02.01.1957

PHOTOGRAPHIE / LUFTAUFKLÄRUNGDas Katzenauge

Als Präsident Eisenhower auf der sogenannten Gipfelkonferenz des vergangenen Jahres in Genf ein Luftinspektionssystem zur Sicherung vor Überraschungsangriffen und zur Überwachung der Abrüstung vorschlug, werteten selbst amerikanische Rundfunk- und Zeitungs-Kommentatoren den Luftkontrollplan als taktisches Konferenzmanöver. Der amerikanische Militärpublizist Hanson W. Baldwin kommentierte in der "New York Times", daß dem Plan lediglich "als Teil einer psychologischen Kriegführung große Bedeutung" zukomme.
In den vergangenen Wochen aber hat die amerikanische Luftwaffe neue Unterlagen über den technischen Stand der Luftphotographie und der Luftaufklärung veröffentlicht, die den scheinbar propagandistischen Vorschlag des Präsidenten als ernstgemeinten, realisierbaren Plan erscheinen lassen. Denn die von der amerikanischen Luftwaffe entwickelten, bisher geheimgehaltenen Geräte haben in den letzten Jahren die Technik der Luftaufklärung revolutioniert. Aus der klassischen Form der Luftphotographie, bei der mit einer in das Flugzeug eingebauten, senkrecht nach unten blickenden Kamera Luftbilder einzeln oder in Reihen aufgenommen wurden, haben die amerikanischen Techniker ein neues perfektes Aufnahmeverfahren entwickelt: das sogenannte Trimetrogon -Prinzip. Bei diesem Verfahren photographieren drei Luftbildkameras, die in bestimmten Winkeln in den Flugzeugrumpf eingebaut sind, das überflogene Gebiet in regelmäßigen Abständen von Horizont zu Horizont.
Der amerikanische Düsen-Fernaufklärer Boeing RB-47, dessen gleichbleibend temperierter Photogeräteraum sieben verschiedene Kameras
aufnimmt, kann aus zwölf Kilometer Höhe in drei Stunden Trimetrogon -Aufnahmen von einem Gebiet machen, das sieben mal so groß ist wie die Flächen der Bundesrepublik und der sogenannten DDR zusammengenommen.
Nach einem solchen Flug liefert die RB-47 den Luftbild-Auswertern nicht nur die klassischen Senkrecht-Aufnahmen, sondern auch Schräg- und 3-D-Bilder, die eine ziemlich genaue Analyse der Bebauung des photographierten Gebiets erlauben. "Nehmen wir beispielsweise an", erläuterte der "US-Informations-Dienst" in einer
Broschüre über die Luftinspektion, "einem Bildauswerter werden Luftbilder von einem Flugplatz vorgelegt. Man sagt ihm, aus welcher Höhe die Aufnahmen gemacht wurden und welche Brennweite das Objektiv der Kamera hatte. Mit Hilfe dieser beiden Angaben kann er - mit einer geringen Fehlergrenze - die Länge und Breite der Startbahn, der Flugzeughallen und anderer Anlagen messen. Aufgrund seiner guten flugtechnischen Kenntnisse kann er sofort sagen, welche Flugzeugtypen die Startbahn benutzen können. Ohne auf andere Informationen angewiesen zu sein, kann er die Einsatz- oder Verwendungsfähigkeit dieses Flugplatzes gut einschätzen. Er kann sagen, wie viele Flugzeuge abgefertigt werden können, und sehr oft kann er auch das Fassungsvermögen der Treibstofflager abschätzen."
Die Tatsache, daß ein einzelner Düsenfernaufklärer das riesige Areal von drei Millionen Quadratkilometern in drei Stunden photographieren kann, war selbst den Experten der amerikanischen Industrie verborgen geblieben. So hatte der Chef einer amerikanischen Luftbildgerätefirma den Vorschlag Eisenhowers kategorisch verdammt, weil nach seinen Berechnungen 34 Aufklärer rund ein Jahr lang fliegen müßten, um das Gebiet der Sowjet-Union im Luftbild zu erfassen.
