27.09.1947

EINE „SPIEGEL“-SEITE FÜR HENRY BERNHARD

Gibt es noch eine deutsche Außenpolitik? Unter diesem Titel ist kürzlich eine Broschüre erschienen deren Inhalt hier nicht in Betracht gezogen werden soll. Lediglich von der Fragestellung soll ausgegangen werden. Es gibt Kreise im deutschen Volke, die sich früher herzlich wenig um Außenpolitik gekümmert haben, die in der Weltpolitik ein notwendiges Uebel und in den internationalen Auseinandersetzungen eine völlig verfehlte, durch nichts berechtigte Ueberheblichkeit der daran beteiligten ausländischen Staatsmänner und Politiker sahen. Nur der deutsche Machtanspruch war bei dieser, wie offen gesagt werden muß, typisch deutschen Betrachtungsweise gerechtfertigt. Heute, nun gibt es wiederum Menschen, die eine solche deutsche Außenpolitik, besser: eine "teutsche", herbeisehnen, sie fordern. Es gibt dazu Leute, die lieber heute als morgen das Auswärtige Amt wieder erstehen ließen, und es sind mehr als ein Dutzend Außenministerkandidaten vorhanden.
Also, müßte man wünschen und hoffen, daß es bald eine deutsche Außenpolitik gibt? Ich sage: nein! Und zwar mit aller Entschiedenheit, weil ich der Meinung bin, daß wir nicht wieder die alten ausgetretenen Wege zum Nationalismus führender Politik betreten wollen, sondern endlich einmal heraus müssen aus der Beengtheit unserer nationalen Vergangenheit unseres eigenwilligen Nationalgefühls unserer Kirchturms-Konzeption.
Soll ich das näher begründen? Das wurde in das undurchdringliche Gestrüpp von Vierzonen - Politik, Länderrat, Wirtschaftsrat hineinführen, würde mich zwingen, mich mit dem Völkerrecht, der Haager Landkriegsordnung, der Atlantik-Charta, dem Potsdamer Abkommen, allen nur zu bekannte schwierigen Problemen der weltpolitischen Dissonanzen auseinanderzusetzen und dazu auch noch Begriffe wie Menschlichkeit Weltregierung, Friedenssicherung zu beleuchten.
Die Frage nach einer deutschen Außenpolitik oder nach dem, was an diese Stelle treten muß, lautet ganz anders. Sie muß viel einfacher formuliert werden, sie heißt, wo steht die deutsche Jugend?
Auch diese Frage kann ich nicht beantworten ich weiß nun daß es auf diese deutsche Jugend ankommt. Und wenn ich mir das, was gegenwärtig deutsche Politik ist, ansehe und mich mit der Frage befassen muß: wie sehen unsere politischen Parteien, unsere Parlamente, unsere Gemeinderäte, unsere, Was-weiß-ich in zehn: oder fünfzehn Jahren aus, so komme ich zu dem fatalen Ergebnis - oder- könnte dazu kommen -, daß zur Zeit alles unter das Motto zu stellen ist: laßt alle Hoffnung fahren!
Aber das stimmt nicht. Falsch und hoffnungslos ist nur die Methode, mit der versucht wird, die Jugend alte Wege zu fuhren, sie in überlebte Parteiprogramme, und was es alles gibt, hineinzupressen, kurz: jungen Wein in alte Schläuche zu füllen. Da wird von Sozialismus, Liberalismus, Parlamentarismus und Demokratie geredet und geredet, werden die alten Klassengegensätze aufgerissen und weltanschauliche Kämpfe heraufbeschworen, die schrecklich und phantasielos sind. Das, was man aber auf all diesen Gebieten der Jugend an Anschauungsunterricht gibt, ist leider den Zuständen vor 1933 so verzweifelt ähnlich, daß man nur hoffen kann, die Jugend merkt es selbst und zieht schon heute die Konsequenzen. Ueberall sind gute, ausgezeichnete Ansätze dafür vorhanden, daß es neue Wege zu neuen Zielen gibt. Diese hoffnungsvollen Entwicklungen müssen nur gepflegt werden. Wie das aussehen und gemacht würden muß dafür gibt es kein Rezept.
