27.09.1947

„Vergessene des Kriegs“

Peter Zinkl, der tschechische Vize-Premier, betrachtete mißtrauisch das Liebesgabenpaket mit dem Schuckkästchen, das ihm der Postbote gerade auf den Schreibtisch gelegt hatte. Er erinnerte sich ähnlicher Pakete, die man ausländischen Ministerkollegen ins Haus geschickt hatte und die sehr explosive Liebesgaben enthielten. Er verständigte die Geheimpolizei.
Sie kam rechtzeitig genug, um im Postamt zwei weitere Sprengstoff-Postpakete sicherzustellen. Sie waren an Justizminister Dr. Prokov Drtina und Außenminister Jan Masaryk adressiert. Für Präsident Benesch war kein Paket abgegeben worden. Aber auch er sollte, ermordet werden, berichtete die tschechische Presse.
Die Fäden der Verschwörung liefen, in der Slowakei zusammen. Von dort hatte die Prager Presse seit Wochen Schlagzeilen-Stoff erhalten. Eine Alarmnachricht jagte die andere. Partisanen terrorisierten das Land.
In den unwegsamen Bergen der Karpathen an der polnisch-tschechoslowakischen Grenze wären sie zuerst aufgetaucht. Sie trugen polnische, russische und deutsche Uniformen. Sie waren mit Waffen aus aller Herren Länder ausgerüstet. Ihre Zungen redeten nahezu alle Sprachen Europas.
"Die Vergessenen des Kriegs"nannten sich jene, die gefangengenommen wurden. Es war ein, buntes Sammelsurium ehemaliger Soldaten: Hlinka-Gardisten, Wlassow-Truppen, deutsche SS. Berufsverbrecher, vieler Nationalitäten hatten sich mit ihnen zu einem Leben des Terrors, der Raubzüge und Plünderungen vereinigt.
Tschechisches Militär Wurde aufgeboten. Auch ehemalige Partisanen traten gegen die neuen Partisanen auf. Blutige Schlachten wurden geschlagen. Mehr als einmal berichtete Prag, nun sei auch die letzte Bande aufgerieben worden. Die Antwort kam von den Banden selbst: sie terrorisierten nicht nur das polnische Grenzgebiet, sondern wurden auch in der Slowakei und in Mähren sehr aktiv. Bis in die Gegend von Brünn dehnten sie ihre Tätigkeit aus.
Die Bandera-Banden taten sich besonders hervor: ukrainische Neu-Partisanen, die unter Führung des weißrussischen Generals Bandera in einer angeblichen Gesamtstärke von 20 000 Mann operierten. Teile von ihnen tauchten an der amerikanischen Zonengrenze auf und wurden interniert Die Constabulary der US-Armee verstärkte ihren Grenzschutz. Denn weitere Tausende der Banderovici werden erwartet. Sie sollen auf einer kleinen Völkerwanderung von der Ukraine durch Polen und die Tschechoslowakei nach Deutschland begriffen sein. "Wir wollen Euch beim kommenden Krieg gegen Rußland, helfen", erklärten die von den Amerikanern Internierten.
Die bei Passau auf deutsches Gebiet übergewechselten Ukrainer, bezeichneten sich als eine abgesplitterte Teilgruppe der UPA, der ukrainischen Freiheitsarmee. Zurückgebliebene Verbände dieser Armee sollen in den Gebieten von Nowy Sacz Zakopane, Babia Gora und Biala in Südpolen starke russische und polnische Truppenverbände in schwere Kämpfe verwickelt haben.
Die polnische Presse sprach von "undurchsichtiger Bandenkämpfen", an denen sich große Teile der ukrainischen Bevölkerung, Galiziens und Wolhyniens beteiligt hätten. Zur Strafe will die Warschauer Regierung zwischen 50- und 150 000 Ukrainer in das südostpreußische Gebiet von Allenstein umsiedeln. In geschlossenen Volkssiedlungen sollen sie ohne territorialen Zusammenhang mit ihrem' Volk leben.
Andere Gruppen der Banderovici haben sich zu den "weißen Partisanen" Jugoslawiens durchgeschlagen, die seit langem das Kärntner Gebiet unsicher machen. Auch nach Ungarn drangen die Freischärler vor. Sie versuchten, die Drau zu überschreiten und mit den "Kreuzfahrern" des kroatischen Generals Boban Verbindung aufzunehmen.
Die "Kreuzfahrer" und die "Weißgardisten" sind nicht die einzigen Widerstandsgruppen Jugoslawiens, die einen erbitterten Kleinkrieg gegen das Tito-Regime aufgenommen haben. Nach einem Bericht des "Manchester Guardian" sind auch an der montenegrinischen Grenze Guerilla-Streitkräfte tätig. Und in Westserbien operieren schätzungsweise 20 000 Anhänger des hingerichteten Generals Mihailowitsch.
Im Raum von Zagreb seien mehrere starke Banden der Ustaschi zu Hause, kroatische Quisling-Truppen, die eng mit den Krischari, den "Kreuzfahrern" zusammenarbeiteten, berichtet ded "Manchester Guardian" weiter. Ihr Oberhaupt sei wie in früheren Zeiten Ante Pavelitsch, der kroatische Ex-Staatschef.

DER SPIEGEL 39/1947
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