27.09.1947

Nur Tarnung

Ich werde natürlich Berufung einlegen", sagte Wilhelm Simpfendörfer, Württemberg-Badens ehemaliger CDU-Kultminister, zu seinem Sohn, als er gerade als Minderbelasteter eingestuft worden war. Vergeblich versuchte der Sohn, seinen Vater mit dem Leib gegen die aufdringlichen Bildreporter zu schützen. 1000 RM muß er zahlen, verliert sein aktives und passives Wahlrecht und muß 6000 RM Prozeßkosten tragen. Als Schullehrer und Prediger soll er weiter tätig sein dürfen. Er wußte es schon vorher. Parteifreunde hatten nicht dicht gehalten.
Der Festsaal der Jahn-Schule in Stuttgart-Feuerbach war der erste Schauplatz der geistigen Klimmzüge Wilhelm Simpfendörfers. In einem Opelwagen war er damals vorgefahren und hatte neben seiner Familie die halbe Einwohnerschaft seines Heimatstädtchens Korntal mitgebracht. Dem Spruchkammervorsitzenden Dr. Walter Molt mißfiel die zur Schau getragene Solidarität der Korntaler mit ihrem Mitbürger offensichtlich. Er verbot den im Saal Anwesenden, die im Vorzimmer lauernden Zeugen über den Sitzungsverlauf zu orientieren.
Der öffentliche Kläger Erwin Stumpp, ein bescheiden aussehender Herr mit täglich wechselnder guter Garderobe, warf dem Betroffenen 12 Schreibmaschinenseiten lang vor, er habe durch seine Haltung in der Reichstagssitzung vom 23. März 1933 und in den späteren Jahren Hitler und den Nationalsozialismus außerordentlich unterstützt.
Drei Punkte wurden ihm besonders zur Last gelegt: sein Gastverhältnis zu der Reichstagsfraktion der NSDAP; die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz und prohitlerische Auslassungen in seinem Organ "Der evangelische Weg".
"Ich nahm nur Fühlung mit der Reichstagsfraktion der NSDAP, um überhaupt noch politisch tätig sein zu können", verteidigte sich der ehemalige Chef des "Christlich-sozialen Volksdienstes". Sonst erinnere er sich an diese Zeit gar nicht mehr. Die Artikel im "Evangelischen Weg" seien Tarnung gewesen. "Denn nur so konnte ich weiter gegen Hitler kämpfen."
Der Kläger reduzierte seine Ansprüche und forderte die Einstufung in die Klasse 2 der Belasteten. Des Betroffenen Rechtsbeistand Rudolf Burk tippte auf "nicht betroffen". Die Kammer vertagte sich. "Er wird Belasteter", erzählte der KPD-Beisitzende in der Straßenbahn. Dr, Walter Molt fuhr in Urlaub.
Vor den Kulissen von "Biographie und Liebe" tauchte er wieder auf. Das Stuttgarter "Intime Theater" war für die Urteils-Verkündung beschlagnahmt worden. Molt ließ einen Belastungspunkt nach dem anderen unter den Tisch fallen und erkannte Simpfendörfers Tarnungspolitik an. Nur bei dem von Simpfendörfer Unterzeichneten Wahlaufruf im "Evangelischen Weg" empfand Dr. Molt die Anklage als berechtigt. Das könne man nicht mehr Tarnung nennen.
Franz Karl Maier, Lizenzträger_ der "Stuttgarter Zeitung", saß am dem Pressetisch. In seiner öffentlichen Anklägerzeit hatte er den Stein ins Rollen gebracht. "Wissen Sie, es ist mir ganz gleichgültig, in welche Stufe man ihn einreiht; es ging mir nur darum, ihn als Kultminister abzusägen, sagte er nun.

DER SPIEGEL 39/1947
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