02.01.1957

„ICH BIN EIN LUMP, HERR STAATSANWALT!“

"Niemals ist in unserem Europa weder eine Macht noch auch eine Lehre, am wenigsten eine politische, zu vollkommener Alleinherrschaft gediehen. " (Leopold von Ränke, Geschichte der Päpste.)
In den Moskauer Schauprozessen der dreißiger Jahre gestand die Elite der russischen Altkommunisten, "die Goldreserve der Partei", wie Lenin sie genannt hatte, gemeinsam mit Trotzki eine Verschwörung gegen Stalin geplant zu haben. Die Angeklagten wurden erschossen, In Budapest gab Jahre später der ungarische Altkommunist Laszlo Rajk zu, ein Faschist und Agent der Gestapo und Titos gewesen zu sein. Er endete am Galgen. In Prag gestand der Generalsekretär der tschechischen KP, Rudolf Slansky, ein "zionistischer Verroter und Lump" und ein Agent des amerikanischen Nachrichtendienstes zu sein. Er wurde ebenfalls gehenkt. Wie war es möglich gewesen, daß hartgesottene, zuweilen ehrenwerte Kommunisten sich selbst zu Mördern, Gaunern, Strolchen, bezahlten Subjekten und Verratern an der Partei degradierten?
7. Fortsetzung
Die Technik der kommunistischen Tribunale geht über das
physische Morden hinaus. Da bleibt keine Möglichkeit, anständig zu sterben; nicht nur der Leib, auch der Geist wird zum Tode verurteilt.
Es ist der fünfte Verhandlungstag im Prager Slansky-Prozeß. Die Angeklagten hocken auf ihren Bänken. Der Saal ist brechend
voll wie jeden Tag. Die internationalen Journalisten warten auf neue Geständnisse. Aber kann man diesen Prozeß noch zu neuen Höhepunkten führen? - Man kann!
Der Gerichtsvorsitzende erhebt sich: "Ich habe eine Mitteilung zu machen."
Alles blickt überrascht auf. Und dann kommt etwas so Ungeheuerliches, daß selbst die Volksrichter ihre gleichgültige und gelangweilte Miene verlieren.
Der Gerichtsvorsitzende verliest zwei Briefe. Der erste stammt von dem 15jährigen Sohn des Angeklagten Frejka, jenes Mannes, der die Kriegsjahre in London verbracht und mit der Emigrantengruppe um den Demokraten Benesch zusammengearbeitet hatte, der nach dem Kriege nach Prag zurückkehrte, seinen deutschklingenden Namen Freund in Frejka änderte und als kommunistischer Funktionär der wirtschaftspolitische Referent des Staatspräsidenten Klement Gottwald und dann sogar Vorsitzender der Volkswirtschaftlichen Kommission der Kommunistischen Partei wurde. Der Gerichtsvorsitzende verliest jetzt einen Brief, den der halbwüchsige Sohn Frejkas, Thomas Frejka, an das Staatsgericht, vor dem sein Vater steht, geschrieben hatte: "Geehrtes Staatsgericht! Ich verlange für meinen Vater die schwerste Bestrafung - nämlich die Todesstrafe. Ich habe erkannt, daß diese Kreatur, die man nicht als Menschen bezeichnen darf, weil nicht eine Spur von Gefühl und menschlicher Würde in ihr ist, mein größter und erbittertster Feind gewesen ist. Ich versichere, daß ich stets als treuergebener Kommunist arbeiten werde. Ich werde meinen Haß gegen alle unsere Feinde stärken, die unser stets reicher und freudvoller werdendes Leben vernichten wollen, und ich werde vor allem den Haß gegen meinen Vater nie versiegen lassen, damit ich mich um so besser für die kommunistische Zukunft unseres Volkes einsetzen kann. Ich bitte, daß' dieser Brief meinem Vater vorgelegt wird oder daß man mir Gelegenheit gibt, ihm das, was ich geschrieben habe, ins Gesicht zu sagen." Unterschrift: "Thomas Frejka."
Es war niemand im Saal des Justizpalastes in Prag, dem nicht der Atem stockte ob dieser Ungeheuerlichkeit. Alle Blicke waren auf Ludvik Frejka gerichtet. Würde er nicht aufspringen? Würde er nicht schreien: "Lüge, Lüge, nichts als Lüge. Alles ist gelogen. Alles. Mein Geständnis. Meine Verbrechen. Euer Prozeß. Und dieser Brief meines Jungen!" Aber Ludvik Frejka schrie nicht, wie Frau Rajk im September 1949 im Zentralgefängnis von Budapest geschrien hatte. Ludvik Frejka saß zusammengekauert auf seinem Platz und akzeptierte auch diese Infamie, die zum Spiel gehörte.
