09.01.1957

OPPENHEIMERDer Ehrgeizige

Die erste Märtyrer-Legende der Atomgeschichte entstand an einem Dezembertag des Jahres 1953. Präsident Eisenhower hatte im Weißen Haus eine Sondersitzung anberaumt. Gemeinsam mit Verteidigungs- und Justizminister, dem Vorsitzenden der Atomenergiekommission und einem Mitglied des Nationalen Sicherheitsrates studierte er den Dossier "Robert Oppenheimer". Das Material, das die amerikanische Bundeskriminalpolizei in den vorangegangenen zehn Jahren gegen den berühmten Atom-Wissenschaftler und "Vater der Atombombe" zusammengetragen hatte, schien allein physisch erdrückend. Hätte man alle Dokumente des Dossiers übereinander gestapelt, so wäre ein Papierturm von Mannesgröße entstanden.
Nach kurzer Beratung ordnete der Präsident an, sofort "eine fugenlose Wand zwischen Oppenheimer und allen Regierungsgeheimnissen" zu errichten. Wenige Tage später überreichte der Chef der Atomenergiekommission dem Physiker einen Brief mit 24 Anklagepunkten. In 23 Punkten wurde ihm vorgeworfen, Verbindungen zu Kommunisten gehabt zu haben. Im 24. Punkt hieß es, Oppenheimer habe sich dem Bau der Wasserstoffbombe "stark widersetzt" - nicht nur bevor, sondern auch noch nachdem Präsident Truman befohlen hatte, die Bombe herzustellen.
Das kurz darauf folgende Verwaltungsverfahren, das zwar strafrechtlich bedeutungslos war, publizistisch aber den Charakter eines modernen Hexen-Prozesses hatte, stärkte den Oppenheimer-Mythos. Denn der Prozeß bestätigte, was die Eingeweihten längst wußten: daß Oppenheimers kommunistische Kontakte - er hatte mit den rotspanischen "Loyalisten" sympathisiert, war mit einer Kommunistin verlobt gewesen und als Gast öfter in rosaroten Zirkeln aufgetaucht - weit über zehn Jahre zurück lagen.
Denunziert oder Denunziant?
So entstand der von den meisten Kommentatoren vertiefte Eindruck, daß der "Fall Oppenheimer" die "Affäre Dreyfus" des Atomzeitalters war. So wie der französische Hauptmann einst ein Opfer des Antisemitismus geworden war, so schien Oppenheimer ein Opfer der Gewaltstrategen geworden zu sein, die längst bekannte und längst verjährte kommunistische Beziehungen als Vorwand benutzten, um den Mann auszuschalten, der sich offensichtlich aus humanitären Gründen dem Bau der schrecklichsten Massenvernichtungswaffe widersetzt hatte.
Im vergangenen Monat aber wurde diese Legende, die verbreiteteste der Atomgeschichte, durchlöchert. In seinem Buch "Heller als tausend Sonnen", einer reportagehaft geschriebenen Atomchronik. leuchtet der deutsch-amerikanische Journalist und Autor Robert Jungk ("Die Zukunft hat schon begonnen") hinter das offizielle Bühnenbild des Atomdramas, in dem Oppenheimer die Rolle des großen Tragöden so meisterhaft gespielt hatte.
Im Lichte der Jungkschen Untersuchung erscheint Oppenheimer als geltungsbedürftiger Ehrgeizling, der die Atombombe baut, um seine schwindende Potenz als Wissenschaftler zu kompensieren und um sich auf diese Weise eine Position in der Rangliste der großen Atomforscher zu sichern. Und er erscheint als feiger Denunziant, der seinen besten Freund verleumdet und der Bundeskriminalpolizei ausliefert, um seine Position zu halten. Ursprünglich hatte Jungk den Physiker zur Zentralfigur eines Romanes über die Gewissensqualen eines Atombombenbauers machen wollen. Auf der Suche nach Material zu seinem Buch "Die Zukunft hat schon begonnen" war es dem Journalisten im August 1949 gelungen, mit einer Sondergenehmigung in einen der seltsamsten Orte der Welt vorzudringen: in die Gralsburg der amerikanischen Atombomben-Forscher, das kleine Wüstenstädtchen Los Alamos. In dem abgelegenen 10 000-Einwohner-Nest, in dem jeder zehnte Bürger Mitglied einer Sicherheitsbehörde ist, hinter den mit photoelektrischen Zellen gesicherten Maschendrahtzäunen und KZ -Wachtürmen, wo Amerikas Atomforscher in geistiger Quarantäne arbeiteten, lernte er die Gewissenqualen der Männer kennen, die Atom- und später Wasserstoffbomben bauten.
