27.09.1947

Allmächtiger Marxismus

Erna Berger, Peter Anders und die anderen Sangeslustigen der Berliner Staatsoper bekamen unverhofft fünf Tage Urlaub. In ihre heiligen Hallen zog mit 1111 Delegierten und vielen Gästen aus den kommunistischen Zonen Europas der zweite Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands ein, mit viel rotem Tuch und noch mehr Organisation. Ein Heer von Saalordnern überprüfte ständig die Ausweise und verwies unberechtigte Hörer unnachsichtig.
Der "hohen geschichtlichen Bedeutung entsprechend" (Pieck) gab es eine glanzvolle Eröffnung im Scheine der unermüdlichen Defa-Scheinwerfer. Links und rechts von der Bühne waren Ständer mit fünf gebündelten roten Fahnen, darüber Riesenbilder von Marx und Engels, und ganz oben: "Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist."
Vorgesang. Als der Menschenvorhang der offenen Kehlen zurückwich, kamen hinter einem Mikrophonhain die strahlenden Zwillinge Pieck und Grotewohl hervor.
20 Minuten lang ließen sie im schlichten grauen Anzug mit dunklem Schlips das gesamte Publikum stehen. Auch Berlins weißhaariger Sowjet-Kommandant ehrte die Toten so. Die Bildreporter machen eifrig Knips-Knickse.
Otto Grotewohl, der ehemalige SPD-Führer, sieht erholt aus. Seine Augen funkeln hinter den Brillengläsern. Er spricht über den Sinn des Parteitages. "Wir wollen die Nachtschatten zwischen den Völkern verjagen zu einer besseren Zukunft." Die Hälfte des ersten Tages wird mit kräftigen Händen beklatscht. Hermann Matern, SED-Chef in Berlin, galoppiert beim Beifall eifrig vor. Pieck beklatscht mit hohlen Händen die 300 illegalen Gäste aus den Westzonen. Einige Pfuis für die Engländer. Alles, was sowjetisch ist, wird besonders herzlich begrüßt. Polit-Chef Oberst Tulpanow mit wachsamen Augen unter den schmalen Lidern spricht Worte der Sympathie der SMA gegenüber der SED. Was Grotewohl in einer Dankansprache veranlaßt ihm "ein marxistisches Herz unter dem Rock eines Soldaten" zu bescheinigen.
Auf "Bi-Deutschland", wie er sagt, ist der Mann aus dem Vaterland der Werktätigen nicht gut, zu sprechen. Das sei eine Agentur des westlichen Monopolkapitalismus und bereite mit dessen Hilfe den nächsten Krieg vor.
Nach den Hilfstruppenführern der befreundeten überparteilichen Organisationen ist die scharfe Stimme des Kommunistenführers der britischen Zone, Max Reimann, zu hören. Sportlich ohne Rock zeichnet er ein düsteres Bild der Verhältnisse in seiner Zone. Endlich schlafen die Platzanweiserinnen hitzeerschöpft ein.
Fünf Tage geht das so. Delegierte marschieren auf. Man verliest Begrüßungstelegramme von der Kommunistischen Partei Rußlands, die der SED bescheinigt, daß sie die "Avant-Garde der deutschen Demokratie" sei. Dieses Lob wird mit einem brausenden Hoch auf den "Führer Stalin" kompensiert. "Entschiedener Kampf gegen jedwede antisowjetische Hetze und jede Verleumdung.
Erich W. Gniffke referiert über die Organisation. 1,8 Millionen zählt die SED gegenüber 1,3 Millionen bei der Vereinigung. Jeder vierte Mann und jede 17. Frau der Ostzone sind Träger des Parteibuches der verschlungenen Hände. In Berlin ist jeder 11. Mann und jede 48. Frau Mitglied. Jeder dritte zugelassene Student ist SED-Genosse. Bei den nicht zugelassenen ist die Zahl allerdings nicht so SED-günstig.
Grotewohl ist der intellektuelle Kopf der SED, darum ist er nicht so volkstümlich bei den Genossen wie der Vater der Einheit. Mit dem Neun-Punkte- Hauptreferat des Parteitages sammelt er Punkte bei der Gunst dar Delegierten. Der Wuppertaler Oskar Hoffmann dediziert ihm auf einer Massenversammlung auf dem August-Bebel-Platz den Ehrentitel "August Bebel der Gegenwart". Das amerikanische Monopolkapital Bizonesiens und die SPD bekommen Grotewohl-Stiche. Als er von der "persönlichen Intransigenz" Dr. Schumachers spricht, klatscht der zweite CDU-Vorsitzende Ernst Lemmer am längsten und nickt mehrmals.
Die Wirtschaftspolitik der SED erläutert Walter Ulbricht. Spitzbart und gelichtetes Haar pflegt er sorgsam zur frappierenden Lenin-Kopie, Wenn man seine sächsisch weiche Stimme hört, vergeht die Aehnlichkeit. Außerdem trägt er eine sehr bürgerliche Brille. Unbewegt, die Hände links und rechts vom Konzept, liest er ab. "Die Interessen der Arbeiterschaft erfordern die entschiedene Ablehnung des Marshall-Plans." Er entwickelt die Theorie eines deutschen Plans. Kampf gegen Korruption und Volkskontrolle der Produktion sind Hauptpunkte seiner Rede.
Ulbricht legt einen fertigen Aufbauplan vor. Er will ihn auf drei Jahre befristet wissen. Gleichsam als Auftakt ermuntert er die Nutznießer der Bodenreform im Osten Neubauern genannt, die ehemaligen Herrenhäuser abzubauen und aus den alten Ziegeln ihre Neubauernhöfe zu mauern.
59 Diskussionsredner zermürben die Reporter. Mitten unter ihnen sitzt der Ex -Lizenziat Emil Carlebach aus Frankfurt. Ueber seinen Besuch bei General Clay sagt er nichts. Erich Weinert mit langen Locken bringt Gedichte.
Otto Grotewohl findet im Schlußwort noch eine Spitze gegen den "Tagesspiegel". Dort hatte Wilhelm Röpke aus Genf geschrieben: "Man konnte keinen Hottentotten zum Nationalsozialisten manchen, weil man ihn unmöglich von dieser wirren Theorie des 'Herrenvolkes' überzeugen konnte. Aber man kann ihn im Handumdrehen zum Kommunisten machen." Begeistert ruft Grotewohl: "Jawohl, man kann einen Hottentotten sofort zum Kommunisten machen. Aber nicht weil er Hottentotte ist, sondern weil die marxistische Lehre die lebensvolle Verbrüderung aller unterdrückten Völker bedeutet."
Für Pieck und Grotewohl gibt es Nelkensträuße. Die SED-Bildberichterstatter überstürzen sich.
Die Wahl geht ohne Schwierigkeiten vor sich. Per Akklamation mit minutenlangem Beifall überschüttet, werden Pieck und Grotewohl wiedergewählt. Auch Oberst Tulpanow in seiner Ehrenloge erhebt sich zu ihren Ehren.
"In dieser historischen Stunde . . . Einheits-Parteitags-Eröffnung
*) "Tagesspiegel" und "Neues Deutschland" hatten beide mit einem Leitartikel den SED-Parteitag vorbereitet. Siehe hier neben.

DER SPIEGEL 39/1947
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