Und wie Ludvik Frejka blieb auch der stellvertretende Außenminister Artur London ergeben sitzen, als der Vorsitzende einen zweiten Brief verlas. Er stammte von seiner Frau Lisa Londonova, die aus der glücklichen Ehe mit ihrem Mann drei Kinder hatte. Ihr Brief war ein ausgeklügeltes Machwerk mit Anspielungen auf die Tatsache, daß Artur London noch unter der Ära Slansky verhaftet worden war:
"Nach der Verhaftung meines Mannes glaubte ich, daß er das Opfer von Verrätern geworden sei, die durch den 'Fall London' ihre eigene verräterische Tätigkeit bemänteln wollten. Leider sind nach der Lektüre der Anklage meine Hoffnungen zusammengebrochen. Mein Mann war ein Verräter an seiner Partei, ein Verräter an unserem Vaterland. Das ist ein furchtbarer Schlag, der mich und meine Kinder getroffen hat. Noch nie hat ein Verräter in unserer Familie gelebt. Nun sehen wir den Vater meiner drei Kinder vor dem Volksgerichtshof als Verräter. Für mich ist die schmerzliche Pflicht entstanden, meine beiden älteren Kinder hierüber aufzuklären. Sie haben mir versprochen, sich in ihrem ganzen Leben als treue Kommunisten zu verhalten. Ich aber bin als Kommunistin und Mutter im Interesse des tschechoslowakischen Volkes und des Weltfriedens glücklich, daß die Verräterbande entlarvt und unschädlich gemacht worden ist. Ich kann mich nur allen ehrenhaften Menschen anschließen und strengste Bestrafung für die Verräter fordern."
Der Selbstmord eines Fünfzehnjährigen
Schlimmer geht es nicht; fürchterlicher kann der Mensch als Demonstrationsobjekt politischer Zwecke nicht mißbraucht, mißachtet, geschändet werden. Das war die Prager Neuauflage jenes gigantischen Zynismus des Alten im Kreml, von dem die Welt 1936 im Zusammenhang mit den Prozessen gegen seine Gegner zum erstenmal entsetzt vernahm.
Diese Briefe von 'Prag entsprachen genau der Methode, die Stalin bei der Diffamierung der von seinem Ankläger Wyschinski gerichteten Rivalen angewandt hatte. Susanne Leonhard, die Mutter des Kommunisten Wolfgang Leonhard, der nach einem Leben für Stalin im Jahre 1949 aus Ostberlin nach Jugoslawien flüchtete, berichtet in ihrem Buch "Gestohlenes Leben" darüber.
Susanne Leonhard saß während der Säuberungen in den dreißiger Jahren selbst in sowjetischen Gefängnissen, und sie erfuhr aus erster Hand, wie es den Familien der Verurteilten und Angeklagten erging. Während des Moskauer Schauprozesses von 1938 wurden in den Schulen Versammlungen abgehalten, bei denen die Schüler ihre Zustimmung zu den Verfahren ausdrücken mußten. Es wurden Resolutionen verfaßt und Adressen an den Gerichtshof formuliert. Natürlich wurde die Todesstrafe für die "Verräter" gefordert. Solche Resolutionen mit dem Schrei nach dem Tod der Angeklagten wurden auch in den Klassen einer Schule diskutiert, in der die Kinder des angeklagten ehemaligen Botschafters Krestinski und des Marschalls der Roten Armee, Tuchatschewski, auf den Bänken saßen: "Wer ist für die Todesstrafe gegen die Angeklagten? Die Hände hoch!" Hart und unerbittlich ruhten die Augen der Lehrer auf Petja und Wanja Tuchatschewski und auf der kleinen Nadja Krestinskaja. "Die Hände hoch! - Einstimmig angenommen!"
So stimmten Petja und Wanja Tuchatschewski für den Tod ihres Vaters, und auch Nadja Krestinskaja, die einzige Tochter Krestinskis, forderte die Hinrichtung ihres Papuschka, dem ihre Zärtlichkeit gehört hatte und dessen ein und alles -sie gewesen war. Im Namen des Kommunismus, der sich auch dafür einen Helden geschaffen hatte- das Idol des zwölfjährigen Dorfjungen Pawel Morosow, der als Held gefeiert wurde, weil er seinen Vater denunzierte und vor die Gewehre eines Erschießungspeletons brachte.
Man weiß nicht, wie Pawel Morosow mit seinem widernatürlichen Heldentum innerlich fertig wurde; aber man weiß, was Thomas Frejka tat, als die Meldung von dem Tode seines Vaters über die Rundfunkstationen bekanntgegeben wurde: Der Fünfzehnjährige erhängte sich. Es war das fürchterlichste Dementi eines staatsanwaltlichen Beweisstückes, das je bekannt wurde.
Der Freitod des jungen Thomas Frejka war die einzige Panne in der Prager Schau. Vor keinem kommunistischen Tribunal spielten die Zeugen so eifrig, so vollendet mit, gestanden die Angeklagten so druckreif für die Zeitungsartikel wie im Slansky-Prozeß.
Für diejenigen Zuhörer, die jene Männer auf der Anklagebank persönlich kannten und etwas von der politischen Geschichte Prags seit 1945 wußten, war aber gerade dieser Eifer verdächtig. Sie reagierten zu willig, zu folgsam, zu marionettenhaft bei dem jeweiligen Druck des Anklägers auf den Geständnisknopf, als daß man die erbärmlichen Schuldbekenntnisse dieser profilierten Kommunisten von Slansky bis Frejka ernst nehmen konnte. Natürlich, die breite Masse sah das nicht, begriff die psychologische Hintergründigkeit nicht und übersah die Zusammenhänge, die sich für den ergaben, der hinter die Kulissen blicken konnte. Die Uneingeweihten hatten im November 1952, als der Prozeß über die Bühne ging, längst vergessen, daß Slansky seine Mitangeklagten - seine ehemalige Freundin, die Parteisekretarin Svermova, und ihren Geliebten, den Parteisekretär von Brünn, Otto Sling - im Oktober 1950 und zu Beginn des Jahres 1951 selbst hatte verhaften lassen.
