06.02.1957

WELTANSCHAUUNG / GERSTENMAIERGetauschte Gedanken

In seltener Vollendung war das, was tüftelnde Zeitkritiker gern als "unbewältigte Vergangenheit" des deutschen Volkes bezeichnen, am Abend des 25. Januar im "Hermann-Ehlers-Haus" zu Stuttgart, Kronenstraße 47, leibhaftig zu besichtigen.
Unter dem 10. Januar hatte Karl Cerff, 49, ehemaliger höherer SS-Führer und HJ-Obergebietsführer, der heute im Europäischen Buchklub, Stuttgart, arbeitet, an etliche Personen, die ihm seit langen Jahren aus gemeinsamer politischer Tätigkeit vertraut sind, einen Rundbrief geschickt. Im zweiten Absatz des Schreibens kündigte er an, "daß der Herr Bundestagspräsident Dr. Eugen Gerstenmaler... zu einem ersten Gedankenaustausch zu dem hiermit geladenen Kreis kommen und sich mit uns über die uns bewegenden Fragen unterhalten" werde.
Was es mit diesen bewegenden Fragen auf sich hatte, war zu einem Teil dem vorangesetzten Leitwort dieses Briefes ("Aussöhnung in Ehren - Wiedervereinigung") zu entnehmen. Wichtiger war jedoch der Inhalt der kurzen Ansprache, die Cerff zu Beginn der "offenen, vertrauensvollen und von gemeinsamer Verantwortung getragenen Aussprache" hielt.
Sozusagen um die Strebepfeiler für den Diskussionsbogen zu liefern, schmetterte Cerff dem Gast aus Bonn sechs klingende Thesen entgegen, in denen alle Ressentiments dezent verarbeitet waren, die gegenwärtig die überlebende nationalsozialistische Prominenz bewegen, einschließlich des Gelöbnisses zur bundesbürgerlichen Loyalität:
- Die hier Versammelten bekennen sich vorbehaltlos zum demokratischen Rechtsstaat.
- Unabhängig von der Frage, wo der einzelne parteipolitisch heute steht, ist vordringlichstes Ziel die Wiedervereinigung und die Wiederherstellung des Reiches. Die Vorbedingung der Wiedervereinigung ist die "Aussöhnung" in Westdeutschland.
- Wir fordern freie Geschichtsforschung
und freie Meinungsäußerung auch hinsichtlich der jüngsten deutschen Vergangenheit.
- Die Anerkennung guter Seiten der Vergangenheit ist nicht gleichbedeutend mit einem Angriff gegen den heutigen Staat. Die Versammelten wehren sich vor
allem gegen den unerträglichen "Rufmord", der in Verleumdungen seinen Niederschlag findet wie zum Beispiel "Nazi", "Brauner Professor", "20.-Juli-Mann" und so weiter.
Cerff räumte ein, viele der ehemaligen Nationalsozialisten, die er angesprochen habe, hätten einer derartigen Diskussion keine großen Erfolgschancen gegeben, zumal Gerstenmaier einigen Betroffenen als Aussöhnungspartner recht ungeeignet erscheine. Der Bundestagspräsident, der sich gern zur ersten Garnitur der Widerstandskämpfer gegen Hitler zählen läßt, habe an einer Tagung des "Grünwalder Kreises"* teilgenommen, der als Scharfmacherzentrale für die Verfolgung ehemaliger Nationalsozialisten gelten könne. Gelegentlich werde Gerstenmaier sogar als der "Herodes von Bonn" bezeichnet, wobei der bethlehemitische Kindermord als Modellfall kollektiver Sühnemaßnahmen gedacht wird, dessen späte Kopie die Denazifizierung ist.
Cerff distanzierte sich von diesen Unterstellungen. Er lobte vielmehr, daß Gerstenmaier durch sein Erscheinen beweise, wie ernst es ihm aus politischen, menschlichen und christlichen Erwägungen mit einer Aussöhnung sei.