"Seit damals erschien mir der moderne Naturwissenschaftler als tragische Figur dieses Zeitalters", sagt Jungk. "Er war ursprünglich ausgezogen, in einem Feld zu arbeiten, das weit ab von den Konflikten und Problemen der Zeit zu liegen schien. Plötzlich sah er sich dann vor gewaltige Entscheidungen politischer und moralischer Natur gestellt, auf die ihn fast nichts - in seiner Geisteshaltung und seiner Ausbildung - vorbereitet hatte."
1953 machte er sich auf die Materialsuche. Er wollte möglichst viele Mitglieder der "Internationalen Familie der Atomforscher" sprechen. Seine Reise begann in München, führte dann über Göttingen nach Kopenhagen und Stockholm, England, Frankreich, Österreich, Italien und schließlich nach Nordamerika. Nachdem er nahezu alle Stätten der jüngeren Atomhistorie besucht und mit über achtzig Atomforschern gesprochen hatte, mußte Jungk erkennen: "Viele meiner früheren Ansichten waren falsch gewesen."
Obwohl das Roman-Manuskript beinahe fertig war, entschloß sich Jungk im Frühjahr 1955 - zum Entsetzen seines Verlegers, der recht bald das neue Buch herausbringen wollte -, die Niederschrift zu vernichten und sich ganz dem Geschäft des "Zeithistorikers" zu widmen. Mit größtmöglicher historischer Genauigkeit wollte er "Triumph und Tragik jener Männer beschreiben, die eine neue, gottgleiche Machtquelle erschlossen hatten".
"Ich begann meine Recherchen als Verehrer von Oppenheimer, den auch ich als 'Märtyrer' betrachtete", berichtet Jungk zur Vorgeschichte seines Buches. "Diese Meinung änderte sich aber nach und nach immer mehr . . ."
Wer war der Kontaktmann?
Als Robert Oppenheimer im Juli 1943 zum Direktor des Atombomben-Labors von Los Alamos ernannt wurde, war er
- der noch nicht Vierzigjährige - für die
in Amerika heranwachsende Generation von Physikern Meister und Vorbild.
Aber im Gegensatz zu den Atomforschern Rutherford, Bohr und Born, die zugleich große Lehrer und große Entdecker waren, hatte Oppenheimer bis dahin keine bahnbrechenden Gedanken verkünden können. Er hatte zwar einen ergebenen Arbeitskreis um sich gesammelt, aber keine eigene Schule physikalischen Denkens gegründet. Die von ihm in den Zeitschriften vieler Länder veröffentlichten Arbeiten waren anerkannt, beschäftigten sich jedoch mit Detailfragen.
"Nach Ansicht seiner Freunde", schreibt Jungk, "schmerzte es Oppenheimer, daß er nicht, wie die Altersgenossen (und Nobelpreisträger) Heisenberg, Dirac, Joliot und Fermi, diese höchste Stufe physikalischen Schöpferturns erklommen hatte . . . Und da er wußte, daß erfahrungsgemäß in der Physik fast nur jungen Menschen, die noch die Fähigkeit besitzen, ganz radikal zu denken, neue Konzeptionen einfallen, mußte er mit dem Nahen des vierzigsten Jahres sein höchstes Streben als gescheitert ansehen. Da bot sich ihm plötzlich eine Chance, auf einem ganz anderen Wege etwas Außerordentliches zu erreichen: Es wurde ihm angetragen, den Bau der mächtigsten Waffe aller Zeiten zu leiten."
