10.04.1957

HOFFMANN-RÜCKKEHRDer Dicke kommt wieder

In diesen Tagen soll eine politische Partei wieder in die Regierung eines deutschen Landes einziehen, von der jedermann glaubte, sie habe endgültig abgewirtschaftet: die "Christliche Volkspartei" (CVP) an der Saar. Ihr Ehrenvorsitzendcer ist Johannes Hoffmann. Er war es, der am 1. Mai 1946 an die Außenminister-Konferenz der Vereinten Nationen in Paris telegraphierte, die Saarbevölkerung wünsche die baldige wirtschaftliche Eingliederung des Saargebiets in Frankreich. Hoffmann wurde Regierungschef des autonomen Saargebiets als "Joho" wurde er zum Symbol für den separaten Saarstaat.
Als im Herbst 1955 die Volksabstimmung über das deutsch-französische Saarstatut vor der Tür stand, in der es um die Frage ging, ob die Saar weiter autonom bleiben sollte, operierte die Opposition mit dem Slogan: "Der Dicke muß weg." Das Pebliszit müsse zur Abrechnung mit Hoffmann werden. 67 Prozent der Saarbevölkerung stimmten denn auch gegen das Hoffmann-Regime, indem sie das Saarstatut ablehnten. Aber in der saarländischen Landtagswahl, zwei Monate nach der Volksabstimmung, gaben doch rund 130 000 Saarwähler der CVP ihre Stimme. Die Partei konnte dreizehn Abgeordnete in den Saarlandtag schicken und wurde - hinter der CDU mit vierzehn Sitzen - zweitstärkste Fraktion.
Diese 130 000 CVP-Wähler auf irgendeine Weise der CDU-Politik nutzbar zu machen, ist nun seit einiger Zeit das erklärte Ziel zweier Institutionen:
- der CDU-Bundesleitung in Bonn und
- des saarländischen Klerus.
Bei den Bundestagswahlen im September wird es zwischen CDU und SPD aller Voraussicht nach ein Kopf-an-Kopf-Rennen geben, und so ist seit langem alles Sinnen und Trachten der Bundes-CDU und des saarländischen Klerus darauf gerichtet, beide Parteien, Saar-CDU und CVP, gemeinsam vor den politischen Karren zu spannen, mit dem Konrad Adenauer zum dritten Mal in das Bonner Bundeskanzleramt transportiert werden soll. Dieses Bemühen wurde mit dem anspruchsvollen Satz umschrieben, es gelte, die "christliche Einheit an der Saar" herzustellen.
Diesen Anstrengungen hat nun bis vor kurzem ein großes Hindernis im Wege gelegen: der saarländische Ministerpräsident Dr. Hubert Ney, Vorsitzender des Landesverbandes Saar der CDU. Ney konnte es nicht übers Herz bringen, mit den alten Widersachern aus der Abstimmungs -Kampfzeit zu paktieren. Wie dieser Hubert Ney dann aus dem Spiel um die "christliche Einheit" und damit um die Rehabilitierung "Johos" und seiner Freunde hinausexpediert wurde, das ist selbst in der trickreichen deutschen Innenpolitik ohne rechte Parallele.
Hubert Ney hatte gemeint, die "christliche Einheit" lasse sich wohl nur so herstellen, daß Hoffmanns CVP sich auflöse und ihre Mitglieder einzeln in die CDU einträten. Aber dazu war die CVP nicht bereit.
Die Bonner CDU-Herren unterstützten nun nicht etwa ihren Saarbrücker Landesverbandsvorsitzenden Ney, sondern Johannes Hoffmann, der ein gleichberechtigtes Aufgehen der CVP und der Saar-CDU in der Bundes-CDU forderte.
Der CDU-Bundesvorstand akzeptierte sogar Johannes Hoffmanns Bedingung, "daß dabei nicht ein einziges CVP-Mitglied auch nur unter dem Verdacht stehen könnte, einer unehrenhaften Handlung in Vergangenheit oder Gegenwart bezichtigt zu werden." Das Geschäft zwischen der Bundesleitung der CDU und den "Saar-Separatisten" von gestern scheiterte aber immer wieder an Ney und seiner Saar-CDU.
