27.09.1947

Keiner muß wählen

Im Wirtshaus des Gastwirts Emmerich, eines 51jährigen Junggesellen und stadtbekannten Saarburger Originals, saßen ein paar Männer um einen Tisch herum. Sie warteten auf die Wahlergebnisse des Kreises Saarburg, der seinen Kreistag und einen Abgeordneten für den rheinland-pfälzischen Landtag wählte. Es waren die Köpfe des "Christlichen Heimatbundes". Sein Leiter, der 48jährige Schullehrer Karl Rassier, ein 1933er Pg und Sozialdemokrat, war gerade im Gespräch mit einem jungen lebhaften Mann versunken, der vor der Tür sein kleines Auto mit viel Sprit und zwei jungen Damen abgestellt hatte.
"Müller", hatte der junge Mann sich vorgestellt und dann geheimnisvoll flüsternd hinzugefügt, er heiße eigentlich gar nicht Müller, aber seinen richtigen Namen könne er leider nicht verraten. Nein, aus Saarburg sei er nicht, sondern aus dem Saargebiet, sagte er auf eine diesbezügliche Frage, die vor dem 8. Juni überflüssig gewesen wäre; denn bis zu diesem Zeitpunkt war der Kreis Saarburg ein Teil des Saargebietes.
Die Franzosen hatten ihn gleich nach der deutschen Kapitulation dazugeschlagen. Am 8. Juni wurde er dann, wieder an Rheinland-Pfalz zurückgegeben. Der junge Mann, der sich Müller nannte, war aus, dem Saargebiet herübergekommen, um die zu besuchen, die mit dieser Rückgliederung nicht einverstanden waren und darum den "Christlichen Heimatbund" (Parole: "Heim zur Saar") gegründet hatten.
Viele behaupteten, sie hätten das weniger aus saarländischer Gesinnung getan; als der höheren Saar-Lebensmittelrationen wegen. Der "Christliche Heimatbund" hatte besonders aus Normalverbraucherkreisen regen Zulauf, wenn er in der Stadt Saarburg oder in der großen Gemeinde Konz Volksversammlungen veranstaltete. Der junge Mann namens Müller organisierte einige.
Die Regierung von Rheinland-Pfalz in Koblenz wollte ihren neuen Kreis eigentlich schon am 27. Juli seinen Landtagsabgeordneten wählen lassen. Aber sie bremste ab, weil sie einen Wahlboykott des CHB fürchtete.
Sie hatte recht mit ihrer Befürchtung. "Wahlrecht ist nicht Wahlpflicht! Keiner muß wählen, und jeder kann in dem Wahltheater mitspielen! Er kann ungültig wählen, indem er den Stimmzettel ganz durchkreuzt", hieß es auf den Flugblättern des CHB, die jetzt den ganzen Kreis überschwemmten. Keine der deutschen Parteien konnte gegen diese aufgewandten Papiermengen konkurrieren. Das ganze Land werde solidarisch die Not des Kreises tragen helfen, war das einzige, was Ministerpräsident Peter Altmeier in Saarburg und Konz zur Wahl versprach.
67 Prozent der Wahlberechtigten haben gewählt. Die CDU hat mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen erhalten. Ferner liefen, Demokraten, Sozialdemokraten und Kommunisten.
Die Männer des CHB waren zufrieden. 32 Prozent hätten überhaupt nicht gewählt, rechneten sie, und 19 Prozent der Stimmen seien ungültig. Das mache 51 Prozent für den "Christlichen-Heimatbund". Es gab enorme Siegesfeiern. Die deutschen Parteien meinten, Wahlmüdigkeit gebe es überall, nicht nur in Deutschland und die Rechnung des CHB sei milchmädchenhaft.

DER SPIEGEL 39/1947
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