Nicht nur das: Bereits wenige Wochen nach ihrer Verhaftung war über Rundfunk und Presse die Meldung gegangen, daß die Svennova und Sling mit ihren Freunden das Ziel verfolgt hätten, "den geliebten Generalsekretär Slansky zu ermorden". Wohlgemerkt: Nicht Gottwald, den Präsidenten; nicht Zapotocky, den Ministerpräsidenten; nein, den Generalsekretär der KP, Slansky.
Das war von besonderer Bedeutung, denn der Mordplan an einem "geliebten Führer" gehört immer zum Verbrechenskatalog des Anklägers in einem Schauprozeß. Seit den Moskauer Prozessen der dreißiger Jahre hat es keinen Ankläger gegeben, der seinen Opfern nicht dieses Delikt vorgehalten hätte. Es gehört zum Knigge der Inquisition; und es gilt im kommunistischen Reich als eine besondere Auszeichnung, das Objekt eines Mordkomplotts der imperialistischen Spione zu sein. Dieses schaudererregende Verbrechen ist nur, für die "hervorragendsten Führer" reserviert. Es sprach also Anfang 1951 für die überragende Stellung Slanskys, daß er das Ziel der Mordpläne der Sling-Svermova-Gruppe war.
Ein Jahr nach diesen Enthüllungen saß Slansky mit seinen "Mördern" plötzlich auf ein und derselben Anklagebank, und man höre und staune - der Ankläger nannte sie nicht nur gemeinsame Verschwörer, Slansky war nicht nur ihr Führer, nein, dieser Slansky hatte - nach der Anklage - mit diesen Leuten den Plan gehabt, den "geliebtesten Führer" der tschechischen Kommunisten zu ermorden. Und wer war dieser "geliebteste Führer"? Diesmal Klement Gottwald! So stand es in der Anklage. So gestanden es Slansky und seine von ihm selbst verhafteten ehemaligen Feinde.
Alle früheren anderslautenden Geständnisse Slings und der Svermova waren vergessen. Man erwähnte nicht mehr, was sie im Frühjahr 1951 den Untersuchungsrichtern in langen Bekenntnissen erzählt hatten. Ihre Geständnisse wurden neu gefaßt.
Ihr Feind von gestern war ihr Verbündeter von heute. Der Mann, den sie gestern angeblich beseitigen wollten, weil er den Plänen der westlichen Imperialisten im Wege stand und der "Garant des echten Kommunismus" gewesen war, wurde jetzt der Chef ihrer Verschwörerbande im Dienste derselben Imperialisten und ihr Mordkumpan gegen den "bewährten Garanten des Kommunismus, Klement Gottwald". Bedarf es eines besseren Beweises für die Verrücktheit dieser Anklagen?
Aber warum, um des Himmels willen, warum gestanden sie das alles? Diese Frage ist quälend, wenn man in den Prozessen das' Rechtsproblem sucht. Aber es gibt hier gar kein Rechtsproblem, und man kommt mit westlichen Rechtsvorstellungen dem Phänomen kommunistischer Schauprozesse nicht auf die Spur. Man kann, man darf sie nicht als Erscheinung des Rechts bewerten. Sie haben mit Recht nichts zu tun. Der beste Beweis dafür ist die Rolle der Verteidiger in diesen Prozessen.
In den Moskauer Schauprozessen der dreißiger Jahre war es üblich gewesen, keinen Verteidiger in Anspruch zu nehmen. Vom 19. bis 24. August 1936 fand der Prozeß gegen die erste Gruppe der alten bolschewistischen Garde statt, die Stalin bei seinem Streben zur Ein-Mann-Diktatur im Wege stand. Es saßen Männer wie der Komintern-Chef Sinowjew und der Vertraute Lenins, Kamenjew, auf der Anklagebank. Sie waren bereits 1935 im Zusammenhang mit dem von Stalin selbst inszenierten Mord an dem beliebten Leningrader Parteisekretär Kirow in geheimer Gerichtsverhandlung zu langjähriger Haft verurteilt worden. Dieser Schlag gegen die "Goldreserve der Partei", wie Lenin die Vereinigung der alten Bolschewiken genannt hatte, war der erste Schritt Stalins zur Alleinherrschaft gewesen. Jetzt folgte der zweite: Seine Feinde sollten öffentlich verurteilt und physisch vernichtet werden.
Natürlich wußten das die Angeklagten so gut wie der Ankläger; Kamenjew und Sinowjew wußten es ganz genau; denn sie hatten ein sensationelles Gespräch mit Stalin gehabt, auf das noch zurückzukommen ist. Die Anklage erklärte Tatbestände zu Verbrechen - und die Angeklagten bekannten sich dazu -, die in Wahrheit zur Zeit der Tat nichts anderes als Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Politbüros über Taktik und Strategie des Bolschewismus gewesen waren.
Zur Majestätsbeleidigung wurden diese Meinungsdifferenzen erst, als Josef Stalin sich zur Majestät erklärt hatte. Bei der nachträglichen Abrechnung ging es also gar nicht um Recht, es ging um die Macht. Alle Angeklagten dieses "Prozesses der 16", des ersten stalinistischen Schauprozesses, verzichteten also auf einen Verteidiger.