Die nächste Pression auf Hubert Ney kam Ende November 1956. Die Leiter der saarländischen Dekanate konferierten in Wadern und führten bewegte Klage darüber, daß die Kluft politischer Spaltung quer durch die Pfarrgemeinden, durch die christlichen Vereine und Familien gehe. Der Senior des saarländischen Klerus, Monsignore Michael Held, 81, Dechant zu Siersburg, schrieb dem Hubert Ney einen offenen Brief, in dem er ihn beschuldigte, nur einen "Wolfsfrieden" mit der CVP anzustreben und in Wirklichkeit die Einigung zu verhindern.
Bischof Dr. Matthias Wehr von Trier erteilte dem greisen Dechanten für die herbe Form seines Schreibens eine milde Rüge. Aber Monsignore Held begehrte in alttestamentarischem Zorn auf: "Die Zeit ist gekommen, die Trompeten von Jericho zu blasen, damit ein für allemal die Mauer zwischen der CVP und der CDU zusammenfällt."
Doch der Vergleich mit den Ereignissen, von denen im sechsten Kapitel des biblischen Buches Josuä berichtet wird, blieb hinkend. Weder Kanzel- noch Kanzler -Abkündigungen, weder Feldgeschrei noch geistlicher Posaunenklang konnten die Saar-CDU und deren Chef Ney umwerfen. CDU-Landesparteivorstand und Landtagsfraktion beschlossen einstimmig, die christliche Einheit" könne nur kommen, wenn die CVP sich auflöse.
Das verkürzte Tonband
Dem äußeren Druck von Kanzler und Kanzel hatten Hubert Ney und seine Saar-CDU-Delegierten auf diese Weise widerstanden, aber inzwischen brach der Gedanke, daß die Saar-CDU mit der CVP zum höheren Ruhme Konrad Adenauers paktieren müsse, auch in die hinteren Reihen der Saar-CDU ein. Das Saar-CDU-Mitglied Alois Stollhof gründete mit dem CVP-Mitglied Karl Strieder eine "Arbeitsgemeinschaft für christliche Einheit", die eine Unterschriftensammlung für den Zusammenschluß von Saar-CDU und CVP veranstaltete.
Landesparteileitung und Landtagsfraktion der Saar-CDU beschlossen wiederum einstimmig, diese Sammlung zu boykottieren, unter anderem, weil "die Organisation der CVP nicht dazu beitragen kann, eine konstruktive christliche Politik an der Saar zu fördern". Die Delegierten stießen sich daran, "daß die Repräsentanten der Abtrennung der Saar von Deutschland noch heute Sitz und Stimme in den maßgeblichen Parteigremien der CVP haben".
Dessenungeachtet erfreute sich Stollhofs Arbeitsgemeinschaft hoher Gönner. Stollhof wurde von Bischof Dr. Matthias Wehr empfangen, und als Saar-CDU-Chef Hubert Ney am 5. Januar 1957 in Bonn war, um Konrad Adenauer zum Geburtstag zu gratulieren, da sagte Konrad Adenauer zu Ney: "Es sind noch mehr Leute von der Saar da." Und herein kam Alois Stollhof mit einer Delegation der "Arbeitsgemeinschaft für christliche Einheit".
"Der Gruß dieser Arbeitsgemeinschaft", so sprach der Kanzler auf ein Tonband für den Saar-Rundfunk, "ist mir eine besondere Freude, und ich hoffe, daß Sie zum Besten unseres Landes mit Ihrer Arbeit vollen Erfolg haben werden." Dieses Kanzler-Wort hat die saarländischen Rundfunkhörer freilich nie erreicht. Der Passus wurde getilgt, ehe die Kanzler-Rede über den Saar-Sender ausgestrahlt wurde.
