16.01.1957

NEW YORKVoltaire am Broadway

Drei der talentiertesten Leute unseres Theaters - (Autor) Lillian Hellman, (Komponist) Leonard Bernstein, (Regisseur) Tyrone Guthrie - haben gemeinsam Voltaires 'Candide' in außergewöhnliches Unheil verwandelt", klagte kürzlich in der Theaterspalte der "New York Herald Tribune" der Kritiker Walter Kerr. Im New-Yorker Massenblatt "Daily News" vertrat dagegen sein Kollege John Chapman eine völlig entgegengesetzte Ansicht. Er veröffentlichte seine Kritik unter der Schlagzeile "'Candide', ein künstlerischer Triumph"
Die Bilanz der Kritikermeinungen über das frei nach Voltaires satirischem Roman "Candide" geschriebene Musical zog traditionsgemäß die Zeitung "New York Times". "Vier der berufsmäßigen Parkettsitzer", stellte sie fest, "begrüßten das neue Werk, darunter unser Mann, zwei sitzen auf dem Zaun*, während Mr. Kerr der einzige Neinsager ist."
Mit dieser positiven Kritiker-Abstimmung war der Broadway-Erfolg des "Candide"-Autors Voltaire - fast zweihundert Jahre nach der Entstehung des Romans - gesichert: Die Bilanz der "New York Times" pflegt über Erfolg oder Mißerfolg der Broadway-Inszenierungen zu entscheiden. Kritiker Walter Kerr, der bereits über dem Dach des Martin -Beck-Theaters, der Uraufführungsbühne des "Candide"-Musicals, "ein großes, gespensterhaftes Wrack wie den 'Fliegenden Holländer", nämlich das Gespenst der Pleite, hatte segeln sehen, war mit seiner Ansicht allein geblieben.
"Candide", erste Broadway-Premiere der Wintersaison, hat nun alle Chancen zu einem Dauererfolg: Brooks Atkinson, Theaterkritiker der seriösen "New York Times", attestierte: "Ohne jeden Zweifel würde sogar Voltaire als Theatermann vom Glanz und vom Reichtum des Musicals 'Candide' überwältigt worden sein."
Das Schicksal, Libretto für ein Musical zu werden, schien dem Roman Voltaires allerdings kaum vorbestimmt. Als der französische Aufklärungsphilosoph ihn im Jahre 1759 niederschrieb, hatte er vielmehr eine Art philosophiegetränkter Satire geplant. Er wollte in der Gestalt des Hofmeisters Pangloss ("Allessprecher") den Philosophen Leibniz (1646-1716) karikieren und in der Figur des einfältigen Jünglings Candide eine theologische These des deutschen Philosophen ad absurdum führen.
Leibniz hatte aus einem von ihm im philosophischen Zeitgeschmack geführten sogenannten "Gottesbeweis" die Folgerung gezogen, daß - die Existenz Gottes vorausgesetzt - diese Welt gewiß nicht die absolut beste, aber jedenfalls unter allen möglichen Welten die beste sei. Aus dieser - im Grunde keineswegs sehr optimistischen - These hatte Voltaire, der die deutsche Philosophie kräftig verachtete, nicht ohne polemische Böswiligkeit nur den positiven Satz herausgehort, daß nämlich das irdische Jammertal "die beste aller möglichen Welten" sei.
Ein Erdbeben, das im Jahre 1755 die portugiesische Hauptstadt Lissabon zerstörte und nach zeitgenössischen, wahrscheinlich gröblich übertriebenen Berichten, 30 000 Todesopfer forderte, provozierte den Rationalisten Voltaire, einen satirischen Roman - "Candide" - zu schreiben, der die vorgebliche These des Philosophen Leibniz widerlegen sollte.
Titelheld Candide*, auf dem Schlosse des westfälischen Barons Thunder-ten-tronckh - "die Frau Baronin wog ungefähr dreihundertundfünfzig Pfund und stand dadurch in großem Ansehen" - aufgewachsen, wird von dem Philosophen Dr. Pangloss erzogen, der - recht frei nach Leibniz - die Welt für die beste aller möglichen, das Schloß Thunder-ten-tronckh für das größte Schloß und die Baronin für die schönste aller möglichen Baroninnen hält.
