10.04.1957

USA / GEWERKSCHAFTENDer Untergang der Robusten

Die gläsernen Augen der Fernsehkameras im Caucus-Saal des Washingtoner Kongreßgebäudes schwenkten von dem hageren Gesicht des Vorsitzenden, Senator McClellan, in die Saalmitte und nahmen die feiste Physiognomie des Präsidenten der amerikanischen Fahrer-Gewerkschaft, Dave Beck, aufs Visier. Ob er - Beck - zugebe, 320 000 Dollar (etwa 1,3 Millionen Mark) aus der Kasse seiner Gewerkschaft genommen zu haben, hatte McClellan gefragt.
Während die Kameras ihn beäugten, zuckte in dem teigigen Gesicht des kahlköpfigen Gewerkschaftschefs keine der brandroten Wimpern. Mit schriller Stimme wiederholte Beck, was die untersuchenden Senatoren, die Reporter und Zuschauer an diesem Tage wohl schon 20mal aus seinem Munde gehört hatten: "Ich folge dem Rat meines Chefanwalts, des früheren Senators Duff ..."
Der Rest ging in Gelächter unter. Es dauerte Minuten, bis aus dem Getöse die Stimme eines Senators laut wurde: "Nun hören Sie doch endlich mit ihrem Ex-Senator Duff auf. Daß Sie einen Ex-Senator zum Anwalt haben, imponiert uns nicht im geringsten."
Doch die Heiterkeit der Senatoren und Zuschauer galt keineswegs nur der Tatsache, daß Dave Beck immer wieder seinen Chefanwalt, "den früheren Senator Duff", ins Spiel brachte (wohl, um auf die untersuchenden Senatoren Eindruck zu machen), sie bezog sich vielmehr vor allem auf die Tatsache, daß Beck fast alle an ihn gerichteten Fragen mit dem gleichen stereotypen und von seinen Anwälten vorformulierten Satz beantwortete.
Zwei Tage lang prasselten die Fragen der Senatoren des "Sonderkomitees für unlautere Tätigkeit auf dem Gebiet des Arbeits- und Betriebswesens" auf das blankpolierte Haupt des Chefs der (mit 1,4 Millionen Mitgliedern) größten, reichsten und mächtigsten Gewerkschaft der Vereinigten Staaten:
- Ob es richtig sei, daß er sich von seiner Gewerkschaft eine Villa im Werte von einer halben Million Mark habe bauen lassen?
- Ob es zutreffe, daß er dieses von der Lastwagenfahrer-Gewerkschaft gebaute Haus eben dieser Gewerkschaft für eine halbe Million Mark wieder verkauft habe und sich gleichwohl das Recht vorbehalten habe, dieses Haus bis an sein Lebensende zu bewohnen?
- Ob er sich erinnern könne, seinem Sohn aus Gewerkschaftsmitteln zwei Sportboote gekauft zu haben?
- Was es mit den 9,50 Dollar auf sich habe, die - nach den Kassenbüchern der Fuhrleute-Gewerkschaft - auf seine (Becks) Anweisung zum Erwerb von Windeln ausgegeben worden seien?
- Wie es komme, daß eine Tankstelle, deren Mitbesitzer er - Beck - sei, so hervorragende Geschäfte mit der Fuhrleute-Gewerkschaft gemacht habe?
Auf alle diese und zahllose andere Fagen gab Gewerkschaftsboss Dave Beck - ungerührt ob des immer böser klingenden Gelächters der Zuhörer und der ätzenden Ironie der Senatoren - seine Standard-Antwort: "Ich folge dem Rat meines Chefanwalts, des früheren Senators Duff, und verweigere unter Bezugnahme auf den Fünften Zusatz der amerikanischen Verfassung die Aussage."
Untersuchungsverfahren vor Kommissionen des amerikanischen Senats sind keine Strafprozesse. Die Senatsuntersuchungen haben zum Ziel, ein öffentliches Übel festzustellen und zu ermitteln, ob die bestehenden Gesetze einer Ergänzung bedürfen. Vor den Senatoren gibt es keine Angeklagten. Alle verhörten Personen werden als Zeugen vernommen. Wenn jedoch ein Zeuge nach Tatbeständen gefragt wird, die ihn nach bestehendem Recht belasten könnten, kann er unter ausdrücklicher Berufung auf den Fünften Zusatz zur amerikanischen Verfassung die Aussage verweigern.
Das tat Dave Beck im Caucus-Saal des Washingtoner Kongreßgebäudes freilich in so ausgiebigem Maße, daß das von ihm in lebenslanger Arbeit aufgebaute Gewerkschaftsimperium der Fuhrleute in einem Meer von Lächerlichkeit zu versinken droht. Der penetrant nach Bonze aussehende Beck machte auf dem Fernsehschirm eine alberne Figur. Schlimmer als die Anrüchigkeit seiner Geschäfte wirkte sein täppisches Benehmen. Er pochte polternd auf das Recht des "freien Amerikaners", die Aussage zu verweigern, und machte dabei den Eindruck eines Schulbuben, den man beim Äpfelstehlen erwischt hat.
Er gebärdete sich hemdsärmelig, wie einst die Pioniere des Wilden Westens, aber die Linsen der Fernsehkamera entlarvten sein volkstümlich-robustes Gehabe als hohl, als verlogen und gespielt. Seine Show uramerikanischen Mannestums kam nicht an. Sie wirkte überständig wie der Auftritt eines Sauriers zwischen den Wolkenkratzern von New York.
Geschäfte mit "Manpower"
In der Tat: Mit Dave Beck droht mehr unterzugehen als ein korrupter Gewerkschaftsboss. Eine in New York erschienene Geschichte der amerikanischen Gewerkschaften* bezeichnet ihn als typischen Exponenten einer speziell amerikanischen Abart der Gewerkschaftspraxis, der sogenannten "harten Gewerkschaftspolitik".
Die Vertreter dieser Schule sind Anhänger der freien Wirtschaft, respektieren sogar ausbeuterische Unternehmer als Gegner im Handgemenge der Wirtschaft und sehen ihre Aufgabe ausschließlich darin, für weniger Arbeit mehr Geld herauszuschlagen.
Politik ist ihnen widerwärtig, Moral ein Greuel und Sozialtheoretik ein Buch mit sieben Siegeln. Sich selbst betrachten sie als Unternehmer, die "Manpower" - menschliche Arbeitskraft - zu möglichst hohem Preis zu verkaufen haben. Daß dabei auch für sie etwas abfällt, gehört zum Geschäft.
Als Beck gefragt wurde, was nach seiner Meinung seine Lastwagen-Fahrer davon halten sollen, daß er mit ihrem Geld private Geschäfte gemacht habe, antwortete er: "Was wollen Sie? Ich habe die Arbeitskraft der Jungs immer gut verkauft. Die müssen mit mir zufrieden sein."
