27.09.1947

Flüchtlings-Freiherr

Die Vertreter der Militärregierung horchten auf, die Presseberichter erwachten aus ihrer Lethargie und beugten sich angeregt vor, als das Zonenbeiratsmitglied Görlinger Aufsehen erregende Mitteilungen von einer deutschen "Exil-Regierung der Ostvertriebenen" machte. Dies geschah im Zonenbeirat anläßlich der ausgedehnten Debatte über das Koalitionsrecht der Flüchtlinge.
Robert Görlinger, der Bezirksbürgermeister in Köln und Vorsitzender der SPD von Nordrhein-Westfalen ist, berichtete, daß auf Schloß Kappenburg bei Lünen in Westfalen, dem Stammsitz der Freiherren vom Stein, ein gewisser Graf Kanitz sich zum Chef dieser Exil-Regierung, gemacht habe, deren geistiger Vater der Freiherr von Rheinbaben sei.
Görlinger hatte diese Informationen vertraulich von seinem Freund Werner Jacobi bekommen, der, gleich ihm der SPD angehörend, Oberbürgermeister von Iserlohn und Lizenzträger der "Westfälischen Rundschau" ist. Dr. Jacobi war nicht sehr erbaut, daß seine Ermittlungen auf diese Weise etwas verfrüht publik wurden. Denn inzwischen hatten seine Gewährsleute einige Punkte berichtigt:
"Graf Kanitz hat gar nichts damit zu tun, er ist ein ehrenwerter Trottel, der viel zu malade ist und gar keinen Ehrgeiz hat. Auch Freiherr vom Stein hängt mit den Rheinbaben-Plänen nicht zusammen." So Jacobi.
Auf den rührigen Freiherrn Wilhelm von Rheinbaben ist das 39jährige blondgelockte Iserlohner Stadtoberhaupt allerdings nicht gut zu sprechen. Der sehr vitale Jurist, den die Nazis acht Jahre ins KZ brachten und von dem man sagt, er sei als "Staatskommissar gegen Korruption" vorgesehen, bezeichnet den blaublütigen Großgrundbesitzer als einen "Chancenjäger mit politischen Ambitionen".
Der 63jährige Ostelbier, der fünf große Güter im heute von Polen besetzten Gebiet besaß, ist Experte im Vereinsgründungswesen. Kaum war er 1945 bei seinem Vetter, dem Grafen Stosch auf Haus Ruhr, mit einem großen Pferdetreck angekommen, als er auch schon ein "Selbsthilfe-Werk deutscher Flüchtlinge" gründete.
Damals war Jacobi Landrat des Kreises Iserlohn und mißtraute dem freiherrlichen
Treiben. Kurzerhand ließ, er die Korrespondenz Rheinbabens beschlagnahmen und stellte fest, daß die inzwischen von Rheinbaben vereinnahmten Flüchtlins-Spenden von diesem und seinem Sekretär, Herrn Heinemann, in Form von Reisespesen verausgabt waren.
Das "Selbsthilfewerk" löste sich auf. Man schritt zu neuen Gründungen. Zunächst folgte die "Interessengemeinschaft der Kriegsgeschädigten" und als die Paneuropa-Gedanken sich ausbreiteten, die "deutsche Liga für föderalistische Union Europas". Diese neuen Gründungen gingen auf. Die Interessengemeinschaft im Nichts, die Liga im "Europäischen Bund".
Dort hatte man Herrn von Rheinbaben zunächst mit in den Vorstand gewählt, als sich fünf von den acht Pan-Europa-Vereinigungen zusammentaten. Dann aber überrundete der Herausgeber der "Stuttgarter Nachrichten", Konsul Henry, Bernhard, seinen Konkurrenten, der 37er Pg. war.
Den unverdrossenen Freiherrn focht das nicht an. Bankier Pferdmenges in Köln versprach Kredit und Rheinbaben in vielen Massenkundgebungen seinen Schicksalsgenossen Hilfe. Er war inzwischen nämlich in den Vorstand des "Hauptausschusses für Ostvertriebene" gewählt worden und trug sich mit neuen Gründungsplänen, z. B. eines "Verbandes für vertriebene Industrielle".
Bei solch einer Versammlung hatte der Redner, ein gewisser Karl Hitze aus Rheidt, im Eifer des Gefechtes das Wort von der "Exil-Regierung" der Ostvertriebenen gesprochen. Die Versammlungsteilnehmer, unter denen sich zahlreiche Träger adliger Namen befanden, applaudierten lebhaft.
Rheinbaben hielt diese Redensart wegen ihrer besonderen Prägnanz für nicht ungeschickt gewählt, widersprach daher nicht und gab seinem Gegner Jacobi somit die Achillesferse frei. Der SPD-Bezirkssekretär Gleißner zeigte sich (nach Angaben des Freiherrn) über die Anwürfe seiner Parteifreunde empört.
So glaubt Dr. von Rheinbaben, daß er die SPD doch bald wieder auf seiner Seite haben könne. Sie wird sich überzeugen müssen, daß ich ihr keine Konkurrenz machen will. Auch mit den Kommunisten stehe er sich gut.
Der rüstige Paneuropäer und CDU-Mann, der sich sozusagen in den besten Gründerjahren befindet und dessen Mutter Französin war, wirbt vor allem für, die Rückgabe der Ostgebiete. Noch hat die Militärregierung keinem seiner Vereine die Lizenz erteilt.
Der Hintermann der Exilregierung -
Wilhelm Freiherr von Rheinbaben
Der Hintermann der Unionsregierung: Josef Müller (ganz rechts)
Mit ihm wurden Minister (l. u. r.): Ankermüller, Krehle, Seidel

DER SPIEGEL 39/1947
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