20.09.1947

Preßluft um den Reiter

Das gellende Lärmen der Preßluftbohrer am mächtig breiten Bamberger Dom wird mit Befriedigung aufgenommen. Es hilft, eine Mauer niederzureißen, die in den vergangenen Jahren aufgebaut war und noch immer den Blick behindert. Der Bamberger Reiter wird von seinem Schutzmantel gegen Bomben und Granaten befreit, der ihn für die Jahre des Krieges umgab. Die Mauerschicht war im Laufe der Zeit so erhärtet, daß Hacken und Meißel nicht genügten, man mußte Preßluftbohrer zu Hilfe nehmen, um die Mauer zu zerstören.
Die Anordnung der Militärregierung, des Domkapitels und des Landesamtes für Denkmalspflege kam zur rechten Zeit. Es hatten sich bereits zahlreiche Gerüchte und Legenden um das Standbild gewoben. Manche meinten, es sei gar nicht mehr vorhanden und irgendwann ins Ausland verkauft worden.
Inzwischen ist die 300 Zentner schwere Eisenbetondecke abgetragen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis auch die 64 cm dicken Mauern samt Holzmantel entfernt sind.
Aber die Ungewißheit um den Bamberger Reiter ist behoben. Er ist noch da. Von der Höhe des Gerüstes konnte ein Journalist den ersten Blick auf das Reiterstandbild werfen.
Kaum aber kommt das Standbild wieder ans Tageslicht, da beginnt bereits wieder der Streit um "Nam" und "Art". Wen, stellt der Reiter dar?
Ein unbekannter Meister schuf das Standbild in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, beeinflußt durch die gotischen Vorbilder Frankreichs. Hier trat bereits das Bestreben der gotischen Skulptur des 13. Jahrhunderts hervor, das Individuelle zu betonen, die aus der Masse hervorragende Persönlichkeit.
Aber wer stand dem Künstler zu diesem Standbild Modell? Die Kunsthistoriker stritten sich bereits geraume Zeit darüber und sahen in dem königlichen Reiter König Konrad III., andere wiederum Stephan von Ungarn oder Wilhelm von Holland. Der Kunsthistoriker Dehio nannte ihn einfach nur den- "St. Georg". Seit 1933 war er als der deutsche Nationalheros selbstverständlich der Prototyp, nordisch-rassischer Vollendung, ein Symbol deutschen Herrschaftsanspruches.
Da aber die Wissenschaft mit Jedem Jahrtausend klüger wird, ist es nicht zu verwundern wenn alle bisherigen Vermutungen wieder als überholt gelten. Der Bamberger Kunsthistoriker Dr. Morper teilte eine neue, bedeutsame Entdeckung mit, die früher nur gemutmaßt worden war: Der Bamberger Reiter ist nur ein Teil einer Figurenfolge der, Heiligen drei Könige, die sich am Lettner des Ostchores befand.
Das Gegenstück zu diesem Reiter stand am Aufgang des Ostchores. Dieser Reiter würde demnach den jugendlichen unter den Heiligen drei Königen darstellen. Seine aufrechte Haltung und sein freier Blick deuten darauf hin, daß er mit den andern nach, dem Stern von Bethlehem Ausschau hielt.
Es gibt Leute, denen die Wandlung um den Bamberger Reiter, irgendwie symbolhaft erscheint: Aus dem mittelalterlichen König wurde der nordische Nationalheros, aus dem teutschen Helden einer der Heiligen drei Könige.
Er ist noch da
Der Bamberger wird befreit

DER SPIEGEL 38/1947
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