Daß bei solcher Einstellung aus dem Gewerkschaftsgeschäft oft genug eine Art Sklavenhandel wurde, lehrt die Geschichte der amerikanischen Gewerkschaften. Arbeiter, die dabei nicht mitmachen wollten, wurden von hauptamtlichen Schlägerkolonnen niedergeknüppelt, und wo zwei Gewerkschaften sich um Manpower" stritten, gab es blutige Kämpfe. Beck ist in diesem Milieu groß, mächtig und korrupt geworden.
Die Praxis der "harten Gewerkschaftspolitik" hat über fünf Jahrzehnte lang das amerikanische Sozialleben beherrscht. Sie gehörte zum Freihandelstum und zum freien Unternehmertum wie der Hammer zum Amboß. Die Raubritter des Kapitals stießen auf die Guerillaführer der Arbeit, und langsam entwickelte sich zwischen beiden sogar eine Kameraderie der Frontschweine des Sozialkampfes.
In der Handelskammer von Seattle, von wo aus Beck sein persönliches Laster-Imperium aufgebaut hatte, das den ganzen Westen umfaßt, widmete man dem erbärmlichen Niedergang Becks im Caucus-Saal von Washington wehmütige Kommentare.
Freilich hat die "harte Gewerkschaftspolitik" niemals allein die Bühne amerikanischer Sozialpolitik beherrscht. Vielmehr war die erste große amerikanische Gewerkschaftsbewegung durchaus moralisch gestimmt und verfolgte politische Ziele. Diese Tradition ist auch nie völlig verdrängt worden.
Im Jahre 1869 gründete ein Schneider aus Philadelphia namens Uriah S. Stephens den "Edlen Orden der Ritter der Arbeit". Unter seinem Großmeister Powderly reifte dieser Orden zu einer mächtigen Organisation heran. Er kämpfte für die Menschenwürde der Arbeiter und trat für Rassengleichheit ein. Durch einen Deutschen namens Johann Most geriet der Orden gar in anarchistisches Fahrwasser. Es kam zu blutigen Attentaten und zu Prozessen, so daß die Einigung der Arbeiterklasse schließlich unter dem Eindruck der allgemeinen öffentlichen Mißbilligung verkümmerte.
Entscheidend für den Untergang Powderlys aber waren die wirtschaftlichen Verhältnisse: Der Orden der Ritter der Arbeit sollte eine Zusammenfassung aller Arbeiter der Nation sein. Dieses Instrument aber war viel zu schwerfällig, um in den zahllosen und zudem sprunghaft wachsenden Industrien des Riesenkontinents Arbeiter-Forderungen durchzusetzen.
Die Interessen der Arbeiter im Kohle - und Stahl-Revier von Pittsburgh ließen sich nicht mit denen der Schneider in Los Angeles auf einen Nenner bringen. Das ganze Land glich vor der Jahrhundertwende einem Mosaik von isolierten sozialen Kampffeldern, in denen jeweils nur wenige Unternehmer und Arbeiterhaufen einander als Gegner gegenüberlagen. Powderlys Orden erwies sich dabei als völlig nutzlos, weil er seine über die ganze Union verbreitete Organisation nicht jedes lokalen Lohnkonflikts wegen in den Streik schicken konnte.
An die Stelle der Ritter der Arbeit trat Ende vorigen Jahrhunderts die "American Federation of Labor" (AFL), der amerikanische Bund der Arbeit. Zum Chef der AFL schwang sich bald ein junger Mann namens Samuel Gompers auf, der aus England gekommen war. Gompers machte die Gewerkschaften einzelner Fabriken zum Grundstock seiner Organisation. Er war erklärter Opportunist, verbannte die Politik aus den Gewerkschaften und lehnte den Marxismus wie jede andere Form von Sozialismus ab. Sein Instrument war der auf eine bestimmte Fabrik oder auf einen bestimmten Industriezweig in einer begrenzten Region gezielte Streik mit eindeutig auf die Lohnfrage begrenzten Zielen.
Als Gompers Anfang der zwanziger Jahre starb, hatte sich jedoch erwiesen, daß auch seine Methode auf die Dauer nicht ausreichen würde, die Interessen der Arbeiter zu fördern. Die Unternehmer lernten sehr bald, dem auf eine einzelne Fabrik oder auf eine einzelne Region gezielten Streik auszuweichen, indem sie die Aufträge des bestreikten Betriebes verlagerten. Die wachsende Kapitalverflechtung, die Kartellisierung und Monopolisierung der Wirtschaft kamen dabei den Unternehmern zur Hilfe.
Überdies richtete sich das Interesse der Arbeiterschaft nach und nach auf Ziele, die nur durch staatliche Gesetzgebung zu erreichen waren, wie zum Beispiel Acht-Stunden-Tag, Sechs-Tage-Arbeitswoche, staatliche Sozialaufsicht, Rentengesetzgebung und so weiter. Nur widerwillig folgte Gompers diesem Trend. Erst nach dem ersten Weltkrieg machte er zum Beispiel den Acht-Stunden-Tag zur offiziellen Forderung der AFL.
Gleichwohl dauerte es noch über ein Jahrzehnt, bis sich die amerikanische Gewerkschaftsbewegung langsam von dem durch Gompers entwickelten Typ der "business union", die dem Unternehmer nach handelsüblichen Methoden "Manpower" verkaufte, zu lösen begann, um sich langsam und vorsichtig tastend wieder (wie einst die Edlen Ritter der Arbeit) auf das Experimentieren mit Politik einzulassen.
Der erste Anstoß dazu kam, als der Börsenkrach von 1929 einige Millionen Fließbandarbeiter auf die Straße warf und mit dem Schicksal der Arbeitslosigkeit und der sozialen Unsicherheit konfrontierte. Schreckhaft war damals den Massen der ungelernten Arbeiter klargeworden, daß sie ohne Organisation schutzlos den Zufällen im Ablauf des für sie, längst undurchschaubaren Wirtschaftsmechanismus preisgegeben waren.
Gompers hatte wenig Wert auf die Organisierung ungelernter Arbeiter gelegt. Seine AFL hatte sich darauf konzentriert, Facharbeiter zu organisieren und Schlüsselpositionen des Wirtschaftslebens zu besetzen, wie etwa die Häfen, von wo aus die Gewerkschaft den ganzen aus- und eingehenden Verkehr lahmlegen kann, oder den Lastwagenverkehr zu Lande.
Die ersten Versuche, die Massen der ungelernten Arbeiter zu organisieren, gingen von den Fließbandindustrien aus, von der Arbeiterschaft der Autoindustrie und der Kohlengruben. John Lewis, Chef der Gewerkschaft der Bergarbeiter, gründete 1935 das Committee for Industrial Organisation (CIO), das Komitee für industrielle Organisation. Ihm schlossen sich sofort die Automobilarbeiter an, deren Führer heute der aus deutscher Familie stammende Walther P. Reuther (sprich: Ruser) ist. Er ist auch der bedeutendste Repräsentant der Politisierung und Moralisierung der amerikanischen Gewerkschaftsbewegung.
