22.02.1947

Gesandter der Feen bei den Menschen

Um Mickey Maus hat es gekriselt, und es gab Kriseleien auch um den Enterich Donald, um den Walfisch Willie, um Dumbo, den fliegenden Elefanten, um die drei Schweinchen und um alle anderen Gestalten aus Walt Disneys märchenhaften Zeichenfilmen. Die filmfreudige Welt nahm es bekümmert zur Kenntnis.
Es konnte nicht die Rede davon sein, daß der Geschmack des Publikums sich geändert hätte. Es waren Bilanzfragen, welche die Mickey-Maus-Krise heraufführten.
Die Herstellungskosten für Trickfilme haben sich erheblich erhöht. 13 000 Dollar betrugen sie für einen Schwarz-Weiß -Film, 30 000 betragen sie für einen farbigen Zeichenfilm. Aber die amerikanischen Theaterbesitzer zeigen keine Neigung, höhere Leihgebühren zu zahlen. Roy Disney, Walts Bruder, der kaufmännische Leiter seines Unternehmens, beklagte sich bitter darüber.
Indessen ist Mickey Maus nicht arbeitslos geworden. Sie und ihre Gefährten aus Mr. Disneys begnadeter Phantasie erfreuen Amerikas Publikum weiter mit ihren drolligen Späßen. Mickey erscheint jetzt als Star der Reklamefilme, gleich am Anfang des Programms. Dies hat zur Folge, daß selbst sonst säumige Kinobesucher sich einer außergewöhnlichen Pünktlichkeit befleißigen.
Walt Disney, heute 45 Jahre alt, kann also getrost den größeren Plänen nachgehen, die er sich vorgenommen hat. Der Vater von Mickey Maus hatte während des Krieges für verschiedene US-Regierungsstellen Lehrfilme hergestellt. Seine Nachkriegsproduktion sieht neben Kurzfilmen auch drei oder zwei abendfüllende Trickfilme vor. Es ist ein langer und sehr erfolgreicher Weg, der aus einer Garage zu solchen Plänen geführt hat.
Mr. Disney hat sein Lebtag gern gezeichnet. Als er noch zu klein dafür war, bestand sein Vergnügen darin, die Tiere auf der väterlichen Missouri-Farm zu beobachten. Damals war Walt zwei Jahre alt.
Als er neun war und Zeitungen austrug, wünschte er Zeichner zu werden. Mit 17 wurde er es endgültig, nachdem er zuvor als Postbeamter gearbeitet hatte. Am ersten Weltkrieg nahm er, zu jung für den Waffendienst, als Autofahrer des Roten Kreuzes teil. Seine Ambulanz war in Kürze ringsum mit Disney-Zeichnungen bedeckt.
Seine eigentliche Laufbahn fing mit einer alten Kamera an. Der Chef des Inserateninstitutes, in dem Disney nach dem Kriege arbeitete, hatte sie ihm überlassen. In Kansas City richtete Disney sich eine Garage als Arbeitsraum ein. "Rotkäppchen" war sein erster gezeichneter Märchenfilm.
Mickey Maus kam, wie der "Observer" jüngst in einem Artikel berichtete, in Hollywood zur Welt, wieder in einer Garage, die als Studio diente. Mr. Disney erinnerte sich einer Maus, die in Kansas gelegentlich auf seinen Garagentisch gekommen war, um sich ein paar Krumen zu holen. Disney hatte sie Mortimer genannt. Sie war ihm immer als eine Maus von persönlicher Eigenart vorgekommen. Er taufte sie in Mickey um und machte seinen ersten Film mit ihr.
Damals 1928, kamen die ersten Tonfilme auf. Die stumme Mickey fand keine besondere Beachtung. Sie lernte sprechen, und der Erfolg war da.
Seither hat das possierliche Tierchen viele Gespielen bekommen. Auch Schneewittchen und die sieben Zwerge gehören dazu. In einem farbigen Zeichenfilm entzückten sie die Welt. Sie sprachen in 18 Sprachen miteinander - so viele Synchronisationen werden im allgemeinen von Disneys Filmen hergestellt.
In seinem Film "Das Lied des Südens" verschmilzt Disney Phantasie und Wirklichkeit. Seine gezeichneten Figuren spielen Hand in Hand mit lebenden Darstellern. Da erzählt ein alter Neger, der Onkel Remus, einem Kinde Märchen aus alter Zeit. Am Ende spielen "richtige" Kinder mit den Gestalten der Märchen lustig in der Landschaft, und Vögel und Eichhörnchen und Rehe spielen mit, und Onkel Remus paßt auf.
Kürzlich machte Mr. Disney sich auf den Weg nach Irland. Für einen neuen Film will er dort Studien machen über Irlands "Kleines Volk", die "leprechauns", die so etwas wie Wichtelmänner sein dürften. Niemand hat diese Leutchen bisher gesehen. Walt Disney wird sie der Welt zeichnen und lebendig machen.
Um solcher Künste willen ist er viel geehrt worden mit Ehrenbürgerschaften von Städten und akademischen Ehrengraden. Er selbst schätzt am höchsten die Briefe, die ihm Kinder aus aller Welt schicken.
Das Pariser "Filmmagazin" erzählte von Walt Disney ein feenhaftes Märchen, wie es gut zu seinen Filmen paßt: Als Walt ein ganz kleiner Junge war, kam eine Fee und weissagte ihm dies:
Du wirst den Menschen deiner Zeit schöne Geschichten erzählen. Du wirst ihnen sagen, daß es Länder gibt, wo die Tiere sprechen und singen. Königreiche, wo die Blumen tanzen, abends, in der Dämmerung, wenn es niemand sieht. Du wirst sie lehren, daß die Vögel und die Fische glänzende Orchester bilden können. Du wirst ihnen auch sagen, daß eine simple und alltägliche kleine Maus ihren Kummer haben, lieben, sich amüsieren und auf Reisen gehen kann, ganz wie ein Mensch. Nur, du wirst dies alles nicht aussprechen, du wirst es nicht schreiben - du wirst es alles zeichnen... Du wirst die Menschen ihr tägliches trauriges Leben vergessen machen. Du wirst der Gesandte von uns Feen bei den Menschen sein."
Regentropfen? Vielleicht wird Walt Disney auch daraus einen Film machen
Disneys Märchenzoo - Vicky machte in News Chronicle eine politische Karikatur daraus

DER SPIEGEL 8/1947
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