27.09.1947

NEUES DEUTSCHLANDGenosse Delegierter!

Herzlich willkommen in Berlin, der Hauptstadt Deutschlands! Wir beglückwünschen Dich zu dem Vertrauen der Genossen, die Dich nach Deinem Verdienst in den höchsten Rat der Partei gewählt haben ...
Niemand kann auf die Dauer Deutsche trennen, die für Demokratie und Frieden
kämpfen. Das neue, friedliche Deutschland wird allen Gewalten zum Trotz sich erhalten, nie sich beugen, kräftig sich zeigen. Die "Arme der Götter", die Goethe zum Gelingen herbeiruft, das sind heute: der unbeugsame Wille aller aufrechten deutschen Sozialisten und ihre antifaschistische Einheit im Kampf für die beste und edelste Sache der Welt, für den Sozialismus!
Du. trägst, Genosse Delegierter, eine große Verantwortung nicht nur vor unserer Partei, die wir lieben, sondern vor unserem ganzen Volke, dem in gleicher Weise unsere Liebe gehört. Es geht um Deutschland! Als die alliierten Nationen in dem ihnen von Hitler aufgezwungenen Krieg die deutschen Grenzen überschritten, da war nicht Deutschland, da war nur der Hitlerfaschismus in Gefahr. Heute, nachdem der Hitlerfaschismus sein verdientes Ende gefunden hat, ist die Einheit Deutschlands in Gefahr ...
Die im Westen nicht endgültig vernichteten Kräfte der Reaktion, erstarkt nicht zuletzt durch die Aufrechterhaltung der Spaltung der Arbeiterklasse, haben sich mit der monopol-kapitalistischen Weltreaktion verbunden, um Deutschland, das sie in der Vergangenheit von innen "aufrollten", heute von außen durch Zerreißung in zwei Teile zu zerstören. In dieser außerordentlich ernsten Lage, zwei Monate vor der Londoner Konferenz der vier Außenminister, tritt unser Parteitag zusammen ...
In selbstkritischen Diskussionen, wie nie zuvor in einer anderen deutschen Partei, haben zehntausende Genossen, oft gemeinsam mit Parteilosen, vor diesem Parteitag die eigene Arbeit überprüft. Das Ergebnis, soweit es sich um die negativen Zeiten handelt, läßt sich in wenigen Sätzen, zusammenfassen: In der Ostzone sind nicht alle Früchte gereift, auf die wir hoffen durften.
Weil wir eine solche ernste Haltung, zur Politik haben, deshalb können wir offen sprechen, können wir ins gegenseitig korrigieren und in jeder Phase vor der Oeffentlichkeit zur Verantwortung stellen.
Keine Partei kann nachträglich den verlorenen Krieg in einen siegreichen verwandeln, und keine Besatzungsmacht könnte das bewirken, selbst wenn sie - sprechen wir hypothetisch - es wollte. Keine Partei kann und keine Besatzungsmacht wird uns von Reparationen und Demontagen befreien, die wir dem großdeutschen Machtwahn der Ruhrmonopolisten in erster Linie zu verdanken haben. Kein "Plan" und keine Anleihen können Deutschland helfen, wenn Junker, Konzernherren und große Pgs weiter in ihren Machtpositionen bleiben ...
Wir sind sicher unseres Sieges, denn die von uns verwirklichte Einheit der Arbeiterklasse hat erstmalig wieder in Deutschland eine Partei geschaffen, die sich die größten Aufgaben stellen kann. Aus zwei Gründen: erstens als Folge der Ausschaltung jeder Selbstzerfleischung im sozialistischen Lager, zweitens wegen der Treue unserer Partei zum Marxismus. Weder Doktrinarismus noch Opportunismus wird uns in die Irre führen. Wir bekennen uns zum lebendigen Marxismus.
Diese Partei, mit den bewährten Steuermännern, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl an der Spitze, vertrittst Du, Genosse Delegierter, heute an sichtbarster Stelle. Hüte ihre Einheit wie Deinen Augapfel ...

DER SPIEGEL 39/1947
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