Aber schon kurz nachdem Oppenheimer den ehrgeizig erstrebten Posten angetreten hatte, wurde die Chance gefährdet. Die Spionageabwehr des US-Heeres - die den Gelehrten routinemäßig überwachte - argwöhnte, daß "Oppy" noch immer Kontakt zu Kommunisten halte. Den Geheimdienstmännern war bekannt, daß Oppenheimer in den Jahren nach 1937 regelmäßig Spenden für "linke Sachen" gegeben hatte. Sie wußten, daß er zu aktuellen Ereignissen anonyme Broschüren geschrieben hatte, die er auf eigene Kosten drucken und durch eine von Kommunisten infiltrierte Organisation verschicken ließ.
Als sich Oppenheimer nun im Sommer 1943 noch einmal mit seiner einstigen Verlobten Jean Tatlock - einer leidenschaftlichen Kommunistin - traf und die Nacht in ihrem Haus verbrachte, schickte der Geheimdienstoberst Pash einen Bericht an das Kriegsministerium Pash sprach darin die Vermutung aus, daß Oppenheimer, vielleicht die in Los Alamos erarbeiteten wissenschaftlichen Resultate an Kommunisten weitergebe, noch ehe er sie überhaupt der Regierung der Vereinigten Staaten bekannt mache. Das könne sehr gut durch "Kontakte" wie Jean Tatlock geschehen. Pash schlug vor, Oppenheimer so schnell wie möglich zu entlassen.
Aber General Groves, der militärische Leiter von Los Alamos, glaubte auf das wissenschaftliche Können und das organisatorische Talent seines engsten Mitarbeiters nicht verzichten zu können. Nachdem Oppenheimer ihm versichert hatte, daß er längst mit den Kommunisten gebrochen habe, telegraphierte der General nach Washington, Oppenheimer sei absolut unentbehrlich.
Mittlerweile aber hatte Oppenheimer einen taktischen Fehler gemacht, der den Spionagedienst zu neuen Anstrengungen anspornte. Im Gespräch mit Geheimdienstbeamten hatte Oppenheimer nebenbei erwähnt, daß die Russen bereits seit einiger Zeit versuchten, sich Informationen über das amerikanische Atomprojekt zu beschaffen. Ein Engländer namens George Eltenton, der vor dem Krieg fünf Jahre lang in der Sowjet-Union gearbeitet habe, sei an eine Persönlichkeit herangetreten, deren Namen er nicht nennen könne. Eltenton habe diese Persönlichkeit gebeten, für ihn Kontakt mit Physikern in Los Alamos aufzunehmen.
Die Geheimdienstbeamten bohrten weiter: Wer war diese "Persönlichkeit"? Während die Spionenjäger den Gelehrten als Zeugen behandelten, bemühten sie sich, ihn in Widersprüche zu verwickeln.
"Die Arbeit des Teufels"
Oppenheimer aber wollte den Namen des unbekannten Mittelsmannes nicht nennen, vielmehr: Er konnte es gar nicht. Denn die Erzählung von der geheimnisvollen Persönlichkeit war - wie er neun Jahre später im offiziellen Verhör zugeben mußte - ein "Lügengewebe". Der durch die Geheimdienst - Überwachung panisch erschreckte Oppenheimer hatte es fabriziert, um seine Loyalität zu beweisen.
Die Geheimdienstmänner aber gaben sich mit allgemeinen Treuekundgebungen nicht zufrieden. Sie konnten Oppenheimers Lügengewebe damals noch nicht durchschauen und drangen immer härter darauf, daß er endlich den Namen des geheimnisvollen Mittelsmannes preisgebe.
Ein Verhör im Pentagon blieb ergebnislos. Als General Groves seinen engsten Mitarbeiter Oppenheimer einige Wochen später zu einer Unterredung unter vier Augen bat, verfuhr er nach einem Rezept, das ihm der Abwehr-Agent Peer de Silva in einem Brief vorgeschlagen hatte:
"Es besteht die Möglichkeit", hatte de Silva geschrieben, "daß Oppenheimer sich sehr 'darum bemüht, mit Hilfe des (Atombomben-) Projekts eine weltweite Reputation als Wissenschaftler und einen Platz in der Geschichte zu erlangen. Ich glaube ferner, daß die Armee in der Lage ist, ihm dies zu gestatten oder seinen Namen, seinen Ruf und seine. Karriere zu zerstören ... Sollte diese Alternative ihm mit aller Entschiedenheit vor Augen geführt werden, so könnte dies ihm eine ganz andere Ansicht bezüglich seiner Stellung zur Armee eröffnen."
