27.03.1957

WARUM FÜHLEN SIE NICHT WIE ICH FÜHLE?

SPIEGEL: Herr Fischer, nach sechzehn Drehtagen hat die Gesellschaft, für die Sie in Hollywood den Film "My Man Godfrey" drehten, die Zusammenarbeit mit Ihnen abgebrochen. Es ist aber doch eigentlich ganz ungewöhnlich, daß man nicht sagt: Gut, wir haben schon den halben Film im Kasten, jetzt arrangieren wir uns, auch wenn Schwierigkeiten bestehen, wir arrangieren uns mit Herrn Fischer, wir arrangieren uns mit Miß Allyson. Wir führen...
FISCHER: Die Allyson hat mit der ganzen Geschichte überhaupt nichts zu tun.
SPIEGEL: Sie kennen die Berichte, daß nach dem achten Drehtage June Allyson angeblich krankheitshalber nicht ins Atelier gekommen sei, weil sie die dauernden Meckereien von O.W. Fischer leid war?
FISCHER: Ich könnte sehr stolz sein, wenn meine Meckereien solche Kraft gehabt hätten. Ich glaube es nicht. Ich habe es später erfahren, daß die Allyson, glaube ich, bis jetzt mit einer schweren Lungenentzündung im Krankenhaus liegt; diesen Bazillus mindestens habe ich ihr nicht eingehaucht, die Krankheit ist erst später eingetreten. Die Allyson ist eine zarte, körperlich zarte Person, und ich hatte mit ihr - was sie mit mir hatte, das kann ich nicht beurteilen - nichts als liebenswürdige Worte, konventionelle Küßchen: "Darling, wie geht's dir?" Und was es da halt so alles gibt beim Theater. Also nichts, nichts, kein Krach, kein gar nichts.
SPIEGEL: Man hat Sie unter einmaligen Voraussetzungen hinübergeholt, man hat Ihnen einen sehr guten Vertrag geboten, eine Gage von 125 000 Dollar pro Film, die auch für amerikanische Begriffe beachtlich ist; Sie haben das Drehbuch vorher gelesen, Sie kannten den Regisseur Henry Koster.
FISCHER: Nein, den kannte ich nicht.
SPIEGEL: Sie kennen aber sicherlich seine Filme.
FISCHER: "The Robe."
SPIEGEL: "Mein Freund Harvey". "Désiree."
FISCHER: Das auch.
SPIEGEL: Sie wußten also, mit was für einem Menschen Sie arbeiten würden, Sie wußten, was für einen Stoff Sie bekommen, Sie kannten das Drehbuch, Sie haben vielleicht sogar die erste Verfilmung mit William Powell gesehen. Man beginnt zu drehen, und nach sechzehn Tagen plötzlich erfahren Sie in Ihrem Hotelzimmer, daß Ihr Vertrag gekündigt ist. Wie kam es dazu?
FISCHER: Darauf kann ich nur folgendes sagen: Ich habe mit der Universal-Produktion ein Gentleman Agreement, eine Übereinkunft, über die internen Vorgänge nichts zu sagen. Ich darf Ihnen meinetwegen sagen - weil das nichts mit den internen Dingen zu tun hat, sondern mit dem Vorspiel -, daß ich ungefähr vier Drehbuchentwürfe nicht nur in der Hand hatte, sondern studierte; daß das Buch infolge eines neuen Regisseurs, der im letzten Augenblick auftauchte - früher sollte es Sierck machen - geändert wurde, und daß die Änderungen sich soweit hinzogen, daß ich wohl dem Produktionschef sagen konnte: Ich glaube, daß das keine Story ist, die ich mag.
SPIEGEL: War das vor Drehbeginn?
FISCHER: Ja, selbstverständlich. Und nun geht's schon ins Interne und ins Gentleman Agreement. Ich will nur sagen, es war von der alten klassischen Form des "My Man Godfrey", auf die ich natürlich geflogen wäre, nicht mehr viel übriggeblieben. Der William Powell hat ihn unvergeßlich gespielt ...
SPIEGEL: Einen im Bankenkrach Verarmten.
FISCHER: Einen Bankier, der in der ungeheuren Depression eines ungeheuren Landes zugrunde ging, von seiner Frau geschieden wurde, die nicht mehr mochte mit dem armen Mann, und in den Slums landete. Da kamen nun zwei Fratzen von der Fifth Avenue, zwei junge Mädchen, und wollten ihn heuern als "Viech". Sie sagten: Sie sind so herrlich unrasiert und schauen so zerrissen aus. Wir machen eine Straßenkehrerjagd, also eines dieser snobistischen Gesellschaftsspiele. Kommen Sie zu uns als "Viech". Wir wollen Sie haben. Da hat den Mann, der über das weitere Schicksal nicht nur seiner selbst, sondern einer Welt, die aus den Fugen geraten war, nachdachte, die Wut gepackt, und er schmiß eines dieser Mädchen in einen Aschhaufen, die andere blieb hängen, und er sagte: Was stellen Sie sich vor, wohin sind wir gekommen, wenn das so weitergeht? Die bat ihn um Verzeihung. Da sagte er: Moment, ich will wirklich sehen, was für Menschen das sind, die glauben, mit anderen Menschen so umgehen zu können.
SPIEGEL: Die Menschenhandel mit sozial Deklassierten treiben ...
FISCHER: Er ging dahin, und die griffen seinen Bart an. Die Frackherren waren alle enthusiasmiert, und er sagte: "Jetzt haben Sie Ihr Viech gesehen. Ich danke Ihnen vielmals, ich habe sogar 200 Viecher gesehen." Und ging. Und daraus entstand, daß sich dieses Mädchen à tempo in diesen mannhaften Menschen verliebt hatte, in einen Menschen, der eben nicht Kotau gemacht hatte vor verschiedenen Konventionen. Und nun begann eine Komödie, die der alte Powell ganz ernst durchführte, innerhalb einer American family war er ein Mann, der nun sagte: Eigentlich sind das sehr nette Menschen, die haben nur ein bißchen den Sinn des Lebens verloren. Das ist, was meiner Ansicht nach den Welterfolg des "My Man Godfrey" zur Folge gehabt hat, weil ich der Ansicht bin - ich habe es gewagt, als Schauspieler dieser Ansicht zu sein -, daß jede Komödie einen tiefernsten Hintergrund haben muß, damit gelacht werden kann.
SPIEGEL: Und der wäre verlorengegangen?
FISCHER: Das weiß ich nicht, das kann ich nicht beurteilen, ich bin nicht der liebe Gott, sondern ich bin ein Künstler, der sein Gefühl für Dinge hat. Die Version des "My Man Godfrey", die ich nun spielen sollte, war, daß ein österreichischer Baron, der sein Schloß in Niederösterreich hatte, und alles Geld, das man wollte, sagt: Ich habe genug von der fadenscheinigen Eleganz meiner Mitmenschen, ich habe genug vom Kaminfeuer in meinem Schloß ...
