27.09.1947

Nichts zu verkaufen

Am dritten Tage bekam die zweite Journalistentagung der Evangelischen Akademie in Hermannsburg ein anderes "Kolorit", wie Landesbischof D. Dr. Lilje sagte. Verkörpert wurde es durch den Negerfahrer Julian Green aus Illionis, der den Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes, Prof. Dr. S. C. Michelfelder, im offenen Jeep aus Frankfurt in das norddeutsche Missionsdorf gebracht hatte.
"Das Unmögliche haben wir gern", meinte der 58jährige amerikanische Geistliche lachend, als er über die Widrigkeiten seines Deutschlandausfluges sprach. In Genf, seinem derzeitigen Amtssitz, hapere es mit dem Visum. In Frankfurt verweigerte das USA-Oberkommando zunächst den Wagen. In Hannover öffnete ihm erst nach langem Umherirren weit nach Mitternacht das Friederikenstift seine gastlichen Tore. Da, auf dem nächtlichen Krankenhausflur, rief der Unverwüstliche, nach neunstündiger Jeepfahrt, seinem Fahrer scherzend zu: "Paß nur gut auf, daß sie dir nicht über Nacht ein Ohr wegoperieren."
Im Juli 1945 war der Pfarrer der St.-Pauls-Gemeinde in Toledo (Ohio) nach Europa gekommen. Seitdem arbeitet er in allen Ländern dieses Kontinents für sein Ziel, die Kirchen und ihre Gläubigen aus dem "Provinzialdenken" herauszuführen. "Heute müssen wir Christen zusammenarbeiten. Zusammen müssen wir doch auch vor unserem Gott stehen.".
Das Gesicht des stattlichen, gewichtigen Mannes, der an der Uhrkette ein kleines goldenes Kreuz trägt, wechselte zwischen kindhafter Fröhlichkeit und tiefem Ernst. Ich weiß"! rief er seinen deutschen Zuhörern zu, "daß eine Scheibe Brot zu Zeiten wichtiger ist als ein Gebet". So hat er es in seinem Leben erfahren.
Als Wandermissionar durchstreifte der junge Geistliche einst den Norden Kanadas. In Pittsburg unter den Stahlarbeitern wirkte er als Volksmissionar. Damals ging er als einziger in die Gefängnisse. Heute ist es ihm eine Freude, daß jetzt drei Kaplane dort seine Arbeit an den Gefangenen fortsetzen.
Sofort schlägt er von dieser früheren Wirksamkeit her eine Brücke zu seinen deutschen Hörern. "Heute lebt ihr alle in einem großen Gefängnis." Er will helfen, die Tore zu öffnen. "Es genügt nicht, daß wir zu euch kommen. Auch ihr, und vor allem eure Jugend, müßt zu uns nach Amerika kommen."
Sein Vorgänger im Amt als Generalsekretär, Landesbischof D. Dr. Hanns Lilje D. D., bestätigt ihm freudig sein Bemühen, den Ring des Hasses und der Ablehnung um Deutschland zu sprengen. Fünfzig deutschen Delegierten hat der Amerikaner den Weg nach Lund zur Konferenz des Lutherischen Weltbundes geebnet.
Dr. Michelfelder muß erst auf die Hilfstätigkeit der amerikanischen Kirchen angesprochen werden, um überhaupt die neun Millionen Dollar, zu erwähnen, die die Kirchen in den USA bisher für Deutschland sammelten. Er will nichts rühmen. "Ich spreche nur aus dem Herzen.
Ich habe nichts zu verkaufen." Doch: "Heute muß der Christ auch eine Art Geschäftsmann sein."
Soeben hatte er sich noch als "ausgeartet" bezeichnet: Er ist der einzige Geistliche in einer Familie von Geschäftsleuten. Nun hat er doch vor einigen Monaten ein größeres Geschäft getätigt, als es je sein Vater und seine Brüder abgeschlossen. Er kaufte 90 000 Paar Schuhe für deutsche Kinder.
Der hannoversche Landesbischof mußte dem amerikanischen Amtsbruder wiederholt dolmetschen. Der Nachkomme einer 1846 aus Württemberg ausgewanderten Familie ist ganz Amerikaner. 1913 hat er zum letztenmal in deutscher Sprache gepredigt. Aber die Verbundenheit des Christenmenschen mit den Glaubensbrüdern in Deutschland blieb: Als Lilje vor dem Kriege in den Vereinigten Staaten weilte, sprach er in der Kirche Michelfelders in Toledo. Heute ist es Michelfelder, der den Besuch seines Freundes Lilje in den USA im nächsten Frühjahr vorbereitet.
Aus eigener Anschauung ergänzte ein deutscher Pfarrer am nächsten Tage den Bericht des amerikanischen; Geistlichen: Martin Niemöller D. D. stand auf der Kanzel der Hermannsburger Kirche und erzählte voraussetzungslos und doch faszinierend von seiner Reise durch die USA.
Sein gebräuntes, faltig-bewegtes Gesicht schien sich über den Kanzelrand hinweg der Gemeinde im Kirchenschiff und auf den zweistöckigen Emporen entgegenzurecken. Seine langen, ringgeschmückten Hände griffen ruhelos mit weiten Gebärden hinaus, umschlossen das Pult und schoben die Spruchdecke, das Antependium, hinweg.
Niemöller ging von seinen äußeren Eindrücken in USA aus: "In Amerika schämt sich niemand, ein Christ zu sein."
An jedem Sonntag während seines halbjährigen Aufenthalts besuchte der deutsche Pfarrer einen anderen Gottesdienst und hörte eine andere Predigt. Nun berichtet er von dem immerwährenden Thema vieler dieser Predigten: Wie werde ich ein frommer und glücklicher Mensch?
Dies nennt er die Fragestellung eines jugendlich empfindsamen Menschen und eines Optimisten: "Noch sind wir nicht ganz gut; aber vielleicht werden wir es morgen sehr."
Der deutsche Beobachter glaubt noch tiefer gesehen zu haben. Er spricht von dem Bruch, den der amerikanische Optimismus bekommen hat. Er nennt den Grund: die Atombombe. "Seit Hiroshima wissen die Amerikaner nicht mehr, wohin die Reise geht. Die Geister, die sie riefen, können sie nicht mehr bannen.
Daraus ergibt sich für Niemöller die Notwendigkeit eines Dienstes der europäischen, speziell der deutschen Christen für ihre Glaubensbrüder in den USA. "Diese Christenheit da drüben bedarf dessen, was sie uns so vielfältig gegeben hat, nämlich unserer Fürbitte."
Tags zuvor hatte der Amerikaner Michelfelder seinen deutschen Hörern schlicht bekannt: "Ihr wißt es wohl nicht, daß während des ganzen Krieges vor dem Altar meiner Kirche in Toledo für euch gebetet wurde."
Prof. Dr. Michelfelder, Toledo (Ohio)
"Ich spreche nur aus dem Herzen"

DER SPIEGEL 39/1947
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