In dieser Situation entschloß sich Oppenheimer, einen Namen zu nennen. Er nannte seinen besten Freund, den Romanisten Haakon Chevalier.
Nachdem Oppenheimer mithin endlich seine Loyalität bewiesen hatte, durfte er weiterbauen. "So rettete Oppenheimer sich und seine Karriere", schreibt Jungk. "Sie führte ihn nunmehr tatsächlich innerhalb kürzester Zeit auf die Höhen von Ruhm und Macht."
Der Universitätsdozent Chevalier aber wurde aus seinen Ämtern gejagt und später - nach Kriegsende - zur Emigration gezwungen. Er war das Opfer einer Notlüge, die sein engster und scheinbar treuester Freund Oppenheimer aus einem freundschaftlichen Gespräch konstruiert hatte.
Jungk hat den Sachverhalt in seinem Buch aufgezeichnet: Im Winter 1942/43 hatte das Ehepaar Chevalier das befreundete Ehepaar Oppenheimer besucht. Die Frauen unterhielten sich im Wohnzimmer, die Männer waren in die Küche gegangen, um dort ein paar Martini zu mixen. Während Oppenheimer die Flaschen öffnete, erzählte ihm Chevalier, ihr gemeinsamer Bekannter George Eltenton habe kürzlich darüber geklagt, daß zwischen amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftlern keine wissenschaftlichen Informationen mehr ausgetauscht würden, obwohl beide Regierungen doch verbündet seien. Eltenton habe ihn gefragt, ob er vielleicht Oppenheimer für eine private Übermittlung wissenschaftlicher Resultate gewinnen könne.
Chevalier war sich klar darüber, daß Oppenheimer auf einen solchen Vorschlag nicht eingehen würde. Er hatte das Eltenton gegenüber zu erkennen gegeben. Oppenheimer sagte denn auch: "So geht das nicht." Chevalier stimmte zu. Wie Oppenheimer später bestätigte, hatte der Romanist zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Ahnung von der Existenz des Atombombenprojekts.
"Damit war die ganze Unterhaltung vorbei", berichtet Jungk. "Es wurde zwischen den beiden Männern, die sich völlig einig waren, auch später nicht mehr über die Angelegenheit diskutiert. Man ging in das große Zimmer zurück und trank seine Cocktails."
Während seiner Recherchen stellte Jungk fest, daß Oppenheimer seinem Freund Chevalier die lügenhafte Denunziation niemals zu gestehen gewagt hatte, "so daß Chevalier, dieser gütige, saubere Mensch, aus seinen Ämtern gejagt wurde, ohne wirklich zu wissen, daß sein bester Freund an all dem schuld war".
Jungk hat den Romanisten in dessen Wohnung auf dem Montmartre in Paris aufgesucht, doch Chevalier, der dort in ärmlichen Verhältnissen an einem Schlüsselroman über Oppenheimer mit dem Titel "Der Mann, der sich für Gott hielt" arbeitete, war argwöhnisch: Er vermutete in dem Autor einen Spitzel der amerikanischen Bundeskriminalpolizei. In Amerika hatte man die Anschuldigung, daß er ein Kommunist und auch ein Spion gewesen sei, niemals erhärten können. Jungks Besuch erschien ihm als ein neuer, infamer Versuch der amerikanischen Behörden, ihn zu überführen.
Dem Autor gelang es aber schließlich doch, Chevalier zu überzeugen, "daß es mir nur um die Wahrheit ging"; der Emigrant öffnete dann großzügig seine Akten und gewährte Einblick in das "wirklich vernichtende Belastungsmaterial gegen Oppenheimer".
Aber Jungk wollte sich nicht allein auf die Unterlagen des Romanisten verlassen. Er besuchte auch eine Anzahl von Oppenheimers Mitarbeitern in den USA, deren Aussagen dann den gleichen Tenor hatten. "Sonst hätte ich es nicht gewagt", sagt Jungk, "in meinem Buch ein so hartes Urteil über Oppenheimers Schwäche und seinen Ehrgeiz zu fällen, wie ich es tat."
