27.09.1947

Licht und Glanz und Filme

Im lieblichen Garten des Grand-Hotels in Cannes fing es an, und es war wie im Film. Die Damen trugen zum ersten Male Modelle aus den neuen Pariser Winterkollektionen, die Herren mit Vorliebe den weißen Tropensmoking- Und auch sonst war alles hochgradig elegant und gleichsam auf Seide gearbeitet, als die zweiten Filmfestspiele eröffnet wurden.
Der Bürgermeister der weißen Stadt am ewig postkartenblauen Mittelmeer, Monsieur Picaud, hatte einen prächtigen Fackelzug, ein Wasserfest mit vielen beleuchteten Schiffen und ein Riesenfeuerwerk arrangiert, Der Grand Hotel-Garten war durch Fackeln illuminiert. Auf der kleinen hölzernen Brücke als Bühne zeigte sich das duftend süße Ballett der Pariser Oper, und Wein und Champagner gab es kostenlos.
Man sah Impresarios mit den von ihnen nicht wegzudenkenden dicken Zigarren, Stars mit holdem, reizend einstudiertem Lächeln, ernst und auch heiter blickende Produzenten, nervöse Regisseure und huldvolle Mitglieder des Preisrichterkollegiums.
Am anderen Morgen gab es so etwas wie einen Katzenjammer, als die Italiener wieder nach Hause fahren wollten. Man hatte einen ihrer schon in Venedig gezeigten Filme abgelehnt, da nach den Bestimmungen ein Film nicht an einem der vorhergegangenen Feste teilgenommen haben darf. Ursprünglich sollten sogar nur noch nicht aufgeführte Filme zugelassen werden. Aber diese Bestimmung ließ sich in diesem Jahr noch nicht durchführen.
Mit dem Farb-Musik-Film aus Hollywood, der "Jolson-Geschichte", (er schildert das Leben des Jazzsängers Al Jolson, der sich den Tonfilm und mit dem sich der Tonfilm die Welt eroberte), wurde der große neue Filmpalast an der Cote d'Azur eingeweiht. Bis zur letzten Minute war an ihm gearbeitet worden. Selbst die Gäste hatten noch zu tun, als sie von ihren eben aufgestellten Sesseln den Staub wischen mußten.
Noch am Morgen hatte der Bau ähnlich wie nach einem Bombenangriff ausgesehen, und niemand hätte es für möglich gehalten, daß in diesem unvorstellbaren Durcheinander von Eisenträgern, Ziegeln und Bauschutt schon am Abend der erste Film vorgeführt werden könne.
Aber man schaffte es. Man hatte sich teilweise allerdings zu behelfen. Halbfertige Mauern und gähnende Oeffnungen wurden sehr dekorativ mit breiten Stoffbahnen zugedeckt.
Die "Al-Jolson-Story" ging als erste über die Leinwand. Der heute 60jährige Al Jolson singt zwar in diesem Film seines einstigen Triumphes, aber ein bis dahin unbekannter junger Schauspieler, Larry Parks, spielt seine Rolle. Wenigen Leuten bedeuteten die vielen Erfolgsschlager der 20er Jahre etwas, zumahl der "Sony-Boy", das damals als eine Art Weltepidemie auftretende Glanzstück, aus urheberrechtlichen Gründen fehlte.
Die Szene, in der Al Jolson von Larry Parks gespielt, den Anniversary-Song singt, gab Anlaß zu einem Rätselraten nach dem Komponisten dieses Walzers. Nur wenige entsannen sich des Rumänen Ivanovici und wußten, daß es sich um den Donauwellenwalzer handelt, den er vor mehr als 50 Jahren komponierte. Der Komponist ist schon vor langem als armer Mann gestorben. Textdichter und Bearbeiter haben an der neuen Fassung Unsummen verdient.
Es war ein Walt-Disney-Film, der gleich in den ersten Tagen die Zuschauer entzückte: "Dumbo, der fliegende Elefant". Der Höhepunkt, künstlerisch, farblich und einfallsmäßig, ist es, wenn aus Seifenblasen und Alkoholdämpfen "Surrealistische Phantasmagorien entstehen: Elefanten in allen Situationen, Gestalten und Farben überschneiden sich und lösen sich, nun bunt gestreift, voneinander.
Unter den vielen Filmstars findet die aus Italien eingetroffene Renée Saint-Cyr wegen ihrer Eleganz besondere Aufmerksamkeit. Nachdenklich und einsam, von allen Seiten achtungsvoll gegrüßt, sitzt Maurice Chevalier jeden Tag an seinem Stammtisch an der Bar des "Mirámar".
Was die Sonnenbräune angeht, so hat die Chansonsängerin Yolanda, die seit zwei Monaten in den Nachtlokalen an der Cote d'Azur auftritt, einen nicht wieder einzuholenden Vorsprung vor allen anderen Stars. Sie ist wirklich schokoladenbraun.
Wie im Film: Cannes
Grande Revue vorm Grand-Hotel
Zwei Filmzaungäste
Charles Vanel und Jany Holt-Frankreich

DER SPIEGEL 39/1947
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