Vor allem dank Reuthers Initiative schlossen sich im Dezember 1955 die beiden großen amerikanischen Gewerkschaftsverbände zu einem Dachverband "AFL-CIO" zusammen - offenkundig mit dem Ziel, die Arbeiterschaft für politische Zwecke zu organisieren. Diesem Zwillingsverband gehören heute 15 Millionen Arbeiter an etwa ein Viertel aller amerikanischen Lohn- und Gehaltsempfänger.
Reuther hat mittlerweile beträchtlichen Einfluß auf die Politik gewonnen, vor allem auf die Demokratische Partei. Er versucht, die Demokraten zu einer linken, sozialreformerischen Partei zu machen. Wenn es nach ihm ginge, müßten sich die Demokraten sofort von ihren Parteigenossen in den Südstaaten trennen. Die Südstaaten-Demokraten sind konservativ und treten für die Rassentrennung ein. Man sagt Reuther den Ehrgeiz nach, an der Spitze einer nach seinen Wünschen umgemodelten Demokratischen Partei Präsident zu werden.
Als Mitte März im Verlauf der Senatsuntersuchungen gegen Beck publik wurde, daß der Laster-Chef von seiner Gewerkschaft ein Jahresgehalt von - umgerechnet - über 200 000 Mark bezieht, rief Reuther im Detroiter "Haus der Automobilarbeiter" eine Pressekonferenz zusammen und erklärte, daß er - Reuther - von seinen Arbeitern nur ein Jahresgehalt von rund 70 000 Mark erhalte und daß er sich überdies geweigert habe, dieses Gehalt heraufsetzen zu lassen.
Außerdem habe er in den letzten Jahren 50 000 Mark für gemeinnützige Zwecke gestiftet. "Meine Stellung bei den Gewerkschaften hat mich nicht reich gemacht, und ich erwarte das auch nicht", fügte er hinzu.
Diese Bemerkungen haben dem Reuther freilich in der amerikanischen Presse keineswegs besonderes Lob eingetragen, und das zeigt, daß die amerikanische Öffentlichkeit sich nur unter Schmerzen von einer so ausladenden, und farbigen Figur trennt, wie sie Beck - trotz oder gerade wegen seiner Fehler - ist.
Anders als der hochmoralische und der Intellektualität verdächtige Streber-Bürokrat Reuther verkörpert Beck eine zwar überholte, aber doch immer noch sentimental gehätschelte Tradition des amerikanischen Lebens: das robuste Pioniertum des Wilden Westens.
Reuther repräsentiert die Gegenwart Amerikas, den Wohlfahrtsstaat mit Arbeitslosen- und Pensionsversicherungen, aber auch mit der unpersönlichen Kälte des bürokratischen Funktionierens. Beck repräsentiert die Vergangenheit, ihr Freibeutertum, ihre geballte Energie, ihr barockes Menschentum, aber auch ihre Gefahren: die Ausbeutung der Schwachen, den Terror der Rücksichtslosen, den schnellen Griff zum Colt.
Hier liegt auch der Grund für das geradezu leidenschaftliche Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit an der Beck -Affäre. In den Büros von New York und den Kantinen von Pittsburgh, Detroit und Chicago drängten sich Ende März während der Arbeitspausen Angestellte und Arbeiter vor den Fernsehempfängern. Seit den Tagen des Jahres 1951, als Senator Kefauver korrupte Polizisten, Staatsanwälte, Bürgermeister und Verbrecherkönige wie den Organisator verbotener Spiele, Frank Costello, öffentlich verhörte, hatten politische Fernsehsendungen nie wieder eine solche Attraktion ausgeübt. Kefauver avancierte damals zum Kandidaten der Demokratischen Partei für die Vizepräsidentschaft. Ähnliche Chancen dürfte nunmehr Mc-Clellan oder auch seinem Chefassisten Kennedy offenstehen. Sie verdanken diese Chance in erster Linie der farbigen Figur Becks.
Die Geschichte von Becks Aufstieg wie er groß würde, wie er der Sohn eines Teppichreinigers, sich nach oben boxte und sich mit dem Knüppel in der Faust sein Laster-Imperium erkämpfte -, das ist eine Story aus den heroischen Zeiten Amerikas, die noch heilte das Herz jedes Amerikaners höher schlagen läßt, und zwar um so mehr, je größer die Unlust des amerikanischen Mister Jedermann an seinem von Staats wegen reglementierten Dasein wird. Wie jede echte amerikanische Selfmade-man-Story begann Dave Becks Leben mit häuslichem Elend, einem unfähigen Vater und einer arbeitsamen und frommen Mutter. Als Dave vier Jahre alt war - das war 1898 -, kam die Familie nach Seattle an der Pazifikküste der Vereinigten Staaten. Die Mutter arbeitete als Wäscherin, der Vater als Teppichreiniger.
Daß Dave nach drei Jahren von der höheren Schule lief, gereicht ihm noch heute in den Augen der amerikanischen Nation, die sich trotz ihres Respekts vor Schule und Wissenschaft eine Schwäche für das wildgewachsene Naturtalent bewahrt hat, zur Ehre. Dave wurde Fahrer bei einer Wäscherei.
Nach dem ersten Weltkrieg, den Beck als Bordschütze eines amerikanischen Kriegsflugzeuges über der Nordsee mitmachte, wählten ihn seine Arbeitskameraden von Seattle zum "business agent" ihrer Gewerkschaft. Das bedeutete, daß er in ihrem Namen mit den Wäscherölbesitzern von Seattle über Löhne zu verhandeln hatte. Beck hatte damit den Fuß auf die erste Sprosse der Hierarchie der "Teamster"-Gewerkschaft gesetzt. (Teamster nennt man in Amerika die Fuhrleute.)
Doch erst 1926 wurde Beck hauptamtlicher Funktionär der "Internationalen Bruderschaft der Fuhrleute, Chauffeure, Lagerarbeiter und Helfer von Amerika", die man kurz die Teamster-Bruderschaft nennt*. Das Gewerkschaftsgeschäft war in den zwanziger Jahren rauhe Arbeit. Die Unternehmer - insbesondere die Besitzer von Speichern und Lagerhäusern - weigerten sich, mit den Gewerkschaften über Löhne zu verhandeln. Bei Streiks setzten sie unter dem Schutz der Polizei und geheuerter Prätorianerkolonnen Streikbrecherbrigaden ein. Beck organisierte seinerseits gut bezahlte Schläger-Trupps, die mit Knüppeln, Schlagringen und zuweilen auch mit Pistolen gegen die Hüter der Unternehmer-Ordnung vorgingen.