Schwieriger war es, Oppenheimer selbst zu sprechen. Jungks amerikanischer Verlag Simon and Schuster - der auch Oppenheimers Bücher herausgibt - versuchte vergeblich, ein Gespräch zu arrangieren. "Ich gab aber nicht auf", erzählt Jungk, "und reiste nach Rochester, wo Oppenheimer gerade an einer Physikerkonferenz teilnahm. Ich sprach ihn dort an, und wir begannen eine Diskussion über das 13. Jahrhundert, das er einmal mit dem 20. Jahrhundert verglichen hatte. Er fing an, sich für mich zu interessieren, und versprach, die Debatte in Princeton fortzuführen. Dort habe ich ihn dann in seinem Institut länger gesprochen, und dort hat er mir gestanden, daß er 'die Arbeit des Teufels' geleistet habe."
Wie sehr er aber wenige Jahre zuvor das Gelingen seiner Arbeit - die Explosion der ersten Atombombe in der Wüste von Neu-Mexiko, die Niederzwingung Japans durch die von ihm und seinen Mitarbeitern entfesselten Naturkräfte - und wie sehr er seinen frischen Ruhm als "Vater der Atombombe" als die Selbstbestätigung empfand, die er ehrgeizig und eitel erstrebt hatte, ließ sich an dem Wandel erkennen; der 1945 selbst seine Freunde verblüffte.
"Der Vater des Jahres"
Seit jenem Jahr trafen in Oppenheimers Bungalow Auszeichnungen und Medaillen aller Art ein. "Der Forscher schien Trophäen zu lieben und sammelte sie daher recht wahllos", berichtet Jungk, "So ließ er sich durch eine Holzfirma im Staate Georgia den 'Wedge Award' (Spalt-Preis) verleihen, von der 'National Baby Institution' zum 'Vater des Jahres' ernennen und durch das Magazin 'Popular Mechanics' in die Ruhmeshalle der ersten Hälfte des Jahrhunderts' wählen ... Eine seiner Sekretärinnen war viele Stunden damit beschäftigt, jede Nachricht, jeden Artikel, jede Karikatur, jedes Photo über ihren Chef in 'Ausschnitt-Büchern' zu sammeln und zu ordnen. Der Ruhm war eine schöne Sache, und Oppenheimer, so asketisch er auch mit seinem mageren, fast kantig gewordenen Gesicht wirkte, genoß ihn sichtlich."
Sein "intellektueller Sex-Appeal", der die Studenten in Pasadena und später auch die Atomforscher in Los Alamos bezaubert hatte, strahlte starker denn je. Oppenheimer galt als attraktiver "Mister Atom", als einflußreicher "wissenschaftlicher Staatsmann", dessen Ansichten im Weißen Haus Gewicht hatten.
"Wenn 'Oppy' sich jetzt mit Physikern unterhielt", schreibt Jungk, "hatten sie den Eindruck, als gehöre er nicht mehr ganz zu ihnen. Einige waren wohl beeindruckt von dem 'glamour' ('weltlichen Glanz'), der ihn umgab, aber gerade seine besten Freunde entfernten sich von ihm. Ein früherer Lieblingsschüler Oppenheimers erzählt: 'Als Oppy von Unterstaatssekretär Dean Acheson nur noch per 'Dean' sprach und sogar von Generalstabschef Marshall nur noch per 'George', da wußte ich, daß wir nicht mehr zu dem gleichen Kreis gehörten und unsere Wege sich trennen mußten. Ich glaube, sein Ruhm und seine neue Stellung stiegen ihm so sehr zu Kopf, daß er begann, sich für den lieben Gott zu halten, der alles auf der Welt in Ordnung bringen könnte'."
1951 wurde jedoch offenbar, daß auch der göttliche Oppenheimer nicht unfehlbar war. Seit Ende des Krieges hatte, eine Wissenschaftler-Gruppe, die von Oppenheimers Rivalen Edward Teller angeführt wurde, den Bau einer Wasserstoffbombe propagiert. Aber Oppenheimer, hatte sich als Chefberater der Atomenergiekommission gegen ein solches Unternehmen gesperrt, weil er das Projekt für technisch
verfehlt hielt.
