02.01.1957

ITALIEN / NEOFASCHISTENDas Duell des Jahrhunderts

An einem nebligen Morgen des letzten Jahres drang durch ein Wäldchen in der Nähe Roms das scharfe Klirren aufeinanderschlagender Säbel. Zwei Führer der neofaschistischen Partei Italiens waren am Kilometerstein 26 der Via Prenestina zusammengetroffen, um einer der ehrwürdigsten Unsitten Italiens neuen romantischen Glanz zu verleihen: der unausrottbaren Gewohnheit italienischer Politiker, ihre Gegensätze durch ein Duell auszutragen.
Durch das ganze 19. Jahrhundert schossen und fochten sich die politischen Duellanten Italiens. Vor allem die liberalen und demokratischen Freiheitshelden, die für die Einigung der Halbinsel kämpften, durchbohrten in verschwiegenen Winkeln manchen politischen Gegner.
Noch um die letzte Jahrhundertwende waren in Italien politische Ehrenhändel an der Tagesordnung. Zwischen 1900 und 1914 wurden unter den Parlamentariern des heißblütigen Landes rund 800 Duelle registriert. Mussolini führte einen pathetischen Kreuzzug gegen diese - wie der Duce es nannte -"überlebten Relikte" des italienischen Parlamentarismus.
Doch er mühte sich vergebens. Das politische Duell überlebte den Faschismus, ja es bemächtigte sich auf groteske Weise jener politischen Epigonen, die auch im demokratischen Italien auf die Fahne des Benito Mussolini schwören.
Die erste Duellforderung nach dem zweiten Weltkrieg stellte ein Politiker, der zumindest ein halber Faschist war. Der Abgeordnete Emilio Patrissi forderte 1947 den aus der Emigration zurückgekehrten Sozialdemokraten Treves vor die Klinge. Patrissi hatte behauptet, der Emigrant Treves habe im Kriege als Kommentator des italienischen Dienstes von Radio London die Ehre der italienischen Armee beleidigt, worauf der heimgekehrte Sozialist Treves den Patrissi wütend beschimpft hatte.
Um die Ehre des italienischen Soldaten war auch der neofaschistische Politiker Giorgio Almirante besorgt. Als sich Sir Winston Churchill einmal recht despektierlich über den militärischen Beitrag Italiens im zweiten Weltkrieg äußerte, schickte Almirante ihm umgehend eine Forderung ins englische Unterhaus. Churchill ließ sie unbeantwortet.
Almirante ist der Führer des extremistischen Flügels der neofaschistischen Partei Italiens, der den Anspruch erhebt, das Ideengut der "reinen" Lehre des Duce zu vertreten. Als Herausgeber des bisher parteioffiziellen Organs "Secolo d'Italia" (Das italienische Jahrhundert) übt Almirante großen Einfluß auf die Neofaschisten aus.
Dem Almirante aber fielen nun in der letzten Zeit immer deutlicher erkennbare Bestrebungen des rechten Flügels der Neofaschisten auf, sich mit dem demokratischen Staat auf guten Fuß zu stellen. Insbesondere der Führer des rechten Parteiflügels, Mussolinis Neffe Graf Vanno Teodorani, bemüht sich seit geraumer Zeit, eine politische Koalition mit den rechtsgerichteten Monarchisten und Liberalen zu bilden. Mit ihr glaubt der Mussolini-Graf, an die Schalthebel der politischen Macht in Italien kommen zu können.
Almirante sah die reine Lehre verraten, beschimpfte Teodorani im "Secolo" und nannte ihn einen "Tölpel von einem Knecht", der obendrein noch ein indiskreter Tölpel sei. Sofort konterte der Graf in seiner Zeitschrift "Asso di Bastoni": Almirante sei ein unwürdiger Faschist, der es nicht verdiene, Abgeordneter der Partei zu sein; würde Mussolini noch leben, wäre Almirante nie Abgeordneter geworden.
Die Auseinandersetzung wurde schließlich so hitzig, daß den beiden Pamphletisten nur noch der traditionelle Ausweg blieb: ein Duell. Die beiden Neofaschisten schickten sich die Forderungen ins Haus, die Sekundanten wurden ausgewählt, und man verabredete, sich in dem waldreichen Besitz des Grafen Vaselli nahe Rom gegenüberzutreten.
Im frühen Morgennebel trafen sich die beiden Gegner - in das traditionelle Schwarz gekleidet - am Kilometerstein 26. Die Säbel der Duellanten wurden desinfiziert, während ein Arzt Beruhigungspillen anbot, die zwar von beiden Gegnern entrüstet zurückgewiesen, von den herbeigeeilten Bauern der Umgebung jedoch mit sichtlichem Behagen gekaut wurden. Das Duell um den "Secolo"-Artikel - von Spöttern das "Duell des Jahrhunderts" (Secolo) genannt - konnte beginnen.
Zunächst zeigte sich Almirante klar im Vorteil, denn er hatte vorsorglich bei dem berühmten römischen Fechtmeister Sarrocchi Unterricht genommen. In der dritten Runde wurde der Graf zweimal am Arm geritzt. Dann holte er auf und bedrängte seinen Gegner, wobei er ihm zwei Wunden beibrachte. Almirante revanchierte sich und traf wiederum Mussolinis Neffen.
Der Kampfrichter meinte nun gelassen, Blut sei genug geflossen, auch die Ehre sei hinreichend wiederhergestellt. Doch die Duellanten ließen nicht voneinander ab und schlugen heftig weiter. Die siebente Runde ging unentschieden aus: Beide Gegner verletzten einander. Dann aber wurde der Kampfrichter energisch: Er ließ die beiden anwesenden Ärzte entscheiden, daß die Gegner kampfunfähig waren.
Aber die Duellanten versöhnten sich nicht. Sie brachten sich zunächst vor der hohen Obrigkeit in Sicherheit; in Italien ist der Zweikampf ebenso verboten wie in Deutschland und in anderen Staaten. Während sich jedoch der von der parlamentarischen Immunität umhegte Parlamentarier Almirante nur in das Parlament zu flüchten brauchte, verschwand Mussolinis Neffe.
Das Duell wurde mit giftigen Worten auf dem neofaschistischen Parteitag in Mailand fortgesetzt, der in den letzten Wochen des alten Jahres stattfand. In Mailand versuchte Almirante, die Partei für den Gedanken eines "faschistischen Sozialismus" und für den Abbruch aller politischen Kontakte mit den Monarchisten zu gewinnen. Nach dreitägiger Redeschlacht verlor Almirante dieses politische Duell: Mussolinis Epigonen suchen weiterhin den Anschluß an das rechtsstehende Bürgertum. Außerdem stellte die Partei die Finanzierung des Almirante-Organs "Secolo d'Italia" ein.
Die italienische Polizei zeigt indessen bisher keinen übertriebenen Eifer, die Duellanten Teodorani und Almirante zu verfolgen. In ihren Akten ruhen Vermerke über weitere 80 Duellforderungen neofaschistischer Italiener. Diese 80 Duelle unterscheiden sich von dem 81. freilich durch einen Umstand: Die Herausforderer denken nicht daran, sich tatsächlich zu duellieren.
Mussolini-Neffe Teodorani Ein "indiskreter Tölpel"...
... revanchiert sich mit der Waffe: Neofaschisten Ricci, Almirante

DER SPIEGEL 1/1957
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ITALIEN / NEOFASCHISTEN:
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