16.01.1957

HOLLYWOODDie Tabu-Tabelle

Das riesige Reklame-Plakat, das ein Heer von Arbeitern vor wenigen Wochen am New-Yorker Broadway errichtete, übertraf bei weitem das schon halb abgebröckelte Elvis-Presley-Konterfei. Die Pappmaché -Nachbildung des Rock'n'Roll-Singers, die für den ersten Presley-Film Reklame macht, reicht lediglich über zwei Stockwerke, dagegen erstreckt sich das neue Plakat, das für den Film "Baby Doll" wirbt, über einen ganzen Häuserblock. Vor himmelblauem Hintergrund räkelt sich auf einem altmodisch vergitterten Kinderbett daumenlutschend ein wohlgebautes, leichtbekleidetes Mädchen, das offensichtlich männermordenden Gedanken nachhängt: die "Baby Doll", die Mädchenbraut des Films.
Das Super-Reklameschild, das größte der Broadway-Geschichte, wirbt jedoch nicht nur für einen Film, den Kardinal Francis Spellman von der Kanzel herab als "übel, unmoralisch und zersetzend" geächtet hat, sondern es kündet auch plakativ von der neuen Ära der Film-Moral, in die sich Hollywood mit 26jähriger Verspätung begeben hat: Im vergangenen Monat gab Eric Johnston, Präsident der amerikanischen Produzenten-Vereinigung "Motion Picture Association of America" (MPAA), eine Revision der Zensur-Bestimmungen bekannt, die sich Amerikas Film-Industrie 1930 selbst geschaffen hat.
Damals, Ende der zwanziger Jahre, wollte die amerikanische Film-Industrie durch die Gründung einer freiwilligen Zensur-Behörde die Bestrebungen einzelner USStaaten überflüssig machen, die eine Staatszensur einzuführen gedachten. Die Filmstadt, in deren Kinoreich keine Jugendschutzbestimmungen existieren, erlegte sich selbst einen Moralkodex auf, wie ihn bis heute kein europäisches Filmland kennt. "Wenn Äschylos, Shakespeare, Ibsen oder Shaw sich hätten nach den Hollywooder Moralregeln richten müssen", kommentierte der Harvard-Professor Arthur Schlesinger, "so wären die Meisterwerke der westlichen Zivilisation ungeschrieben geblieben; ja, selbst die Bibel könnte nicht vor den Hollywood-Zensoren bestehen."
Ein Gummi-Paragraph verschaffte den selbstgewählten Zensoren eine dehnbare Urteils-Skala: "Es soll kein Film hergestellt werden", hieß es da, "der den moralischen Standard derer, die ihn sehen, herabsetzen könnte." Um jedoch die Regeln der Frauenklub-Moral, die sich Hollywood so plötzlich zu eigen gemacht hatte, nach unten abzuschirmen, legten die Begründer der Zensur-Behörde auf fünfzehn Druckseiten nieder, was als sittsam und was als anstößig zu gelten habe. Die Detail-Definitionen hätten der Arbeitsweise eines Zoologen wie Alfred C. Kinsey Ehre gemacht.
Ehebruch durfte zur Not noch gezeigt werden, wenn er zur "Dramatisierung" der Handlung erforderlich war; unumgänglich aber war es, daß gleichzeitig die negativen Folgen einer solchen Verfehlung ausgemalt wurden. Der älteste Beruf der Welt war völlig tabu, und wenn die amerikanischen Produzenten aus Gründen der Dramaturgie eine Prostituierte auftreten lassen wollten, so mußten sie die Dame jeweils mit einem halbwegs ehrbaren Berufs-Etikett versehen. Stets wurden die Dirnen als Bardamen, Kabarett-Sängerinnen, Tänzerinnen, oder, wenn es gar nicht anders ging, als Soldaten -Liebchen (wie in "Verdammt in alle Ewigkeit") präsentiert.
Weniger Möglichkeiten zu derartigen Ausflüchten gab es bei der Detail-Darstellung menschlicher Anatomie. Die Moral-Manager gestatteten das Vorzeigen eines weiblichen Rücken-Aktes, weil diese Partien keinen geschlechtlichen Unterschied erkennen lassen, aber jeder Blick auf die Innenseiten von Oberschenkeln war verboten. Leidenschaftliche Küsse durften nur in der freien Natur ausgetauscht werden und auch dort nur dann, wenn die Partner sich "in stehender Position" befanden. Die Intensität von Lippenberührungen in einer Wohnung hatte schon wesentlich milder zu sein und mußte in einer Schlafzimmer-Kulisse zu einem harmlosen Küßchen degenerieren. Küsse im Bett waren vollends verboten, auch wenn beide Filmpartner völlig bekleidet waren und als verheiratet galten.
Daß die meisten Film-Produzenten des alten Kontinents die Geschehnisse des wirklichen Lebens unvoreingenommener behandelten als die Traumfabrikanten der Neuen Welt, zeigte sich fast jedesmal, wenn ein europäischer Film in die Vereinigten Staaten importiert wurde. Die amerikanischen Verleiher konnten die europäischen Produkte nur nach starken Schnitten übernehmen, was besonders die Werke der französischen Kinokunst mit ihren Boudoir -Szenen und maßgeschneiderten Dessous um ihre effektvollsten Bestandteile brachte.
Aber auch immer mehr amerikanische Produzenten empfanden nach Kriegsende die selbstproklamierte Tabu-Tabelle als überholt. Otto Preminger, ein Hollywood -Regisseur und -Produzent österreichischer Herkunft, war der erste Rebell. Die Zensur -Behörde hatte seiner nach europäischen Begriffen recht harmlosen Film-Komödie "The Moon is Blue" - die unter dem Titel "Die Jungfrau auf dem Dach" später auch in Deutschland gezeigt wurde - das Freigabe-Siegel verweigert.
