27.09.1947

Der Tod löst nicht alle Probleme

Als ein Verbrechen gegen die europäische Zivilisation bezeichnete ein Sprecher des britischen Foreign Office die Hinrichtung des früheren bulgarischen Oppositionsführers Nikola Petkoff. Die Weltpresse ist sich einig. Und die amerikanische Regierung spracht von einer "Verhöhnung des Rechts".
Schon als der Prozeß lief, den die Amerikaner mit dem Reichstagsbrandstifter-Prozeß in Leipzig vergleichen, wurde Petkoffs Leben als ein Beispiel für die tragische Ironie, des Schicksals zitiert. Er ist das Opfer eines Regimes geworden, an dessen Festigung er maßgebend beteiligt war.
Als stellvertretender Ministerpräsident hatte er von 1944 bis 1945 es geduldet, daß mehrere bulgarische Minister der Uebergangsregierungen zum Tode verurteilt und durch Genickschuß liquidiert wurden. Sie waren angeklagt, "gegen die Interessen Bulgariens und hinter dem Rücken der Sowjetunion" Waffenstillstandsverhandlungen mit den westlichen Alliierten geführt zu haben. Zu dieser Zeit befand sich Bulgarien nicht im Kriegszustand mit der Sowjetunion.
Jetzt wurde Petkoff nach dem "Gesetz zum Schutz der Volksregierung" verurteilt, weil er eine geheime Militärorganisation unterstützt habe, die die Regierung durch Gewalt stürzen wollte. Die amerikanische Presse, schreibt einmütig, die Einrichtung Petkoffs schlage "den einfachsten Grundsätzen der Gerechtigkeit und der Menschenrechte" ins Gesicht.
Im gleichen Sinn äußert sich die französische Presse. Die katholische Zeitung "L'Aube" faßt zusammen: "Die Freiheit zählt einen Märtyrer mehr". Die Blätter der Linken sind etwas sanfter. Sie bezeichnen die Hinrichtung Petkoffs mehr als einen politischen Fehler. Aber: "der Tod löst nicht alle Probleme". Nur die kommunistische. "L'Humanité" nimmt eine andere Haltung ein. Sie spricht von dem "Ende eines bulgarischen Verräters".
Die Familie Petkoff hat in der bulgarischen Geschichte den tragischen Ruf des Märtyrer-Vorrechts. Petkoffs Vater wurde im Jahre 1908 und dessen Bruder, im Jahre 1925 von politischen Gegnern auf der Straße ermordet.
Die Hinrichtung Nikola Petkoffs wird von der bulgarischen Presse als eine Staatsnotwendigkeit herausgestellt. Sie sei kein Racheakt gegen einen politischen Gegner gewesen, sondern eine unvermeidbare und gerechte Maßnahme im Lebensinteresse des bulgarischen Volkes.

DER SPIEGEL 39/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Der Tod löst nicht alle Probleme