SPIEGEL: Ja, aber diese Fassung kannten Sie doch?
FISCHER: ... ich lasse mich anheuern auf einem dänischen Frachter und gehe hinüber nach Amerika und spiele den Diener. Da sagte ich: Das ist der Background eines Lustspiels, aber nicht einer Komödie. Ich kannte die Fassung zu spät. Ich sagte Ihnen, daß ich vier Entwürfe studiert habe und dann hinübergegangen bin.
SPIEGEL: Sie haben also entgegen Ihren Gepflogenheiten nicht die endgültige Drehbuchfassung gelesen?
FISCHER: Ah, gelesen natürlich, gelesen natürlich.
SPIEGEL: Aber Sie dachten...
FISCHER: Meine große Schuld ist, das gebe ich ohne weiteres zu, daß ich meine Begabung überschätzt habe.
SPIEGEL: Sie dachten, Sie machen eine Komödie aus dem Lustspiel?
FISCHER: Das ist genau die Formulierung.
SPIEGEL: Da müssen sich die Meinungen frontal gegenübergestanden haben. Denn es hieß am Tage nach dieser Meldung, daß Sie entlassen seien, Koster habe sich beklagt, Sie machten ihm in der Art und Weise, wie Sie die Rolle spielen wollten, den Film kaputt.
FISCHER: Haben Sie schon viele Drehbücher in Ihrem Leben gelesen?
SPIEGEL: Eine ganze Anzahl
FISCHER: Waren Sie davon sehr beglückt?
SPIEGEL: Nun, es gibt gute und schlechte, es kommt darauf an.
FISCHER: Wenn Sie gute gelesen haben, dann würde ich bereit sein, Sie am Gewinn mitzubeteiligen, wenn Sie mir drei oder vier gute Drehbücher nennen könnten.
SPIEGEL: Wieviel Prozent, Herr Fischer? Wir werden uns gut an dieses Angebot erinnern!
FISCHER: Da kriegen Sie nun Jahre und Jahrzehnte die Drehbücher: "Er setzt keck den Hut in den Nacken, das Mädchen sieht ihm nach und zerdrückt eine Träne." Wie können Sie es einem Menschen, der irgendwo right or wrong eine Verantwortung gegenüber diesen Dingen fühlt, wie können Sie es einem Menschen übelnehmen, daß er nun sagt: Ich möchte es anders machen. Ich möchte, daß der Bursch meinetwegen keck den Hut in den Nacken schiebt, aber daß das Mädchen nicht eine Träne zerdrückt, sondern daß es sich umdreht und man an ihrem Rücken merkt, was in ihr vorgeht. Sie verstehen das Beispiel?
SPIEGEL: Aber in der Filmindustrie ist es doch so: Wenn Sie eine Intention haben, und Sie wollen jetzt dem Publikum etwas sagen, dann müssen Sie Produzent werden, müssen sich einen Stab suchen, die Darsteller, den Regisseur, und müssen den Film dann machen. Es wäre doch wohl bedenklich, wenn sich jetzt der Produzent einen Stoff sucht und sagt: Ich will das und das darstellen, nach meinen Absichten kommt vielleicht dafür der und der Regisseur in Frage, der macht mir den. Stoff so, wie ich ihn will. Der Regisseur sagt nun: Dafür brauche ich diesen oder jenen Schauspieler. Jetzt aber kommt der Star, der Schauspieler, und sagt So möchte ich das nicht, ich sehe das ganz anders. Stellt er damit nicht das ganze Programm in Frage?
FISCHER: Meine Herren, wir alle haben uns in Zeiten der Diktaturen, in Zeiten des Militärs et cetera, et cetera nach der Demokratie gesehnt.
SPIEGEL: Auch in der Demokratie gibt es eine verantwortliche Exekutive. Nun kann man sagen: Im Film ist der verantwortliche Exekutor der Regisseur. Sie selber haben ja Regie geführt, kennen das also auch von der Ebene her. Der Regisseur muß nun die Intentionen, die natürlich ein Schauspieler von Geblüt in seine Rolle hineinbringen will - unabhängig von dem Gerede mit dem "keck in den Nacken geschobenen Hut" -, diese Intentionen muß der Regisseur koordinieren, er muß das zu einem Ganzen machen. Wenn nun ein einzelner nur seine Konzeption durchsetzen will, dann wird er vielleicht der Diktator des Films, gegen den die anderen Darsteller, der Partner, die Partnerin, die Chargen nicht mehr ankommen. Da liegt doch vielleicht das Problem.
FISCHER: Sie, meine Herren, kämpfen doch in der jungen deutschen Demokratie auch darum, daß sich in den Kasernen der Feldwebel nicht an dem Gefreiten vergeht, daß nicht irgendein Zwang ausgeübt wird, sondern daß der Mensch, wenn er schon seinen Schädel für das Vaterland hinhalten muß, wenigstens als Mensch behandelt wird - ja?
SPIEGEL: Die Wahrung der Menschenwürde beim Training zum kampferfahrenen oder zum kampfbereiten Soldaten geht nicht so weit, daß der Soldat sagt: Ich robbe nicht mit Gasmaske, weil es ia gegen die Menschenwürde verstößt, in der Sonne mit der Gasmaske herumzukriechen, und wo es
auch zu gar keinem Gaskrieg kommt, denn im letzten Krieg war ja auch keiner.
FISCHER: So weit gehen Sie, das zu konzedieren, daß der einfache Soldat weiß, oh es zum Gaskrieg kommt oder nicht?
SPIEGEL: Wir gehen nicht so weit, wir sagen, er muß die Gasmaske schon aufsetzen, auch wenn er meint, es habe mit demokratischem Training nichts mehr zu tun. Er wird sie halt aufsetzen müssen, denn einer muß nun befinden, ob mit Gasmaske geübt wird oder nicht.
