27.09.1947

Nicht enttäuschend

Es scheint die Bestimmung General Robertsons zu sein, jeweils nach einer bestimmten Zeit von dem Platz des Zweiten auf den des Ersten aufzurücken. Zwischen den Kriegen, 1933, zog der damalige Major Robertson die Uniform aus und ging als stellvertetender Generalbevollmächtigter der Dunlop-Gummigesellschaft nach Südafrika. Nach einem Jahr war er Generalbevollmächtigter.
1945 kam der nunmehrige General Robertson als Stabschef und Stellvertreter des damaligen Oberbefehlshabers, Lord, Bernard Montgommery, nach Deutschland. Er blieb es auch, als am 1. Mai 1946 Sir Sholto Douglas an die Stelle von Monty trat. Mit dem kommenden 1. November wird er selbst Militärgouverneur sein.
Schon einige Monate nachdem der große hagere Schotte sein Stellvertreter-Amt bekleidet hatte, nannte ihn "Observer" den "mächtigsten Mann der Britischen Kontrollkommission" und "Vizekönig über ein Viertel von Deutschland". Nach Neigung und Berufung hatte Montgomery im wesentlichen die militärischen Aufgaben wahrgenommen. Verwaltung und diplomatische Arbeit fielen dem Stellvertreter zu. So blieb es auch unter Sir Sholto.
Das Drängen nach der Verantwortung ist ein Erbteil Sir Brians. Der Vater, Sir William Robertson, der erste britische Feldmarschall aus dem Mannschaftsstande, weigerte sich 1916, Chef des Empire-Generalstabes zu werden. Der damalige Kriegsminister, Lord Herbert Kitchener, hatte ihm das Amt angetragen. Aber Kitchener stand in dem Verdacht, alles selbst machen zu wollen, und in eine Scheinstellung wollte sich Sir William nicht abdrängen lassen. Erst nachdem ihm der Kriegsminister seinen wesentlichen Anteil verbrieft hatte, zog Robertson-Vater in das Kriegsministerium ein.
Für seine Aufgabe in Deutschland brachte Sir Brian alle Erfahrungen mit. Der erste Verwaltungsoffizier der 8. Armee, zu welcher Stellung ihn General Cunningham während des Krieges berufen hatte, kannte sich in allen Zweigen einer umfangreichen Administration aus. Als Verwaltungschef des Feldmarschalls Alexander in Italien, und Sizilien zu Ende des Krieges hatte er gelernt, mit einem niedergeschlagenen Volk umzugehen. Der Dunlop-Generalmanager kannte sich in allen Geschäftsfragen aus, und seine ersten diplomatischen Kenntnisse gewann er als jüngeres Mitglied der britischen Militärmission bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen.
Es wird gesagt, daß der Mann mit den durchdringenden blauen Augen, den struppigen Augenbrauen und dem dünnen rotblonden Haar nur selten lache. In seinem Hauptquartier lag bisweilen eine Atmosphäre von Furcht um ihn, so daß der "Observer"-Korrespondent ihn einmal mit einem "menschenfressenden Tiger" verglich. Aber ebenso gerühmt wird sein Ernst und seine Einfachheit, seine vollständige Objektivität und seine Entschlußkraft.
Von Freunden in England wurde der heute 51jährige wiederholt gefragt, ob er seine Aufgabe in Deutschland, nicht sehr enttäuschend finde. "Selbstverständlich finde ich das nicht", war seine ständige Entgegnung. Er bestritt allerdings nicht, daß er Schwierigkeiten und Enttäuschungen erlebt habe und daß "der zu gehende Weg rauh und, uneben" sei.
Sir Sholto Douglas hatte von Anfang an sein Amt nur für eine begrenzte Zeit übernommen. In einer Erklärung zu seinem, wie er sagt, vollkommen freiwilligen Rücktritt sprach der 53jährige von den sieben Jahren, in denen er (gleich jenem geschichtlichen Namensvetter Archibald Douglas) die Last eines Oberbefehlshabers getragen habe.
In der Tat hat es für den Marschall der RAF keine Pause gegeben, seitdem er im November 1940 das Jagdfliegerkommando übernahm und über den Oberbefehl im Mittleren Osten und im Küstenkommando Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen in Deutschland und schließlich Militärgouverneur wurde.
Nun spricht der massige Mann in der taubenblauen Uniform mit den vielen Ordensstreifen von einem Erholungsurlaub und von einem Berufswechsel. Londoner Zeitungen sagen ihm politische Absichten voraus.
Nach sieben Jahren. Sir Sholto ist es leid, Oberbefehlshaber zu sein

DER SPIEGEL 39/1947
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