27.09.1947

Zwei Parteien unter einer Decke

Gegenüber den zerstörten Kolonnaden am Eingang zum wiedererstandenen Staatstheater saßen die alten Damen von Wiesbaden mit Zwicker und Opernglas und schauten als Zaungäste zu, was alles der Karawane von blitzenden Limousinen vor den wachsamen Augen der Wochenschau-Männer entstieg. Das Hessische Staatstheater wurde festlich wieder eröffnet.
Auf dem Vorplatz mischten, sich Pelze und Fracks mit den blauen Sonntagsanzügen der Arbeiter und Handwerker, die das Haus in knapp halbjähriger Arbeit instandgesetzt hatten und zur Eröffnungsvorstellung eingeladen waren. Deutsche und Amerikaner, Opernfreunde und Sensationshungrige, Minister und Künstler waren gekommen und unter den Ehrengästen war auch Mrs. Clay, die Gattin des Generals.
"Ein Symbol des Wiederaufbaues" nannte Dr. Newman, der Direktor der hessischen Militärregierung, den Theaterbau. Ministerpräsident Stock wünschte, daß der Ruf der Bühne bald nicht nur über Hessens Grenzen hinweg, sondern auch weit hinaus ins Ausland dringen möge.
Als Wiesbadens Oberbürgermeister Redlhammer sprach, wandten sich die Köpfe nach oben. "Dies neue Deckengemälde", sagte er und wies dabei in die Höhe, "ist ein in seiner Art einzigartiges Kunstwerk, mit dessen Einfügung in die Architektonik des übrigen Hauses der Münchener Professor Huber ein mutiges Wagnis beging".
Der Oberbürgermeister sprach schon längst von etwas anderem, aber die Blicke der Wiesbadener und Nichtwiesbadener gingen noch lange zwischen dem von den Bomben verschont gebliebenen Pseudo-Barock-Durcheinander der Ränge und der farbigen Helle des neuen expressionistischen Deckengemäldes hin und her. Es sah ganz so aus, als habe man angestrengt zu überlegen, ob sich die beiden Stile miteinander vertrugen.
Den Herren der Presse hatte am Tage vorher Stadtbaurat Finsterwalder erklärt, daß die Schaffung dieses modernen Gemäldes in dem wilhelminischen Theater eine kulturhistorische Tat sei. Architekt Dörr hatte an Balthasar Neumann erinnert, der dem gotischen Dom in Würzburg die barocke Schönbornsche Kapelle angliederte, ohne daß Anlaß vorliege, an der Verschiedenheit der beiden Stile Anstoß zu nehmen.
Unter den Wiesbadenern aber bildeten sich angesichts des Deckengemäldes zwei Parteien. Die der Nein-Sager entpuppte sich bald als die stärkere.
Möglicherweise lag es nicht zuletzt an dieser Wirkung des Gemäldes, daß bei der feierlichen Eröffnung des Hessischen Staatstheaters eine festliche Atmosphäre nicht sonderlich hervortrat. Mozarts "Zauberflöte" brachte es gerade noch auf fünf lieb- und leblose Vorhänge.
Barock unten
Von Wilhelm II. erbaut
Expressionismus oben, von Professor Huber gemalt

DER SPIEGEL 39/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zwei Parteien unter einer Decke

  • Popocatépetl in Mexiko: Er spuckt wieder
  • Schildkröten-Prothese: Pedro läuft jetzt auf Rädern
  • Polizeieinsatz bei Premierministerkandidat: Boris Johnson wird mit Fragen gelöchert
  • Machtkampf der Tories: Der Populist gegen den Moderaten