15.03.1947

KIRCHEFlugzeugführer Spellman

Alles kommt darauf an, dem deutschen Volk wieder die Möglichkeit zum Leben zu geben, Arbeit und Brot und damit die Zukunftshoffnung". Diesen und ähnliche Aussprüche tat Berlins katholischer Bischof, Kardinal Graf von Preysing, während seines Besuches in den USA, wenn er in Priesterseminaren, Schulen und bei Bischofsempfängen das Wort ergriff.
Seit Anfang Februar weilt der 67jährige Kirchenfürst in Amerika. Er besuchte New York, Buffalo, Rochester und St. Louis. Bis Ende März will er seine Rundreise durch die Staaten abgeschlossen haben. Dann wird er sich wieder in New York mit dem Mann treffen, der ihn einlud und seine Amerikafahrt bewirkte, mit dem Erzbischof von New York, Kardinal Francis Joseph Spellman.
Nicht nur, daß beide zu den höchsten Würdenträgern der katholischen Kirche gehören, verbindet die Kardinäle Preysing und Spellman. Sie haben darüber hinaus mancherlei direkte Berührungspunkte. Am gleichen Tage, Weihnachten 1945, empfingen sie den Kardinalspurpur: zwei unter den 32 neuen Kardinälen, durch deren Ernennung Papst Pius XII. das seit Jahrhunderten bestehende italienische Uebergewicht im Kardinalskollegium brach und den Anteil der Italiener auf 40 Prozent beschränkte.
Beide Kardinäle sind in enger Beziehung zur päpstlichen Diplomatie zu ihrer Würde aufgestiegen. Konrad Graf von Preysing-Lichtenegg-Moos, Sproß einer altbayrischen Adelsfamilie, stand erst in diplomatischen Diensten und war Legationsrat an der bayrischen Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl, ehe er Theologie studierte und Priester wurde. Den erfahrenen Diplomaten nahm 1917 der Nuntius Eugenio Pacelli, heute Pius XII., mit nach Berlin und ins Kaiserliche Hauptquartier, als der Vatikan den Frieden zwischen den Mächten zu vermitteln suchte.
Der USA-Botschaft in Rom - beim Vatikan unterhält Washington keine ständige diplomatische Vertretung - gehörte Spellman von 1925 bis 1932 als Vertrauensmann des USA-Staatsdepartements und als Uebersetzer der päpstlichen Verordnungen und Enzykliken an. Von Rom ging er als Stellvertreter des Bischofs von Boston nach den USA zurück, wurde dann Bischof von Newton Center und übernahm 1939 die Leitung der Erzdiözese New York.
Spellman erscheint wie kaum ein ananderer als die Verkörperung des amerikanischen Katholizismus. Seine Glaubensgenossen in den Staaten nennen ihn gern "Man number two", den Mann Nr. 2 in der katholischen Welt. Einige sehen in ihm schon den künftigen Papst.
Abgesehen von solchen Zukunftsspekulationen kommt Spellmans Aufgeschlossenheit für alle Seiten des modernen Lebens seiner führenden Stellung im USA-Katholizismus entgegen. Als Seminarlehrer in Rom unterwies er die jungen Priesterschüler im Boxen und im Rugbyspiel. Den Papst, der mit ihm die Vorliebe zur Alpinistik teilt, begleitete er auf mehreren Hochgebirgstouren. Als er schon etliche Stufen in der kirchlichen Hierarchie emporgestiegen war, machte er 1926 sein Flugzeugführerexamen. Während des Krieges blieb der Militärvikar und Chef über 5370 katholische Feldgeistliche nicht in der Heimat. Er flog an die Fronten in Europa und Japan. Im Flugzeug wurde er über Deutschland verwundet.
Doch diese pausenlose Tätigkeit hinderte ihn nicht daran, allein zwischen 1942 und 1945 vier Bücher zu schreiben. "Der Weg zum Sieg" heißt das erste, "Keine größere Liebe" das letzte.
Jedes Wort Spellmans findet ein lebendiges Echo in der katholischen Kirche Amerikas, die mit fast 20 Millionen Gläubigen und 18 409 Gemeinden die größte religiöse Gemeinschaft des Landes darstellt. Ihrer Geschlossenheit stehen die evangelischen Kirchen in einer fast unübersehbaren Zersplitterung gegenüber, die zahlenmäßig stärksten unter ihnen sind die Methodisten und Baptisten mit je rund neun Millionen Anhängern.
So modern wie ihr Kardinal, so modern ist die Kirche. Alle Mittel und Möglichkeiten der neuzeitlichen Technik stellt sie in ihren Dienst. Da ist es nichts Besonderes, wenn etwa Nonnen aus einem der 205 Frauenorden den Traktor über den Acker steuern und an den Festtagen zum Te Deum in der kubisch gebauten Klosterkirche das Horn blasen.
In vollem Ornat sehen sich auch Kardinäle ähnlich Konrad Graf von Preysing (links) und Francis J. Spellman
Auf dem Traktor Schwester am Steuer

DER SPIEGEL 11/1947
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