Aber nicht nur Wäschereibesitzer und Speicherfirmen waren Becks Gegner. Ende der zwanziger Jahre versuchte der Chef der Hafenarbeitergewerkschaft an der Pazifikküste - Harry Bridges mit Namen -, die Lagerarbeiter in seiner Gewerkschaft zu organisieren. Die Männer des Bridges prügelten die Teamster-Genossen aus den Speichern. Beck setzte daraufhin seine Schlägerkolonnen ein. Nach blutigen Kämpfen, die sich über Jahre hinzogen, blieb er Sieger.
Langsam wurde Teamster-Chef Beck in Seattle zu einem respektablen Machtfaktor. Dabei spielte auch eine Rolle, daß Beck mit seinen Fahrern eine Schlüsselstellung im Wirtschaftsleben einnahm. Er konnte einen Betrieb lahmlegen, indem er dessen An- und Abtransportwege bestreikte. Die Unternehmer und sogar die Gewerkschaftschefs solcher Betriebe waren auf ihn angewiesen.
Beck nutzte seine Macht jedoch streng nach den Prinzipien des AFL-Chefs Samuel Gompers. Niemals ging es bei seinen Manövern um ideologische oder politische Ziele. Er hielt sich an die Regeln der freien Marktwirtschaft. Er verkaufte "Manpower" zu guten Preisen, und die Teamster standen sich dabei gut.
Ihre Löhne waren die besten Facharbeiterlöhne an der Pazifikküste, und ihre Gewerkschaft dehnte sich unter Becks Führung über elf Staaten des amerikanischen Westens aus. In der Teamster -Bruderschaft beherrschte Beck ein Sonderimperium, in dem der Teamster-Chef der Vereinigten Staaten, Dan Tobin, nur wenig zu sagen hatte. Organisatorisch faßte Beck sein persönliches Teamster-Reich zu einer Sondergruppe der allamerikanischen Bruderschaft der Fahrer zusammen. Das war die sogenannte "Western Conference".
Beck setzte seine Teamster-Kohorten auch für andere Gewerkschaften ein. Als die Setzer der vom Hearst-Konzern in Seattle herausgegebenen Zeitung "Post Intelligencer" streikten, übernahm Beck es, das Verlagsgebäude zu zernieren und Streikbrecher zusammenzuschlagen.
Manchmal waren seine Methoden noch hartfäustiger. Einmal konnte die Polizei sogar nachweisen, daß einer von Becks Teamster-Funktionären drei Männer angestiftet hatte, eine Kartonfabrik in Brand zu stecken.
Je mehr sich jedoch Becks Stellung als Teamster-Chef des amerikanischen Westens konsolidierte, desto mehr wandelte sich die Einstellung der Unternehmer zu ihm. Die Industrie-Kapitäne begannen festzustellen, daß man mit Beck gut verhandeln konnte, und bald warfen ihm seine Gegner unter den Gewerkschaftlern geheime Arrangements mit der Industrie und dem Handel vor, bei denen er mehr auf seinen persönlichen als auf den Vorteil der Gewerkschaftsmitglieder bedacht gewesen sei.
Tatsache ist, daß Beck zehn Jahre lang in seinem Gebiet jeden Streik verhinderte und daß vom Ende der dreißiger Jahre an sein Vermögen rapide zu wachsen begann. Im Jahre 1944 hatten die Taxifahrer von Seattle ohne Becks Genehmigung einen Streik veranstaltet. Jahrelang mußten sie daraufhin auf jede Lohnerhöhung verzichten. Ihre Funktionäre wurden von Beck eingesetzt. Gewerkschaftsversammlungen hatte er verboten.
Sein alter Gegner Harry Bridges nannte ihn damals einen Streikbrecher, er den Bridges dafür einen Kommunisten.
In dem Streit zwischen den beiden Gewerkschaftsführern des amerikanischen Westens rumorte der alte Gegensatz der beiden amerikanischen Gewerkschaftspraktiken: Beck, dessen Teamster-Bruderschaft zur strikt unpolitischen AFL gehört, war Anhänger der kapitalistischen Ordnung. Bridges, der wie Walter Reuther zum politisierenden CIO gehört, vertrat sozialistische Ideen.
Dabei begann bereits vor dem zweiten Weltkrieg der Gegensatz zwischen der AFL und dem CIO an Schärfe und Bedeutung zu verlieren. Selbst im Hauptquartier der AFL lernte man damals einsehen, daß die Methoden des Samuel Gompers überaltert waren und daß die "Geschäftsgewerkschaft" nicht das Instrument ist, mit dem man die Ziele der Arbeiterschaft durchsetzen kann. Die vom CIO und vor allem von Walther Reuther gepredigte Einflußnahme auf das Parlament und dessen Gesetzgebung erwies sich als unausweichlich. Die Fusion der beiden großen Gewerkschaftsverbände wurde damit zwingend.
Doch die Verhandlungen über diese Fusion zogen sich über Jahre hin. Dave Beck war einer der AFL-Führer, die sich am längsten sperrten. Er scheute die Ehe mit den "Kommunisten", wie er die CIO-Leute kurzerhand zu nennen pflegte. 1952 war Beck Chef der gesamt-amerikanischen Teamster-Bruderschaft geworden. Erst 1955 gab er schließlich sein Ja zur Fusion.
Wahrscheinlich war es sein Ehrgeiz, der ihn wider seine Witterung dazu verführte, sich mit Leuten wie Reuther und dem jetzigen Chef der "AFL-CIO", George Meany, einzulassen. Er baute in der Washingtoner Louisiana-Avenue für fünf Millionen Dollar ein Teamster-Hauptquartier und begann, nationale Gewerkschaftspolitik zu machen.
Wie heikel diese Fusion mit den Sozial- und Moralpropheten des CIO für ihn werden sollte, erfuhr Beck am 28. Januar dieses Jahres. Auf Betreiben George Meanys und Walther P. Reuthers trafen sich -an diesem Tage in Miami Beach die 27 Mitglieder des Exekutivrates der AFL-CIO.
Meany legte den Gewerkschaftsführern bei dieser Gelegenheit einen "Ethical Practices Code" zur Annahme vor. Danach sollten sich alle Gewerkschaftsführer zu "ethischen Praktiken" verpflichten, vor allem aber erklären, daß sie niemals Gebrauch vom Fünften Zusatz der amerikanischen Verfassung machen würden, falls sie jemals vor einen Senatsausschuß zitiert werden sollten. Das bedeutete den freiwilligen Verzicht auf das Recht, vor Untersuchungsausschüssen die Aussage zu verweigern.
26 Gewerkschaftsführer stimmten für den Sitten-Kodex, einer dagegen: Der eine war Dave Beck.
Die Moralisten und Politiker unter den Gewerkschaftlern hatten dem Beck mit dem Treffen von Miami Beach eine Falle gestellt. Freilich durfte er damals noch hoffen, dieser Falle entrinnen zu können. Und tatsächlich bezweifelte damals die gesamte Öffentlichkeit, daß die "AFL-CIO" es wagen werde, sich mit Beck ernsthaft anzulegen.