FISCHER: Na, das wissen Sie besser, meine Herren*. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen, in dem ich besser zu Hause bin: Es dirigiert ein prominenter Dirigent ein Beethoven-Konzert, sagen wir - Herr Furtwängler. Herr Menuhin spielt das Solo. Wir haben also jetzt drei Faktoren genannt, die es leider im Film kaum gibt. Ich nenne das nur, um einen Fall glasklarer Kunst herauszustellen. Ich glaube nicht, daß Herr Furtwängler Herrn Menuhin beibringen will, wie man den Geigenbogen hält. Ich glaube nicht, daß er ihm beibringen will, Noten zu lesen, sondern alle diese Dinge werden auch bei geringeren Fällen wie bei Herrn Menuhin als selbstverständlich 'angenommen. Es wird als selbstverständlich angenommen, daß Herr Menuhin - denn dafür ist er der Herr Menuhin und bekommt sehr
viel Geld - ein Konzept hat, nach dem er den Beethoven spielt - dadurch ist er ja weltberühmt geworden -, und daß er sein ganzes Gefühl in diese Sache legt. Wir haben prominente Fälle, wir wissen zum Beispiel, daß Toscanini den Beethoven für mancher Menschen Ohren - obwohl er das begnadetste Dirigenten-Genie unserer Zeit war - sehr rasch, seinem italienischen Temperament entsprechend, genommen hat; daß Furtwängler den Beethoven - seinem Temperament entsprechend - langsam genommen hat; daß Bruno Walter ihn meinetwegen noch wieder anders genommen hat, daß Solisten wie Schneiderhan oder Menuhin, oder wie sie alle heißen, alle das verschieden wiedergeben, sonst wäre es ja das Fadeste, was es gibt, sonst könnte man sich eine Platte kaufen und brauchte nie mehr in ein Konzert zu gehen. Glauben Sie nun, daß Furtwängler zu Herrn Menuhin oder Schneiderhan geht und sagt: Warum tun Sie nicht, was ich sage?
SPIEGEL: Herr Koster hat in einem Interview gesagt, er habe Sie bei den Dreharbeiten zu "My Man Godfrey" beiseite genommen und gefragt: "Herr Fischer, warum tun Sie denn nicht, was ich Ihnen sage?"
FISCHER: Ich darf zu seiner Ehre sagen, daß er so einen Unsinn nie gesagt hat. Denn in jeder Kunst ist das Tun ein Schimpfwort. Er könnte also nur gesagt haben: Warum fühlen Sie nicht so, wie ich fühle? Es dreht sich hier wie in jeder Kunst um das Gefühl, nicht um das Tun und Machen. Und es wird ausgeübt durch den kompliziertesten Apparat, den es gibt, durch das komplizierteste Instrument, das es gibt, nämlich durch die menschliche Seele. Nicht durch ein blödes Ponim*, nicht durch ein Augenbrauen-Hochziehen, nicht durch ein Smile, nicht durch eine Bewegung, wie nehme ich die Kaffeetasse - denn das ist dasjenige, was der Dirigent nie dem Solisten sagt: Man hält den Geigenbogen so: denn das sind nebensächliche Dinge -, sondern durch das Gefühl, das halt vom Mörder bis zum Hölderlin geht, durch das Gefühl des Menschen, das das Differenzierteste und Unfaßbarste ist: Warum ein Mensch plötzlich, wenn er eine Frau zehn Jahre geliebt hat, zum Revolver greift und sich und die Frau niederschießt, und wir stehen davor und fragen: Wie ist es möglich? Warum ein Mensch bis zum 30. Lebensjahr schweigt, dann 55 Millionen Menschen umbringt und dann wieder in eine Nacht fällt, wie wir es erlebt haben mit Herrn Hitler. Alle diese Dinge, die darzustellen sind, die das Wesen der dramatischen Kunst sind, sind unfaßbar, meine Herren, sind nicht zu umschreiben, daß man sagt: Warum tun Sie nicht was ich sage?
SPIEGEL: Wir haben in der dramatischen Kunst natürlich auch noch den Dichter, den Autor.
FISCHER: Der Dichter ist für die Bühne, was für das Konzert, um von der Musik zu sprechen, von der wir gerade vorhin gesprochen haben...
SPIEGEL: Die Partitur ist?
FISCHER: ... die Partitur, die Vorlage, die genaue Vorlage. Sie wissen genau, daß es im Film ein viel schwierigeres Geschäft ist, weil wir da keinen Beethoven, keinen Mozart und kaum eine Partitur haben, sondern wir haben meistens das, was wir gerade vorhin nannten, wir haben: "Er setzte den Hut keck in den Nacken, und das Mädchen zerdrückte eine Träne." Sie sind oft genug in der Lage, in der traurigen Lage, daß Sie einen Stoff gut finden, daß das Drehbuch aber nicht so ist wie das Stück. Dann rührt sich in Ihnen etwas, dann rührt sich dasjenige, worum Sie, meine Herren, kämpfen - ich glaube, auf anderem Gebiet genauso wie ich auf diesem Gebiet -, es rührt sich ein Gewissen, es so gut zu machen als möglich. Ist dieses eine Allüre, ist dieses die Laune eines Menschen, dann ist sie zu verurteilen. Ist dieses aber das Gewissen eines begabten Menschen - nur über ihn zu reden hat ja Sinn -, dann trifft es in etwas, wo man nicht sagen kann: Wir sitzen in einem Kontor, wir sitzen in einer Kaserne, wir sitzen auf einem Truppenübungsplatz, sondern dann hat es mit den unfaßbaren Gefühlen zu tun, über die keine Artikel zu schreiben sind.
SPIEGEL: Wer stellt fest, ob es Allüre oder Gewissen ist? Und wer stellt fest, ob er ein begabter Mensch ist?
FISCHER: Vox populi, meine Herren, sonst niemand, vox populi entscheidet sich manchmal für Kitsch, vox populi entscheidet sich manchmal für besondere Begabungen.
SPIEGEL: Dann müßten Sie sich neben Brigitte Bardot ...
FISCHER: Niemand, niemand, meine Herren, kann sonst entscheiden als vox populi.
SPIEGEL: Wird der Kitsch legitim durch vox populi?
FISCHER: Ja.
SPIEGEL: Wie soll diese Art von Demokratie im Atelier verwirklicht werden?
FISCHER: Indem derjenige, der sich zum Führer anmaßt...
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, jede Führung, jede Regie - es heißt ja Regie führen, das ist bezeichnend -, jedes Führen in der Regie sei angemaßt? Es gibt ja auch den dazu...
FISCHER: Berechtigten.
SPIEGEL: ... den dazu Berufenen, so wie es in dem Militärbeispiel, in dem Sie uns für kompetenter halten, Leutnants gibt, bei denen die Soldaten die Gasmaske widerstandslos aufsetzen, wenn es soweit ist, und wie es Leutnants gibt, wo schon das Wort Gasmaske aus deren Mund Widerstand gegen den Befehl hervorruft.
FISCHER: Richtig.
SPIEGEL: Nun, der Mann, mit dem Sie in Kollision geraten sind, in der Führung der Regie...
FISCHER: Sie meinen jetzt Koster?
SPIEGEL: Wir meinen Koster.
FISCHER: Das möchte ich betonen: Ich habe nicht von Koster gesprochen.
SPIEGEL: Wir haben den Namen Koster in den Zusammenhang hineingebracht, in den Zusammenhang mit Führen. Er hat James Stewart geführt. Er hat Marlon Brando, den Wilden, geführt. Er hat geführt Jean Simmons, er hat geführt Victor Mature und Bette Davies. Sie hat er nicht führen können. Woran liegt das?