Die Veröffentlichungen der US-Luftwaffe widerlegen nun diese Berechnung. Theoretisch könnte heute ein Düsenaufklärer, falls es nötig sein sollte, das gesamte Territorium der UdSSR in einem 24 Stunden langen Nonstopflug photographieren, wenn die Maschine - wofür die RB-47 eingerichtet ist - Brennstoff in der Luft nachtankt. Als Paradebeispiel ihrer Von -Horizont-zu-Horizont-Photographie veröffentlichte die Luftwaffe ein gestochen scharfes Bild, auf dem die gesamte New Yorker City, die 22 Kilometer lange Insel Manhattan, zu sehen ist (Bild, Seite 45).
Die amerikanischen Wissenschaftler haben in den letzten Jahren auch einen Wunderfilm entwickelt, der die herkömmliche Tarnung mit Tarnfarben, abgehackten Zweigen und grünen Tarnnetzen entlarvt. Auf diesem Film erscheint die lebende Vegetation, die natürliches Chlorophyll enthält, in roter Tönung. Grüner Tarnanstrich oder Tarnnetze heben sich dagegen als deutlich sichtbare graugrüne Flecke ab. Weil der Wunderfilm auch das Chlorophyll von "sterbendem" Laub farbig markiert, deckt er präzise jeden der bisher üblichen Tarnungstricks auf, bei denen etwa abgestellte Panzer oder Geschütze unter abgesägten Ästen verborgen wurden.
Selbst nachts ist ein feindlicher Aufmarsch oder ein noch so gut getarntes Atombombenwerk mit dem enttarnenden Chlorophyll-Film leicht aufzuspüren, denn die amerikanischen Aufklärer führen besondere Blitzlichtbomben mit, die das Zielgebiet taghell erleuchten. Eine Photozelle in der Kamera öffnet gleichzeitig mit dem Aufflammen der Blitzlichtbombe die Verschlüsse der Aufnahme-Apparate.
Auf einer Konferenz wurde den Luftwaffen-Offizieren der europäischen Nato -Länder kürzlich die neueste Konzeption der US-Aufklärer mitgeteilt. Die Piloten, so erklärte der Sprecher, sollen künftig ihre Kameras nicht mehr allzu freigebig laufen lassen, solange sie sich über Feindgebiet befinden. Es sei vielmehr jetzt Prinzip der Aufklärung, nur erkannte und interessierende Ziele aufzunehmen. Wenige Aufnahmen einer wichtigen Anlage seien heute mehr wert als beispielsweise die 120 000 Luftbilder, die das US-Hauptquartier gefordert habe, ehe es im letzten Krieg den Befehl zur alliierten Schluß-Offensive in Italien gab.
Gerade die Photographie einzelner Ziele aus niedriger Höhe aber hatte vor ein paar Jahren erhebliche Komplikationen heraufbeschworen, als mit der Einführung des Strahlantriebs die Geschwindigkeit der Aufklärungsmaschinen die Schallgrenze nahezu erreichte. Bei Flächenaufnahmen aus großer Höhe erzielten die herkömmlichen Kameras zwar auch bei einer Fluggeschwindigkeit von 1000 Stundenkilometern noch gestochen scharfe Bilder. Sollten jedoch, besonders bei der taktischen (Nah-)Aufklärung, moderne Düsenjäger als Luftbildmaschinen eingesetzt werden, so wurde es mit steigender Geschwindigkeit immer schwieriger, scharfe, nichtverrissene Bilder zu schießen.
Die US-Luftwaffe scheint aber inzwischen auch dieses Problem gelöst zu haben. Heute sind ihre schallschnellen Jagdaufklärer mit einem neuartigen Gerät ausgerüstet, das ein Mittelding zwischen Photo- und Filmkamera ist. Dieses "Sonnestreifen" -Gerät hat keinen Verschluß im herkömmlichen Sinn, vielmehr rollt hinter einem schmalen Schlitz der Film ohne Unterbrechung und genauso schnell wie die Fluggeschwindigkeit ab. Diese Technik, bei der das in niedriger Höhe überflogene Zielgebiet zusammenhängend von Horizont zu Horizont aufgenommen wird, ist besonders für die Aufklärung über Industrie -Anlagen, Flugplätzen und Eisenbahnanlagen geeignet, die durch das systematische Photographieren des gesamten Landes bereits erkannt worden sind.