Mit 1,4 Millionen Mitgliedern ist die Teamster-Bruderschaft die größte amerikanische Gewerkschaft. Mit einem Schatz von 37,2 Millionen Dollar ist sie auch die reichste. Mit jährlich einer Million Dollar zahlt sie den höchsten jährlichen Beitrag für die Kasse der Gewerkschaftsfusion. Überdies: 1955 wurden in den USA rund 226 Milliarden Tonnen Ware auf Lastkraftwagen bewegt. Teamster-Chef Beck kann theoretisch diesen Riesenverkehr von einem Tag zum anderen lahmlegen.
Doch einen Tag nach dem 28. Januar geschah in Washington etwas, das über die bis dahin so imponierende Machtstellung Becks den Schatten des Untergangs warf: Der Senat beauftragte einen Sonderausschuß unter dem Senator McClellan, "unlautere Tätigkeiten im Arbeits- und Betriebswesen" zu untersuchen.
Auffallend daran war nicht nur das Zusammenfallen der Termine von Miami Beach und Washington, sondern auch die Tatsache, daß als Hauptinitiatoren der Untersuchungskommission mehrere demokratische Sehatoren hervortraten, die als eifrige Anhänger der Gewerkschaftsbewegung gelten.
Der Vorsitzende McClellan ist Demokrat, und sein Hauptassistent, der junge Jurist Robert F. Kennedy, stammt ebenfalls aus einer demokratischen Familie. (Sein Bruder ist demokratischer Senator und sitzt ebenfalls im Untersuchungs-Komitee.)
Der Verdacht liegt nahe, daß die demokratischen Senatoren und die Führer der "AFL-CIO" zusammengespielt haben, um den Dave Beck zu lüften - und zwar mit dem Ziel, die AFL-CIO langsam von Querköpfen zu reinigen, die wie Beck in antiquierten sozialpolitischen Begriffen denken und sich einem Bündnis der Gewerkschaften mit der Demokratischen Partei widersetzen.
Wie dem auch sei, Tatsache ist, daß die Demokraten des Senats und die Gewerkschafts-Chefs Meany und Reuther zu gleicher Zeit auf Beck losschlugen und daß dieses Losschlagen auf beiden Seiten von langer Hand vorbereitet war.
Als Beck im Jahre 1952 aus der Teamster Hall von Seattle in das nationale Hauptquartier der allamerikanischen Teamster-Bruderschaft umgezogen war, hatte er sein persönliches Imperium in den elf Weststaaten Amerikas (die sogenannte "Western Conference") seinem Vertrauten Frank W. Brewster, genannt "Bulldogge", übergeben. Dieser langjährige Freund Becks wurde Chef der "Western Conference" der Teamster-Union, und dieser Brewster wurde auch das erste Opfer der Reinigungskampagne des Senats.
Die Ermittlungen in Becks einstimmigem Sonderimperium leitete Robert F. Kennedy, der Chefassistent des Senators McClellan. Er stieß dabei auf einen Sumpf. Zwar betraf das Schlimmste weniger Beck, sondern dessen Nachfolger Brewster, aber es wurde doch auch deutlich, daß die robusten Praktiken der "business-union" - der Geschäftsgewerkschaft -, die Beck in seinem Reich nach den Regeln des Samuel Gompers gepflegt hatte, einen korrumpierenden Einfluß gehabt haben müssen.
Die Gewohnheit, "Manpower" in Geschäftsmanier zu verkaufen, und der bewußte Verzicht auf Moral hätten den Beck und noch mehr dessen Unterführer immer mehr dazu verführt, Geschäfte auf eigene Rechnung zu machen und das Kapital nebst den Machtmitteln der Bruderschaft zu eigenem Nutzen zu mißbrauchen.
Beck hatte sich daran gewöhnt, über die Kasse der Western Conference nach eigenem Befinden zu verfügen, seine Unterchefs übertrugen die Praktiken, die Beck in den zwanziger Jahren gegen Unternehmer und konkurrierende Gewerkschafts -Kondottieris angewandt hatte, auf andere Ausbeutungsfelder: Sie drohten Restaurantinhabern, die sich ihrem Willen nicht fügen wollten, mit Streik und zwangen sie, verbotene Spielapparate aufzustellen. Sie setzten mit ähnlichen Mitteln die Prostitution durch und erkauften die stillschweigende Billigung der Behörden mit Geldern aus der Teamsterkasse.
All das demonstrierte der junge Demokrat Kennedy, in dem er die Senatskommission in die Geheimnisse der Teamster "Local" (Lokalgewerkschaft) 223 in der Stadt Portland im Staate Oregon einführte. Er präsentierte der Senatskommission zu diesem Zweck einen freilich höchst dubiosen, dafür aber sehr sachverständigen Zeugen.
Das war James B. Elkins, 56, lange Zeit unter dem Spitznamen "Big Jim" ungekrönter König der Unterwelt von Portland, einer Stadt mit rund 380 000 Einwohnern. Elkins wurde im Laufe seines Lebens wegen 25 verschiedener Verstöße gegen das Gesetz angeklagt und wegen aller möglichen Delikte vom Branntweinschmuggel bis zum versuchten Totschlag bestraft. Vor den Senatoren legte der Graukopf mit dem Pokergesicht nur auf einen Punkt seiner Reputation wert: "I never took a nickel from a lady", womit er sagen wollte, daß er niemals Geschäfte mit der Prostitution gemacht habe.
Eben das aber war die Angelegenheit, über die er sich nach langjähriger krimineller Zusammenarbeit mit dem Teamster-General Brewster endlich verzankt hatte. Im Jahre 1954, so erzählte "Big Jim" den Senatoren, habe er zusammen mit zwei Agenten des Brewster eine Interessengemeinschaft gegründet, deren Zweck die Aufstellung von verbotenen Spielautomaten war. Beide Parteien standen sich gut dabei. So habe er den Brewster-Agenten in acht Monaten des Jahres 1955 rund 20 000 Dollar ausgezahlt. Die Teamster sorgten als Gegenleistung dafür, daß sich in Portland keine unliebsame Konkurrenz festsetzen konnte.
Ein Gastwirt sagte zu diesem Punkt aus, daß er in seinem Restaurant einmal Automaten eines anderen Kartells aufgestellt habe. Daraufhin hätten die Teamster seinen Betrieb bestreikt. Kein Bier, keine Zigarette sei mehr angeliefert worden, und als er den Versuch gemacht habe, den Antransport seiner Waren mit eigenen Wagen zu organisieren, seien seine Fahrer verprügelt worden.