FISCHER: Das liegt an denselben ungreifbaren Dingen, die Ich Ihnen, eben vorher gesagt habe.
SPIEGEL: Die Intuitionen wollten nicht zusammenstimmen?
FISCHER: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, und Sie können jeden Menschen fragen, der dabei beteiligt war, daß zwischen Herrn Koster und mir, daß zwischen dem Ensemble und mir...
SPIEGEL: Und June Allyson?
FISCHER: Ich sage Ensemble.
SPIEGEL: Die nehmen Sie nicht aus dem Ensemble heraus, die weibliche Hauptrolle June Allyson? Das ist immerhin bemerkenswert.
FISCHER: Ja, Goddamned, why?
SPIEGEL: Wir fragen.
FISCHER: Aus dem Ensemble heraus? Nur weil ein Mensch das Wörtchen, das lächerliche Wörtchen "Star" führt, soll ich ihn aus dem Ensemble herausnehmen? Das habe ich nie für mich in Anspruch genommen, warum soll ich es für einen Menschen, nur weil er einen amerikanischen Passeport hat, tun?
SPIEGEL: Sie sagten: zwischen dem Ensemble und mir. Da wollen Sie also sagen: Zum Ensemble gehört auch June Allyson, ebenso wie die letzte Charge.
FISCHER: Der Regisseur, das Ensemble, die Direktion. Warum soll ich June Allyson herausnehmen? Ich sehe keinen Grund, ich würde vielleicht Frau Duse herausnehmen, und nicht einmal die, weil die sich selbst nicht herausgenommen hätte. Es hat zwischen allen diesen Komponenten nicht ein böses Wort gegeben, nicht einen Krach.
SPIEGEL: Aber einen harten Konflikt?
FISCHER: Keinen harten Konflikt, gar keinen.
SPIEGEL: Differenzen?
FISCHER: Es hat nur, es hat nur - es sind nur zwei chemische Stoffe zusammengekommen, die sich nicht binden konnten.
SPIEGEL: Sagten die anderen: Wir trennen uns von O. W. Fischer, aber wir trennen uns in Freundschaft? War es so weit daß es sonst umgekehrt gekommen wäre? War es so, daß Sie sich gesagt haben: Nein, Kinder, die machen hier etwas mit mir, was ich als Schauspieler, als Künstler nicht mehr machen will; ich überlege mir jetzt, was schreibe ich dem guten Koster, und laß es ihm morgen ins Atelier schicken? War es so?
FISCHER: Ich kann Ihnen sagen, daß ich in dem Augenblick, wo ich informiert wurde, ha! gemacht habe.
SPIEGEL: Aufgeatmet oder aufgeseufzt?
FISCHER: Aufgeatmet. Denn ich habe selbstverständlich, durch fast Jahrzehnte trainiert, ein Gefühl dafür, daß ich Menschen: auch wenn sie noch so reich sind, nicht in eine finanzielle Katastrophe stürzen darf. Sie können versichert sein, daß ich nicht - ich schätze das Geld nicht übertrieben ein - ein solcher Narr bin, daß ich eine Million Mark so hinhaue: ich habe also bis zum letzten Tage versucht, ein künstlerisches Agreement zu finden, und jeder der das nicht glaubt, ist ja ein Idiot Er braucht in dem ganzen Fall übrigens nur nach den nackten Tatsachen zu gehen. Er braucht sich nur, wie jeder Jurist es in einem undurchsichtigen Fall tun muß, nach der Wahrscheinlichkeit zu richten. Er braucht sich nur danach zu richten, daß er sich sagt: Ja, ich meine, Fischer mag ein schwieriger Künstler sein, aber er ist ja doch kein Tollhäusler, er setzt ja doch die Chance, als Gast eines großen Landes einen großen Film zu machen, Geld zu verdienen, nicht ohne weiteres aufs Spiel. Es handelt sich ja nicht nur um 500 000 Mark, sondern um eine Million.
SPIEGEL: Für zwei Filme.
FISCHER: Also eine Million zum Fenster hinausschmeißen, das kann man nicht mal mir zumuten. Sie können glauben, daß ich alles versucht habe, was menschenmöglich ist, mit Herrn Koster zu einem Agreement - nicht zu einem Agreement ...
SPIEGEL: Zu einer Verständigung.
FISCHER: ... zu einer Verständigung der Gefühle zu kommen.
SPIEGEL: Haben Sie sich nicht vorher mit dem Regisseur über die Konzeption unterhalten, wie es üblich ist?
FISCHER: Das fällt nun schon unter das Gentleman Agreement. Ich kann dazu nur sagen, daß nicht eine Probe stattgefunden hat.
SPIEGEL: Hollywood ist bekannt dafür, daß es probiert. Wir haben uns von Herrn Hardy Krüger erzählen lassen, wie er mit Otto Preminger für "Die Jungfrau auf dem Dach" zwei Wochen vor den Aufnahmen jede einzelne Szene durchprobiert hat, wie der Kameramann schon dabeigewesen ist, die Beleuchter, und wie dann der Film nach diesen Proben reibungslos abgeschossen worden ist.
FISCHER: Diese Proben haben jedenfalls nicht stattgefunden. Ich bin auch in Deutschland in den zwei Filmen, die ich inszeniert habe, nie von dem System abgegangen, vorher gründliche Proben zu machen. In Hollywood ist es nicht geschehen, weil Koster nicht dafür ist. Das spricht nicht gegen ihn; Koster hat vielleicht die Anschauung, daß es dann nicht spontan genug bleibe.
SPIEGEL: Wir wollen diesen wunderlichen Sachverhalt festhalten.
FISCHER: Das ist kein wunderlicher Sachverhalt, Sie können ihn ruhig festhalten. Da hat jeder Mensch seine eigene Auffassung. Einer sagt: Ich schieße ohne Proben, wie es Rossellini getan hat, daß er sagte: Ich sage jetzt zu Herrn Engel, bücken Sie sich, da ist ein Streichholz - und er photographiert dann.
SPIEGEL: Führen Sie es zum Teil auf die fehlenden Proben zurück, daß es zu dieser in der Kinogeschichte wirklich einmaligen Sache kam: Ein europäischer repräsentativer Schauspieler wird nach 16 Drehtagen, wenn man den amerikanischen Ausdruck gebrauchen darf, gefeuert? Das ist doch in Hollywood noch nicht dagewesen.
