27.09.1947

Beflügelter Ehard

Am Tage, bevor sich der Länderausschuß der sozialdemokratischen Partei Bayerns in der räuchrigen Bierstube eines Münchener Vorortes zu dem Entschluß, durchrang, die diesjährige Regierungskoalition zu sprengen, trafen sich in dem feudalen, teppichgeschmückten Ministerzimmer des Kultusministeriums die beiden Flügelmänner" der Christlichen Union: der schwarzbärtige Pestalozzi-Pädagoge Dr. Dr. Alois Hundhammer*) und Dr. Josef Müller.
Nach einer vorsichtig geführten Unterredung begegneten sie sich brüderlich und vereinbarten, gemeinsam das neue CSU-Kabinett zu machen. Dr. Müller will so den Hundhammer-Flügel gewinnen, um mit ihm Dr. Ehard, der sich durch seine ausgleichende Farblosigkeit zum stärksten Mann der CSU entwickelt hat, wieder unter den Daumen zu bekommen. Dr. Hundhammer tat so, als habe er den Glauben, den protestantisch-zentralistischen "Ochsensepp" zu seinem konservativen Dogma bekehrt zu haben.
Der alte Canaris-Offizier Dr. Müller schloß mit Dr. Hundhammer ein Geheimbündnis, um den Ministersessel besteigen zu können. Er sicherte sich aber auch das Einverständnis von Landwirtschaftsminister Dr. Baumgartner, dem erklärten Führer des Bauernflügels der Union. Dr. Baumgartner hatte Dr. Müller noch vor kurzem den "Totengräber der Union genannt, weil er die Wahl Dr. Schlange-Schöningens zum Direktor der bizonalen Hauptverwaltung für Ernährung und Landwirtschaft unterstützt und somit die Interessen Bayerns gröblichst vernachlässigt habe.
Nun erklärte Dr. Müller, er werde seine Frankfurter Scharte auswetzen, und nichts mehr stand im Weg; die gegenseitigen Meinungsverschiedenheiten "freundschaftlich beizulegen".
Dies nun tat Alois Schlögl, dem Generalsekretär des bayrischen Bauernverbandes und Führer des "linken Bauernflügels", in der Seele weh, denn er hatte schon mit den sozialdemokratischen Gewerkschaftsführern ausgemacht, gegen eine reine CSU-Regierung und für die Auflösung des Landtags zu stimmen. Nun, stand der rotköpfige Bauerndoktor mit seinen nach links schielenden Mannen isoliert da, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als leise murrend mitzumarschieren.
Das ist das Fundament, auf dem das vierte Kabinett Bayerns die "Union der Union" aufbaut. Dr. Müller, der Außenminister", ist ihr starker Mann. Er wird versuchen, seine Parteifreunde mattzusetzen, wobei Dr. Hundhammer in der Gefahrenzone eins steht.
Die übrigen neuen Minister, bisher wenig profilierte Köpfe, versprechen keinerlei Ueberraschung. Dr. Hans Seidel, der' jetzige Wirtschaftsminister, ein ehemaliger Rechtsanwalt aus Aschaffenburg und Müller-Mann, gilt als der kommende Mann der Union. Dr.Willi Ankermüller, der zum Innenminister avancierte Jurist, ist ein anhänglicher Hundhammer-Knappe. Heinrich Krehle, der neue Arbeitsminister, ein ruhiger christlicher Gewerkschaftssekretär, will die Regentschaft seines Premiers unterstützen.
Dr. Ehard indessen schwebt bei diesem "Flügelschlagen" über den Wolken. Seine Regierungszeit ist durch die Verfassung für vier Jahre gesichert. Auch in diesem Punkt besitzt er eine unerschütterliche Verfassungstreue.
*) Als Kronzeuge für die von ihm wieder eingeführte Prügelstrafe in den Schulen führte der bayerische Kultusminister jetzt den Schweizer Pädagogen an: Auch Pestalozzi sei als Verfechter der Prügelstrafe seinerzeit heruntergerissen worden.

DER SPIEGEL 39/1947
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