15.03.1947

Menschenversuch aufs Exempel

Im Nürnberger Prozeß gegen dreiundzwanzig Aerzte und Wissenschaftler fiel die Frage: "Wenn die Experimente in den Konzentrationslagern so durchgeführt worden wären, wie sie hier im Gericht beschrieben worden sind, würden Sie es als verbrecherisch ansehen, diese Art Versuche an Nichtfreiwilligen ausführen zu lassen?" Die Antwort ließ nicht auf sich warten: "Wenn der Staat es legalisiert hat, sicher nicht."
Der Frager war der amerikanische Ankläger McHaney, die Antwort gab Prof. Dr. Karl Gebhardt, ein Jugendfreund Himmlers. Er gab sie anmaßend und kalt.
Sein Vater war der Hausarzt von Himmlers Vater in München, der seinerseits Gebhardts Schulrektor war.
"Himmler war in keiner Weise originell, wohl aber sehr nachahmungsbeflissen", stellte Gebhardt, ununterbrochen Kaugummi kauend, fest. Die SS sei nicht von Himmler erfunden, sondern als eine Art "Plagiat der Ordensgründungen" zu betrachten. Als charakteristisch für Himmler stellte er die - wie er sie immer genannt habe - "stabile Halbbildung dieses Mannes" heraus.
"Jede Revolutionszeit hat ihren typischen zweiten Mann. Aus seiner ganzen Ordensgründer-Einstellung heraus war Himmler der Auffassung, daß er ein Ordensgeneral sei, der nur einen Blickpunkt habe: Adolf Hitler."
Der 50jährige untersetzte Mann mit dem Offiziersrock und dem kurzen Haarschnitt tritt betont korrekt an das Mikrophon, er macht seine Aussagen selbstsicher und apodiktisch. Hinter der dunklen Hornbrille lassen sich die kurzsichtigen Augen nur vermuten, der energische Mund mildert den Eindruck der Vierschrötigkeit in etwa, der auch von dem quadratischen Gesicht ausgeht.
Von sich selbst sagte Prof. Gebhardt spöttisch, daß er sich nie politisch betätigt habe. Schon auf dem Münchner Marsch zur Feldherrnhalle 1923 will er, wie später auch bei Himmler, lediglich "begleitender Arzt" gewesen sein. Der staunende Gerichtshof erfuhr, daß Prof. Gebhardt damals auch die Verwundeten "der Gegenseite" betreut habe.
In die Partei sei er erst nach der Machtübernahme eingetreten, "weil jeder ordentliche Professor Parteimitglied sein mußte". Er sei nicht etwa durch Himmler etwas geworden. "Der Chef in Hohenlychen*) war mehr als ein SS-Gruppenführer". Als späterer Arzt (nicht etwa Leibarzt) Himmlers habe er lediglich die Tradition seiner Familie fortgesetzt.
Seine Verantwortung für die Menschenversuche gibt Gebhardt nur bedingt zu, da er sich immer wieder an Himmler gewandt und auf schärfste Siebung der an den Experimenten beteiligten Aerzte gedrungen habe.
Himmler habe in seinem Bestreben, eine eigene SS-Wissenschaft zu schaffen, einen Kreis von Pseudo-Wissenschaftlern um sich versammelt, die ihm Anregungen und Geld für alle möglichen Forschungsarbeiten gegeben hätten.
Seine Verantwortung für die Sulfonamid-Versuche an 60 Polinnen in Ravensbrück erkennt Prof. Gebhardt an. Allerdings sei die Initiative von Reichsarzt SS Grawitz ausgegangen.
Als sein besonderes Verdienst rechne er es sich an, daß er die Versuche nicht unter den von Grawitz verlangten Bedingungen durchgeführt habe. Dieser hatte "absolut kriegsgleiche Wunden" durch Hinzuführung von Schmutz, Glassplittern usw. verlangt. "Die Sterblichkeit war minimal", behauptete Prof. Gebhardt.
Außerdem sei den Opfern, meist zum Tode Verurteilten, so ja eine Begnadigungschance gegeben worden. Worin die Chance der Delinquenten nach Ueberleben der Experimente bestand, konnte Prof. Gebhardt allerdings nicht sagen, da er sich "in dieser Beziehung ganz auf Himmler verlassen habe". Dagegen versuchte er seine mitangeklagten Assistenten Dr. Fischer und Dr. Gerta Oberhausen voll zu entlasten.
"Dumm und unwahr ist die Ansicht von Laien, die es als unerhörtes Verbrechen bezeichnen, wenn Menschen mit Gasbrand infiziert werden", rief Prof. Gebhardt auf dem Höhepunkt der Verhandlung schneidend und schaute herausfordernd zu Ankläger McHaney hinüber. Gasbrand entstehe bekanntlich nur durch eine Druckverschiebung des Muskelgewebes, es könne daher nicht von Menschenquälerei gesprochen werden.
"Eine Parallele zu Himmlers Unkenntnis in medizinischen Dingen" nannte er "die laienhafte Beurteilung der amerikanischen Anklagevertretung". Man hätte den Eindruck, als ob eine bewußte Verschleierung der Tatsachen vorläge. Ueber den Gerichtssaal legte sich eine Spannung, wie sie seit den Vernehmungen Görings und Speers nicht mehr erlebt worden war.
Und ehe die Anklage irgend etwas erwidert hatte, bat Prof. Gebhardt in steigender Erregung um Durchführung der Wundgasbrand - Experimente unter erschwerten Bedingungen an sich selbst, "um die Ungefährlichkeit der Versuche zu beweisen". Das Gericht zog sich zur Beratung zurück.
*) Weltbekanntes Sportsanatorium in Brandenburg (Meniskus), im Kriege Heilstätte für Kriegsversehrte.

DER SPIEGEL 11/1947
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