27.09.1947

Filme auf Eis gelegt

Wir liefern nicht mehr!" war die Antwort der amerikanischen Filmproduzenten auf die 75prozentige Steuer, die England auf die Nettoeinnahmen ausländischer Filme erhoben hat. Anschließend warfen Hollywooder Filmfirmen Angestellte auf die Straße und schrien in Haltet-den-Dieb-Tönen Zeter und Mordio gegen den besten Kunden von gestern, England.
Immerhin sind die Bannflüche nach der ersten Aufregung leiser geworden. Nüchterne Stimmen rufen die Großen Hollywoods zur Vernunft und zum Nachrechnen auf.
"Würde Hollywood die Gesamteinnahme aus England als Verlust abschreiben, wäre der voraussichtliche Gewinn des Gesamtaußenhandels der amerikanischen Filmindustrie fast so hoch für 47-48 wie im Jahre 1945, dem zweitgrößten Rekordgewinnjahr", schreibt Amerikas führendes Fachblatt "Variety".
"55 Millionen Reingewinn würden noch immer zu erwarten sein. Der durchschnittliche Reingewinn in den Jahren 1940 bis 1945 war 47 Millionen.
Es steckt etwas anderes hinter Hollywoods "auswärtigen Nöten". Nicht Englands "Abfall", sondern Hollywoods Speicherpolitik. Sie hat sich als eine Fehlspekulation erwiesen.
167 Filme mit einem Gesamtwert von 200 Millionen Dollar liegen in Hollywood auf Stapel. Sie sind aufführungsbereit und kosten Zinsen über Zinsen. Diese 200 Millionen Dollar "fressendes Kapital" sind der Grund für die besorgten Blicke der Filmindustrieführer.
Hollywoods bester Polospieler und energischster Produzentenmillionär Darryl F. Zanuk von 20th Century-Fox hat weiser gehandelt als seine befreundeten Industrie-Kapitäne. Er hat nur drei Schwarz-Weiß-Filme und fünf Monstrositäten (u.a. Forever Amber) un-uraufgeführt im Tresor. Aber es reichte, um 18 Millionen Dollar zu investieren. Und dies war es, was dazu führte, daß 500 Angestellte entlassen wurden.
Die größte Stapelliste an "Lagerfilmen" zeigt die "United Artists" mit 25. Ihre Verhandlungen um neue Produktionskredite sind ins Stocken geraten.
"Columbia" lagert 23 Filme, "Warners" 12 mit einem Produktionswert von 16 Millionen. RKO hat 17 fertige Filme noch nicht uraufgeführt, "Metro" 18, "Republik" 14, "Universal International" 9, "Paramount" 19 Filme von 25 Millionen Wert, "Eagle Lion" fünf und PRC zehn aufführungsbereite Filme.
Die 200 Millionen Dollar bereits erfolgter Investierungen sind gefährdet. Trotz der Personalentlassungen gibt es aber kein Anzeichen dafür, daß Hollywood seine Produktion bremst. 45 Filme sind in Arbeit.
Für diesen erstaunlichen Produktionsüberschuss in einer Welt der allgemeinen Warenknappheit liegen zwei Gründe nahe. Hollywood rechnete mit Inflation, Hollywood zielte auf das Weltmarktmonopol.
Die Inflation blieb aus, die Teuerung bedeutete keine Entlastung für die Investierungen, sondern eine Verteuerung der laufenden Produktion. Mit dem Weltmarktmonopol wurde es auch nichts. Es wurde bedroht durch den neuen Konkurrenten auf dem Weltmarkt, durch das filmbegeisterte Künstler-Eiland England. Die französische und italienische Produktion beginnen ebenfalls Weltmarkt interessant zu werden.
J. Arthur Rank und der geschmeidige, schweigsame, aber doppelt rege Sir Alexander Korda, die beiden englischen Filmgrößen, haben Hollywood blutigere Nasen versetzt als irgendeine 75prozentige "Konfiskation", wie man die englische Filmsteuer nennt. Englands Filme wurden von New Yorks Kritikern entdeckt und begannen trotz eifriger Sabotage durch geschickte Verleiher-Methoden, mit denen sie aus den Theatern ferngehalten werden sollten, auch dem breiteren amerikanischen Publikum zu gefallen.
Die Hollywood - Wortführerin Hedda Hopper erklärte in einer kalifornischen Tageszeitung, daß auch das amerikanische Publikum des puppenhaften "glamours" der "Hollywood-Produktion satt sei. Falls Hollywood seine Produktionsmethoden nicht radikal ändere, "ist Hollywood verloren, oder wir zerstören einfach unsere gegenwärtige Industrie und fangen völlig von vorne an".
Es existiert eine breite Front von Eric Johnston' dem Industriebeauftragten, zu Hedda Hopper, unter den Produzenten von David O. Selznick zu Sam Goldwyn, eine Front, die nach besseren Filmen ruft.

DER SPIEGEL 39/1947
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