Dasselbe wiederholte sich im zweiten Moskauer Schauprozeß gegen die Gruppe Pjatakowradek vom 23. bis 310. Januar 1937. Von 17 Angeklagten verzichteten 14 auf einen Verteidiger, und im "Prozeß der 21" gegen die Bucharin-Gruppe lehnten 18 Angeklagte einen Verteidiger ab. Der wurstige Verzicht auf das Recht der Verteidigung wurde in den Akten betulich formgerecht verzeichnet. Auf diese Weise sollte der Eindruck verdeckt werden, daß die Angeklagten durch ihren Verzicht den Prozeß zur Farce machten. So liest man in den Akten des Bucharin-Prozesses folgende Dialoge:
VORSITZENDER:
"Angeklagter Bucharin, wünschen Sie einen Verteidiger?"
BUCHARIN:
"Nein!"
VORSITZENDER:
"Angeklagter Rykow, wünschen Sie einen Verteidiger?"
RYKOW: "Nein!"
VORSITZENDER:
"Angeklagter Jagoda, wünschen Sie einen Verteidiger?"
JAGODA: "Nein!"
VORSITZENDER:
"Angeklagter Krestinski, wünschen Sie einen Verteidiger?"
KRESTINSKI:
"Nein, ich werde mich selbst verteidigen."
In derselben Eintönigkeit geht der Dialog über drei ganze Protokollseiten. Weitere 14 Angeklagte verzichten auf einen Rechtsbeistand - in einem Prozeß, in dem es immerhin um den Kopf ging.
Im Slansky-Prozeß hatten zwar die Angeklagten Pflichtverteidiger; aber nur ein einziges Mal griff einer der Advokaten in den Prozeßablauf ein. Ihre Plädoyers waren erbärmliches Theater. Sie unterschieden sich in nichts von dem Plädoyer des Anklägers.
Slanskys Verteidiger zum Beispiel benötigte für sein Plädoyer neun Minuten; der Verteidiger von Frejka, Simone und London brauchte für sein Plädoyer für alle drei Mandanten sechs Minuten. Der Inhalt war immer derselbe: Vielleicht kann das Gericht - obwohl es eigentlich angesichts der angeklagten Scheusale nicht vertretbar sei - von der Verhängung der Todesstrafe absehen. Wenn das Gericht aber glaubt, das sei nicht vertretbar - nun, dann ist es natürlich auch gut.
Im Rajk-Prozeß in Budapest war das nicht anders gewesen, und im Kostoff-Prozeß in Sofia entschuldigte sich der Verteidiger sogar reumütig, daß sein Mandant das Geständnis verweigerte.
Dabei waren diese Verteidiger nicht etwa gedungene Subjekte. Nicht frivole Gauner; nein, die Prozeßordnung wies ihnen diese Rolle zu. Jeder Verstoß dagegen hätte sie selbst auf die Anklagebank gebracht, weil sie nicht zur Verteidigung da waren, sondern zum Mitspielen. Denn diese Prozesse waren spektakuläres Theater, Propaganda, politische Machtmittel, Sühne, Vergeltung
- alles in einem. Der Prozeßverlauf ist - für den Zuschauer -
eine Art politischer Volksbelustigung, ein in Prozeßform zurechtgemachtes Schaustück der Gewalt. Für den Angeklagten ist es die politische und geistige Kniebeuge vor der gerade herrschenden Clique und den obersten Götzen. Eine allerdings meist tödliche Verbeugung. Und das Perverseste an der Sache ist, daß der mitspielende Angeklagte bis zum Schluß des Stückes nicht weiß, ob seine schauspielerische Leistung und sein Kniefall ausreichen, ihm den Kopf zu retten.
Und woraus resultiert das alles? Ist es nur die Perversität eines Diktators? Nur die Lust verrückter Potentaten? Nein. Das kommunistische Imperium stalinistischer Prägung beruhte auf der Fiktion, daß die kommunistische Politik wissenschaftlich fest begründet, unfehlbar und das einzig richtige Rezept sei, alle Leiden der Welt zu kurieren. Bei einer solchen Prämisse kann der Staat einen durch weltpolitische oder wirtschaftspolitische Umstände erforderlich gewordenen Kurswechsel oder eine Ablösung von vorher hochgelobten und gefeierten Rivalen nicht durchführen, ohne die Entschuldigung in Anspruch zu nehmen, daß die unfehlbare kommunistische Politik von Schädlingen, Spionen oder Nichtskönnern falsch praktiziert wurde.
Da aber die politischen Irrtümer des "unfehlbaren" Diktators von Zeit zu Zeit Kursänderungen erforderlich machen - nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch in der Innen- und Wirtschaftspolitik - so ergibt sich der Zwang, die politischen Werkzeuge von gestern über Nacht aus der Kategorie von Helden und Könnern in die Rubrik von Verrätern und Nonvaleurs zu versetzen. Nur so können der Unfehlbarkeitsanspruch der Lehre und die ungeschmälerte Stellung des kommunistischen Diktators erhalten bleiben. Man braucht dann nur die Helden von gestern auf dem Altar des Bolschewismus zu opfern, sie vorher zum Geständnis ihres schändlichen Verrats zu bringen, und die Welt ist wieder in Ordnung gebracht. Die Tribüne der Schauprozesse ist der Altar. Die Volksrichter sind die Opferpriester; und die feierliche Opferhandlung wird auf den Galgenhöfen der Gefängnisse zelebriert. Das ist das Wesen der kommunistischen Schauprozesse.