Notwendig ist aber vor allem, daß diese Jugend herauswächst aus dem Nationalismus, daß sie den Militarismus neidlos den anderen überläßt. Notwendig ist, daß diese Jugend sich nicht alte Parteiprogramme auf den Leib heften läßt, sondern nur das wirklich Gute und Brauchbare der Vergangenheit in eine neue Zukunft rettet, daß sie aus der Geschichte des deutschen Volks vor allem das, lernt, wie wir es in Zukunft nicht machen wollen und sollen, daß sie sich darüber klar ist, wie rasch sie an die Verantwortung kommt, wie schnell die dünne Schicht, die augenblicklich, zum Teil sehr gegen ihren Willen, oben ist, die Politiker und Taktiker der Zeit vor 1933, die bedeutend mehr als, nur guten Willen zeigt, verbraucht und verschwunden sein wird. Das dauert zehn, höchstens, fünfzehn Jahre. Betrachten wir das. Ganze einmal unter diesem Gesichtspunkt. Dann wird die Jugend von heute sehen, wie wenig Zeit sie hat, in die Verantwortung hineinzuwachsen und wie tragisch die, Situation, ist, daß wir praktisch zwei "übersprungene, Generationen" in die Gesamtrechnung einsetzen müssen.
Aufgabe der älteren Politiker-Generation ist es, systematisch zu improvisieren - das klingt wie ein Widerspruch, ist aber so -, ist es aber vor allem, der Jugend nicht nur mit dem guten Beispiel voranzugehen, sondern ihr die Möglichkeit der praktischen Mitarbeit an verantwortlicher Stelle zu geben, auch wenn diese Jugend- Fehler macht. Die Alten machen auch Fehler. Mehr wie genug: Und es könnte auch sein, daß die Jugend mit einem gewissen sicheren Instinkt in aller Freundschaft auf solche Fehler aufmerksam macht, und umgekehrt. Von einander lernen ist deshalb notwendig und gut.
Es ist keine Stellungnahme gegen die Parteien, wenn ich der Meinung Ausdruck gebe, daß die Jugend sich in sachlicher, aber ernster Kritik mit den Parteien befassen, mit ihnen auseinandersetzen soll, ohne sich ihnen gleich mit Haut und Haaren zu verschreiben. Wie überhaupt das Auseinandersetzen mit den Problemen, auch den Tagesfragen das Entscheidende ist. Diszipliniertes Diskutieren ist vielleicht die, richtige Kennzeichnung dessen, was der Jugend not tut, was sie üben soll. Es gibt genug Möglichkeiten und, wo es keine gibt, wird eine strebsame Jugend sie finden. Ist das erst gelernt und artet es nicht zur Routine, aus, dann kann die Jugend, den bestehenden Parteien, einen kräftigen Impuls zu neuen Zielsetzungen geben. Man braucht nicht immer gleich neue Parteien zu gründen, Denn eine Partei, in der der Mensch alle seine Ideale und Wünsche verwirklicht sieht, gibt es nie. Gott sei Dank! Es gibt aber in den Parteien auch sehr viel Positives und gerade, das sollte die, Jugend herausfinden, beleben und fördern.
Vom Ausgangspunkt "Gibt es eine deutsche Außenpolitik?' sieht das Problem Jugend und Politik so aus, daß wir die Pflicht und Schuldigkeit haben, nicht mit alten Geschichtsunterrichts-Methoden, sondern mit modernen Mitteln, wie sie das Tages- und Weltgeschehen reichlich bieten, diese deutsche Jugend zu einer europäischen Gesinnung, zu europäischem Denken hinzuführen.
Jahrgang 1896. Traf 1911 im "Bund der Industriellen" mit Gustav Stresemann zusammen. Später engster Mitarbeiter des deutschen Staatsmannes und Liter des Ministerbüros des Auswärtigen Amtes. Als Konsul 1930 zur Disposition gestellt und 1934 verabschiedet. Schriftstellerische Tätigkeit, Herausgabe des Stresemann-Nachlasses. 1939 bis 1945 in der Literarischen Abteilung- der Daimler-Benz AG., Stuttgart. Seit November 1946 Lizenzträger der Stuttgarter Nachrichten", Herausgeber der "Stuttgarter Rundschau". Abgeordneter der Demokratischen Volkspartei und zweiter Vizepräsident im Landtag von Württemberg-Baden.
Von Henry Bernhard

DER SPIEGEL 39/1947
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