27.09.1947

Witziger Cripps

Gelächter dröhnte durch Londons Central Hall. 2000 Unternehmer und Arbeiter freuten sich über die witzigen Bemerkungen, mit denen Sir Stafford Cripps das ernste Thema seiner Rede würzte. Er sprach über das neue Exportprogramm der Regierung, das er auf den Generalnenner brachte: "Wir müssen arbeiten, oder wir werden verhungern."
Sir Stafford war selbst der Autor des neuen Exportplans. Tag und Nacht hatte er bei seiner Ausarbeitung zugebracht. Als ihn mitten in der Arbeit einige Freunde zu kurzer Pause überredeten, fuhr er über das Wochenende zu seiner Familie nach Gloucestershire. Am Montagmorgen kehrte er mit 40 engbeschriebenen Seiten voll Notizen nach London zurück.
Der schlanke, fahle Mann ist als unermüdliches Arbeitstier bekannt. "Austere" Sir Stafford nennt man ihn auf der Insel. Nicht nur, weil er als erster das Wort "austerity" (Strenge, Einfachheit) im Zusammenhang mit den kriegszeitlichen Einschränkungen gebrauchte. Nicht nur wegen seiner steifen Haltung. Sir Stafford lebt die "Austerity" selbst vor. Er trinkt keinen Alkohol und ist notorischer Vegetarier.
Dagegen ist der Handelsminister ein starker Raucher. Trotzdem war das Foto, das ihn mit einer dicken Zigarre vor dem Haus Downing Street 10 zeigte, eine Ueberraschung für die englischen Zeitungsleser. Man hatte ihn noch nie mit seiner Zigarre an der frischen Luft gesehen. Viele hielten diese Neuigkeit für symbolisch. "Wie Winston Churchill", meinten sie. Und sprachen im gleichen Atemzug von Cripps' als einem möglichen künftigen Premier.
Es ist nicht das erste Mal, daß Cripps im Mittelpunkt solcher Gerüchte steht. Als er 1930 Solicitor-General (hoher Justizbeamter im Ministerrang) und damit auch "Sir" wurde, kommentierte Stanley Baldwin: "Da geht ein zukünftiger konservativer Premierminister." 1933 glaubte eine konservative Zeitung in ihm den "wahrscheinlich ersten sozialistischen Diktator Großbritanniens" sehen zu müssen.
Sir Stafford ist kein Politiker von Haus aus. 1889 als Sohn des späteren Lord Parmoor geboren, wandte er sich zunächst der Wissenschaft zu. Er wurde Chemiker.
Später schlug er die juristische Laufbahn ein. Mit einem Jahresverdienst von 30 000 Pfund wurde er bald einer der bestbezahlten Anwälte Englands.
Doch von Geld hielt der tiefreligiöse Mann nicht viel. Er stellte mit seiner Frau ein Budget der notwendigsten Lebenshaltungskosten auf. Den Rest seines Einkommens stiftete er für wohltätige Zwecke.
In dem Dorf Filkins, in dem er wohnte, ließ er Häuser für alte Leute, Spielplätze für Kinder und ein Schwimmbad für die Allgemeinheit bauen. "Jedermann sollte ein Recht auf diese Dinge haben", sagte er zu den Dörflern. "Deshalb sollen Sie auch niemand dafür danken."
Politisch trat Sir Stafford in die Fußtapfen des Vaters. Dieser war ursprünglich Konservativer gewesen und hatte sich dann der Linken zugewandt. Er beendete seine Laufbahn als Minister in einer Labour-Regierung.
Als er in die Reihen der Sozialisten eingeschwenkt war, kam Sir Stafford schon bald mit der offiziellen Parteimeinung in Konflikt und wurde Führer des linken Flügels. "Ihm fehlt das politische Urteilsvermögen" sagten die einen. "Er hat zu ehrliche Absichten, um ein guter Parteimann zu sein", die anderen. Die von ihm organisierte Sozialistische Liga und sein Gedanke einer Volksfront mit den Liberalen und Kommunisten waren die Signale zu seinem Ausschluss aus der Labour-Party im Jahre 1939.
Während des Krieges gab Cripps seinen Anwaltsberuf endgültig auf, um sich ganz der Politik zuzuwenden. Churchill schickte ihn als Botschafter nach Moskau. Dort wurde er einer der Wegbereiter der großen Allianz. Später ging er nach Indien, um dem Königreich Englands Freiheits-Angebot zu übermitteln. Trotz seiner alten Freundschaft zu Nehru war seiner Mission noch kein Erfolg beschieden. Schließlich wurde er Luftfahrtminister.
1945 nahm die Labour Party ihren verlorenen Sohn wieder in Gnaden auf. Heute kann sie stolz auf ihn sein. Denn Sir Stafford wird von weiten Kreisen als der erfolgreichste Minister der gegenwärtigen Regierung bezeichnet.
Nach bewährtem Vorbild Sir Stafford Cripps

DER SPIEGEL 39/1947
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