Außerdem standen für das Unternehmen noch andere Leumundshilfen parat. Eine ähnliche Aussprache hatte mit dem damaligen Bundestagspräsidenten Hermann Ehlers bereits vor viereinhalb Jahren in der Evangelischen Akademie von Bad Boll stattgefunden. Allerdings strandete der hoffnungsvolle Versuch wenige Monate danach durch die Aktion, die nach Meinung Cerffs von dem damaligen britischen Hochkommissar Sir Ivone Kirkpatrick eingefädelt worden war, und als "Nau-Nau"{Affäre ruhmlos im Sande verlief. Cerff rief Gerstenmaler auf, das Erbe von Ehlers fortzusetzen. Der Vorstand der SPD habe - so wußte Cerff zu berichten - durch den Mund des Bundestagsabgeordneten und Wehrexperten Erler zu diesem Unternehmen seinen Segen gegeben.
Erler erklärt hingegen heute, von dem Stuttgarter "Versöhnungs"-Gespräch erst hinterher erfahren zu haben. Den ehemaligen SS-Führer Cerff kennt Erler lediglich aus Gesprächen, die er mit Beauftragten der HIAG* geführt hat. Der Sozialdemokrat räumt allerdings ein, daß ein Gespräch zwischen Nationalsozialisten und wirklichen Demokraten zum Abbau der gegenseitigen Ressentiments nicht schaden könne.
Gerstenmaler, dem die Cerff-Freunde seine Äußerung vor dem "Grünwalder Kreis" angekreidet hatten, er wende sich zwar gegen jede Form des Kollektivurteils, aber seiner Meinung nach müßte man ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS, auch
wenn sie sich gewandelt hätten, bei der Aufnahme in die Bundeswehr mit Skepsis begegnen, gab sich vor dem kleinen Auditorium zunächst wesentlich versöhnlicher. An ein Kant-Zitat aus seiner Rede zum "Tag der deutschen Einheit" vom 17. Juni 1956 anknüpfend, gestand er den ehemaligen Nationalsozialisten nicht nur den guten Glauben, sondern auch den guten Willen im Sinne des Philosophen zu. Er steckte jedoch gleich einige Warnschilder aus.
"Einige von Ihnen werden - entschuldigen Sie, wenn ich das so kraß sage - daraus die Berechtigung zu einer Rehabilitierung ableiten. Vergessen Sie nicht, daß es sich hier um ein sehr schwieriges Problem handelt. Zwischen uns stehen viele Tote, zwischen uns steht die Schuld der ehemaligen Nationalsozialisten, die erst abgetragen werden muß. Sie haben sich mitschuldig gemacht, weil Sie sich nicht rechtzeitig von diesem verbrecherischen Regime getrennt haben."
Bevor sich die illustren Teilnehmer aus der Publizisten-Branche zu Wort meldeten, griffen zwei Hochschullehrer, der in Tübingen wirkende Dozent Dr. Herbert Grabert und der ehemalige Ordinarius der Medizinischen Fakultät an der Reichsuniversität Straßburg, Professor Dr. Hofmeier, in die Diskussion ein und wünschten eine in ihrem Sinne freie wissenschaftliche Forschung herbei. Wie Grabert solche Freiheit versteht, hat er Anfang 1953 in einer Broschüre dargetan, die den alarmierenden Titel trägt "Hochschullehrer klagen an", und in der er die Denazifizierung als Ursache für die "Demontage der deutschen Wissenschaft" bezeichnete.
Einen höchst eigenwilligen Denazifizierungsbefund zeigte bei der Stuttgarter Aussprache der einstige nationalsozialistische Star-Journalist Hanz Schwarz van Berk ("Der Angriff", "Das Schwarze Korps", "Das Reich"), als er in eigener Sache salopp klagte: ,So einfach, wie Sie sich das denken, Herr Bundestagspräsident, ist eine solche Mitarbeit nicht. Schließlich mußich beruflich tätig sein; im übrigen würde ich keinen Verleger finden, der bereit wäre, das zu bringen, was ich schreiben möchte. Hiervon einmal ganz abgesehen, weiß ich, daß es mancherlei Themen gibt, über die zu schreiben es sich lohnen würde. Sehen Sie sich unsere Presse an. Sie macht in Sensationen. Sie denkt nicht daran, sich der Pflege der Staatsmoral zu widmen. An meinem guten Willen soll es nicht liegen. Ich sehe jedoch keine Möglichkeit und gebe Ihnen folgendes Beispiel: Allein die Tatsache, daß ich mit Herrn Naumann im Jahre 1952 gesellschaftlich verkehrte, genügte, mich in den Ruf eines Staatsfeindes zu bringen! Natürlich war mir das völlig gleichgültig, - dennoch sind mir derartige Dinge nicht angenehm."