FISCHER: Glauben Sie mir, es ist ein Ausdruck gefallen, der nachher in Hollywood die Runde machte, wo ein sehr, sehr einflußreicher, und bedeutender Mann mir gesagt hat Man hat in der Kunst immer die Wahl zwischen zwei Dingen, entweder unter Schmerzen zu gebären oder Puppen zu kaufen
SPIEGEL Nun, diese Alternative ist vielleicht reichlich dramatisch formuliert, wenn man von Herrn Koster hört, worum es ging in dem Konflikt im Atelier Herr Koster hat in einem Interview gesagt: "Wenn nun ein Darsteller nicht lächeln will, wo das verlangt wird, und sich nicht verbeugen will, wo das zur Charakterisierung der Gesamtsituation gehört, dann ist seine Auffassung von der Rolle eben vollkommen unrichtig "
FISCHER: Ich fühle mich einfach, nicht berechtigt, gegen Herrn Koster etwas zu sagen, auch wenn Herr Koster Dutzende von Interviews über die Vorgänge gibt. Ich werde nichts sagen.
SPIEGEL: Herr Koster sagte "Es ist sicher, daß Fischer eine falsche Einstellung zu der Rolle des Godfrey gehabt hat."
FISCHER: Koster ist nicht Hollywood. Hollywood ist für mich Herr Wyler, Herr Huston, Herr Stevens, Herr Ford und ein paar jüngere Leute, wie Gottfried Reinhardt und wen Sie da nehmen wollen.
SPIEGEL: Sie haben also mit einem Mann drüben Ihren Start begonnen, den Sie nicht zu Hollywood zählen?
FISCHER: Ah ja, ich zähle ihn zu Hollywood.
SPIEGEL: Nicht zu Hollywoods Elite?
FISCHER: Ich zähle ihn nicht zu den Goethes und Schillers von Hollywood.
SPIEGEL: Der Kotzebue von Hollywood? Warum dann Ihr Aufwand um die Godfrey-Rolle?
FISCHER: Sie werden wahrscheinlich in ein paar Monaten den Film sehen. Sie werden sehen, daß es das einfachste gewesen wäre, die Rolle einfach, wie der Theater-Jargon heißt, runterzuspielen. Und das haben mir viele Leute vorgehalten: Hättest du doch die Rolle runtergespielt und hättest deine Million Mark eingesteckt. Sie werden sehen, daß diese Rolle unter keinen Umständen Schwierigkeiten in sich birgt.
SPIEGEL: Das ist es ja eben, es war keine Rolle, bei der nun zwei Konzeptionen so aufeinanderstoßen konnten, daß man sich sagen mußte: Bei aller Freundschaft und bei aller Verehrung und bei aller Wertschätzung des anderen Standpunktes, wir können das nicht zusammen machen. Warum konnte es um diese Rolle zu einem solchen Eklat kommen? Dürfen wir trotz des Gentleman Agreements, Herr Fischer, eine Frage stellen ...
FISCHER: Jede.
SPIEGEL: Wie äußerte sich der Konflikt im Atelier? Da werden Sie vielleicht ein kleines Beispiel nennen können, ohne gegen dieses Gentleman Agreement zu verstoßen.
FISCHER: Dazu bin ich nicht befugt.
SPIEGEL: Koster hat gesagt, die vielen Wiederholungen Ihrer Szenen seien den anderen Darstellern auf die Nerven gegangen.
FISCHER: Ich will Ihnen etwas sagen: Nehmen Sie die klaren Tatsachen. Es geht ein bekannter, mit Recht oder Unrecht bekannter Mann, ein Künstler, dem man viele Unarten nachsagt, hinüber nach Amerika, findet dort ein geändertes Buch, will sich den Leuten drüben gegenüber, nachdem es knapp vor Drehbeginn ist, als Gast benehmen, mutet sich ein bißchen zuviel zu, was ich also in dem Falle nicht negativ auslegen würde ...
SPIEGEL: Worin lag das Zuviel-Zumuten?
FISCHER: Einfach, in einer Familie, in die er nicht paßt, womit ich also jetzt das Drehbuch meine, sich zurechtzufinden und glücklich zu sein.
SPIEGEL: Gut, geht rüber, mutet sich zuviel zu ...
FISCHER: ... und sieht im Verlauf der Dinge ebenso wie seine Auftraggeber, daß hier zwei Pole aufeinanderprallen, die sich nicht binden können.
SPIEGEL: Zwischen dem positiven und dem negativen Pol keine Entspannung, um im Bilde zu bleiben.
FISCHER: So ist es. Er scheidet - und nun kommt der Punkt, über den ich nicht sprechen darf - nach soundsoviel Drehtagen aus.
SPIEGEL: Also keine Spannung; sondern Kurzschluß.
FISCHER: Er scheidet aus nicht aus Hamlet, inszeniert von William Wyler oder Huston, sondern aus einem Lustspiel ...
SPIEGEL: Um so erstaunlicher, könnte man sagen.
FISCHER: ... aus einem Lustspiel, von dem jeder Mensch ihm die Legitimation geben wird, und zwar auf der ganzen Welt, daß er es mit weniger innerer Gewissenhaftigkeit ohne weiteres hätte bewältigen können. Es gibt auf der ganzen Welt heute, glaube ich, keinen Experten, der das nicht zugibt. Er verzichtet damit auf eine Million Mark und fährt wieder nach Hause. Was ist das Resultat dieser Sache? Die amerikanische Presse reagiert außerordentlich fair. Die praktische Haltung von Hollywood war folgende: Ich saß, nachdem die Trennung durchgeführt war, in meinem Hotelzimmer. Zwei Stunden später waren die Vertreter des Herrn Kirk Douglas bei mir und boten mir eine Hauptrolle an Am nächsten Tag, um elf Uhr, hatte ich Einladungen zur Fox, zu Metro-Goldwyn -Mayer, zu Paramount und zu einer Reihe von kleineren, unabhängigen Produzenten, die sagten - und jetzt kommt das Beglückende -: "Wir haben hier gesehen 'Solange du da bist', Ludwig II., 'Hanussen', wir kennen ihre Filme. Hollywood ist durch die Schwierigen weltberühmt geworden." Hollywood ist berühmt geworden durch die komplizierteste Frau der Welt, Frau Greta Garbo, durch Herrn Spencer Tracy, durch John Barrymore, Pola Negri, Frank Sinatra und Herrn Marlon Brando, der mitten aus einem Film echappiert und nach New York fährt und sich versteckt. Die Reaktion von Hollywood war die, daß es Leute gab, die erkannt hatten und die sagten: Wir sind ja nicht durch unsere nice boys and girls berühmt geworden, sondern wir sind durch die Außergewöhnlichen berühmt geworden, und wir wissen genau, daß man die Außergewöhnlichkeit nicht mit Cash abkaufen kann, sondern daß das immer ein schwieriger Prozeß ist. Die Reaktion von Hollywood war, daß man sagte: Wir wollen mit Ihnen arbeiten, und das muß ich sagen, ist nun wirklich ein beglückender Satz gewesen, von Herrn Buddy Adler, der die Fox leitet und der mich engagiert hat, daß er sagte: "Ich weiß doch, daß Sie in zweitklassigen Sachen nichts taugen, ich weiß es ja; wenn ich das nicht wüßte, würde ich nicht auf diesen Platz gehören. Daher seien Sie versichert, daß ich - ich habe das ganze Studio dahinterhergehetzt - nach einer erstklassigen Sache unbedingt suchen werde und daß ich all denjenigen die mir sagen: 'Der komplizierte Herr Fischer, den hast du engagiert!', sagen werde: Ich bin als Producer verpflichtete mit den Komplizierten fertig zu werden.'"
