27.09.1947

Europa zuckerkrank

Statistiker zählen emsig zusammen. Es bleibt dabei: Die europäische Zuckerernte ist ein Fehlschlag. Nachdem der kriegsbedingte Rückgang durch industrielle Mängel überwunden war, hat die große Trockenheit jetzt zu einem erheblichen Ausfall auf dem landwirtschaftlichen Sektor geführt.
Europa möchte gern süßer leben. Die Uebersee-Ernten werden als gut geschildert. Kuba, die Insel des berüchtigten Blutzuckers, ist mit der Ernte zufrieden. Aber Europa hat keine Devisen, um Zucker einzuführen. Es bleibt dabei, der alte Kontinente muß sehen, daß er mit seinem Rübenzucker einigermaßen zurechtkommt.
Frankreich, Holland und Belgien befinden sich allerdings in der glücklichen Lage, Ueberseegebiete zu haben, aus denen sie Rohrzucker importieren können. Das gleiche gilt mit Einschränkungen für England. Aber es fehlt auch hier an Schiffsraum.
Seit man den Zucker kennt, gibt es Zuckerprobleme. Der Weltmarkt in diesem Produkt hat nie einen, gesunden Ausgleich gefunden. Er blieb stets einer, der unruhigsten Märkte. Immer wieder versuchte man, durch Zuckerkonferenzen, die Verhältnisse zu klären.
Ein Kuriosum ist, daß der Zuckerverbrauch sich nie nach der Produktion gerichtet hat, sondern daß die Produktion lange Zeit bemüht war, den Wünschen der Verbraucher nachzukommen. Er ist auch der einzige Artikel in der Welt, der keine Reklame braucht. Er empfiehlt sich selbst.
In Deutschland galt es bis vor wenigen Jahren noch als Luxus, mit Zucker zubereitete Dinge zu essen. Süßigkeiten waren überflüssig. In England etwa wurden durch die vielen Zucker enthaltenden Nahrungsmittel (Marmeladen, 'Keks, Konfitüren) viel höhere Zuckermengen verbraucht .
Wissenschaftler haben herausgefunden, daß der Zuckerverbrauch teilweise auch durch das Klima bedingt wird. In den nordischen Ländern ist er wesentlich höher als in den süd- oder südosteuropäischen. Bei einem Ueberblick aus dem Jahre 1937-38 (alle andern Jahre stehen zu, stark unter dem Einfluß des Krieges) hatten Dänemark, Großbritannien und Schweden den höchsten Zuckerverbrauch. Die südlichen Länder zeigten trotz starken Genußmittelverbrauchs (Kaffee) weniger süße Wünsche. Die kluge Biochemie hat das darauf zurückgeführt, daß diese Völker bereits durch die Bevorzugung von Mehlspeisen genügend Stärkezucker dem Körper zuführen.
Inzwischen hat man auch in Deutschland erkannt, daß Zucker kein Genußmittel ist, sondern ein Nahrungsmittel. Der Genuß der im, Zucker enthaltenen Kohlehydrate ersetzt den Bedarf an Fetten. Deutschland fehlt beides.
Den Zucker versucht man häufig durch Schwarzmarkt-Sacharin zu ersetzen. Aber Sacharin ist kein "Ersatz" für Zucker. Es ist ein Steinkohlenteerprodukt mit dem beinahe unaussprechlichen Namen Orthosulfamidobenzoesäureanhydrid. Es hatte bei seiner Entdeckung die Zuckerproduzenten erheblich beunruhigt. Aber es weist überhaupt keinen Nährwert auf und wird vom menschlichen Organismus nicht aufgenommen.
Auch der Holzzucker (Xylose) kann den Zuckermangel nicht ausgleichen. Er ist nur ein wichtiges Zwischenprodukt, das in der Hauptsache zur Kraftfutterzubereitung und zur Gewinnung von Treibstoff dient.

DER SPIEGEL 39/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Europa zuckerkrank

  • Fall Lübcke: Stephan Ernst legt Geständnis ab
  • Sizilien: Großbrand zerstört Dutzende Autos am Strandparkplatz
  • Der Mordfall Lübcke: Spurensuche im braunen Netzwerk
  • Hitze in Deutschland: Hier kommt die virtuelle Abkühlung