27.09.1947

Kleine Blume Laguardia

Fiorello Laguardia kann nicht mehr Gouverneur des Freistaates Triest werden, wie es hartnäckige Gerüchte seit Wochen wissen wollten. Der seit Dezember 1946 beschäftigungslose, seit Monaten schwer erkrankte ehemalige Oberbürgermeister von New York ist am 20. September fünfundsechzigjährig verstorben.
Von seinem Vorgänger Jimmy Walker, dem "Dandy"-Oberbürgermeister von New York, hatte man gesagt, er sei nicht das beste, wohl aber das fröhlichste Oberhaupt der Millionenstadt gewesen. Von Laguardia wurde das Gegenteil behauptet. Der kleine, beleibte Mann mit dem eruptiven Temperament war keineswegs ein fröhlicher Gesellschafter.
Seine zahlreichen Gegner fürchteten seine eisige Aggressivität. Als er jedoch 1945 nach zwölfjähriger Tätigkeit als Oberhaupt der größten Stadt der Welt sein Amt aufgab, waren sich New York und Amerika darüber einig, daß Laguardia der beste Oberbürgermeister gewesen sei, den New York je gehabt hatte. New Yorks Flughafen wurde als Dank dafür nach ihm benannt.
Erster Mann von New York zu sein, ist nicht einfach. Das Urteil dieser turbulenten, geschäftstüchtigen Gemeinde ist ebenso scharf wie wankelmütig. Aber die "Kleine Blume", wie Laguardia nach seinem Vornamen allgemein genannt wurde, kümmerte sich um kein Urteil.
Er nannte die Dinge beim Namen. Er räumte auf mit Schulden, unfähigen Beamten und veralteten Verwaltungsmethoden, Er redete oft und gern und griff dabei häufig die Presse an. Im Radio schimpfte er auf Motorradfahrer, Hundebesitzer und Kaugummifabrikanten. Er dirigierte in Hemdsärmeln das Stadtorchester und stürzte bei jedem Großfeuer im Feuerwehrhelm an die Brandstätte.
Er wurde ständig karikiert, kritisiert und angegriffen. Trotzdem war er überall beliebt. Das bewies auch seine dreimalige Wahl zum Oberbürgermeister, die in der Geschichte New Yorks als ein politisches Wunder angesehen wurde.
Nur der Name und die südländische Beredsamkeit erinnerten an die italienische Herkunft Laguardias. Sein Großvater war als Gefolgsmann Garibaldis in die Staaten ausgewandert. Im übrigen war Laguardia ein Sohn des ehemals Wilden Westens Sein Vater war Militär-Kapellmeister in Arizona gewesen. Der Trapperhut mit der überdimensionalen Krempe, mit dem Laguardia sich gern in der Oeffentlichkeit zeigte, war das letzte Requisit seiner Jugendjahre unter Cowboys und revolvertragenden Sheriffs.
Vor und während des ersten Weltkrieges bereiste der bewegliche junge Mann als Redner und politischer Sonderbeauftragter Europa, wo er innerhalb weniger Jahre Italienisch und verschiedene Balkansprachen lernte. Seit 1922 republikanischer Kongreßabgeordneter, fiel Laguardias erste Wahl zum Oberbürgermeister New Yorks mit dem Beginn des demokratischen New Deal Roosevelts zusammen. Aber der unkomplizierte Tatsachenpolitiker, den seine Gegner den größten "Undiplomaten" der Welt nannten, stellte seine persönliche Meinung über die Parteidisziplin und wurde als Republikaner einer der entschiedensten Anhänger des New Deal.
Seine letzte Stellung als Generaldirektor der UNRRA führte Laguardia auf vielen Reisen in die hilfsbedürftigen Länder Europas. Er trat nie als mitleidiger Almosenverteiler, dafür aber um so häufiger als strenger Kritiker auf.
Bei einem Besuch in der Tschechoslowakei wurde ihm auf dem Flugplatz von Prag ein Humpen echten Pilsners als Willkommensgruß gereicht. Mit schriller Stimme fuhr er die erschreckten Honoratioren an, wie sie dazu kämen, aus Getreide Bier zu brauen, anstatt Brot davon zu backen.
Kein fröhlicher Gesellschafter
Fiorello Laguardia

DER SPIEGEL 39/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kleine Blume Laguardia