Und noch eine andere Triebkraft wird in dem Säuberungsmechanismus sichtbar. Wie soll man einen Rivalen im Führungsgremium, einen der unvermeidlichen Unterdiktatoren beseitigen, wie soll man ihn als Opponenten in Mißkredit bringen, wenn es keine verschiedenen Auslegungen, keine Meinungsfragen in der Lehre gibt? - Es bleibt nur eine Möglichkeit: Man muß den Rivalen zum Feind des Kommunismus, zum Verräter machen.
Das tat Stalin mit Trotzki. Er tat es im "Prozeß der 16" mit Sinowjew, Kamenjew, Smirnow, Golzman, Reingold, Pikel, Olberg und anderen, "im Prozeß der 17" mit Radek, Pjatakow, Sokokow, Muralow und anderen, und in dem "Prozeß der 21" mit Bucharin, Rykow, Jagoda, Krestinski, Rakowski, Rosengolz, Iwanow und anderen.
Und wie Stalin machten es Tscherwenkoff in Bulgarien, Rakosi in Ungarn, Gottwald in Prag und Bierut in Warschau.
Wer in den Tagen der von Stalin befohlenen großen Opferungen ein dunkles Geschäft zu begleichen hatte, der nutzte die Stunde. Der Prozeß gegen Rudolf Slansky ist geradezu ein Musterbeispiel für diese Seite der Sauberungsprozesse. Eifersucht, Mitwisserschaft an dunklen Machenschaften und sogar Liebeshändel waren die Ingredenzien des Schauspiels von Prag. Der Slansky-Prozeß zeigte alle Motive, die bei kommunistischen Schauprozessen am Werke sind, in beinahe klassischer Reinheit.
Das Fürchterlichste an diesen Säuberungsprozessen aber war nicht die Tatsache der zynisch zelebrierten Liquidation der jeweils angeklagten Matadore. Im Grunde hatten sie ja alle, die auf der Anklagebank der Schauprozesse Platz nahmen, ein gerütteltes Maß an Verbrechen auf ihren Schultern, die nach westlichen Rechtsgrundsätzen ausreichten, sie zumindest hinter Schloß und Riegel zu bringen; sie hatten alle zumindest soviel politische Schuld auf sich geladen, daß eine Vergeltung nicht gerade zu trauernder Anteilnahme zu führen brauche.
Das Fürchterlichste war, daß jeder Prozeß - weil er als juristische Beweisführung für Rechtsbrüche erschien und Geständnisse über echte Rechtsbrüche produzierte - zu einer endlosen Kette neuer Verdächtigungen, neuer Verfahren, neuer Opfer und - neuer Verdächtiger führen mußte. Das war der Fluch für den Mißbrauch des Rechts.
Wenn im Rajk-Prozeß die Rotspanienkämpfer als potentielle Trotzkisten erschienen, im Kostoff-Prozeß der Umgang mit jugoslawischen Diplomaten grundsätzlich als Beweis für Spionage gegen die Sowjet-Union erklärt wurde, im Slansky-Prozeß die Emigration verdienter Kommunisten in westliche Länder als hinreichender Grund für den Verdacht des Hochverrats galt und jeder jüdische Genosse als Zionist und imperialistischer Spion deklariert wurde, dann konnten alle diese in Budapest oder Sofia oder Prag verurteilten Personengruppen in anderen Satellitenstaaten - ja, im kommunistischen Hauptstaat selbst - nicht ungeschoren bleiben. Sie wurden in den Strudel gerissen, wie treu ihre kommunistische Gesinnung auch war.
Jedes "Geständnis" gebar neue Opfer. Jedes Opfer neue Geständnisse. Und so ging die Reihe fort. Ende 1952, kurz vor dem Tode Stalins, geisterte im Kreml das Stichwort von der jüdischen Ärzteverschwörung. Es sprach alles dafür, daß sich eine neue gigantische Säuberungswelle Stalins in der Sowjet-Union selbst anbahnte. Die Chruschtschew-Rede vom Februar 1956 macht klar, daß auch die Spitzen im Kreml so etwas befürchteten.
Chruschtschew sagte: "Wir hatten jedoch das Gefühl, daß der Fall der verhafteten Ärzte nicht ganz stimme... Er war von Stalin konstruiert, doch hatte er keine Zeit mehr, ihn ganz zu Ende zu führen... Infolge seines übergroßen Argwohns spielte Stalin auch mit dem absurden und lächerlichen Verdacht, Staatspräsident Woroschilow sei ein englischer Agent ... Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Genossen Molotow und Mikojan auf diesem Parteikongreß hier keine Reden mehr hätten halten können, wenn Stalin noch einige weitere Monate länger am Ruder geblieben wäre. Offensichtlich beabsichtigte er, sich aller alten Politbüro-Mitglieder zu entledigen."
Das war die Mechanik der Säuberung, der unaufhaltbare Lauf der kreisenden Sichel, die jeden Kopf abschlagen mußte, der in die Hohe des argwöhnischen Diktators wuchs.
Aber noch immer ist die Frage nicht beantwortet: Wie war es möglich, daß hartgesottene, zuweilen ehrenwerte Kommunisten sich in einem Gerichtssaal zu Gaunern, Strolchen, Mördern, bezahlten Subjekten und Verrätern an der Partei erklärten? Warum gestanden sie? Warum wehrten sich diese Angeklagten wenigstens in der öffentlichen Verhandlung nicht? Warum bekannten sie sich im Angesicht der Weltöffentlichkeit zu so offensichtlich unsinnigen und unwahren Verbrechen, die sie nie begangen haben konnten? Diese Frage teilt die Welt seit dem ersten Schauprozeß von Moskau in viele Lager.
