Eisenbahnstrecke von Teheran nach Abadan, die an Kum vorbeiführt. Auch die einzige große Straße dieses Gebietes wurde abgeriegelt. Die Männer, die in der Nähe der Ölquelle zu arbeiten halten, durften keine Nagelschule, sondern nur Bastsandalen tragen: Sohlennägel hätten auf dem steinigen Untergrund Funken schlagen und so den ganzen Ölsegen in Brand setzen können.
Truppeneinheiten wurden aufgeboten, um die Sicherheitsmaßnahmen zu überwachen. Aber damit war die Gefahr nicht beseitigt; die Quelle katapultierte pausenlos schwere Gesteinsbrocken in die Höhe, die gegen das verbeulte Gestänge des Bohrturms oder gegeneinander schlagen und dabei Funken erzeugen konnten. "Die iranische Ölgesellschaft hat einen Tiger am Schwanz gepackt, aber wer wird ihn bändigen?" fragte das amerikanische "Oil- and Gas-Journal".
Schließlich rief die iranische Regierung telegraphisch den prominentesten amerikanischen Bohrfachmann und Ölbrandbekämpfer, Myron Kinley aus Houston, zu Hilfe, der mit seinen Assistenten und umfangreichem technischem Gerät nach Teheran flog.
19 Tage waren inzwischen vergangen. Die Mannschaften der Bohrgesellschaft hatten auf dem Ölfeld Dämme errichtet und Gruben ausgehoben, um die Ölflut einzufangen. Kinley ließ sich ein Tageshonorar von 1000 Mark und hohen Sold für seine Leute verträglich zusichern. Erst dann ging er mit seinem Himmelfahrtskommando an die Arbeit. 14 Tage und Nächte lang würgten die Männer an dem Bohrrohr herum und zwangen ihm schließlich eine Kappe auf. Völlig zupfropfen konnte auch Myron Kinley die Sonde nicht, der Druck der 70 Atmosphären war zu groß. Noch immer fließen täglich etwa 7000 Tonnen Öl in die Ölseen bei Kum.
Das kühnste Projekt, das die Amerikaner mit der neuen Ölquelle von Kum verknüpfen wollen, ist der Bau einer Pipeline von Kum zum türkischen Mittelmeerhafen Iskenderun (früher Alexandrette). Diese projektierte Pipeline (siehe Karte) scheint den Herren der Ölkonzerne sicherer zu sein als die durch die arabischen Länder führenden Pipelines, die in den letzten Wochen von arabischen Nationalisten lahmgelegt wurden.
Auf amerikanische Initiative wurde überdies noch eine zweite Möglichkeit vorbereitet, persisches Öl über die Türkei nach Europa zu schaffen. Die türkische und die persische Regierung haben sich in einem kürzlich abgeschlossenen Vertrag verpflichtet, ihre Eisenbahnlinien so zu verknoten, daß sowohl südpersisches Öl als auch Öl von Kum auf dem Schienenweg an die türkische Mittelmeerküste transportiert werden kann. Außerdem will man eine entsprechende Straßenverbindung schaffen, so daß notfalls persisches Öl auch mit Tankwagen nach Iskenderun verfrachtet werden kann.
Aus drei Millionen Tonnen Rohöl lassen sich etwa 1,2 Millionen Tonnen Benzin herstellen. Diese Menge würde ausreichen, um die westdeutschen Autofahrer ein halbes Jahr lang mit Benzin zu versorgen.
Ölquellen-Bezwinger Kinley (l.) bei Kum: 1000 Mark Tagesgage

DER SPIEGEL 1/1957
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