27.09.1947

Der lange Rock schlägt Wellen

Die Frage: Kurzer oder langer Rock? hat weithin Kreise gezogen. In Paris fiel der Stein ins Wasser, als die Haute Couture in den Winterkollektionen die Röcke bis 18 cm, höchstens 35 cm über den Boden reichen ließ. Inzwischen schlugen die derart aufgerührten Wellen rund um den Erdball.
Es stehen große Themen auf der politischen Tagesordnung. Die Zeitung der kommunistischen Partei Frankreichs, "l'Humanite", schickte dennoch Reporter in Paris umher, um die Volksmeinung hinsichtlich der Rocklänge zu ergründen.
"Bis auf Wadenlänge - einverstanden", erklärte eine Midinette bei der bekannten Modistin Germaine Legrouse, "aber keinesfalls länger. Die neuen langen Röcke sind ästhetisch. Aber es ist eine Mode für reiche Frauen. Bitte, was sollen wir damit in der Metro?" (Metro-Pariser Untergrundbahn).
Ein Liebespaar, auf einer Bank in den Champs Elysees von der Reporter-Frage überrascht, zeigte sich keineswegs einer Meinung. Sie war dagegen. Man könne ja kein altes Kleid mehr tragen, mon dieu, und die Stoffe seien so teuer. Zweitens paßten die langen Röcke nicht in unsere Zeit. "Es wäre gegen jeden Fortschritt".
Er war fast dafür. Die Frauen erschienen ihm durch die verlängerten Linien reizvoller.
Zwei Schutzleute auf der Rue de Rivoli waren ganz und gar dagegen. Einfach scheußlich, sagten sie von den langen Röcken. Die erinnerten an die Mode von 1900 und verbrauchten viel zu viel Stoff, und das bei der erneuten Preiserhöhung. Das sei "un truc pour putain".*)
Die Pariser Modezeitschrift "Elle" hat Mannequins, die mit den vielumstrittenen langen Röcken angetan waren, zu bekannten Film- und Theatergrößen geschickt und auch auf die Pariser Boulevards. Die Reaktion war durchaus verschieden.
Beträchtlich hoch gehen die Wogen in Amerika. Frauen haben sich zusammengetan, Kampforganisationen gegen den langen Rock. Und es fehlt auch nicht an Männern, die negativ reagieren.
"Wenn die Frauen längere Röcke tragen, werden wir kurze Hosen tragen", sagte der Filmschauspieler Jack Oakie und dachte sich aus hellen Shorts und Frack einen neuen Abendanzug aus. Der Anblick behaarter Männerbeine werde die Frauen sozusagen aus Selbsterhaltungstrieb zu den kürzeren Röcken zurückführen, meint Mr. Oakie.
"Zwei Handbreit unterm Knie ist der richtige Platz für die Hosenaufschläge sagte der Filmschauspieler Jack Garson. Was dem einen recht sei, sei dem andern billig.
Das ist in Theorie und Praxis schätzungsweise nicht zu ernst zu nehmen. Aber die großen Modehäuser mit ihren Riesenlagern, könnten ruiniert sein, falls sich die lange Modelinie wirklich durchsetzt. Sie musterten bereits einen beträchtlichen Teil ihrer Wintermodelle vor, und die wären in ihrer Kürze dann unverkäuflich. Denn nirgends in der Welt folgt man der gerade gültigen Mode so haargenau wie in den USA.
Hatie Carnegie, Besitzerin der elegantesten Modegeschäfte New Yorks und auch der durch ihre ersprießlich hohe Auflage einflußreichen Zeitschrift "Look", behauptet allerdings, die Amerikanerin würde niemals den neuen langen Rock tragen. Wenn sie sich getäuscht hat, dürfte es für sie ein Verlustgeschäft von einer nicht unerheblichen Menge Dollars bedeuten.
Indessen ist es gern möglich, daß sie sich täuscht, denn die beiden Chefredakteurinnen der anspruchsvollen Modehefte "Harpers Bazar" und "Vogue" haben sich eindeutig für die neue Pariser Modelinie erklärt. Sie werden nicht verfehlen, diese Meinung ihren 'snobistischen Leserinnen mit' der notwendigen Aufmachung vorzutragen.
Das ist ein Grund, damit zu rechnen, daß zumindest die reiche und die sehr reiche Amerikanerin für "lang" stimmen wird. Dann muß sich auch die Konfektion umstellen. Denn was als Modell für Unsummen angefertigt, von Mrs. Morgan oder Mrs. Vanderbilt im Waldorf-Astoria getragen wird, muß die Konfektion, nach einem unerbittlichen Gesetz rasenden Modeschaffens, schon nach einer Woche für ein paar Dollar in der 5th Avenue anbieten können.
Ueber diesen erbitterten Streit um die Rocklänge, hinter dem Millionen stehen, ist das Wiederauftauchen eines Requisits aus dem Arsenal der ewigen weiblichen Verführungskünste fast unbemerkt geblieben. Es handelt sich um das Korsett.
Es ist wieder da. Erklärlicherweise, da die neue Modelinie neben langen Röcken und weiblich abfallenden Schultern auch wieder ganz schmale Taillen und starkgerundete Hüften verlangt.
Allerdings hat das neue Korsett nichts mit den martervollen Panzern unserer Großmütter zu tun. Man schuf in Paris die von Marcel Rochas, einem der Modediktatoren, "guepieres" getauften Stützen der Figur.
Ueberall schlägt man für dies neue Modeinstrument die Trommel. Reizvolle Abbildungen erscheinen im Inseratenteil der Zeitungen. Der Text weist beredt darauf hin, daß die neuen Kleider ohne das neue Korsett unmöglich seien.
Es gibt nicht wenige Leute, die keinen Augenblick zweifeln, daß der langen Rock und die "guepieres" sich durchsetzen werden. Diese Leute erinnern daran, daß die Frauen 1920 Eide schwuren, niemals ihre Haare kurz schneiden zu lassen.
*) Das ist ein eminent echter Ausdruck der Pariser Volksseele, aber wegen seiner Drastik leider nicht öffentlich zu übersetzen.
Die Herrenmode paßt sich an: Mr. Oakie und Mr. Garson und ihre Modevorschläge
Unter der neuen Mode:
Die "guepiere"

DER SPIEGEL 39/1947
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