SPIEGEL: Nachdem die Trennung von der Universal vollzogen war, kamen die anderen, Fox, Paramount, Metro-Goldwyn-Mayer, und sagten: "Herr Fischer, wir machen jetzt was mit Ihnen?"
FISCHER: Wir wollen.
SPIEGEL: Es kam ein Run auf O.W. Fischer?
FISCHER: Es kamen - und darüber freue ich mich auch sehr - auch aus Deutschland eine Reihe von Angeboten.
SPIEGEL: Ja halten wir das Faktum fest: Es kam ein Run auf O.W. Fischer. Kann es sein, daß durch den Eklat Fischer/Koster der Name so durchgesetzt war, daß nun die Schlagzeilen in Amerika: Der nice boy aus Germany geht wieder ...
FISCHER: War er so nice nach den Vorfällen?
SPIEGEL: Na schön, durch das Hollywood-Ereignis war mit einem Schlag dieser Name durchgesetzt - nicht durch die schöne Rolle in "My Man Godfrey" ...
FISCHER: ... sondern dadurch, daß er einen Tempel angezündet hatte. Im Altertum ist irgendein Mann dadurch berühmt geworden, habe ich mal gelesen.
SPIEGEL: ... dadurch ist alle Welt auf diesen Mann neugierig geworden, man sagt: Nun wollen wir ihn mal sehen, diesen Burschen, der mit Koster nicht zurechtgekommen ist, so daß es ohne weiteres für die Produzenten eine sichere Sache ist, wenn man sagt: Den zeigen wir ihnen jetzt.
FISCHER: Meine Herren, bei aller Wertschätzung . . .
SPIEGEL: Wessen?
FISCHER: ... das ist ein SPIEGEL-Schluß. Ich hoffe, ihn in absehbarer Zeit zu einem Kurzschluß machen zu können...
SPIEGEL. Durch einen Mißerfolg?
FISCHER: Auch das war eine SPIEGEL -Bemerkung. Nein, durch eine Mitteilung, welchen Stoff oder welche Stoffe ich bei der Fox machen werde. Ich hoffe, daß Ihnen die Titel und der Inhalt dieser Stoffe beweisen werden, daß es nicht ein Stoff ist: "Der mutige Otto setzt sich
durch" ...
SPIEGEL Nicht "Die spanische Fliege"?
FISCHER: ... oder "Krach im Saftladen", sondern daß es sich um einen dichterischen Stoff handelt.
SPIEGEL: "Judith und Holofernes" auf Breitwand?
FISCHER: Nein, ich werde mich kaum in einem langen Tanz der Schleier enthüllen.
SPIEGEL: Sie glauben nicht, daß es die Publicity ist, derentwegen man Sie zu einer neuen Rolle nach Amerika verpflichtet?
FISCHER: Wenn Sie heute in Deutschland den "Faust" spielen oder in der englisch sprechenden Welt den "Hamlet" spielen, dann wird kein Mensch auf den Gedanken kommen, daß man sagt: Ei, das riecht nach Publicity, den lassen wir jetzt den "Hamlet" spielen. Man würde sich sagen: Mein Gott, nehmen wir lieber "Der tolle Otto fällt ins Butterfaß". Ich meine, das würde ja auch zur Publicity genügen, damit kann man bekanntlich populärer werden als mit "Hamlet", und alles wäre in Butter.
SPIEGEL: Die Rolle, die Sie bekommen werden, wird es beweisen, daß Sie nicht wegen der Publicity geholt werden, sagen Sie. Aber über die Rolle sagen Sie nichts. Wir lassen unsere Phantasie walten und siedeln sie an zwischen "Die spanische Fliege" von Arnold und Bach und "Judith und Holofernes". Aber Sie sagten vorhin, ein Künstler geht nach Amerika, fängt an zu drehen und trennt sich. Nun ist aber, juristisch betrachtet, zunächst einmal die Trennung von der Universal ausgegangen und nicht von Ihnen.
FISCHER: Dazu muß man also - wir müssen es leider umschreiben, weil ich gebunden bin - den Prozeß eines Filmablaufs genau kennen. Man kann jedem Schauspieler, der nicht ausreicht, sagen: "Geh!" - aber dann war es das Risiko der Firma, und sie muß ihm eine halbe Million auf den Tisch legen und sagen: Wir haben uns geirrt. Das ist nicht passiert.
SPIEGEL: Sie bekamen Ihre Gage nicht und sollten sogar noch Schadenersatz leisten.
FISCHER: Wieso?
SPIEGEL: Sie sollten doch Schadenersatz leisten?
FISCHER: Ich kann Ihnen keine Antwort geben.
SPIEGEL: Es hieß: Herr Fischer soll Schadenersatz leisten. Das kann ja der Jurist nur sagen, wenn der andere durch ein schuldhaftes oder fahrlässiges Verhalten den Vertrag nicht erfüllt hat ...
FISCHER: Richtig.
SPIEGEL: ... und nun den durch sein schuldhaftes oder fahrlässiges Verhalten entstandenen Schaden gutmachen soll ...
FISCHER: Richtig.
SPIEGEL: Man
braucht keinen Schadenersatz zu leisten, wenn auf seiten beider Vertragspartner Irrtümer, Mißverständnisse vorliegen.
FISCHER: Und wenn die Klage zurückgezogen wird.
SPIEGEL: Also keine Antwort auf die Frage, warum Sie Schadenersatz leisten sollten?
FISCHER: Nein, wozu wollen wir darüber reden, warum Österreich 1866 den Krieg verloren hat? Es hat ihn verloren.
SPIEGEL: Es hat den falschen Verbündeten gehabt: Hannover.
FISCHER: Hannover. - Was sind also die Fakten? Es wurde ein Prozeß wegen Schadenersatz angestrengt...
SPIEGEL: Mit welcher Begründung?
FISCHER: ... und der Prozeß wurde zurückgezogen.
SPIEGEL: Haben Sie einen Schriftsatz der Gegenseite gelesen?
FISCHER: Das sage ich Ihnen nicht. Sie wissen doch, daß er wegen Schadenersatz eingereicht wurde.
