27.09.1947

Rußland darf mitmachen

Dr. Leuchtgens hat große Sorgen. "Das ist ja ein "vicious circle", rief er aus. "Sehen Sie", erklärte er einem ihn interviewenden Pressevertreter, "die Militärregierung sagt, ich müßte erst mehr Mitglieder haben, bevor sie meine Partei als Landespartei zulassen könne. Ohne diese Zulassung jedoch kann ich keine öffentlichen Werbemittel wie z. B. den Rundfunk, benutzen, und also nicht genügend Mitglieder werben. Aus diesem unsinnigen Kreislauf müssen wir heraus, dann erst können wir richtig loslegen.
Die National-Demokratische Partei hat nämlich erst wenig mehr als 700 Mitglieder. "Die hervorragende Eigenschaft des Nachkriegsdeutschen ist Angst, sehr große Angst, sagte der weißhaarige Doktor, der mit Bernard Shaw einige Ähnlichkeit hat. Kein Mensch habe den Mut, sich zu einer bestimmten Parteirichtung zu bekennen. Daran sei aber nichts weiter als "unkluge Entnazifizierung" schuld.
Der ehemalige Seminarlehrer, der in Friedberg, unweit Frankfurt, in einer gemütlichen Dreizimmerwohnung lebt, hat trotz seiner 70 Jahre mit der National-Demokratischen Partei viel vor.
In Flugblättern, adressiert an alle "freien, wohlgesinnten Deutschen", ruft er zur Bildung einer "großen bürgerlichen Einheitspartei" auf und fordert das Zweiparteiensystem für Deutschland.
"Wir müssen uns heute politisch nach England und den USA richten", meint er. In diesen Ländern gebe es auch nur zwei Parteien - eine linke und eine rechte.
Mit dem Staatskommunismus - sei er nun nationaler oder internationaler Prägung - müsse man in Deutschland endlich einmal Schluß machen, nachdem man ihm 200 Jahre lang gehuldigt habe. Dem will er eine auf den Ueberlieferungen der Jahrhunderte fußende "demokratische Bürger-, Arbeiter- und Bauernpartei" entgegenstellen.
Leuchtgens, der ein eifriger Leser der anglo-amerikanischen Presse ist, fühlt sich besonders den englischen Kreisen eines Winston Churchill und den amerikanischen republikanischen Kreisen der Senatoren Taft und Vandenberg nahestehend.
"Wir sollten uns die angel-sächsische Lebensweise zum Vorbild nehmen und endlich einmal die Macht des bisher allmächtigen Staates brechen", sagt Leuchtgens. "Wir möchten ein schwaches, bundesstaatliches Deutschland, in dem der Staat nichts weiter zu tun hat, als für Ruhe und Ordnung zu sorgen".
Die Hauptstadt des von ihm erstrebten Bundesstaates soll Frankfurt am Main sein: Aus traditionellen Gründen und auch "weil Berlin bereits auf slawischem Gebiet liegt". Er beeilte sich aber hinzuzusetzen, daß er die Ostzone keineswegs abschreibe. Die sei zum Wiederaufbau unbedingt nötig.
Vom Sozialismus möchte Leuchtgens überhaupt nichts wissen. Der führe nur über die Versklavung des Individuums, zum totalitären Staat. Dasselbe gelte auch für den Kollektivismus. "Meine Partei ist bis jetzt die einzige Rechtspartei in Deutschland. Alle anderen zur Zeit bestehenden Parteien sind mehr oder weniger Linksparteien."
Besonders schwer im Magen liegt ihm die neugegründete Republikanische Union Deutschlands. "Ihr Gründer, Wolfgang E. Breithaupt, wollte ursprünglich mit uns zusammenarbeiten. Aber nachdem er von uns Unterstützung empfangen hatte, ließ er uns schmählich im Stich; ging nach München und machte seinen eigenen Laden auf." Leuchtgens hat ihn abgeschrieben und will mit ihm nichts mehr zu tun haben.
Etwas ganz Neuartiges und Besonderes hat er sich für die Schaffenden ausgedacht. Er will "Berufsstände" schaffen, an deren Spitze "Berufsstandkammern" stehen. Sieben an der Zahl. Sie sollen für die Berufsausbildung und soziale Betreuung der Mitglieder verantwortlich sein.
Obenan stehen die Bauern. Dann kommt der Handwerkerstand, danach die Kaufleute. Es folgen die Angestellten, Beamten und Arbeiter. Die letzten in der Reihe sind die Gelehrten und Künstler. Professionelle Politiker stehen nicht auf seiner Liste.
Der ehemalige KZ-Insasse weist besonders gern darauf hin, daß er bereits im Herbst 1945 ein vereinigtes Europa in sein Parteiprogramm aufgenommen habe. Unter englischer Führung sollen alle westeuropäischen Staaten darin vertreten sein. Das faschistische Spanien will er nicht als Mitglied sehen. Aber Rußland und seine Satelliten könnten jederzeit beitreten. Wenn sie Lust hätten.
Wie George Bernard Shaw
Leuchtgens legt los

DER SPIEGEL 39/1947
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