Plötzlich jedoch habe dieser Terror aufgehört, ohne daß ihm - dem Gastwirt - eine Erklärung gegeben worden sei. Elkins erklärte im Caucus-Saal das Phänomen: Das Kartell, das in dem fraglichen Restaurant Automaten aufgestellt hatte, habe sich zunächst geweigert, an die Teamster eine Abgabe zu zahlen. Erst nachdem das Kartell eine Mitgliedskarte der Lokalgewerkschaft 223 zum Preise von 10 000 Dollar erworben habe, sei der Streik eingestellt worden.
Elkins wußte zu dieser Angelegenheit noch mehr zu berichten: Als er sich bei den Teamstern darüber beschwert habe, daß sie auch Geschäfte mit seiner Konkurrenz machten, sei er in die Teamster-Hall von Seattle, dem früheren Sitz Becks, zu Brewster bestellt worden. Der habe ihm erklärt: "Wenn du meinen Jungs in Portland Schwierigkeiten machst, wirst du dich eines Tages beim Durchwaten des Washington-Sees wiederfinden, und zwar mit ein Paar Betonschuhen an den Füßen." (Der Washington-See ist ein See im Staate Washington im Nordwesten Amerikas, in dem auch Seattle liegt.)
Nach dieser erfrischend offenen Aussprache begann Elkins - so sagte er aus -, vorsichtiger zu werden. Er machte es sich zur Gewohnheit, Besprechungen mit den Teamster-Agenten heimlich auf Tonband aufzunehmen.
Diese Praxis des Elkins sollte sich für den jungen Beck- und Brewster-Forscher Kennedy als besonders vorteilhaft erweisen. Der Chefassistent des Senatsausschusses brachte den Gangster Elkins dazu, sein Band-Archiv zu öffnen und den Senatoren den seltenen Genuß eines Originalgesprächs zwischen den Zuhältern, den Teamster-Funktionären und den Kommunalpolitikern von Portland zu verschaffen.
Teilnehmer dieses Gespräches waren zwei Agenten des Brewster, einige "Unternehmer, denen an der Einführung der Prostitution in Portland lag, und - außer "Big Jim" - der Staatsanwalt von Portland, William M. Langley.
Zunächst ging es in diesem Gespräch darum, wie man einen "sicheren Mann" in die Alkoholkommission des Staates Oregon bugsieren könne. Diese Kommission verteilt die Schnapsausschank-Konzessionen an Gastwirte. Ein Mann in dieser Kommission kann - und das war offenbar der Sinn des Gangster-Gesprächs - auf Gastwirte Druck ausüben, unter anderem auch dahingehend, daß sie in ihren Lokalen Prostituierte zulassen.
Zum Tagungspunkt "Käufliche Liebe" beklagten sich die Tagungsteilnehmer unisono darüber, daß der Oberstaatsanwalt des Staates Oregon eine den Gangstern höchst unverständliche Abneigung gegen die Prostitution habe. Die Senatoren im Caucus-Saal von Washington vernahmen dazu die Stimme des Staatsanwalts Langley:
"Ihr könnt sie nicht in Gang bringen, weil er (der Oberstaatsanwalt) ... ich sage Euch, er ist auf Prostitution versessener als auf alles andere."
Gangster: "Wie lange ist er noch im Amt?"
Staatsanwalt: "Er bleibt - uh - das ganze nächste Jahr bis zum 1. Januar (1957). Sie müssen ihn das nächste Jahr schlagen, oder es wird ein Alptraum für vier weitere Jahre." (Richter und Staatsanwälte werden in den USA auf Frist gewählt.)
Die Helenen-Erklärungen
Zu dem Zeitpunkt, da dieses Gespräch aufgenommen worden war, hatten die Teamster von Portland freilich schon ganz hübsche Fortschritte auf dem Wege zur Prostitution erzielt.
Im Jahre 1955 war bei dem damaligen Bürgermeister von Portland der Teamster -Funktionär Clyde Crosby erschienen und hatte gefordert, daß der Polizeichef von Portland entlassen werde. Dieser Beamte war als hartnäckiger Verfolger der Prostitution bekannt.
Der Bürgermeister weigerte sich, und so wurde er nicht wiedergewählt. Die Teamster unterstützten bei den nächsten Wahlen seinen Rivalen, einen Mann namens Teddy Schrunk. Mit dem Kapital und den Machtmitteln der Lastwagenfahrer im Hintergrund wurde Schrunk Bürgermeister von Portland. Unter seiner Ägide blühten in Portland 35 Bordelle, Spielkasinos und ähnliche Etablissements auf. Ende März wurde Schrunk wegen Korruption festgenommen.
Was es mit den Beziehungen der Teamster zur Prostitution einerseits und zur Kommunalpolitik andererseits auf sich hatte, ließen sich die Senatoren von zwei fachkundigen Damen erklären. Das waren die Bordell-Wirtinnen "Big Helen" Hardy und "Little Helen" Smalley aus Portland.
In eidesstattlichen Erklärungen, die von Chefassistent Kennedy verlesen wurden, machten die beiden Zeuginnen die feineren Nuancen ihres Gewerbes klar. Sie verwahrten sich dagegen, ein "walk-in" zu führen, in das jeder Straßenpassant Einlaß finde. Vielmehr hätten sie ein "call house" nur für angemeldete Gäste. Mitten in der Verlesung prustete Kennedy - von unwiderstehlichem Lachreiz gepackt - los und vergrub sein Jungengesicht in den Händen.
In dem wie aus Stein gemeißelten Gesicht des Vorsitzenden, des strengen Baptisten McClellan, rührte sich keine Muskel. Mit düsterer Wurde fragte er: "Wünscht der Untersuchungsführer, daß der Vorsitzende die Verlesung übernimmt?"
Doch Kennedy fing sich wieder und verlas weiter, daß sowohl Big Helen als auch Little Helen durch einen Nachtklubbesitzer namens Nate Zusman unterrichtet worden waren, sie könnten ihrem Gewerbe unbehelligt von den Behörden nachgehen.
Zusman dementierte die Erklärungen der Bordellwirtinnen, als er vor den Senatoren erschien. Er unterwarf sich sogar freiwillig einem Lügendetektor-Test, aber "die Maschine schlug ihn", wie sein Anwalt lakonisch feststellte. Der Lügendetektor-Chef der Bundeskriminalpolizei hatte nämlich bescheinigt: "Reaktion zeigt Unaufrichtigkeit an."
Eine knappere, indessen nicht weniger deutliche Sprache als die Bandaufnahmen des Elkins und die Helenen-Erklärungen sprachen die Scheckbücher der Teamster-Bruderschaft. Aus ihnen geht hervor, daß Brewster noch am 20. August vorigen Jahres dem Staatsanwalt Langley eine Summe von 5000 Dollar angewiesen hatte. Für welche Dienste, daran konnte sich Brewster im Verhör beim besten Willen nicht mehr erinnern.