Die Bombe war "technisch süß"
Teller wollte eine Bombe aus überschwerem Wasserstoff bauen, doch ein solcher Sprengkörper wäre so schwer gewesen, daß er niemals von einem Flugzeug aus hätte abgeworfen werden können. Überdies hätte die Herstellung eines solchen ungefügen Monstrums die Produktionskapazität der Plutoniumfabriken so sehr beansprucht, daß man mit demselben Fabrikationsaufwand etwa zweitausend normale Atombomben hätte bauen können.
Die sachlichen Einwände Oppenheimers vermochten den H-Bombenfanatiker nicht zu beirren. Dem redegewandten Teller gelang es, Oppenheimers Widerstand zu überspielen und die Regierung davon zuüberzeugen, daß sein Projekt für Amerika lebenswichtig sei. Gegen den Rat Oppenheimers entschied Präsident Truman, daß die Arbeit an der H-Bombe aufgenommen werden sollte.
Oppenheimer, durch die Weisung des Präsidenten desavouiert, betonte weiterhin bei jeder sich bietenden Gelegenheit, daß Tellers H-Bomben-Projekt technisch unsinnig sei. Teller beschwor sogar später vor dem Untersuchungsausschuß der Atomenergiekommission, daß Oppenheimer das Bauvorhaben sabotiert habe.
Im Jahre 1951 aber gelang es Teller mit seinen Mitarbeitern, eine neuartige Theorie zu entwickeln, die einen neuen Weg zur Herstellung einer H-Bombe eröffnete. Im Juni desselben Jahres trug er seine Hypothesen den Wissenschaftlern der Atomenergiekommission vor und bewies unwiderlegbar, daß Oppenheimers technische Einwände überholt waren.
Über diese Zusammenkunft berichtete später der damaligeVorsitzende der Atomenergiekommission, Gordon Dean: "Oppy leitete das Treffen, nahm regen, Anteil daran und verließ es enthusiastisch. Ich erinnere mich daran, daß ich nachher mit ihm sprach, und er war, so könnte ich behaupten, beinahe freudig erregt darüber, daß wir etwas hatten, was aussah, als würde es funktionieren ..." Warum er seine Meinung so plötzlich geändert hatte, erklärte Oppenheimer später
selbst: "Wenn man etwas sieht, was einem 'technically sweet' (technisch süß) erscheint, dann packt man es an und macht die Sache, und Erörterungen darüber, was damit anzufangen sei, kommen erst, wenn man seinen Erfolg gehabt hat ..."
Noch ein Jahr lang blieb Oppenheimer Chefberater der Atomenergiekommission. Erst dann zog er die Konsequenzen aus dem raschen Aufstieg seines Rivalen Teller und trat zurück.
Aber nach wie vor hatte er Zugang zu allen Geheim-Informationen der Atomprojekte, und noch immer wurde er - wenn nun auch seltener - von der Regierung in wissenschaftlichen Fragen konsultiert. Von diesem stark verkürzten Podest wurde der wissenschaftliche Demi-Gott vollends im Dezember 1953 gestürzt, als die Bundeskriminalpolizei überraschend den Dossier Oppenheimer an den Präsidenten Eisenhower sandte.
Die Motive, die zu dieser stark verspäteten Aktion führten, sind bis heute nicht restlos geklärt worden. Einer Version zufolge wollten Oppenheimers Gegner den noch immer beträchtlichen Einfluß des rhetorisch begabten Atombombenvaters durch einen spektakulären Coup endgültig auslöschen.
In der Öffentlichkeit aber schuf Eisenhowers Entscheidung, Oppenheimer von allen Geheim-Informationen auszuschließen, den Mythos des Märtyrers. Die Gloriole des einstigen H-Bomben-Gegners wurde durch ein Ereignis verklärt, das die Schrecken der Überwaffe gerade in jenen Tagen allen Zeitungslesern eindrucksvoll nahebrachte: Die Tragödie der japanischen Fischer, die von dem tödlichen Aschenregen der ersten amerikanischen Wasserstoffbombe überschüttet worden waren. Daß nicht moralische Skrupel der Antrieb zur Opposition Oppenheimers gegen die neue Superbombe waren, sondern im Grunde wissenschaftlich-technische oder sogar persönliche Auseinandersetzungen mit Teller und seinem Kreis, wurde nicht bekannt, denn die Verhöre vor dem Oppenheimer-Untersuchungsausschuß wurden unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt.
