27.09.1947

Auf wankendem Thron

Eisiges Schweigen erfüllte das düstere Rund der Bukarester Konzerthalle, als König Michael durch rote Plüschtüren in die königliche Loge trat. Kurz vorher war lärmender Beifall aufgerauscht. Für Petru Groza, den kommunistisch orientierten Ministerpräsidenten. Das Kabinett und die führenden Kommunisten hatten sich am Jahrestag des Umsturzes von 1944 zu einem Festakt versammelt.
Steif und ernst saß der König allein in seiner Loge. Bewegungslos lauschte er Grozas lauten Worten, der sich selbst als Held des Coups feierte. Des Königs Beitrag (Michael hatte aus eigner Initiative Marschall Antonescu verhaften lassen, eine neue Regierung gebildet und Deutschland den Krieg erklärt) wurde mit keinem Wort erwähnt.
"Und nun", fuhr Groza fort, "werden wir mit der Austilgung, der letzten Spuren des Faschismus beginnen." Bezeichnende Pause. Rumäniens kommunistische Anna Pauker drehte ihr gewichtiges zweites Kinn in Richtung der Königsloge und starrte den jungen Monarchen lange, sehr lange an.
Ausländische Beobachter sprechen seitdem von einer bevorstehenden Staatskrise in Rumänien. Die Beziehungen zwischen Krone und Regierung, die nach der Bildung des Groza-Kabinetts 1945 bereits unterbunden und nur nach russischer Vermittlung wieder aufgenommen worden waren, seien erneut so gut wie abgebrochen.
Aus rumänischen Hofkreisen verlautete, Michael habe die Absicht, auf die Krone zu verzichten und das Land zu verlassen. Er soll bereits eine Vertrauensperson nach. Lissabon geschickt haben, um seinem nach Portugal reisenden Vater, Exkönig Carol, die Abdankungspläne zu übermitteln und ihn um Rat zu bitten.
Der 26jährige König ist der letzte Monarch innerhalb des sowjetischen Interessengebiets in Südosteuropa. Sein junger Nachbar Simeon mußte Bulgarien verlassen. Auch Jugoslawien, Albanien und Ungarn wurden Republiken. Als Michael 1940 durch die von der Eisernen Garde erzwungene Abdankung seines Vaters auf den Thron kam, hatte er bereits Erfahrung in dynastischen Komplikationen von 1926-1930 war er schon einmal König gewesen. *) Die Bilder des Knaben im Weißseidenen Anzug auf dem Thronsessel sind noch heute in Rumänien oft zu finden.
Besonders die Oppositionsparteien benutzten demonstrativ alte und neue Bilder des in allen Volksschichten beliebten Königs, tun für sich Propaganda zu machen. Obwohl Michael sich immer geschickt aus den Parteigegensätzen heraushielt, sind ihm die rumänischen Kommunisten deshalb böse.
Der elegante junge Mann in der dunklen Marschallsuniform mit den weißen Fangschnüren ist ihnen auch dadurch nicht sympathischer geworden, daß er mit dem sowjetischen Siegesorden, Rußlands höchster Auszeichnung, dekoriert ist.
Es ist nicht die einzige Gabe aus den Staaten. Noch heute fährt der schlanke, sportliche König mit Vorliebe den Jeep, den ihm die US-Army zum Präsent machte und der noch immer die amerikanische Armee-Nummer trägt. Neben Autofahren ist Fliegen seine größte Leidenschaft.
Persönliche Freunde hat der junge Herrscher Rumäniens, nur wenige: etwa ein Dutzend junger Männer, die mit ihm zusammen erzogen wurden. Sein bester Freund ist der Schäferhund Asso, mit dem er oft ausgedehnte Streifzüge unternimmt. An Assos ehemalige Herren denkt Michael allerdings nicht gern zurück. Sie haben in Rumänien keinen guten Eindruck hinterlassen: Asso wär Eigentum der SS.
*) Damals war sein Großvater Ferdinand I. gestorben. Sein Vater hatte bereits 1925 auf den Thron verzichtet, weil er sich von Frau Lupeseu Wicht trennen wollte, 1930 kehrte Carol nach Rumänien zurück, während Michael mit dem Titel "Herzog von Julia." entschädigt und wieder Groß-Woiwode wurde.
Fangschnüre für Michael
In Bukarest nicht ganz beliebt

DER SPIEGEL 39/1947
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