Da hatte zum Beispiel bereits im ersten Moskauer Schauprozeß der Angeklagte Golzman gestanden und bezeugt, daß er 1932, anläßlich einer offiziellen Mission in Berlin, den Sohn Trotzkis, Sedow, getroffen habe und mit diesem zu Trotzki nach Kopenhagen gefahren sei. Dieser Punkt hatte für den Gesamtprozeß entscheidende Bedeutung, denn bei diesem Treffen waren - nach der Anklageschrift - die Pläne für die Ermordung Stalins ausgearbeitet worden. Bei dieser Gelegenheit sollte Trotzki einen Geheimkode der sowjetischen Opposition erhalten haben. Die Tat bestände des Mordplans und des Hochverrats wären damit erwiesen gewesen.
Der Angeklagte Golzman sagte nach dem amtlichen, vom sowjetischen Volkskommissariat für Justizwesen herausgegebenen Protokoll folgendes aus: "Ich vereinbarte mit Sedow, daß ich in zwei oder drei Tagen in Kopenhagen eintreffen und im Hotel 'Bristol' absteigen werde und daß wir uns dort treffen werden. Direkt vom Bahnhof begab ich mich ins Hotel 'Bristol' und traf Sedow dort im Foyer. Gegen zehn Uhr morgens fuhren wir zu Trotzki.
Alle 16 Angeklagten wurden nicht zuletzt wegen dieses Geständnisses verurteilt. Aber welche Überraschung, als am 1. September 1936, sechs Tage nach der Hinrichtung der Angeklagten, die dänische Zeitung "Social-Demokraten" die sensationelle Feststellung veröffentlichte: Das Hotel "Bristol", in dem Golzman angeblich Sedow im Jahre 1932 traf und von dem aus sie beide zur Wohnung Trotzkis gefahren sein wollten, war bereits im Jahre 1917 zerstört worden. Es gab also kein Hotel "Bristol" mehr.
Alexander Orlow, ein langjähriger Abteilungsleiter in der NKWD, der von Amts wegen Einblick in die Geheimprotokolle der Schauprozesse hatte, Stalins Instruktionen zu den Prozessen genau kannte und mit dessen Sohn aus erster Ehe eng befreundet war, berichtet in seinem 1953 erschienenen Buch "Kreml-Geheimnisse" glaubhaft, daß Stalin nach der dänischen Enthüllung die Abteilungschefs des NKWD zusammenrief und ihnen in einem fürchterlichen Donnerwetter befahl, nach dem Schuldigen für diesen Fehler zu suchen. Dabei brüllte er: "Zum Teufel auch, was brauchte man denn ein Hotel! Ihr hättet ihn ebensogut sagen lassen können, die Begegnung habe im Bahnhof stattgefunden, ein Bahnhof ist immer vorhanden."
Ein halbes Jahr später hätte Stalin allerdings gegen sich selbst ein Sabotageverfahren eröffnen müssen; denn ihm unterlief ein noch schlimmerer Regiefehler. In dem "Prozeß der 17", der vom 23. bis 30. Januar 1937 über die Bühne rollte, hatte der Hauptangeklagte Pjatakow - einer der begabtesten und geachtetsten Männer der Partei, der zu den Lieblingen Lenins gehört hatte - "gestanden", daß er im Dezember 1935 anläßlich
einer Reise nach Berlin einen Brief an Leo Trotzki nach Norwegen geschrieben habe, um von ihm Direktiven für die Verschwörung gegen Stalin zu erhalten.
Als der NKWD Stalin dieses Geständnis Pjatakows vorlegte, meinte er, es sei besser, für diese Sache nicht "etwas Schriftliches" vorauszusetzen. Vielmehr solle der Plan einer Verschwörung in einem persönlichen Zusammentreffen zwischen Trotzki und Pjatakow entwickelt werden.
Stalin gab also dem Leiter der Auslandsabteilung des NKWD, Slutski, die Weisung, eine Geschichte von Pjatakows Reise zu Trotzki auszuarbeiten und dabei die Eisenbahnfahrpläne der Strecke Berlin-Oslo zu berücksichtigen. Es sollte nicht wieder so etwas passieren wie mit der "Bristol"-Affäre.
Aber Slutski kam mit den Fahrplänen nicht zurecht. Die Sache hatte vorn und hinten ihre Haken. Die Eisenbahnreise nach Oslo bedingte eine zu lange Abwesenheit Pjatakows von Berlin, während andererseits die Daten der Besprechungen, die er in Berlin wirklich gehabt hatte, nicht aus der Welt zu schaffen waren.
Darauf entschied Stalin: "Lassen Sie Pjatakow mit dem Flugzeug geflogen sein, das kann bequem in einem Tag passieren.. Stutski wies auf die üblichen Namenslisten der Flugpassagiere hin. Da befahl Stalin, daß Pjatakow mit einem Sonderflugzeug geflogen sei.
Stalins Story platzte
So wurde Pjatakows Aussage entsprechend umgeschrieben, und Pjatakow bekannte vor Gericht, daß ihn im Dezember im Berliner Tiergarten ein ihm unbekannter Mann, der sich durch einen Zettel mit der Unterschrift Trotzkis legitimierte, zu einem Flug nach Norwegen aufgefordert hatte.
Pjatakow: "Er vereinbarte mit mir, daß wir uns am nächsten Morgen auf dem Tempelhofer Flugplatz treffen werden."
