15.02.1947

Die Mörder sind über uns

Vor dem Schwurgericht in Halle a. d. S. läuft ein Mordprozeß gegen mehrere ehemalige Angestellte der Provinzialverwaltung. Angeklagt sind Regierungsrat Peter, ehemals Dezernent der politischen Polizei bei der Provinzialregierung Sachsen-Anhalt, Kriminalinspektor Zimmermann und Kriminalobersekretär Stuhrmann. Verdächtigt wurde ein Minister.
Die Sekretärin Helene Mader, die die Beweise für umfangreiche Verfehlungen der Angeklagten in Händen hatte, ist von ihnen am 26. Februar 1946 umgebracht worden. Die drei Angeklagten lockten Helene Mader in ein Auto, raubten ihr die belastenden Unterlagen und brachten sie durch Genickschuß um. Die Leiche wurde verschleppt.
In der öffentlichen Schwurgerichtssitzung sagte der Angeklagte Zimmermann aus, auch "höchste Kreise der Provinzialverwaltung" hätten durch die Ermordete belastet werden können. Helene Mader sei die Sekretärin des vor einem Jahr verhafteten und in der Haft gestorbenen Hansotto Schwabe, des "Leiters des Hilfswerks der Provinz Sachsen" gewesen. Dieser, ein
krimineller Kzler, habe umfangreiche Lebensmittelschiebungen vorgenommen.
Er sei auch der Lieferant des stellvertretenden Ministerpräsidenten Robert Siewert (SED), des SED-Landesvorsitzenden Bernard Koenen und des Leiters der Polizei, Ministerialdirektor Georg König sowie des Landwirtschaftsministers Dr. Dammerow (LDP) gewesen.
Wenn er diese Ausführung schon früher gemacht hätte, sagte Zimmermann, und nicht erst jetzt vor der Oeffentlichkeit, wäre er nicht wieder aufgetaucht.
Angeklagter Regierungsrat Peter gab an, er habe mit Minister Siewert ein Telefongespräch geführt und von ihm die Weisung erhalten, Helene Mader zu "liquidieren".
Das Gericht beschloß, den Minister Siewert, den SED-Vorsitzenden Koenen und den Ministerialdirektor König als Zeugen zu vernehmen und vertagte sich. Noch am selben Abend fuhr Generalstaatsanwalt Fischl (SED), der vor Uebernahme seines hohen Amtes erster Rechtsberater der Kommunistischen Partei der Provinz Sachsen war, zu einer Besprechung in Koenens Wohnung.
Der zweite Verhandlungstag war sehr kurz. Generalstaatsanwalt Fischl übernahm selbst die Anklagevertretung. Er gab bekannt, daß er die vom Gericht bestellten Zeugen abbestellt habe.
Inzwischen waren aus Berlin die SED-Vorstandsmitglieder Erich Gniffke und Franz Dahlem angereist gekommen. Sie hatten Dauerbesprechungen mit Fischl, Innenminister Siewert, König und Koenen. Im "Neuen Deutschland" veröffentlichten sie den Extrakt ihrer Untersuchungen. Schwabe war danach nicht "Leiter des Hilfswerks der Provinz Sachsen", sondern Großschieber, Helene Mader eine Prostituierte, der Kriminalinspektor Zimmermann ein Drechsler, Regierungsrat Peter und Kriminalobersekretär Stuhrmann aber waren nur gewöhnliche Polizeibeamte. Die Beschuldigungen gegen führende SED-Funktionäre seien also völlig haltlos, folgern Gniffke und Dahlem.
Am dritten Verhandlungstag gab es für die wenigen Zuschauer, die durch die strenge Eingangskontrolle durchgelassen wurden, (der Erste Staatsanwalt überprüfte persönlich die Einlaßkarten und Personalausweise), eine neue Sensation:
Der angeklagte ehemalige Regierungsrat Peter widerrief seine Aussage, daß Minister Siewert ihm die Anweisung zur Ermordung von Helene Mader gegeben habe. Der Generalstaatsanwalt hatte kurz vorher noch eine etwa halbstündige Unterredung mit Peter in dessen Zelle gehabt.
Der Angeklagte Zimmermann, der trotz seiner 26 Jahre schon zwei Schlaganfälle in der Haft erlitten hat, wurde vom Gericht wegen früherer Fragebogenfälschungen als unglaubwürdig bezeichnet.
Der Angeklagte Stuhrmann erkrankte plötzlich, saß mit kreideweißem, fast grünlichem Gesicht auf der Anklagebank und war nicht vernehmungsfähig. Am nächsten Tag starb er an "Herzlähmung bei Bauchfellentzündung" im Gefängnis,
Der Prozeß aber wurde vertagt. "Auf unbestimmte Zeit", sagte das Gericht. "Für immer", meinen die Hallenser.

DER SPIEGEL 7/1947
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