"Das klingt ein bißchen albern, nicht wahr?" fragte Brewster die Senatoren. Die fanden das auch.
Es klang auch kleinmütiger als Brewsters wütende Tirade kurz vor seinem Verhör: "Ich mache Bürgermeister und zerbreche Bürgermeister. Ich mache Polizeichefs, und ich zerbreche Polizeichefs. Ich war im Gefängnis, und ich war außerhalb des Gefängnisses. Das ist es nicht, was ich fürchte."
Als die Senatoren die "Bulldogge" Brewster nach anderen heiklen Punkten fragten, machte der Teamster-General dankbar von der Möglichkeit der Aussageverweigerung Gebrauch, die ihm sein Chef Beck offengehalten hatte, als er sich in Miami Beach weigerte, im Namen der Teamster-Funktionäre auf die Rechte des Fünften Verfassungszusatzes zu verzichten.
Gleichwohl war Brewsters Situation verzweifelt genug, als er schweißgebadet und bleich den Zeugensitz im Caucus-Saal räumte. Wahrscheinlich wird er - ohne das Recht der Aussageverweigerung - vor ordentlichen Gerichten zu beantworten haben,
- an wen er 23 000 Teamster-Dollar für "Werbungszwecke" ausgezahlt hat,
- womit er seine fünf Rennställe bezahlt,
- was aus den rund 650 000 Mark geworden ist, die in einen nicht-existierenden Teamster-Fonds für Arbeitslosenunterstützung wanderten und mit denen eine Anzahlung für Brewsters Villa in Palm Springs (Kalifornien) geleistet wurde,
- für welche Zwecke auf seine - Brewsters - Weisung Becks Tochter aus der Gewerkschaftskasse rund 600 Mark erhalten hatte und so fort.
Nach dem Verhör Brewsters schätzten die Senatoren den Gesamtbetrag der von Teamster-Funktionären unterschlagenen Teamster-Gelder auf rund drei Millionen Mark - nicht gerechnet die Gewinne, die Beck und Brewster aus Betrieben zogen, die (wie zum Beispiel eine Tankstelle in Seattle) von den Aufträgen der Teamster-Gewerkschaft florierten.
Beck gab seine Jahressteuer mit 91 000 Dollar an, was auf einen Jahresverdienst von nahezu 200 000 Dollar (etwa 840 000 Mark) schließen läßt. Dabei ist überdies ein Steuerhinterziehungsprozeß gegen ihn anhängig.
Brewsters Verhör enthüllte die Korruption der amerikanischen Gewerkschaften vom Typ der "business union". Daß es sich dabei um ein Strukturproblem und nicht nur um die kriminellen Tendenzen des von Beck geschaffenen Sonder-Imperiums der Teamster im amerikanischen Westen handelt, geht schon daraus hervor, daß es auch im Osten Amerikas mit den Teamstern nicht viel besser steht.
Im Mittleren Westen und Osten werden die Teamster von einer anderen Unterorganisation der Teamster-Bruderschaft beherrscht. Deren Chef ist James R. Hoffa mit Sitz in Detroit.
Hoffa ist einer der härtesten unter den harten Gewerkschaftspraktikern. "Ich bin", sagte er einmal, "so oft mit Gummiknüppeln, Totschlägern und Schlagringen geschlagen worden, daß ich nicht einmal mehr weiß, wo die Wunden waren. Aber ich kann zurückschlagen, und ich tat es. Burschen, die versuchten, mich zu zerbrechen, standen zerbrochen auf." Heute erwartet Hoffa eine Anklage wegen Bestechung und Hinderung der Rechtsfindung.
Der massive Charakter der Anklage entspricht nicht nur Hoffas Naturell, sondern auch den kriminellen Methoden, deren sich die Geschäftsgewerkschaften seit ihrem Entstehen unter Samuel Gompers in wachsendern Maße bedient haben.
Als im Februar der Senats-Sonderausschuß unter Senator McClellan seine Arbeit begann, fühlte Hoffa sich unwohl. Er beschloß, sich auf illegale Art und Weise Einblick in die Ermittlungsergebnisse der Kommission zu verschaffen, und bestellte sich über einen Mittelsmann den New Yorker Rechtsanwalt John J. Cheasty nach Detroit.
Für ein Salär von 18 000 Dollar sollte Cheasty sich als Untersuchungsbeamter zu der Kommission melden, um dann die Ermittlungsergebnisse an ihn - Hoffa - auszuliefern.
Die Falle des Doppelagenten
Fatalerweise war Hoffa bei Cheasty an einen Mann gekommen, der für solche Aufträge denkbar ungeeignet war. Cheasty diente nämlich während des letzten Krieges als Abwehroffizier und ist Mitglied der New-Yorker Kriminalkommission. Der geschulte Geheimagent Cheasty verständigte sofort den Chefassistenten der Senatskommission, Kennedy, wurde daraufhin zum Schein eingestellt und begann ein Doppelspiel mit Hoffa. Zweimal lieferte er ihm entsprechend präparierte "Dokumente" der Kommission aus. Beim zweiten Mal griff Polizei zu.
Cheasty hatte dem Teamster-General des Mittleren Westens und des Ostens "Dokumente" avisiert. Am Abend traf Hoffa sich mit Cheasty im kleinen Park am Dupont Circle in Washington. Als er dann - mit den Papieren in der Tasche - kurz vor Mitternacht sein Hotel betrat, in dessen siebtem Stock zur gleichen Zeit der Leiter der Politischen Abteilung des Bonner Außenamtes, Professor Grewe, über dem Abschlußbericht der in Washington tagenden Vier-Mächte-Kommission für die Wiedervereinigung brütete, wurde er beim Einsteigen in den Lift von mehreren Beamten des FBI-Chefs Hoover verhaftet.
25 000 Dollar Kaution ermöglichten es ihm, seine Aburteilung durch ein Gericht auf freiem Fuß zu erwarten. Als Höchststrafen drohen ihm 13 Jahre Gefängnis und eine Buße in Höhe von 69 000 Dollar.
Ein ähnliches Schicksal droht nun auch dem allamerikanischen Teamster-Chef Dave Beck. Die Fragen, die er unter dem Schutz des Fünften Verfassungszusatzes vor den Senatoren nicht beantwortete, können eines Tages auch von ordentlichen Richtern an ihn gestellt werden, und dort muß er sie beantworten. Aber selbst wenn seine Unterschlagungen und Steuerhinterziehungen aus den frisierten Büchern der Teamster -Gewerkschaft nicht mehr nachweisbar sind, und selbst wenn es der Polizei nicht gelingen sollte, die Fäden zu entwirren, die ihn mit den dunklen Affären der Unterwelt von Portland verbinden, so bleibt doch für die amerikanische Öffentlichkeit der fatale Eindruck zurück, daß die hemdsärmelige Gewerkschaftspraxis, die von Beck repräsentiert wurde, überständig ist und nicht mehr in die Soziallandschaft des Amerika von heute paßt.