An Hand einer Reihe von Luftbildern demonstrierte die Luftwaffe, daß die Auswerter solcher "Sonnestreifen" - Bilder nicht nur die Verwendungsfähigkeit eines Flugplatzes und das Fassungsvermögen seines Treibstofflagers, sondern auch die Produktionskapazität einer Maschinenfabrik und die Art etwa der gefertigten Drehbänke mit Sicherheit feststellen können. Die Auswerter können sogar durch Vergleiche mit anderen Luftbildern ermitteln, ob ein Haus Telephonanschluß hat und ob neben diesem Haus eine unterirdische Anlage zur chemischen Fäkalienbeseitigung vergraben ist.
Wie scharf diese Photos sind, wies die Luftwaffe an Hand eines Bildes nach, das eine mit 840 Stundenkilometern in nur 18 Metern Hohe über einen Flugplatz brausende Maschine aufgenommen hatte. Eine Vergrößerung des Photos, das ein amerikanisches Flugzeug zeigt, ermöglicht es jedem Laien, ohne Lupe die Nieten auf der Tragfläche nachzuzählen (Bild).
Einen völlig neuen, nicht weniger phantastischen Weg der Luftaufklärung weist ein weiteres System, an dem die großen US-Elektro-Konzerne "Radio Corporation of America" (RCA) und "Westinghouse Electric Corporation" fieberhaft arbeiten. Es ist das "Katzenauge", eine Weiterentwicklung des Radarprinzips, bei dem ein vollständiges Bild des überflogenen Geländes auf dem Bildschirm in der Kanzel des Aufklärungsflugzeuges abgebildet wird. Da das "Katzenauge" nicht wie die Photographie mit Sonnenlicht, sondern mit elektromagnetischen Wellen arbeitet, ist es von Sichtverhältnissen und vom Wetter völlig unabhängig und erzeugt in einer mondlosen Nacht genauso klare Bilder wie bei Sonnenschein.
Kernstück des "Katzenauges" - von dem gesagt wird, es sei tausendmal empfindlicher als eine gewöhnliche Fernsehkamera - ist ein "optischer Verstärker", der die Kontraste zwischen den grauen und den schwarzen Teilen eines nächtlichen Bildes erheblich verstärkt und so dem menschlichen Auge sichtbar macht.
Zur gleichen Zeit, da die "RCA" und die "Westinghouse Corporation" triumphierend "verblüffende Erfolge" ihrer "Katzenaugen" meldeten, gab die Konkurrenzfirma "Philco Corporation" bekannt, daß auch sie ein völlig neues Aufklärungssystem zur Einsatzreife entwickelt habe. Die Philco-Gesellschaft beschäftigt sich schon seit einiger Zeit mit dem Problem, Fernsehbilder aus einem Flugzeug zur Bodenstation zu übermitteln. Jetzt gab ihr Sprecher bekannt:
"Die Aussichten unseres neuen Aufklärungssystems sind nahezu unbegrenzt. Das neue Gerät ist so klein, daß es von einem einsitzigen Jäger getragen werden kann. In der Maschine werden zur Erfassung
weiter Gebiete zwei Fernsehkameras montiert, deren Aufnahmen völlig automatisch zur Bodenstation übertragen werden, wo sie sofort auf Film aufgenommen und schon nach nicht ganz einminutiger Behandlung auf einer normalen Leinwand vorgeführt werden können. Die Bilder aus dem Flugzeug können auch ohne Verzögerung von der Bodenstation zu dem entfernt liegenden Hauptquartier übertragen werden. Aufnahmen aus langsamer fliegenden Flugzeugen können sogar ,live' (in Direktübertragung) auf gewöhnlichen Fernsehgeräten beobachtet werden."
Es scheint, als sei damit vorläufig der technisch mögliche Höhepunkt der Fernaufklärung erreicht: Noch während der Düsenaufklärer über das Territorium des Gegners rast, könnten sich die Generale, wie ein Sprecher der amerikanischen Firma sagte, das Feindesland im Hauptquartier auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm vorführen lassen.
Luftbild von Manhattan: Eine neue Technik für Großraumphotos
Luftbild (bei 840 km/st aufgenommen: Ohne Lupe kann jeder Laie...
...die Nieten zählen: Luftbildvergrößerung

DER SPIEGEL 1/1957
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