Nach den autobiographischen Anmerkungen des begabtesten aus der Schriftleitermannschaft von Goebbels griff Hauptamts- und Stabsleiter außer Dienst Helmuth Sündermann, 45, derzeit Chef des wegen Herausgabe neofaschistischer Literatur wiederholt angegriffenen Druffel-Verlages in Leoni am Starnberger See, ganz tief in den Fundus der geschichtsphilosophischen Erkenntnisse, die ihm in den letzten zwölf Jahren zugewachsen sind. Er spann den nun schon beliebten Vergleich zwischen der politischen Schuld Napoleons und Hitlers weiter. Der kecke oberbayrische Gehilfe des, einstigen Reichspressechefs Dr. Dietrich hält es für sehr wahrscheinlich, daß man über das Schuldproblem "in dreißig Jahren ganz anders denken wird. Er empfahl deshalb; nicht ständig in der Vergangenheit herumzugraben, sondern "frisch, fromm fröhlich und frei" in die Zukunft zu schauen. Mit dieser arglosen - Vereinfachung - hatte Sündermann einen schönen Heiterkeitserfolg.
Der ehemalige Staatssekretär im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Werner Naumann, dem als Tischdame die Schwester Gerstenmaiers zugeordnet war, hielt es für angezeigt, seine grundsätzlichen Erörterungen ernst anzulegen und auszuführen, Er erwies dem Bundestagspräsidenten. Reverenz als einem mutigen Mann ("Als guter Kenner der Bonner Verhältnisse weiß ich, welches hohe Maß} von Zivilcourage dazu gehört"), der den ehemaligen Nationalsozialisten guten Willens "das Recht auf Rehabilitierung in Ehren" nicht bestreite. Bei der Behandlung der Schuldfrage sei allerdings zu untersuchen, aus welchen Gründen sich der einzelne von dem "verbrecherischen Regime" getrennt habe. Für ihn - Naumann - stehe fest, daß derjenige der sich früher getrennt habe, letztlich dicht weniger
schuldig sei oder sein könne als der, der "bis zum letzten Augenblick sein Leben für Deutschland gewagt" habe.
Naumann malte in düsteren Farben das bittere staatsbürgerliche Los, das ihn und seine Parteigenossen aus dem ersten Glied von einst nun betroffen habe. "Zur Zeit ist
es schon gefährlich, wenn sich einer von uns zum Beispiel Gedanken über die Verbesserung des Wahlmodus macht." Er beschwor den Bundestagspräsidenten: "Geben Sie daher der Freiheit der Meinung endlich Raum! Sie können überzeugt sein, daß wir von ihr im Rahmen der Gesetze Gebrauch machen werden." Mit einem warmherzigen Gelöbnis zur bundesbürgerlichen Treue und einem leidenschaftlichen Dementi aller Gerüchte über hochverräterische und neofaschistische Untergrundtätigkeit der alten Kämpfer besorgte sich Naumann den großen Schlußapplaus.
Selbst Gerstenmaier machte in seiner Antwort das Kompliment, daß die "an Energie und Kraft" so reiche Rede des ehemaligen Volksaufklärungs-Staatssekretärs ihm verständlich gemacht habe, weshalb das deutsche Volk bis zum Tage der Kapitulation durchhielt. "Schade ist nur - nehmen Sie es mir nicht übel -, daß ein so talentierter Staatssekretär das Pech hatte, einem so schlechten Minister zu begegnen." Dem ebenso talentierten wie erfolgreichen Bundesbürger Naumann glaubte der nach dem Grundgesetz zweite Mann der Bundesrepublik versichern zu können, daß heute ein "Fall Naumann" nicht mehr möglich sei.