Die Räuberpistole nimmt dann ihren Fortgang. Der geheimnisvolle Bote Trotzkis steht im Dezember 1935, im nationalsozialistischen Deutschland wohlgemerkt, am Berliner Flugplatz Tempelhof mit einem deutschen Paß für Pjatakow. Alle Zollabfertigungen waren schon erledigt. "Wir setzten uns ins Flugzeug, starteten und landeten etwa um drei Uhr nachmittags auf dem Flugplatz in Oslo." Von da ging es im Auto zur Unterredung mit Trotzki. Ganz einfach! Kein verfängliches Detail. Kein "Bristol - Haken war an der Sache.
Jedoch: Zwei Tage nach dieser Aussage im Prozeß gegen Pjatakow veröffentlichte die norwegische Tageszeitung "Aftenposten" die Erklärung, daß auf dem fraglichen Flugplatz bei Oslo, Kjeller, im Dezember 1935 nicht ein einziges Passagierflugzeug gelandet sei. Tableau! Stalins Story war geplatzt. Es ist nicht bekannt, ob und wie er gegen sich selbst gewütet hat. Bekannt ist nur, daß noch während des Prozesses Staatsanwalt Wyschinski dem Gericht ein Zertifikat vorlegte, das besagte, daß auf dem Flugplatz Kjeller bei Oslo das ganze Jahr hindurch nach den internationalen Bestimmungen Flugzeuge aus allen Ländern landen könnten. Eine großartige Entkräftung der norwegischen Feststellung, daß in Kjeller im Dezember 1935 kein einziges Passagierflugzeug gelandet sei.
Wie war es möglich, daß ein Mann wie Pjatakow, eine Koryphäe des Bolschewismus, einen solchen Unsinn gestand? Was
ist das für ein Jahrhundert, in dem hartgesottene Männer für Hanswursttiraden starben? - Aber: Sind denn die Aussagen Pjatakows oder Golzmans, die Geständnisse Rajks, Slanskys, Kostoffs und wie sie alle hießen - Geständnisse, daß sie von der heiligen Generallinie der Parteilehre abwichen, sich mit dem Beelzebub des Bolschewismus, Trotzki oder Tito, oder den "kapitalistischen Götzendienern" eingelassen hatten, daß sie, statt die frommen Sprüche Stalins zu klopfen, "unheiligen" Zielen nachjagten und "zauberten" - sind diese Geständnisse verrückter als jene Bekenntnisse der Hexen im 16. und 17. Jahrhundert, daß sie, statt auf der Generallinie des christlichen Glaubens zu bleiben, sich mit dem Teufel zur Zauberei verbunden hatten?
Die Hexe Elisabeth Pleinacher aus Mank in Österreich, 70 Jahre alt, die am 27. September 1588 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, bekannte, daß ihr der Teufel als Zwirnknäuel und Kätzchen erschienen sei, daß sie mit ihm Hexensabbat in den Alpen gefeiert habe, wohin sie auf einer schwarzen Sau geritten sei, um mit Beelzebub in sündiger Lust zu buhlen.
Der Sohn der Witwe Wolf aus Ortenau bekennt im Jahre 1569, daß ihn seine Mutter auf eine Ofengabel setzte und mit ihm durch die Lüfte nach Elsaß ritt, "wo mit Beelzebub lustig gezecht, getanzt und gebuhlt wurde". Tausendfach sind solche Bekenntnisse.
Das Hauptgeständnis der Hexen - deren blutige Verfolgung wohlgemerkt nicht im frühen Mittelalter, sondern an der Schwelle der Neuzeit mit dem beginnenden Wanken der alten göttlichen Reichsordnung begann - war im Grunde die Sabotage an der göttlichen Ordnung des Staates. Man zauberte Hagel herbei, um die Ernte zu vernichten, hexte das Vieh krank, machte fromme Mitbürger siech. Was diese Hexen gestanden, war damals eine einleuchtende Erklärung für viele Ereignisse, die der durch die Aufklärung in seinem Glauben wankend gewordene Mensch nicht mehr mit dem Wirken eines liebenden Gottes in Einklang bringen konnte. Da mußten Saboteure am Werk sein.
Hexen und Juristen
Das Bündnis mit dem Teufel gegen die göttliche Ordnung wurde jeder tragischen oder höheren revolutionären Note entkleidet, indem die Hexe bekannte, ihren verräterischen Bund um der Buhlschaft willen eingegangen zu sein. Aber auch nicht etwa der reinen Liebe wegen, denn der Teufel wurde von den Inquisitoren - wohl zur Belehrung und Abschreckung - als wenig vergnüglicher Liebhaber hingestellt. Die Hexen buhlten um des schnöden Geldes willen; denn der Teufel zahlte mit Dukaten oder Talern. Und das auch noch schlecht, nicht selten mit Falschgeld.
Die Hexen waren also nicht tragische Genossen des Bösen, sondern schnöde, charakterlose Agenten des Satans. Gegen Gottes Ordnung und - gegen die Ordnung des auf Gottes Wort ruhenden Staates. Denn: Der Staat - nicht die Kirche -- verfolgte die Hexen. Die "peinliche Halsgerichtsordnung" von 1532 stammte von Kaiser Karl V. Und die kursächsische Halsgerichtsordnung von 1572 im Lande Luthers war noch schärfer. Erst diese juristische Grundlage verlieh dem Hexenwahn des verwirrten Papstes Innocenz VIII., unter dessen Pontifikat 1487 der Hexenhammer herausgegeben worden war, die langandauernde fürchterliche Wirklichkeit der Hexenverfolgungen.
