22.02.1947

Verräter im Bischofspalais

Der Vatikan hat den Schweizer Prälaten Oesch als päpstlichen Sondergesandten nach München geschickt. Er verhandelt seit Tagen wegen der Person des Weihbischofs Dr. Anton Scharnagl, der beschuldigt wird, ein Gestapo-Spitzel gewesen zu sein.
Im Jahre 1933 mußte der damalige Prälat seine politische Tätigkeit als Landtagsabgeordneter der Bayrischen Volkspartei einstellen, da die Nazis alle Parteien verboten hatten.
Dr. Scharnagl, ein Bruder des derzeitigen Münchner Oberbürgermeisters Karl Scharnagl, wandte sich nunmehr geistlichen Aufgaben zu. Als die katholische Kirche 1934 ihr Konkordat mit Deutschland geschlossen hatte, ersuchte Dr. Anton Scharnagl seine Kirchenbehörde, ihm als Anerkennung für seine Verdienste um das Konkordat den Rang eines Weihbischofs zu verleihen.
Jedoch gingen damals schon dunkle Gerüchte um, der Prälat unterhalte ein Liebesverhältnis mit seiner Sekretärin aus der Landtagszeit, der geschiedenen Frau E. W.
Dr. Anton Scharnagl, vor seiner Ernennung zum Weihbischof zu dem Generalvikar Dr. Buchwieser berufen, wies alle diese Gerüchte als völlig haltlos zurück und beteuerte seine Unschuld. Man glaubte ihm, und aus dem Prälaten wurde ein Weihbischof.
Die Gestapo wußte es besser. Zwar konnte sie nicht einwandfrei beweisen, ob die beiden Kinder der Frau W. Sprößlinge des Scharnagl seien, aber daß er engstens mit ihr liiert war, wußte sie sehr genau. Die Gestapo setzte ihre Daumenschrauben in Tätigkeit, und der Weihbischof wurde unter Druck gesetzt. Man stellte ihn vor die Wahl: entweder ein Riesenskandal mit Veröffentlichung pikanter Einzelheiten oder - die Gestapo bekam regelmäßig Berichte aus dem erzbischöflichen Palais in München. Dr. Scharnagl entschied sich für den Verrat.
Regelmäßig wanderten nun Briefe, die vom Vatikan streng vertraulich an das erzbischöfliche Ordinariat gegangen waren, in die Hände der Gestapo. Jahrelang war die Gestapo glänzend informiert, und niemand wußte, daß ein Verräter im Hause saß. Frau E. W. hatte mittlerweile einen Posten als Sekretärin am kanonischen Ehescheidungsgericht bekommen.
Nach dem Zusammenbruch 1945 verdichteten sich die Gerüchte um die Person des Weihbischofs immer mehr. Die Kriminalpolizei München befaßte sich mit dem Fall. Alle Verhöre wurden auf Schallplatten aufgenommen. Bis vor wenigen Tagen saß Dr. Scharnagl in bischöflichem Arrest Fürstenried bei München.
Man entließ ihn, nachdem das Ergebnis der Untersuchungen keine Verdunklungsgefahr befürchten ließ. Der Kardinalerzbischof von München, Dr. Michael Faulhaber, wußte ebensowenig wie seine Umgebung von dem jahrelangen Verrat seines Weihbischofs.

DER SPIEGEL 8/1947
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