22.03.1947

Ein Film kam wieder ans Licht

Noch vor kurzem galt der Film "Schaffende Hände" als verschollen: der Film, der 150 Maler und Bildhauer in ihren Ateliers bei der Arbeit zeigt. 35 000 Filmmeter waren es, mit etwa 1,5 Millionen Einzelaufnahmen.
Der Film wollte von Anfang an mehr als eine Reportage sein. Er will Einblick geben in das künstlerische Schaffen und die gestaltende Kraft der Hände zeigen, die suchend, tastend, formend am Werke sind.
Während des Krieges war der Film aus dem Berliner Reichsfilmarchiv nach auswärts gebracht worden. Bei Kriegsende war er verschwunden. Die Lagerstätten waren teils vernichtet, teils ausgeplündert worden.
Dr. Hans Cürlis, der den Film in jahrelanger Arbeit gedreht hatte, gab ihn verloren. Er äußerte das in einem Gespräch, und eine Berliner Zeitung brachte darüber eine kurze Notiz.
Darauf meldete sich ein Filmvorführer aus Berlin-Dahlem: Er war im Besitz des Films. Er ist nebenher Amateur-Maler und hatte den Film als Vorbild für seine Liebhaber-Malerei benutzt. Er wollte aus der Technik der Künstler, die der Film so sichtbar vor Augen führt, lernen.
Es läßt sich sehr genau verfolgen, wie beispielsweise Max Liebermann, der älteste unter den deutschen Impressionisten, zeichnete: bedachtsam, treffsicher. Oder George Grosz, der scharfe Satiriker unter den Zeichnern: er setzt jeden Strich wie einen kurzen Hieb hin. Oder bei Heinrich Zille, dem Zeichner von Berlin O: sein energischer Strich bildete sich aus vielen Ansätzen, die zusammenfließen.
Käthe Kollwitz, die Graphikerin des vierten Standes, der Armen und Getretenen, läßt aus tiefen Schatten erschütternde Augen auftauchen. Otto Dix, der Maler des Schützengraben- und Kriegskrüppelelends, zeichnet mit behenden Strichen.
Der Film wurde kürzlich in Berlin einem kleinen Kreis wieder vorgeführt. Von den Künstlern, deren schaffende Hände der Film zeigt, sind die meisten tot.
Die Leinwand auf der Leinwand - auch Otto Dix wurde bei der Arbeit gefilmt

DER SPIEGEL 12/1947
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DER SPIEGEL 12/1947
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