Erst nach Abschluß des Verfahrens veröffentlichte die Atomenergiekommission die Vernehmungsprotokolle in einer Broschüre, die damals jedoch kaum beachtet wurde. Jungk zitiert in seinem Buch das Verhör Oppenheimers, in dem offenbar wurde, daß auch Oppenheimer bereit gewesen wäre, die Wasserstoffbombe zu bauen, wenn er an eine Möglichkeit geglaubt hätte.
Im Untersuchungsausschuß fragte der Vertreter der Atomenergiekommission, Robb, während des zunächst geheimgehaltenen Verhörs:
"Hätten Sie sich dem Abwurf einer Wasserstoffbombe auf Japan aus moralischen Skrupeln widersetzt?"
OPPENHEIMER: "Ich glaube, das hätte ich."
ROBB: "Widersetzten Sie sich dem Abwurf einer Atombombe auf Hiroshima aus moralischen Skrupeln?"
OPPENHEIMER: "Wir äußerten ..."
ROBB: "Ich frage, was Sie taten, nicht 'wir'."
OPPENHEIMER: "Ich gab meinen Ängsten Ausdruck und äußerte Gründe, die dagegen sprachen."
ROBB: "Sie meinen, Sie argumentierten gegen den Abwurf der Bombe?"
OPPENHEIMER: "Ich brachte Gründe vor, die gegen den Abwurf sprachen."
ROBB: "Gegen den Abwurf der Atombombe?"
OPPENHEIMER: "Ja, aber ich unterstützte diese Argumente nicht ausdrücklich."
ROBB: "Sie meinen, daß Sie, nachdem Sie, wie Sie es selbst ganz ausgezeichnet gesagt haben, Tag und Nacht drei oder vier Jahre lang an der Fertigstellung der Atombombe gearbeitet hatten, das Argument vorbrachten, sie solle nicht verwendet werden?"
OPPENHEIMER: "Nein, ich trat nicht dafür ein' daß sie nicht verwendet werden solle. Ich wurde vom Kriegsminister gefragt, was die Ansichten der Wissenschaftler wären. Ich gab ihm die Argumente, die dagegen, und solche, die dafür sprachen."
ROBB: "Aber Sie sind doch für den Abwurf der Atombombe auf Japan eingetreten?"
OPPENHEIMER: "Was verstehen Sie unter 'eintreten'?"
ROBB: "Sie halfen das Ziel auszusuchen, nicht wahr?"
OPPENHEIMER: "Ich tat nur meine Arbeit, die Arbeit, die ich tun sollte. Ich war in Los Alamos nicht in der Lage, politische Entscheidungen zu treffen. Ich hätte alles gemacht, was man von mir verlangt hätte, einschließlich Bomben aller verschiedenen Formen, wenn ich sie nur für technisch herstellbar gehalten hätte."
ROBB: "Sie würden auch eine Wasserstoffbombe hergestellt haben, nicht wahr?"
OPPENHEIMER: "Ich konnte es damals nicht."
ROBB: "Danach habe ich Sie nicht gefragt, Doktor."
OPPENHEIMER: "Ich hatte daran gearbeitet."
ROBB: "Wenn Sie nun die Wasserstoffbombe in Los Alamos hätten entdecken können, dann hätten Sie das getan, nicht wahr?"
OPPENHEIMER: "O ja."
* Robert Jungk: "Heller als tausend Sonnen". Scherz & Goverts Verlag, Stuttgart. 368 Seiten; 16,80 Mark.
A-Bombenbauer Oppenheimer
"Der Mann, der sich für Gott hielt"
H-Bombenbauer Teller
Oppenheimer hatte technische Bedenken ...
A-Bombengeneral Groves
... eher keine moralischen Skrupel

DER SPIEGEL 2/1957
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OPPENHEIMER:
Der Ehrgeizige