Auf der anderen Seite wächst die Macht der Gewerkschaften, deren sauber geführte Kassenbücher von ehrbaren Moralisten, wie Meany und Reuther, überwacht werden und deren Ziele nicht mit Hilfe bewaffneter Schlägerkolonnen zu erkämpfen sind, sondern mit einer politischen Strategie, die auf ethischen Maximen aufbaut.
"Ich bin überzeugt", sagte Reuther Ende März, "daß die 'AFL-CIO' mit ihrem Sitten-Kodex die Korruption in ihren Reihen ausräumen wird." Er kündigte an, daß er auf dem für diesen Monat anberaumten Konvent der "AFL-CIO" ein Moral-Komitee vorschlagen werde - ein Komitee, das aus unabhängigen Personen bestehen und als "Wachhund" die Sitten der Gewerkschafts-Funktionäre hüten soll.
Der Reinigungsprozeß, dem die "AFL -CIO" sich selbst unterworfen hat und der zugleich von den Demokraten im Senat betrieben wird, ist jedoch ein politisches Wagnis.
In den USA regelt das sogenannte Taft-Hartley-Gesetz das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Unternehmern. Das Gesetz verbietet Verträge, die ein Unternehmen zwingen, nur Gewerkschaftsmitglieder einzustellen. Es sind aber Verträge gestattet, die besagen, daß jeder Arbeiter nach seinem Arbeitsantritt Gewerkschaftsmitglied sein muß, notfalls also - wenn er bis dahin noch nicht Mitglied war - gezwungen werden kann, der Gewerkschaft beizutreten.
Dieses Taft-Hartley-Gesetz ist seit seinem Bestehen von den Gewerkschaften, aber auch von den Unternehmern immer wieder angegriffen worden. Jetzt jedoch, nachdem die Untersuchungen gegen die Teamster einen Sumpf von Korruption in den Gewerkschaften aufgedeckt haben, befürchten manche "AFL-CIO"-Funktionäre, daß die breite Öffentlichkeit sich gegen die Gewerkschaftsbewegung wendet.
Neue Weber-Stürme?
Das könnte dazu führen, daß konservative Senatoren im Kongreß ein Gesetz durchsetzen, das alle Arbeitsverträge verbietet, die in irgendeiner Form den einzelnen Arbeiter zur Gewerkschafts-Mitgliedschaft zwingen.
Ein solches Gesetz - 19 der 48 amerikanischen Staaten haben bereits ähnliche Vorschriften - würde die Stellung der Gewerkschaften schwer erschüttern, aber nicht nur das: Auch den Demokraten droht damit ein Rückschlag. Die Massen der ungelernten Arbeiter, die traditionsgemäß die Demokratische Partei als ihre politische Protektorin betrachten, könnten sich enttäuscht von den Demokraten abwenden. Star-Kommentator Alsop meinte gar, daß die Demokraten durch die Beck-Untersuchung "1958 die Kontrolle über den Kongreß" verlieren könnten, und ein demokratischer Politiker erklärte: "Alles, was die Gewerkschaften trifft, trifft auch uns."
Hinter dem Wagnis der Reinigung der Gewerkschaften müssen mithin sehr ernsthafte Überlegungen stehen. Ein Stück von diesen Überlegungen hat Reuther schon vor Jahren in einer Denkschrift enthüllt.
Reuther prophezeit in dieser Schrift, daß die Automatisierung der amerikanischen Industrie große Massen von Arbeitern und Angestellten wenn nicht arbeitslos machen, so doch einem gewaltigen Prozeß der beruflichen und geographischen Umgliederung unterwerfen wird. (Eine vollautomatisierte Raffinerie in Kalifornien wird heute von vier Ingenieuren statt - wie vor der Automatisierung - von 160 Arbeitern betrieben.)
Reuther möchte vermeiden, daß die Arbeiterschaft sich in einer Neuauflage von Weber-Stürmen gegen die Elektronen-Roboter der Automatisierung wendet. Aufgrund volkswirtschaftlicher Überlegungen hält er die Automatisierung für unvermeidlich und sieht überdies in ihr eine Chance, den Lebensstandard der breiten Massen zu heben.
Er will deshalb mit Hilfe seiner Gewerkschaftsorganisation verhindern, daß die Automatisierung die wilden Sozialkämpfe auslöst, von denen zum Beispiel die Einführung der Dampfmaschine begleitet war. Dieses Ziel aber läßt sieh nach seiner Meinung nur erreichen, wenn der Staat durch eine großzügige Sozialgesetzgebung eingreift und vor allem dafür sorgt, daß die durch höhere Rentabilität von automatisierten Betrieben erzielten Gewinne nicht nur den Unternehmern, sondern auch den breiten Massen zugute kommen.
Eine solche Gesetzgebung ist laut Reuther nur von den Gewerkschaften zu erzielen - und zwar in Zusammenarbeit mit einer politischen Partei, also den Demokraten.
Voraussetzung dafür aber ist, daß die Gewerkschaften, moralisch integer und gut durchorganisiert sind und daß solche Revolver- und Knüppel-Strategen wie Dave Beck entweder ausgebootet werden oder lernen, an der Kandare der politischen und sozialtheoretischen Überlegungen einer großen allamerikanischen Gewerkschaftszentrale zu gehen.
Eine solche Entwicklung ist auch hoch aus anderen Gründen für die Gewerkschaften zwingend geworden. Einst waren sie gleichsam soziale Kampfverbände. In jüngster Zeit haben sie jedoch auch in den USA öffentliche Funktionen übernommen. Vielfach verwalten sie riesige Pensions- und Wohlfahrtsfonds, in die laut Gesetz auch die Arbeitgeber einzuzahlen haben.
Man schätzt das Geld, das sich zur Zeit in den Fonds der Gewerkschaften befindet, auf die Riesensumme von 100 bis 120 Milliarden Mark. Allein die Verwaltung dieser Kassen hat dazu beigetragen, die Gewerkschaften zu verbeamten. Andererseits werden an die Funktionäre heute höhere Ansprüche der Vertrauenswürdigkeit und Sachkenntnis gestellt, als das in den heroischen Zeiten Becks üblich war. Reuther ist einer der Männer, der diese Entwicklung als unausweichlich erkannt hat.
Hinter seinem Kampf gegen Beck steht das Konzept eines amerikanischen Sozialstaates.
* "Labor Unions In Action", Harper & Brothers, New York.
* Die Bruderschaft nennt sich zu Recht "international", weil sie auch in Kanada Mitglieder hat.
Gewerkschaftschef Beck: Ein Saurier aus Amerikas heroischen Tagen
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Boss des Ostens Hoffa
...stand zerbrochen auf".
Gewerkschafts-Moralist Reuther: Sittenkodex für die Funktionäre

DER SPIEGEL 15/1957
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