SPIEGEL: Ja, da mußte doch nun eine Begründung gegeben werden.
FISCHER: Da kommt jetzt wieder das stumme Bild von Sais. Ich darf es Ihnen nicht sagen. Aber Sie wissen, daß die Universal den Prozeß zurückgezogen hat.
SPIEGEL: Man hat sich also verglichen?
FISCHER: Sie können sich das Settlement ausmalen.
SPIEGEL: Unsere Leser leider nicht. Aber lassen wir dahingestellt, wie es juristisch war. Tatsache ist, Sie waren ausgezogen nach Hollywood, um das Fürchten zu lernen. Sie haben aber darauf verzichtet, das Gespenst zu sehen.
FISCHER: Nicht um das Fürchten zu lernen, sondern um gute Filme zumachen...
SPIEGEL: Aber darauf verzichteten Sie.
FISCHER: Daß diese gute Leistung nicht zustande hätte kommen können, davon sind die Beteiligten überzeugt.
SPIEGEL: Alle Beteiligten! Nun müssen Sie ja für sich einen moralischen Schluß daraus ziehen.
FISCHER: Der moralische Schluß ist für mich - auch darüber gebe ich keine Auskunft, sondern auch darüber können Sie die Wahrscheinlichkeitsrechnung ziehen -, der moralische Schluß ist der, daß immerhin die ganze übrige Welt inklusive Hollywood direkt in der Weise reagiert, wie sie reagiert hat. Der moralische Schluß für mich ist der, daß man sich nicht überschätzen soll, daß man nicht sagen soll: Es wird mir schon gelingen, wenn man irgendwo berechtigte Zweifel hat, bei Beginn. Das ist für mich der moralische Schluß, und deswegen werde ich wahrscheinlich - aber wir sind alle nur Menschen, Hellseher sind wir nicht -, soweit es mit den fünf Sinnen zu tun hat, meinetwegen sogar mit dem sechsten Sinn, zu dem ein Künstler verpflichtet ist oder verpflichtet sein sollte, den er haben sollte...
SPIEGEL Vertraglich kann er nicht dazu verpflichtet werden.
FISCHER: Es gibt keinen Vertrag mit dem Glück und mit dem lieben Gott. Ich meine, soweit es also bei mir liegt, ist meine einzige Lehre daraus, mich nie zu überschätzen, das heißt, nur mit den Leuten zusammenzuarbeiten und mit den Leuten eine Zusammenarbeit anzustreben, mit denen ich eine gleiche Sprache spreche, was unabhängig von Deutsch und Englisch ist.
SPIEGEL: Worin lag die Überschätzung in Ihrem Falle? In der Vorstellung, den Hollywooder Apparat gewinnen zu können .
FISCHER: Pardon, es hat nichts - das müßte aus der Unterhaltung klargeworden sein - nichts mit Hollywooder Apparat zu tun, weil ich betone, daß es da gar keinen Apparat gibt, außer einem Photographierapparat. Aber es gibt Leute, die in diesem Zwitterberuf zwischen Industrie und Kunst wissen, daß sie sich selbst etwas antun, wenn sie die Kunst nicht zu kurz kommen lassen, daß sie nicht dem Künstler etwas antun, sondern sich selbst etwas antun. Mit diesen Leuten will ich in Zukunft zusammenarbeiten, das heißt also, daß ich immer wieder nur versuchen werde - denn diese Freiheit haben wir uns errungen -, auf das Geld zu verzichten. Ich habe sehr lange schon angestrebt, auf das Geld zu verzichten, und nur Dinge zu machen, die ich au fond vor meinem Gewissen rechtfertigen kann, und nicht mehr zu sagen: Ich werd' schon das hineingeheimnissen, was mir vorschwebt.
SPIEGEL: Darin lag also die Selbstüberschätzung in dem Falle dann, daß Sie gesagt haben, ich werde in die Rolle hineingeheimnissen, was mir vorschwebt.
FISCHER: In Deutschland ist nun folgendes passiert: Man hat immerhin von Herrn Fischer Jahre hindurch, und zwar merkwürdigerweise im Positiven wie im Negativen, sehr Respektables gesagt; man wußte, daß Herr Fischer einige Male in Publikums-Tests die Nummer 2, meistens aber die Nummer 1 war, was wir nicht überschätzen wollen. Man mußte also right oder wrong sagen: Das ist unser Mann.
SPIEGEL: Als Bekundung nationaler Solidarität?
FISCHER: Nein, sondern als Bekundung familiärer Solidarität, weil national in einen Geruch gekommen ist, der uns für einige Zeit versalzen ist.
SPIEGEL: Weil der Film kein nationales Phänomen ist.
FISCHER: Er kann es sein. Denken Sie daran, daß zum Beispiel der Begriff Amerika, der Begriff der schmalen Hüften und der breiten Schultern, des derangierten Benehmens und des modernen Menschen im 20., im amerikanischen Jahrhundert, und vieler, vieler Dinge durch Hollywood begründet war, denn sonst kannten die Leute ja die Amerikaner gar nicht. Unterschätzen Sie den Film nicht.
SPIEGEL: Sie meinen, Amerika würde die heiligsten Güter der Nation betroffen sehen, wenn Europa Herrn Brynners Glatze nicht sehen wollen würde?
FISCHER: Der Film ist das Erziehungsmittel, das Medium, wodurch die Völker sich heute kennenlernen. Man mußte also sagen: Das ist irgendwo unser Mann. Und was hat man getan? Man hat Schlagzeilen gebracht: Fischer gescheitert! Recht geschieht's dem Hund! Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß manche Zeitungen schon geschrieben haben: Wir müssen jetzt suchen, einen Ersatz für den O.W. Fischer auch in Deutschland zu finden, der Mann kann hier nicht mehr arbeiten.
SPIEGEL: Herr Fischer, wir haben Leute hier von der Filmindustrie gehört, die gesagt haben: Wir hoffen, daß dieser Vorfall bei Herrn Fischer einen Läuterungsprozeß einleiten wird.
FISCHER: Ich würde wünschen, daß die Leute - das ist auch eine alte Weisheit - erst einmal bei sich begannen. Ich würde wünschen, daß sie bessere Filme machen würden. Dann würde der betreffende Darsteller es nicht nötig haben, den Leuten zu sagen: Meine Herren, das ist ein Schund, das will ich nicht machen. Ich glaube, daß der Läuterungsprozeß bei der deutschen Filmbranche selbst einsetzen müßte. Denn die deutsche Filmbranche hat es in all diesen Nachkriegsjahren, die doch immerhin Stoff genug gegeben hätten, kaum erreicht, etwas Besonderes zu leisten, das Land der Dichter und der Denker, das immerhin von Herrn Goethe bis Herrn Bach Leute hervorgebracht hat, so daß daher eine gewisse bestimmte Verantwortung hätte da sein müssen und nicht "Der Bauer Michel verliert die Hose und fällt in den Bach." Die deutsche Filmbranche hat in all diesen Jahren herzlich wenig hervorgebracht - das geben Sie doch zu -, und von diesen Leuten, die all diese Sachen in die Welt gesetzt haben, wird nun einfach aus der schäbigsten Gesinnung heraus, die man sich überhaupt vorstellen kann, auf einen Menschen, von dem sie glauben, daß er am Boden liegt, Übles geworfen, werden Dreckkübel auf ihn geleert.