Auf den jungen Candide, auf dessen angebetete Freundin Kunigunde und auf den Lehrer Pangloss versammelt nun Autor Voltaire alle denkbaren Unglücke und Wechselfälle des Lebens - Krieg, Pest und Erdbeben, Folterungen, Betrügereien und Vergewaltigungen, er konfrontiert sie an allen Enden dieser Erde mit solchen Anhäufungen von Unglück, Niedertracht und Gemeinheit, daß am Ende auf Candides Frage, wozu die Erde erschaffen sei, nur noch diese Antwort übrigbleibt: "Um uns rasend zu machen." Die Beteiligten - Candide, Kunigunde, Pangloss und einige Gefährten - retten ihre zumeist von Verwundungen, Folterungen und Krankheiten schwer mitgenommenen Körper auf ein kleines Bauerngut bei Konstantinopel, wo sie zukünftig nach der Devise leben: "Laßt uns arbeiten, ohne zu philosophieren."
Von solcherlei philosophischer Resignation blieb in dem Broadway-Musical "Candide" allerdings nicht viel erhalten. Die Autorin Hellman hat die Hoffnung einiger Rezensenten, sie werde in der Figur des Candide und seines Mentors Pangloss das zeitgenössische, optimistische Amerika ironisieren, durchaus enttäuscht. Sie hielt sich vielmehr an die oft kuriosen Abenteuer des Weltreise-Programms, das Voltaire seinem Helden Candide bestimmt hatte: an seine Begegnungen mit Mädchenhändlern, Gaunern und Menschenfressern.
"Die Bewunderer des großen Philosophen sind nicht gerade erbaut über die Tatsache, daß man seine berühmte Satire in eine Schau-Operette verwandelt hat", beschwerte sich der New-Yorker Vertreter der französischen Zeitung "France Soir" in seinem Theaterbericht nach Paris. Aber auch der französische Kritiker der Broadway-Fassung des "Candide" sah sich zu dem Zugeständnis genötigt: "Das Resultat ermangelt nicht des Pfeffers."
Was der Kritiker als den Pfeffer der Voltaire-Operette bezeichnete, war allerdings weniger das philosophische Gewürz, mit dem Voltaire seinen Roman einst versehen hatte Die Würze des Musicals war vielmehr die Musik des Komponisten und Toscanini-Schülers Leonard Bernstein, die dem Kritiker Chapman über "Candide" das schmeichelhafte Urteil entlockte: "Dies ist die beste leichte Oper, seit Richard Strauß seinen 'Rosenkavalier' geschrieben hat."
Im Gegensatz zur literarischen Vorlage hat obendrein Lillian Hellman ihrem "Candide" ein Happy-End bereitet Auch bei Voltaire heiratet zwar Candide seine Kunigunde - aber ohne jedes Vergnügen und höchst widerwillig, weil sein Mädchen inzwischen häßlich ist wie die Nacht. Am Broadway darf Candide-Darsteller Robert Rounseville - der "Hoffmann" in dem Korda-Film "Hoffmanns Erzählungen" - am Ende eine Kunigunde (Barbara Cook) in die Arme schließen, deren Schonheit von allen Schicksals-Unwettern nicht beeinträchtigt wurde, und das Ensemble vereint sich zu dem apotheotischen Schlußgesang "Make Our Garden Grow" - zu deutsch "Laß unsern Garten gedeihen". "Die Zuschauer sind zufriedengestellt", äußerte sich - der Kritiker des "France Soir" in seinem Theaterbericht aus New York über dieses unerwartete Happy-End. "Alles in allem", so meinte der Kritiker ironisch, "war der unerschutterliche Optimist Voltaire ein Vorlaufer Hollywoods."
* Cowboy-Ausdruck für unentschiedene Zuschauer.
* "candide" - zu deutsch "treuherzig"
Philosoph Voltaire
Kein Grund zum Optimismus
Darsteller Robert Rounseville (Candide), Barbara Cook (Kunigunde) "Nicht ohne Pfeffer"

DER SPIEGEL 3/1957
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