08.03.1947

Mäzenin in der Kaffeestube

In Düsseldorf gab es eine bemerkenswerte Geburtstagsfeier. Das 83jährige Geburtstagskind ist Frau Johanna Ey. "Mutter Ey" nennen ihre Künstlerfreunde und die Kunstfreunde sie, und Mutter Ey hat einmal in sehr enger Verbindung zu der Kunst und den Künstlern der Malerstadt Düsseldorf gestanden. Sie war auf ihre Manier eine Mäzenin, und wahrscheinlich heißt es nicht zu Unrecht von ihr, daß sie die meistgemalte Frau in Deutschland ist.
Das hat seine besonderen Zusammenhänge. In den zwanziger Jahren kamen die "verrückten" jungen Maler Max Beckmann, wert A. Wollheim, Otto Dix und wie sie alle heißen, in die kleine Kaffeestube von Frau Johanna Ey. Sie hatten dort Kredit, sie konnten ihren Verzehr ankreiden lassen.
Mutter Ey hat damals schon an die wagemutigen Maler geglaubt. Sie ist oft von ihnen gemalt worden und hat die Bilder abstrakter Kunst in ihrem Lokal ausgestellt.
Ihre frühe Zuversicht zu ihren Malern wurde nicht enttäuscht: die Bilder wurden beachtet und gekauft. Es erwies sich als notwendig, einen größeren Ladenraum zu mieten. Ein Lokal mit sechs Schaufenstern am Hindenburgwall brachte Mutter Ey bald mit in- und ausländischen Künstlern und Sachverständigen in Berührung. Sie reiste mit einer Bilderkollektion durch Deutschland.
Beinahe wäre sie auch zur Weltausstellung in Chikago gestartet: Da aber brachen die zwölf Jahre herein, in denen "entartete Kunst" keine Geltung hatte. Die nationalsozialistische Stadtverwaltung setzte die Künstlermutter auf die Straße, nachdem sie ihr mit gerissenem Räuberinstinkt die zehn besten Gemälde beschlagnahmt hatte. Frau Ey verließ Düsseldorf, nachdem bei einem Großangriff 1943 die letzte Habe verbrannt war.
Nach Kriegsende entdeckte der Nordwestdeutsche Rundfunk sie in der Nähe von Hamburg. Die Düsseldorfer besannen sich nicht lange, sie holten ihre alte Mitbürgerin zurück, und jetzt haben sie ihr als Geburtstagsgabe einen monatlichen Ehrensold auf Lebenszeit ausgesetzt. "Die Stadt tut, was sie kann", sagt Mutter Ey und bläst den Rauch ihrer Zigarette in den schwachgeheizten Raum.
Sie sitzt in rundlicher Fülle da und sieht gar nicht aus wie eine Greisin. Sie blickt noch immer mit beweglichen braunen Augen in die Welt. Sie hat auch nicht die Absicht, die Hände in den Schoß zu legen. Demnächst eröffnet sie in der Altstadt eine permanente Kunstausstellung mit einer vielversprechenden Künstlerstube. Und außerdem: Das fast vollendete Manuskript ihrer Erinnerungen wird bald in die Druckerei wandern.
Auch einer, der bei Mutter Ey Kredit hatte (G. A. Wollheim: Selbstbildnis)

DER SPIEGEL 10/1947
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