27.09.1947

Haar- u. Lebenskünstler musikalisch

Das Corso-Theater in Zürich war auf Hochglanz gebracht worden. Eine "Welturaufführung" ging über seine geldbedeutenden Bretter: "Kleinstadtzauber" von Ralph Benatzky, ein musikalisches Lustspiel.
Ralph Benatzky hatte in seinem Haus am Thuner See vor der Uraufführung seines "Kleinstadtzaubers" eine Unterredung' mit einem schweizerischen Pressemann. Der Dr.-Komponist schreibt sich auch seine Stücke - selbst, und er sagte, die Operette sei heute vieux jeu.
"Dem musikalischen Lustspiel gehört die Zukunft. In "Kleinstadtzauber" versuche ich mich darin. Für die Operette mit ihren Leichtsinn-Librettos sind die Leute psychologisch zu anspruchsvoll geworden. Melodramatischem Nonsens will ich fortan nicht mehr musikalischer Pate stehen. Gescheiter Witz und eine bewegte dramatische Handlung sind beim "Kleinstadtzauber" nicht Requisiten, sondern wesentliche Bestandteile."
Diesen Bemerkungen entsprach der Eindruck, den in Zürich Publikum und Presse bi der Aufführung hatten, nicht ganz. Man hatte gewiß den Eindruck, daß der Kleinstadtzauber des Wiener Meisters aus Mährisch-Budwitz nicht ohne Witz sei; aber auch den an deren, daß die Melodien nicht mehr so reich und blühend strömten wie in "Meine Schwester und ich" und im "Bezaubernden Fräulein".
Immerhin war allerlei Erfreuliches zu verbuchen, so das schmissige Duett von den Männern, die es gern haben. Dieses Lied setzt, und zwar sehr graziös, die Linie der Männer fort, die alle Verbrecher sind, und der Mädchen, die es so gern haben.
Was den Inhalt angeht, so hat sich Benatzky mit kühnem Griff aus der Reihe berühmter Komödien keine geringere, als Gogols "Revisor" herausgesucht und für seine Zwecke hergerichtet. Aus dem falschen Revisor ist ein Friseur geworden, ein Haar- und Lebenskünstler, der mit Hilfe einer echten Beamtenuniform eine "musikalische" Komödie in Szene setzt.
Am Dirigentenpult stand Peter Kreuder, und auf der Bühne sah man unter der milden Hand des Regisseurs, Karl Ferber und vor den farbenfrohen Dekorationen des Bühnenbildners Professor Kainer vor allem gern Susi Nicolette, angekündigt als Mitglied des Wiener Burgtheaters.
Gern sah man auch die sehr großstädtisch bezaubernden Tanzgirls: von der Pariser Valmy-Revue. Ihr bloßes Dasein an sich forderte den Beifall mindestens ebensosehr heraus wie ihre tänzerischen Leistungen.

DER SPIEGEL 39/1947
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