SPIEGEL: Nun können wir ja wegen des Gentleman Agreements nur zum Teil aufklären, was sich in Hollywood wirklich ereignet hat.
FISCHER: Sie werden den Film in der neuen Besetzung sehen, Sie werden sehen, daß der Film äußerlich keine Schwierigkeiten bietet, ein liebenswürdiger österreichischer Baron, jedenfalls eine Rolle, die leicht zu spielen gewesen wäre. Der Mann, der nach Hollywood gegangen ist, hat nach inneren Kontaktpunkten gesucht und dabei entweder keine Gegenliebe gefunden, oder der andere hat diese inneren Kontaktpunkte anderswo gesehen, das konzediere ich dem Koster sofort. Der Mann ist ausgeschieden, die Universal hat ihn auf Schadenersatz verklagt, acht Tage später zieht die Universal diese Klage zurück. Der Mann wird offenbar von der amerikanischen Presse höchst fair behandelt. Der Mann kommt mit einem Vertrag und mit Verhandlungen zu anderen amerikanischen, deutschen, italienischen, französischen und englischen Firmen zurück. Der finanziell Geschädigte ist er, die finanziell geschädigte andere Seite verzichtet auf Ansprüche.
SPIEGEL: Da hätte man also, meinen Sie, zunächst mal sagen und vermuten müssen Sie haben unseren Mann da drüben nicht richtig zu nehmen gewußt?:
FISCHER: Das ist eine Stellungnahme, zu der ich niemand zwingen kann. Die Pressefreiheit ist eine Sache, die ja, ich möchte sagen, in die moralische Region geht.
SPIEGEL: Nun kann man vielleicht den Zustand der Presse oder die Grenzen der Pressefreiheit an der Film-Publicity - und in diesen Rahmen gehört in weitestem Sinne Ihr Fall - nicht exemplifizieren?
FISCHER: Entschuldigen Sie, ich errege mich ein bißchen über das Faktum an sich.
SPIEGEL. Wenn Sie schon an einer Kunstindustrie teilnehmen, wenn Sie sich unter die Gesetze dieser Industrie stellen...
FISCHER: Ich stelle mich ja dagegen.
SPIEGEL: Wenn Sie nun sagen: In diesem Rahmen beanspruche ich für mich, Fischer, einen Freiheitsraum, der größer ist, als er gewöhnlich konzediert wird, und um mir diesen Freiheitsraum zu erhalten...
FISCHER: Wäre ich ein wirklicher Michael Kohlhaas - die Anlagen dazu habe ich ja -, dann würde ich jetzt bereits auf dem toten Punkt sitzen und sagen: Ich bin eben gekränkt. Aber es hat ja auch unter den Journalisten sehr prominente Beispiele gegeben, die sich gegen eine ganze Welt gestellt haben, wenn es sich um einen Dreyfus gehandelt hat - um Gottes willen, ich vergleiche mich mit keinem Zola -, aber das sind doch die Augenblicke, wo man eher "Hut ab" sagen muß, und nicht: Er ist halt nur ein Narr, er macht sich lächerlich, warum geht er denn in den Film?
SPIEGEL: Man hat es manchmal nicht in der Hand, ob man ein Winkelried oder ein Kohlhaas wird.
FISCHER: Das muß man riskieren, das muß man immer wieder riskieren.
SPIEGEL: Sie sind in einen klassischen Konflikt der Filmindustrie geraten? FISCHER: Zwischen Industrie und Kunst.
SPIEGEL: Zwischen Industrie und Kunst
- gut, bringen Sie es auf diese Formel.
FISCHER: Ich bin beglückt, daß das angeblich klassische Beispiel der Industrie, nämlich Hollywood, so darauf reagiert, und ich bin verzweifelt, daß das klassische Beispiel der Dichter und Denker so versagt hat. Zumindest, ich war es, bis ich aus Waschkörben voll Post die wirkliche Stimmung des deutschen Publikums, bis ich aus täglich neu einlaufenden Filmangeboten erfahren habe - nun, daß ich eben wieder zu Hause bin.
SPIEGEL: Herr Fischer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
OTTO WILHELM FISCHER geboren am 1. April 1915 in Klosterneuburg (Niederösterreich), ist neben Curd Jürgens der höchstbezahlte männliche Darsteller im deutschen Film.
SEINE ERFOLGE in Deutschland ließen in letzter Zeit nach, und er zog aus, in Hollywood neuen Ruhm zu ernten: "Ich wollte mir eine Legitimation für die Weiterarbeit in der Heimat holen, die man teilweise schon bekrittelt bat." Während der Dreharbeiten an seinem ersten Hollywood-Film wurde er von der Universal-International - Filmgesellschaft fristlos entlassen. Die vertraglich vereinbarte Gage von rund 500 000 Mark pro Film wurde nicht ausgezahlt. Seine Rolle übernahm der Schauspieler David Niven, der zweite Universal-Film, für den Fischer verpflichtet war, wird nicht gedreht.
HENRY KOSTER, dessen Anweisungen Fischer nicht ausführen wollte, äußerte zu Fischers Entlassung: "Ich habe mit großer Geduld versucht, Fischer mit dem Wesen seiner Rolle vertraut zu machen, aber ich begegnete Starrsinn; trotz meiner höflichen Einwendungen änderte Fischer sein Spiel nicht. Es war bei jeder Szene dasselbe - ich fragte: 'Herr Fischer, warum tun Sie denn nicht, was ich Ihnen sage?' Er erwiderte 'Ich versuche es.' Und ich mußte wahrheitsgemäß antworten: 'Sie versuchen es nicht.'
* Fischer hat nur zu Anfang des letzten Krieges eine kurze militärische Grundausbildung durchgemacht und war dann nicht mehr Soldat.
* Rotwelsch: Gesicht.
Fischer beim SPIEGEL-Gespräch in seiner Villa nahe München*
Furtwängler
Ein Lied ... drei ... vier
Vox populi
Was kost' er?
Bürger, schützt Eure Anlagen!
Alles in Butter
Regisseur Koster, June Allyson, Fischer während der Aufnahmen zu "My Man Godfrey"
* Links: SPIEGEL-Redakteur Johannes K. Engel.

DER SPIEGEL 13/1957
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