15.02.1947

Wettlauf der Pan-Europäer

Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll ein europäisches Zwischenparlament geschaffen werden, teilte Heinz Dahlmeyer, Präsident der Pan-Europa-Union, Sektion Deutschland, Sitz Hamburg, der Presse mit. Aufgabe dieses Zwischenparlaments werde es sein, den Zusammenschluß aller Nationen Europas vorzubereiten.
Dahlmeyer, Hamburger Beamtensohn, der während der Nazizeit nach Brasilien emigrierte, pflegt bei allen Gelegenheiten seine Organisation als die "maßgebende und offizielle Stelle der paneuropäischen Bewegung" zu bezeichnen. Er tut dies um so eifriger, als in letzter Zeit die deutschen Europa-Einiger geradezu einen Wettlauf angetreten haben.
Im Dezember 1946 hatte Wilhelm Heile, damals noch unbestrittener Präsident der Freien Demokraten, seine "Europa-Union", Sitz in München-Gladbach, gegründet. Ebenfalls mit dem Ziel, "die gesamte europäische Bewegung zu einigen".
"Er tat dies", sagte Dahlmeyer, "während ich in Basel war, um den europäischen Kongreß für den Sommer 1947 vorzubereiten." Damals hatte der Hamburger noch weitere Einwände. Er befürchtete, solche Neugründungen durch "Prominente der Freien Demokraten" könnten den paneuropäischen Gedanken zu einer "parteipolitischen Angelegenheit" werden lassen.
Seit dem 7. Februar hat dieser Verdacht viel an Berechtigung verloren. An diesem Tage wurde mitgeteilt, daß Heile auf Ersuchen des Vorstandes und des Zentralausschusses der FDP seine Aemter in der Partei niedergelegt hat. Dabei wurde ausdrücklich auf die "großen Ziele" hingewiesen, die sich Heile "in der von ihm neu gegründeten Europa-Bewegung gesetzt hat und die seine ganze Kraft in Zukunft in Anspruch nehmen werden."
Heile jedoch fühlt sich für beide Aufgaben kräftig genug. Die "Hamburger Freie Presse" (Lizenzträger Prof. Dr. Paul Heile, Wilhelms Bruder) veröffentlicht seine Gegenerklärung: "Aus den Händen des Parteitags habe ich mein Amt empfangen, nur in die Hände des Parteitags gebe ich mein Amt zurück."
Kurz bevor der Vorstandsstreit der FDP in die Oeffentlichkeit gedrungen war, hatte Heiles München - Gladbacher "Europa-Union" bei der Militär-Regierung den Antrag auf Zulassung für die gesamte britische Zone gestellt.
Ungefähr gleichzeitig schlossen sich in Ascheberg in Westfalen zwei andere europäische Einigungsbünde zusammen. Aus der "Deutschen Liga für föderalistische Union Europas" und der "USE-Legion" (United States of Europe Legion) wurde die "Bewegung Vereinigte Staaten von Europa-USE-Liga". "Um den vielfach beklagten Zustand der Zersplitterung zu beseitigen", heißt es in der Begründung.
Bevor noch die Ascheberger Liga mit verstärkten Kräften in die paneuropäische Arena trat, teilte Dahlmeyer die baldige Ankunft des "Hauptpräsidenten" mit. In etwa zwei Monaten werde Graf Coudenhove-Kalergi nach Europa zurückkehren, um die Gesamtleitung der europäischen Sektion zu übernehmen.
Die Londoner Labour-Zeitung "Daily Herald" will dagegen den Paneuropa-Grafen schon vor einigen Monaten in der alten Welt entdeckt haben. Nach einer Meldung des Blattes soll dem ersten Europa-Sammlungs-Ruf Churchills im September 1946 in Zürich eine Begegnung Coudenhove-Kalergis mit Winstons Schwiegersohn Duncan Sandys in dem Schweizer Kurort Gstaad vorangegangen sein.
Dahlmeyer hingegen bezieht seine Informationen direkt aus New York, wo Coudenhove-Kalergi seit 1940 als Geschichtsprofessor wirke. 1938 nach dem "Anschluß" war Graf Richard aus Wien emigriert, wo er 1923 sein grundlegendes Werk "Pan-Europa" veröffentlicht und 1926 den ersten Pan-Europa-Kongreß geleitet hatte. Der Graf, Sohn eines k. und k. Diplomaten aus nordbrabantisch-flämisch-kretischem Uradel und der japanischen Samurai-Tochter Mitsu Aoyama, habe jedenfalls jetzt, sagt Dahlmeyer, seine Rückkehr zugesagt.
Nichts gesagt wird jedoch darüber, ob Coudenhove - Kalergi inzwischen seine Ansichten, auch unter dem Einfluß von Churchills Sammlungsrufen, revidiert habe. Heile nämlich, der seine Europaideen schon in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg zurückdatiert, hält dem Grafen vor, er wolle England aus dem Bunde ausschließen. Der FDP-Präsident aus eigenem Willen glaubt dagegen auf England nicht verzichten zu können.
Ein gewisses Abrücken von Churchills Vorstellungen, bedeutet es schon, wenn einer von Dahlmeyers Unterpräsidenten, der Landesleiter der Pan-Europa-Union für Nordrhein-Westfalen, Ewald Schmitz, vor einem europäischen Westblock warnt.
Doch das letzte Wort hat der "Hauptpräsident". Er ist auf dem Wege.
Eingang zu Pan-Europa
Hamburg 1, Westphalenweg 7 - 9
Einzig autorisiert Heinz Dahlmeyer

DER SPIEGEL 7/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Wettlauf der Pan-Europäer