Auf dem Katalog der Sprecher aus dem Kreis der Betroffenen standen noch der frühere Straßburger Oberbürgermeister Dr. Ernst, der die Bemühungen der Bundesregierung um die deutschen Gefangenen bei ausländischen Gewahrsamsmächten lobte, der Spätheimkehrer Professor Theilmann, der die Bonner Hilfsaktion als unzulänglich beanstandete, der frühere SSGeneral Hausser, der sich über die Versorgungsansprüche der Waffen-SS verbreitete, ohne auf Interesse zu stoßen, sowie die einstige NS-Frauenschaftsführerin Lydia Ganzer, geborene Gottschewski, die bekannte, durch innere Läuterung zu der Erkenntnis gekommen zu sein, daß alle Kollektivurteile unterbleiben müßten, daß aber auch jedes Schuldbekenntnis einen Partner voraussetze, der bereit sei, die Reue anzunehmen, ohne daraus für sich Kapital zu schlagen.
Unter den Zuhörern dieser selbstkritischen Analyse wurden unter anderem bemerkt:
- SS-Oberstgruppenführer außer Dienst Sepp Dietrich, 64;
- Gauleiter außer Dienst (Weser-Ems) und Quisling-Gehilfe Paul Wegener, 48;
- Stabsleiter außer Dienst Heinrich Simon,
46, früher Leiter der Zentralstelle für die Finanzwirtschaft der Deutschen Arbeitsfront;
- Reichsamtsleiter außer Dienst Dr. Bodo Lafferentz, 49, früher Leiter der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude";
- Stellvertretender Gauleiter außer Dienst (Westmark) Ernst Ludwig Leyser, 60.
Sagte ein ehemaliger höherer SS-Führer im Fortgehen: "Wenn so viele ehemalige Nationalsozialisten sich in der Konradokratur treffen wollen, bedarf es eines persönlichen Einsatzes des Bundestagspräsidenten, um nicht in den Verdacht der Geheimbündelei zu geraten." Diesen Einsatz hatte Gerstenmaier freilich schon im Juni vorigen Jahres gewagt, als ihm Kultur-Funktionär Cerff auf die Bude rückte und ihn unvermittelt fragte ob er beabsichtige, eine zweite Entnazifizierungswelle in Deutschland anzuführen. Damals hatte er nur dementiert, in Stuttgart aber empfahl er, das nun begonnene Werk der "Aussöhnung in Ehren" fortzusetzen, nicht ohne noch einmal auf die Tugend der Geduld aufmerksam gemacht zu haben.
Gesprächsinitiator Cerff hatte versucht, die Tagung möglichst vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Cerff sagte dazu: "Wir haben nichts getan, was geheimzuhalten ist oder anrüchig ist, aber wir haben Wert darauf gelegt, daß alles streng diskret und vertraulich behandelt wird, weil es Dinge gibt, die die Presse nicht zu berichten braucht. Das wäre dann so, als ob man ein zartes Pflänzchen einem Sturmwind aussetzt"
Der stellvertretende Heimleiter Press vom "Hermann-Ehlers-Hause", einem Wohnheim für Studenten und Jungarbeiter, überlegt heute, ob es richtig gewesen ist, seinen Saal für dieses diskrete Gespräch, von dem nicht einmal die Stuttgarter CDU-Freunde Gerstenmaiers wußten, zu vermieten. Press sagt: "Nachdem es hieß, daß der Herr Gerstenmaier kommt, haben wir gedacht, das wird schon was Ordentliches sein.
* Im "Grünwalder Kreis" haben sich im Jahre 1956 Politiker. Publizisten und Juristen zusammengefunden, die dafür sorgen wollen, daß "Deutschland unter keinen Umständen wiederum einem faschistischen oder chauvinistischen Abenteuer zum Opfers fällt.
* Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS."
Opfer des Faschismus Gerstenmaier
Bedingt zur Aussöhnung bereit
NS-Spitzentunktionär a.D. Naumann
Bedingt zur Rehabilitierung geeignet

DER SPIEGEL 6/1957
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