Mit Eifer gingen der Staat und seine Juristen nun der Pflicht nach, aus den "ideologischen Seitensprüngen" alter Muhmen, die beim Auflegen des Teufelskrautes auf ein eiterndes Bein nicht die 14 Nothelfer, sondern Urian angefleht hatten, ein Majestätsverbrechen, das heißt eine gefährliche Abweichung von der Generallinie der christlichen Ordnung zu machen, eine ideologische Verschwörung christlichen Hochverrats festzustellen. Sie folgten dabei jeder Denunziation einer zänkischen Nachbarin, eines enttäuschten Liebhabers, eines Rivalen im dörflichen Gemeinwesen. Sie handelten bei der Verfolgung nicht nach eigenem Gutdünken, sondern beschafften sich ihre Anweisungen von einer Stelle, die diese Prozesse steuerte; und zwar wohlgemerkt nicht bei der Kirche, sondern bei den juristischen Fakultäten der Hochschulen, die raffinierte Fragebogen zusammenstellten, um die Angeklagten zu überführen.
Es mag für die Pessimisten unserer Zeit ein Trost, sein, daß der "Malefizfragebogen" der Bamberger juristischen Fakultät vom Jahre 1624 zur Überführung der Hexen 130 Fragen enthielt - nur eine weniger als der berüchtigte Fragebogen der US-Armee im Jahre 1945, um die Nazi-Hexeriche ausfindig zu machen. Dem Leipziger Rechtslehrer Carpzov sagt man nach, er habe mit seinen Fragebogen und Gutachten 20 000 Hexen zu Tode gebracht.
Dr. Andrej J. Wyschinski stellte ihn zwar im 20. Jahrhundert beträchtlich in den Schatten; aber in der Generallinie unterschied die beiden nichts. Beide richteten aus Angst, daß der Herrschaftsanspruch der Lehre ihrer Majestäten geschmälert werden könnte" beide liquidierten als Exempel für Linientreue; beide glaubten, die Weltordnung repräsentieren zu müssen: beide brauchten das Geständnis der Angeklagten, daß sie das Böse waren, damit der Ankläger in die Aura des Guten kam. Beide fällten Kollektiv-Urteile, denn wie das Vermögen der verurteilten Hexe oder des Hexers beschlagnahmt und damit die Familie ruiniert wurde, so wird auch die Familie des in Schauprozessen Verurteilten moralisch und bürgerlich vernichtet, wenn sie nicht durch ein wahnwitziges Glaubensbekenntnis wenigstens ihre Existenz rettet.
Wer fassungslos vor den Geständnissen Slanskys steht, kann schwerlich behaupten, daß sie idiotischer gewesen seien als das Bekenntnis der Hexe von Halle an der Saale, die vor dem Inquisitionsgericht bekannte, auf der höchsten Spitze des Hallenser Roten Turms mit dem Teufel gebuhlt zu haben.
Warum gestanden diese armen Wesen diesen haarsträubenden Unsinn? - Nun, ganz einfach: Viele hatten zweifellos ein bißchen gezaubert. Wer blieb denn schon immer auf der schmalen Generallinie? Da legte eine alte Frau die Hand auf den Karfunkel und murmelte eine Formel, die schwerlich aus der Heiligen Schrift stammte. Da braute eine alte Muhme den Liebestrank für ein "sündhaftes" Feuer im Busen des begehrten Buben und - verstieß natürlich gegen die Gebote Gottes. Aber die Nachbarin hatte es vernommen und - petzte. Und dem Staatsanwalt genügte natürlich der Seitensprung nicht. Er wollte den großen Verrat. Die Folter trat in Aktion.
Und wer würde wohl nicht gestehen, mit dem Teufel auf der Kirchturmspitze gebuhlt zu haben, wenn er sich damit von jener Prozedur loskaufen kann, wie sie uns aus dem Protokoll des hochwohllöblichen Gerichtsschreibers aus der hochnotpeinlichen Befragung der Katharina Lips aus Betziesdorf in Oberhessen vom Jahr l672 bekannt ist:
"Die Zehen sind angeseilt worden, sie hat gerufen: ihre Arme brechen wir. Die spanischen Stiefel sind ihr aufgesetzt, die Schraube auf dem rechten Bein ist zugeschraubet, peinlich Beklagte ist aufgezogen, sie hat gerufen: Du lieber Christ, komm mir zu Hilfe. Die Schraube auf dem rechten Bein zugeschraubet, worauf sie Oh weh gerufen. Die Schrauben höher zugeschraubet. Härter zugeschraubet, worauf sie angefangen zu kreischen. Nachdem ihr die Haare abgeschoren, ist sie wieder angeseilt worden an Händen und Füßen, abermals aufgezogen."
Nun, da gesteht man schon lieber, mit dem Satan auf der Kirchturmspitze ein Schäferstündchen gehabt zu haben. Was liegt näher, als die widernatürlichen und verrückten Geständnisse der Angeklagten in den kommunistischen Schauprozessen des 20. Jahrhunderts mit derselben Ursache zu begründen wie die Geständnisse, der Hexen vor den Tribunalen der Halsgerichtsordnung des 16. und 17. Jahrhunderts, nämlich mit der Folter!
(Fortsetzung folgt.)
Daily Mirror, London
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DER SPIEGEL 1/1957
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