Weder die Aufrufe der katholischen Kleriker, noch die Stollhofsche Arbeitsgemeinschaft konnten Hubert Ney und seine Delegierten veranlassen, ihrem alten Widersacher Hoffmann und seiner CVP die Hand zu reichen. Aber die christlichen Wahlstrategen hatten noch einen anderen Dreh vorbereitet, um Hubert Ney weichzumachen:
Schon im Frühherbst 1956 war der ehemalige saarländische CVP - Wirtschaftsminister Ruland nach München gereist, um mit dem CSU-Landesvorsitzenden Dr. Hanns Seidel Kontakte aufzunehmen. Ruland erklärte, die CVP könne die Hürden, die sie von der einheimischen CDU trennen, nicht überspringen, und wolle deshalb gern mit der bayrischen CSU in den Bundestagswahlkampf gehen. Die CSU verständigte die Bonner CDU einschließlich Konrad Adenauers über dieses Gespräch und erhielt eilfertig und beflissen die Antwort, gegen einen solchen Plan bestünden keinerlei Bedenken.
Es folgte zunächst ein spärlicher Briefwechsel zwischen Saarbrücken und München. Schwung bekam die Angelegenheit erst, als Dr. Alois Hundhammer von Freunden aus dem Bistum Trier angegangen wurde. Hundhammer befürwortete ein Wahlabkommen zwischen CSU und CVP aufs wärmste. Es war diesen Plänen nur förderlich, daß der Kardinal Dr. Joseph Wendel in München einst Bischof von Speyer war, denn ein Teil des Saarlandes gehört zur Diözese Speyer.
Der Gedanke eines Bündnisses zwischen der bayrischen CSU und der CVP hatte etwas Geniales: Die CVP und die Saar-CDU konnten im Saarland ruhig weiter feindliche Brüder sein. Die Stimmen der christlichen Saarwähler sollten weiter von zwei einander feindlichen Parteien aufgefangen werden. Die Abgeordneten jedoch, die von den Wählern beider Parteien nach Bonn geschickt werden, würden später im Bundestag in trauter Eintracht in ein und derselben Fraktion sitzen: bei der CDU/CSU.
Münchner Gespräche
So reiste denn am 19. Februar 1957 Johannes Hoffmann mit seinem einstigen Wirtschaftsminister Franz Ruland nach München, wo Ruland sich mit CSU-Chef Hanns Seidel zusammensetzte. Zu Hause an der Saar machte der ehemalige saarländische CVP-Justizminister Erwin Müller den CVP-Anhängern unterdes klar, wie das Geschäft mit der CSU aussehen sollte:
Die CVP werde eine Landesgruppe der CSU, sie werde die Saar-CDU unter Hubert Ney schon bei den Bundestagswahlen überrunden und später als einzige christliche Partei an der Saar fungieren. Auch die Rehabilitierung Hoffmanns werde dann gelingen, sobald Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß als maßgeblicher Vertreter der CSU erst einmal Parteifreund von "Joho" sei und in solcher Eigenschaft an die Saar komme.
Die Saar-CDU unter Hubert Ney war den vielfältigen Pressionen ihrer Bundesparteileitung nun nicht mehr gewachsen. Das kunstvolle Spiel zwischen Bonn, Trier und München hatte zum Erfolg geführt: Hubert Ney gab den dringenden Empfehlungen seines Bundesvorstandes nach und bot der CVP an, in die Saarregierung einzutreten.
Zwei Saarminister traten zurück, und wenig später - am 25. März - mußte auch das Restkabinett mit Ministerpräsident Hubert Ney an der Spitze gehen. Der "Rheinische Merkur" jubelte: "Neys Rücktritt macht die Bahn zur christlichen Einheit frei. CDU und CVP müssen den Kern der künftigen Saarregierung bilden ...
"Die Arbeitsgemeinschaft für christliche Einheit hat bereits in der vergangenen Woche darauf hingewiesen, daß sich mit der Regierungsneubildung eine einmalige Gelegenheit für die christliche Einigung ergibt und daß diese Gelegenheit nicht versäumt werden darf."
So stehen die Chancen gut, daß in den dritten deutschen Bundestag dank der Mithilfe der CDU Abgeordnete einziehen, die in der Nachkriegszeit den saarländischen Separatismus repräsentiert haben.
Trierer Bischof Wehr
Mit Hilfe des Klerus ...
Saarbrücker Kontaktpfleger Stollhof
... zur christlichen Einheit

DER SPIEGEL 15/1957
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