Der Film erzählte die Geschichte zweier junger Menschen, die sich auf der Straße kennenlernen und sich sogleich voneinander angezogen fühlen. Der junge Mann lädt die junge Dame zu sich ein, und schon im Taxi auf der Fahrt zur Wohnung bekennt sie in schwatzhafter Naivität, daß sie noch Jungfrau sei und seinen Absichten mißtraue. Diesen Dialog betrachteten die Zensoren als "zu gewagt".
Preminger tat daraufhin, was vor ihm noch kein amerikanischer Hersteller gewagt hatte: Er vertrieb den Film trotzdem, und tatsächlich wurde "The Moon is Blue" nur in einem einzigen US-Staat (New Jersey) von der Polizei verboten. In allen anderen Staaten spielten clevere Kinobesitzer, die dem Bannspruch aus Hollywood zu trotzen wagten, mit dem Film Rekord-Summen ein. Der Senior von Hollywood, Samuel Goldwyn, empfahl schließlich, den überholten Kodex der "größeren Reife des modernen Publikums" anzupassen.
Hatte Preminger schön mit seinem Lustspiel bewiesen, daß sowohl die Autorität wie auch die Moral der Zensur-Behörde abgebröckelt waren, so gab ein zweiter Film von ihm vollends den Anstoß zur längst fälligen Revision der Sitten-Satzungen: das Rauschgift-Drama "Der Mann mit dem goldenen Arm". Der Hollywood-Kodex schrieb vor, daß Rauschgift-Mißbrauch auf der Leinwand nicht dargestellt werden dürfe, aber Premingers Film nach dem erfolgreichen Buch von Nelson Algren führte den Abstieg eines Süchtigen in so anspruchsvoller und doch moralisch unanfechtbarer Weise vor, daß die Mitglieder der Zensur-Behörde ihre durch die Satzungen vorgeschriebene Ablehnung selbst als ungerechtfertigt empfanden.
Eilends wurde ein Studien-Komitee gegründet, dessen Reform-Vorschläge die Grundlage für die neuen Moral-Normen bildet, die Präsident Johnston im vergangenen Monat verkündete. Zwar sind auch in der revidierten Fassung die alten Gummi-Paragraphen enthalten - dennoch aber wurden vier Tabus außer Kraft gesetzt. Nicht länger ist es grundsätzlich verboten,
- Rauschgift-Mißbrauch,
- Prostitution,
- Abtreibung und
- Kindesraub (kidnapping)
darzustellen, falls der Film nicht unnötige Detailschilderungen enthält und nicht zur Nachahmung reizt.
Unverändert aber blieben die meisten anderen Bestimmungen. So enthält das Reglement nach wie vor eine Liste der Ausdrücke, die nie aus einem Kino-Lautsprecher ertönen dürfen, darunter auch "Sohn einer Hündin", "zum Teufel" und "verdammt".
Im Paragraphen III ("Sex") verbieten die neuen Bestimmungen noch immer "sinnliches Küssen mit offenem Mund und sinnliche Umarmungen". Sie verbannen auch den wesentlichsten Bestandteil einer jeden Marilyn-Monroe-Komödie, nämlich "suggestive Posen".
Im Paragraphen VII ("Kostüme") wird "völlige Nacktheit in direkter Darstellung oder in der Silhouette" verboten, und nur im Abschnitt IX ("Spezielle Themen") gestattet der Kodex einige Ausnahmen von den bisherigen Regeln: Die Methoden des "dritten Grades", chirurgische Operationen und Geburten, Zechereien, Hinrichtungen und Schlafzimmer-Szenen dürfen gezeigt werden, wenn der Regisseur sie "mit Zurückhaltung und innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks" darbietet.
Wie sehr die Autorität und die Selbstsicherheit der Zensur-Behörde aber schon aufgeweicht sind, erwies Mitte Dezember, zur selben Zeit, da der neue Kodex verkündet wurde, der Film "Baby Doll". Den größten Teil dieses nach einem Einakter von Tennessee Williams gedrehten Films vom Frühlingserwachen eines jungen Weibsteufels im Mississippi-Delta füllt eine Verführungsszene von solch optischer Eindringlichkeit das selbst das großzügige amerikanische Nachrichten-Magazin Time" in die Klagen des Kardinals Spellman einstimmte: "Baby Doll", schrieb das Blatt, "ist sehr wahrscheinlich der schmutzigste amerikanische Film, der jemals legalerweise vorgeführt wurde."
Die, Zensur-Behörde hatte angesichts ihrer letzten Blamagen nicht gewagt, dem Film das Freigabe-Siegel zu verweigern.
Reklame-Schild für "Baby Doll": Eine neue Ära der Film-Moral
Produzent Preminger
Rebellion gegen die Sitten-Satzungen

DER SPIEGEL 3/1957
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/1957
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HOLLYWOOD:
Die Tabu-Tabelle

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "Webvideos der Woche: Einfach umgedreht" Video 03:14
    Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • Video "ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher" Video 02:00
    ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher
  • Video "Genug ist genug: Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video" Video 03:03
    "Genug ist genug": Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle